Was passiert eigentlich mit nichtgelesenen Büchern?

Von Thomas David

Auf einem Hof in Würzburg steht eine Maschine, die Bücher frisst. Ein Arbeiter wirft die verlagsfrischen, noch eingeschweißten Hardcover von einer Transportpalette auf ein Förderband: Am Ende ihrer Reise erkennt man sie nicht wieder. Staub in der Luft, ein Höllenlärm. Wenn der Schredder mit achteinhalbtausend Umdrehungen pro Minute die Bücher zerschlägt, sind Wörter nichts als Schall und Rauch, bis eine Absaugung sie wieder einfängt und eine weitere Maschine sie unter achtzig Tonnen Druck zu siebenhundert Kilo schweren Ballen presst.

Tausend Taschenbücher oder bis zu achthundert Hardcover passen auf eine Palette, handelt es sich um einen „Harry Potter“, natürlich deutlich weniger. „Unser Schredder ist ein sogenannter Schnellläufer“, sagt Peter Fischer. „Er hat Hämmer, die an einer Eisenwelle hängen und die Bücher gegen ein Sieb schlagen. Es gibt auch Langsamläufer, aber ein Schnellläufer schafft die dreifache Menge. Ein Langsamläufer hat Messer.“

Als Prokurist der Würo Papierverwertung ist Peter Fischer für den Ein- und Verkauf von Altpapier zuständig, sein älterer Bruder Siegfried ist der Geschäftsführer des in dritter Generation geführten Familienunternehmens Karl Fischer & Söhne, zu dem die Würo gehört. Im Schützengraben hinter dem Haus sammelte Siegfried Fischer schon als Fünfjähriger gemeinsam mit seinem Vater Aluminium. „Wenn wir nur Bücher fahren, nimmt unser Schredder acht Paletten pro Stunde, zwischen drei und fünf Tonnen sind gar kein Problem.“

In ihrem Büro im Würzburger Stadtteil Heidingsfeld sitzen die Brüder an einem Tisch, Besuchern schenken die beiden mittelständischen Unternehmer gern mal eine Flasche Williams Christ. „Abladen, vernichten, pressen, lagern“, sagt Peter Fischer. „Die Ballen werden dann von einem Sattelzug in eine Papierfabrik gebracht und in einem sogenannten Pölper aufgelöst. Die Plastikfolie, in der die Bücher eingeschweißt waren, wird abgeschöpft, die Papiermasse wird getrocknet und dann zu Hygiene- und anderem Gebrauchspapier verarbeitet.“ Sie meinen, aus einem Buch wie Clemens Meyers „Die Nacht, die Lichter“, das letztes Jahr mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, wird am Ende Klopapier? „Richtig“, sagt Peter Fischer. „Aber besser so, als einfach nur verbrannt.“

„Das Thema Makulatur ist ein unglaublich heißes Eisen“, sagt Gernot Wolf, Pressesprecher der Vereinigten Verlagsauslieferung VVA. „Ich muss natürlich erst den Vertrieb fragen, ob das topsecret ist oder ob man darüber reden darf“, so Gudrun Fähndrich von Kiepenheuer & Witsch. „Aber ein Buch von John Banville“, nimmt sie dennoch schon einmal an, „würden wir natürlich nie einstampfen – um nur mal einen Namen zu nennen.“

E-Mails an Verlage bleiben unbeantwortet, Karsten Jakuschona, Chef des zur VVA gehörenden Verlegerdienstes München, ist für Journalisten nicht zu sprechen, der Vertriebsleiter der VVA, Horst Rämsch, lässt von einer Sekretärin ausrichten, es gäbe zu dem Thema nichts zu sagen. Die VVA, erklärt Gernot Wolf, habe sich daran schon einmal die Finger verbrannt. „Sie wollen etwas wissen über die Bücher, die wir am Ende nicht verkaufen, aber auch nicht lagern können“, sagt die Leiterin der Presseabteilung des Rowohlt Verlags, Ursula Steffens. „Das kommt zum Glück nicht so häufig vor, wie man vielleicht befürchten muss.“

