Unser Buchtipp: Strafe

In seinem neuen Buch „Strafe“, welches ebenso wie „Verbrechen“ und „Schuld“ eine Sammlung von Stories enthält, beschäftigt sich der frühere Strafverteidiger Ferdinand von Schirach mit der Frage „Wie werden bürgerliche Menschen zu Verbrechern? Welche Rolle spielt die Sexualität? Und was bewirken Strafen? Als Anwalt musste Schirach stets zur Wahrheitsfindung beitragen, konnte aber nicht objektiv sein. Für ihn gibt es keinen Menschen, der nur gut oder nur böse ist. In seinen berichtenden sowie urteilsfreien Erzählungen schildert er die Schicksale von Menschen, die infolge von Verkettungen zum Schlechten hin abrutschen.

Strafe - Inhalt

Strafe enthält 12 Stories, die kurz und knapp ohne jegliche Ausschmückungen und ohne emotionale Regungen von 12 unterschiedlichen Straffällen erzählen. Dennoch sind die Fälle tiefgründig und regen zum Nachdenken an, was zum Auslöser dafür werden kann, dass ein bürgerlicher Mensch zu einem Verbrecher wird.

So berichtet Ferdinand von Schirach in „Ein hellblauer Tag“ wie eine Mutter zur Mörderin wurde. Für den Richter war die Sachlage eindeutig. Eine Mutter hat das Schreien ihres Kindes nicht mehr ausgehalten und den Säugling viermal mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen. Die Strafe lautet: dreieinhalb Jahre Haft. Die ganze Stadt verurteilt die „Horror-Mutter“. Zwei Jahre später wird die Frau aufgrund guter Führung vorzeitig entlassen. Ihr Mann hat sie kein einziges Mal in der Haftanstalt besucht und auch zur Abholung ist er nicht erschienen. Anschließend löst Schirach den Fall auf. In Wahrheit war die Mutter zur Tatzeit einkaufen gewesen und der Vater hat das Leben des Babys auf dem Gewissen. Er behauptete seiner Frau gegenüber es sei ein Unfall gewesen und sie solle die Schuld auf sich nehmen, weil er aufgrund seiner Vorgeschichte lebenslänglich dafür bekommen würde. Sie hatte ihm geglaubt, ihm vertraut. Wie dumm von ihr. Doch als der Mann auf dem Balkon eine neue Satellitenschüssel installieren möchte, tritt sie kurzerhand gegen den Stuhl und ihr Mann stürzt vier Stockwerke in die Tiefe. Aus Mangel an Beweisen wird sie freigesprochen.

Das ist nur eine von 12 Geschichten, die aufzeigt, was aus einem normalen Menschen einen Straftäter machen kann. Insbesondere die Einsamkeit, die Fremdheit und das Erschrecken über sich selbst, das Ferdinand von Schirach bei seinen Mandanten immer wieder erlebt hat sowie das plötzliche Erkennen zu welchen Taten sie fähig sind, darüber möchte Schirach mit seinem Buch aufklären.

Vom Strafverteidiger zum Autor: Ferdinand von Schirach

Ferdinand von Schirach wurde 1964 in München geboren und arbeitete 30 Jahre als Anwalt und Strafverteidiger. 1994 lies er sich in Berlin als Rechtsanwalt nieder und spezialisierte sich auf Strafrecht. In dieser Zeit sind ihm viele Menschen begegnet, die durch Schicksalsschläge oder durch den Einfluss anderer Menschen zu Straftätern wurden. Mit 45 Jahren veröffentlichte Ferdinand von Schirach seine ersten Kurzgeschichten: „Verbrechen“ (2009). Seither hat Ferdinand von Schirach fast jedes Jahr einen neuen Bestseller veröffentlicht.

Fazit: Ferdinand von Schirach versucht mit seinen Erzählungen bei uns zu erreichen, dass wir nicht vorschnell über andere Menschen urteilen sollten, dass es kein eindeutiges Prädikat für „gut“ oder „böse“ gibt und dass in jedem von uns das Risiko lauert, selbst zum Straftäter zu werden! Kurzum ein kurzes, sachlich verfasstes Werk, das beim Leser Bewusstsein schafft für Strafe und ihre Folgen!

1 Kommentar
  • pinewood
    Mrz 19,2018 at 18:55

    Gute Gedanken und ein schöner Text!

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