Unser Buchtipp: Fuchs 8

Fuchs 8 lebt mit anderen Füchsen in einem großen Wald. Plötzlich tauchen dort Menschen auf. Sie fällen Bäume, bauen ein riesiges Einkaufszentrum und nehmen den Füchsen so den Lebensraum und die Nahrung. Das kurze Büchlein von George Saunders wirkt auf den ersten Blick wie ein Kinderbuch mit Botschaft – doch es ist viel mehr als das.

Fuchs 8 – Inhalt

Verstehen Sie Mänschisch? Mit Sicherheit, sonst wären Sie nicht in der Lage, diese Zeilen zu lesen. Mänschisch ist Menschensprache. Wir benutzen sie, ohne viel darüber nachzudenken. In den Ohren von Fuchs 8 klingt unsere Sprache wie Musik. Der Fuchs ist fasziniert von menschlichen Wörtern und sitzt abends regelmäßig unter dem Fenster eines Hauses, in dem eine Mutter ihren Kindern Gutenachtgeschichten vorliest. So lernt er, Sprache zu verstehen und sogar zu benutzen – auch wenn er ziemlich unbeholfen buchstabiert. Als das Zuhause des Fuchses bedroht und schließlich zerstört wird, berichtet er darüber: in einem Brief an diejenigen, die sein Leben in große Gefahr gebracht haben.

Fuchs 8 – witzig und weise

Schnell findet der liebenswerte Waldbewohner ganz ohne Rechtschreibregeln den Weg ins Herz des Lesers. Scheinbar naiv und mit entwaffnend einfachen Sätzen beschreibt er das, was er sieht und hört. Er ist ein guter Beobachter. Aus seiner Perspektive wirkt menschliches Verhalten in eigentlich alltäglichen Szenen befremdlich, fast schon absurd. Trotzdem erkennt sich der Leser wieder und findet sich in der unbequemen Situation, mit dem Fuchs mitzufühlen und sich für das Verhalten der eigenen Spezies schämen zu wollen. Dem kleinen Erzähler gelingt das ohne erhobenen Zeigefinger, denn er berichtet wertfrei, geradeheraus und mit großer Neugier.

George Saunders beweist geniales sprachliches Fingerspitzengefühl: Die falsch geschriebenen Wörter und Sätze des Fuchses verleihen seinem Bericht eine charmante Komik. Den Lesefluss bremst die Verfremdung der Sprache dabei nicht, auch in der gelungenen deutschen Übersetzung von Frank Heibert lesen sich die 56 Seiten wie von selbst. Der kleine Fuchs spricht und schreibt, wie ihm die Schnauze gewachsen ist. Wer Sprache in all ihren Facetten mag und bereit ist, sich auf eine unkonventionelle Erzählweise einzulassen, wird den pelzigen Protagonisten lieben. Die Illustrationen im Buch sind eine perfekte Ergänzung der Erzählung. Chelsea Cardinal zeichnet den Fuchs so, wie er ist: mit feinen, klaren Linien, einfach und ausdrucksvoll.

George Saunders – ungewöhnlicher Geschichtenerzähler

Saunders gilt als einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart. Im Jahr 2000 listete ihn der „New Yorker“ als einen der „besten Schriftsteller unter 40“. Bevor er sich ganz dem Schreiben zuwandte, studierte er Ingenieurwesen und schloss die Colorado School of Mines 1981 mit einem Bachelor of Science in Geophysik ab. Nach einem längeren beruflichen Aufenthalt in Sumatra kehrte er in die USA zurück und verdiente seinen Lebensunterhalt unter anderem als Dachdecker und Schlachthausgehilfe. Heute lehrt Saunders an der Syracuse University kreatives Schreiben. Bekannt ist er vor allem als Verfasser von Kurzgeschichten, in denen er gern die Ebene der Realität verlässt und seine Erzählungen bis ins Groteske steigert. Für seinen ersten Roman „Lincoln im Bardo“ erhielt er 2017 den Man Booker Prize.

Fazit: Die Stimme des Fuchses berührt und macht nachdenklich. George Saunders‘ eigenwillige Erzählweise entwickelt „Fuchs 8“ zu einer konsumkritischen Fabel, die gleichzeitig sehr unterhaltsam ist und noch lange nachklingt.

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