Umberto Eco – Baudolino

Umberto Eco ist ein Schelm, denn er spielt mit seinen Lesern und Zuhörern. In seinen Geschichten lässt er sie lange zappeln und stets ein Stück näher kommen. Am Ende dann, wenn sie meinen, des Rätsels Lösung gefunden und das gesamte gesponnene Konstrukt entwirrt zu haben, stellt er sie bloß und zeigt, dass alles ganz anders war. Haben Sie einen anderen Eindruck? Na dann schauen sie nochmal genau nach, was in „Das Foucaultsche Pendel“, „Der Friedhof in Prag“ oder dem neuesten Stück „Nullnummer“ wirklich hinter den Zeilen steht! Eines seiner älteren Werke ist der Schelmenroman „Baudolino“. Der Titelheld wird dort als eine sonderbare Figur gezeigt, die sich mit Lug und Trug aus der Gosse kommend zum großen politischen Handlungsträger entwickelt hat.

Vom Bauernsohn zum großen Entscheider

Es mag ein Zufall sein, dass sich ein einflussreicher Ritter in das Geburtsdorf des späteren Helden verirrt, doch es kann auch eine Fügung des Schicksals darstellen. Der Ankömmling ist nicht irgendein Ritter, was „Baudolino“ freilich erst später erfährt. Das Wesen des Kleinen erweckt sein Interesse und so nutzt der junge Bauerssohn das von Machiavelli oftmals beschriebene Momentum. Er wird im Laufe seines Lebens noch oftmals in derartige Situationen kommen und auch, wenn er nicht immer die richtige Entscheidung trifft, so seinen nachfolgenden Weg aktiv mitbestimmen. „Baudolino“ ist ein Kerl des Mittelalters. Einer, der von den Kreuzzügen und vielen politischen Wirrungen berichtet. Er ist eine Figur, anhand der Umberto Eco sehr gut zeigen kann, wie wichtig die Macht der Manipulation ist, wenn es darum geht, politischen Einfluss zu gewinnen.

„Baudolino“ ist ein satirisches Portfolio des Mittelalters

Baudolino wird vom Adoptivsohn zu einem treuen Begleiter und Berater Kaiser Friedrichs, der irgendwann nur noch auf sein Wort hört und sich von diesem leiten lässt. Eco zeigt sehr brillant, wie schwach die einstigen Herrscher eigentlich waren. Er beschreibt die Zeit, in der er sich bestens auskennt, so wie sie war. Eine Zeit der politischen Wirrungen, in der nicht immer der Stärkste als Sieger hervorging und in der auch nicht immer ehrenhaftes Verhalten von Vorteil war. Im Minutentakt wechselten Bündnisse, politische Allianzen waren brüchig und löchrig. „Baudolino“ ist ein perfekter Beobachter und einer, der Fantasie aufweist und diese zu nutzen versteht. Wer Eco kennt, weiß, dass die Geschichte natürlich auch die Kirche bzw. ihre Würdenträger aufs Korn nehmen muss. Baudolino lässt aus einfachen Tonschalen heilige Reliquien entstehen, sein Autor legt den Finger ganz genau in jene Wunden der Heiligen Schrift, in der sie schwach, weil konstruiert sind. Das zusammen ergibt sehr hörenswerte, weil unterhaltsame Minuten.

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