Unterwerfung von Michel Houellebecq – Aktuelle Neuerscheinung

Houellebecq - Unterwerfung

Houellebecq - UnterwerfungMan wirft literarischen Werken oftmals vor, dass sie für das Leben der Menschen keinen anderen Wert haben, als unsere Spezies zu unterhalten und die Zeit mit Unnützem zu vergeuden. Dieser kritische Ansatz basiert auf der Annahme, Literatur müsse dem Menschen etwas gesellschaftlich Relevantes vorlegen und ihn dazu bringen, sich mit Themenfeldern dieser Güteklasse auseinanderzusetzen, sich mit ihnen zu beschäftigen. Aktuell gibt es kaum ein Werk, das gesellschaftlich relevanter scheint als Michel Houellebecqs „Unterwerfung, das vielerorts mit dem Terroranschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Verbindung gebracht wird. Ohne Frage ist sein Werk an diesen Tagen nicht komplett von dem Vorfall zu trennen. Das Szenario, das er in „Unterwerfung“ aber vorlegt, kann weder positiv noch negativ bewertet werden. Es ist nämlich vor allem eines – ein Gedankenexperiment, das einen stilistisch sehr gereiften Michel Houellebecq zeigt.

Unterwerfung als politische Konsequenz

Gleich vorweg ist zu sagen, dass Michel Houellebecq mit „Unterwerfung weder Ausländerhass schüren noch Religionskritik üben möchte. Er ist kein Thilo Sarrazin, der Statistiken dazu anführt, wie sehr Einwanderung ein Land bedroht. Vielmehr kann Houellebecqs Roman, sofern man denn überhaupt Kritik in ihm suchen möchte, als Anprangerung der aktuellen französischen Regierungsparteien gesehen werden. Seine Erzählung dreht sich um den Literaturwissenschaftler Francois, der nicht zufällig viele Ähnlichkeiten mit dem echten Autor aufweist. Dieser erlebt in Frankreich den langsamen Aufstieg der Muslim-Bruderschaft, die im Jahr 2022 die einzige Alternative zur Front National darstellt und deren Wahlsieg Francois das Leben bereichert. Bevor mit Mohammed Ben Abbes ein Muslim die Macht als Staatspräsident übernimmt, kann das aktuelle Oberhaupt Hollande eine weitere Wahl für sich entscheiden. Unmittelbar vor dem Amtsantritt Ben Abbes aber haben die alten Parteien ausgesorgt, Frankreich befindet sich im totalen, bürgerkriegerischen Chaos und einzig die Stimmen der Sozialisten und bürgerlichen Parteien verhindern einen Sieg von Marine Le Pen.

Unterwerfung - Houellebecq zeigt einen sympathischen und charismatischen Amtsträger

Wer meint, Michel Houellebecq hätte damit den Grundstein für einen Roman gelegt, der wie zu Orwells „1984“ zu verstehen ist, wird gerade im zweiten Teil eines Besseren belehrt. „Unterwerfung“ zeigt mit Ben Abbes einen äußerst klugen Staatschef, der den Ausgleich sucht und das zerrüttete Land zurück auf den richtigen Weg bringt. Die Islamisierung Frankreichs erfolgt schnell, weil sie moderat von Statten geht und von vielen Akteuren nicht nur akzeptiert, sondern befürwortet wird. Gerade der Protagonist Francois freundet sich schnell mit den veränderten Lebensbedingungen an und überlegt sogar zum Islam zu konvertieren, was keinesfalls zur Pflicht geworden ist. Insofern darf Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ nicht als islamfeindlich bewertet werden, denn er zeichnet den Aufstieg des Islams innerhalb Frankreichs als einigermaßen positive Entwicklung, die auch definitiv keinen satirischen Anstrich offenbart. Schließlich, so der Autor, sei der Roman keine pessimistische Vorhersage. Die Dinge würden in seinem fiktiven Werk letztlich gar nicht so schlecht laufen und das Land in Ordnung und mit gestärktem Zusammenhalt neu florieren.

Kommentar schreiben



ähnliche Beiträge
Unser Buchtipp: Das Meer
Unser Buchtipp: Tage des Sturms