Unser Buchtipp: Blackbird

Am Wochenende schon was vor? Verbringen Sie doch mal ein paar Tage an einem Ort, an dem Sie noch nie waren – oder möglicherweise schon sehr lange nicht mehr: im Kopf eines 15-Jährigen. Der Ich-Erzähler in Matthias Brandts Romandebüt „Blackbird“ heißt Morten Schumacher, genannt Motte. Motte versucht, in den späten 1970er Jahren mit allem klarzukommen, was das Leben zu bieten hat. In seinem Fall sind das vor allem zwei Ereignisse: Sein bester Freund Bogi muss plötzlich ins Krankenhaus. Und kurz darauf ist da die Begegnung mit Jacqueline Schmiedebach, die auf ihrem Hollandrad an ihm vorbeifährt und ein Kribbeln hinterlässt.

Blackbird – Inhalt

Deutsche Kleinstadtidylle, 1977. Mottes mäßig aufregendes Leben in einer Einfamilienhaussiedlung wird auf den Kopf gestellt, als er gleichzeitig mit der Krankheit seines Freundes Bogi und mit der Aussicht auf seine erste Liebe konfrontiert wird. Nicht nur das, auch der ganz normale Alltag hält Herausforderungen für Motte bereit: Ihm und seiner Mutter steht ein Umzug bevor, weil seine Eltern im Begriff sind, sich zu trennen. In der Schule muss er sich mit Lehrern auseinandersetzen, die ihre Machtposition Schülern gegenüber ausnutzen – auf unterschiedliche Art und Weise. Die Erkrankung seines besten Freundes ist schwerer, als Motte in Worte fassen kann. Mit seiner ersten Liebe Jacqueline holpert es und auf einmal taucht noch ein zweites Mädchen auf, Steffi, die mal mit Motte in eine Klasse ging und nun eine Schornsteinfegerlehre macht. Mittendrin versucht Motte, seine Gefühle und Gedanken zu sortieren. Dass das nicht einfach ist, fällt ihm selbst auch auf, denn „Denken konnte man das nicht nennen. Ich fühlte eher so etwas Schweres in mir rumwabern. Immer, wenn ich es packen und loswerden wollte, flutschte es zwischen meinen Fingern durch.“ Dabei ist es ein Vergnügen, seiner Erzählung zu folgen. „Blackbird“ ist durchgängig in der Sprache eines Jugendlichen der 1970er geschrieben. Typische Redewendungen und immer wieder auch derbe Sprüche lassen Mottes Gedanken authentisch erscheinen. Häufig schweift er ab, dreht gedankliche Schleifen, die sehr zum Unterhaltungswert des Buches beitragen.

Hin und wieder scheint es so, als würden die vielen losen Enden, die in Mottes Gefühlswelt herumflattern, von jemandem mit mehr Weitblick verknüpft. Motte fehlt dazu noch die Lebenserfahrung. Diese kleine Hilfestellung wirkt jedoch nicht störend, sondern stellt sicher, dass die Geschichte weiterfließt. Der Leser bleibt bis zur letzten Seite neugierig, wie es mit Motte weitergeht.

Sehnsucht nach Zeit

„Blackbird“ ist ein sehr sehnsüchtiger Roman. Motte sehnt sich nach der Liebe, nach dem Leben, nach Normalität für Bogi. Wer die 1970er oder 1980er selbst erlebt hat, sehnt sich beim Lesen manchmal in diese Zeit zurück. Eine Zeit, in der Motte eine endlose halbe Stunde vor dem Kino ausharrt und nicht weiß, aus welchem Bus seine Verabredung steigen oder ob sie überhaupt auftauchen wird. Das Warten, das heute durch den Blick aufs Smartphone gedämpft wird, hat in „Blackbird“ einen Herzschlag, mal pocht er schnell und laut, mal unendlich langsam und leise.

Matthias Brandt schildert das kleinbürgerliche Erwachsenwerden so einfühlsam und glaubwürdig, als hätte er es selbst erlebt. Dabei ist er als jüngster Sohn des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt nicht in einer Einfamilienhausidylle groß geworden, sondern im Kanzlerbungalow.

Bekannt ist er vor allem durch seine Rollen als Kommissar Hanns von Meuffels in „Polizeiruf 110“ und als Regierungsrat August Benda in der Erfolgsserie „Babylon Berlin“. 2016 erschien Matthias Brandts erstes Buch. „Raumpatrouille“ ist eine Geschichtensammlung, die ebenfalls Einblicke in eine Kindheit in den 1970ern gewährt: Matthias Brandts eigene.

Kommentar schreiben



ähnliche Beiträge
Unser Buchtipp: Das Meer
Unser Buchtipp: Die Glocke von Whitechapel