Siegfried Lenz – Der Überläufer

Anderthalb Jahre nach seinem Tod erobert ein Roman von Siegfried Lenz die Bestsellerlisten: Der Schriftsteller hatte „Der Überläufer“ bereits 1951 fertiggestellt, sein Verlag wollte das Buch aus Sorge vor der politischen Stimmung im Kalten Krieg aber nicht herausgeben. So sorgt sein eigentlich zweites Buch erst posthum für Aufsehen. Was aber hat dem Verlag an Lenz‘ Roman über den Irrsinn des Krieges so missfallen, dass das Manuskript abgelehnt wurde?

In „Der Überläufer“ werden die Erlebnisse des Soldaten Walter Proska im letzten Kriegssommer 1944 erzählt.

Die Liebe zu einer Partisanin

Proska, der wie der Autor aus Masuren stammt, reist vom Heimaturlaub zu seiner Einheit an der Ostfront zurück und nimmt im Zug heimlich das polnische Mädchen Wanda mit. Sie springt aber wieder ab, bevor die Fahrt durch eine explodierende Mine plötzlich endet. Proska überlebt, wird von Zwiczos, einem Soldaten auf Patrouille, gefunden und schließt sich zwangsweise dessen kleiner Gruppe an, welche im Sumpf sinnlose Streifengänge absolvieren muss. In ihrem Unterstand, der „Festung Waldesruh“, harren die Männer aus - zermürbt von Angriffen der Partisanen, von Mückenstichen und der drückenden Hitze. Proska trifft Wanda überraschend wieder – und obwohl sie auf verschiedenen Seiten stehen, entspannt sich zwischen den beiden eine Romanze. Als die Gruppe im Sumpf vom Trupp abgeschnitten und zurückgelassen wird, wechseln Proska und sein Kamerad „Milchbrötchen“ zur Roten Armee über …

Desertierende Soldaten

Diesen Handlungsstrang wollte Lenz‘ Lektor Anfang der 50er Jahre nicht gutheißen. Dabei wird im letzten Kapitel, das nach dem Krieg spielt, die sowjetische Besatzungszone durchaus kritisch skizziert, und Proska flieht letztlich in den sicheren Westen. Dass er dort keinen Frieden findet, liegt an dramatischen Geschehnissen bei der Heimkehr als Rotarmist auf seinen Heimathof …

Schön, dass „Der Überläufer“ 65 Jahre später doch noch veröffentlicht wurde, denn Lenz‘ Beschreibung der sinnlosen Patrouillen im Sumpfgebiet, die Übersprunghandlungen der leidgeprüften Soldaten und die inneren Monologe voller Zweifel und Ängste sind durchaus lesenswert. Und in dieser ungekürzten Hörbuchfassung durchaus hörenswert, denn mit dem renommierten Schauspieler Burghart Klaußner erweckt ein ausgezeichneter Sprecher die Geschichte zum Leben. Er vermag es, mit seiner Lesung die Stimmungen im Roman genau zu vermitteln, und in den Dialogen werden die Figuren der Geschichte unverkennbar lebendig (z.B. Zwiczos mit seinem oberschlesischen Dialekt). Eine tolle Vertonung eines bemerkenswerten Romans.

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