Als die 1970 gegründete Würo Mitte der Siebziger auf das heutige Betriebsgelände expandierte, war die Schredderanlage der Fischers die größte in ganz Nordbayern: Unter den sechstausend Tonnen Altpapier, die die Firma monatlich vernichtet, sind im Schnitt hundert Paletten Bücher, die zu etwa siebzig Prozent von Sigloch, aber auch von anderen Unternehmen wie der Augsburger Verlagsgruppe Weltbild abgestoßen werden. Auch die für den Harry-Potter-Verlag Carlsen tätige Verlagsauslieferung KNO begleite das Buch „von der Wiege bis zur Bahre“, wie Markus Fels, der Einkaufsleiter des Grossisten KNV, eines Schwesterunternehmens der KNO, mitteilt: Sein Sekretariat bittet jedoch um Verständnis, „dass wir aus Sicherheitsgründen keine Besucher bei der Makulatur zulassen können“.

Die Vernichtung mehrerer Lastwagenladungen „Harry Potter“, „zwischen fünfzig- und achtzigtausend über Kopf eingebundenen Exemplaren“, wie sich Peter Fischer erinnert, brachte die Schredderanlage, die sich auch der Akten Würzburger Behörden, von Firmen und Privatpersonen annimmt, im vergangenen Jahr überhaupt erst so richtig in Schwung. „Es ist freilich eine Frage der Ehre, einen Autor wie García Márquez auch im Hardcover lieferbar zu halten, selbst wenn er sich nicht verkauft“, sagt Reinhold Joppich, seit fünfundzwanzig Jahren Vertriebsleiter von Kiepenheuer & Witsch. Gibt es denn überhaupt kein Buch aus Ihrem Programm, das Sie gern vernichtet sehen würden? „Ein Buch wie Jürgen Rüttgers‘ ,Die Marktwirtschaft muss sozial bleiben‘ könnte man meinetwegen schon einstampfen“, antwortet Joppich. „Doch es würde mir in der Seele weh tun, Bücher zu makulieren, und bisher mussten wir uns darüber keine Gedanken machen.“ Reinhold Joppich hat eine glückliche Hand. „Aber fragen Sie doch mal bei Lübbe“, ergänzt er, „oder bei Rowohlt und S. Fischer.“

„Ich kann nicht nachvollziehen, weshalb die Vernichtung von Büchern tabuisiert wird.“ Im baden-württembergischen Blaufelden sitzt Klaus Vetter, der Geschäftsführer des Fulfillmentdienstleisters Sigloch Distribution, in einem hellen Konferenzzimmer. Grauer Himmel über dem kargen Buchberg auf der Hohenloher Ebene, draußen riecht es nach Landwirtschaft und Gülle. Am Samstag steigt in der Markthalle der für ihren Ferkelmarkt berühmten Gemeinde ein Rockkonzert. „Grundsätzlich sind wir natürlich sehr glücklich, wenn wir im Handel Bücher sehen, die von uns kommen“, sagt Vetter. Die Verlagsauslieferung, die im Jahr 1978 aus dem Versandhandel einer Buchbinderei hervorgegangen ist, wird heute von mehr als achtzig Verlagen in Anspruch genommen – darunter Droemer-Knaur, Kiepenheuer & Witsch, Rowohlt und S. Fischer. „Gleichwohl sind wir uns darüber im Klaren, dass bestimmte Dinge durchs Sieb fallen“, sagt
Vetter. „Das ist in anderen Branchen genauso. Unter dem Strich bleibt ein nicht verkäuflicher Rest, und der wird entsorgt. Das sehen wir ganz leidenschaftslos.“

Weshalb werden Bücher überhaupt makuliert? „Aus unterschiedlichen Gründen.“ Auf hundertfünftausend Palettenplätzen lagern die kompletten Auflagen von etwa achtundvierzigtausend Titeln, Sigloch verschickt mehr als zweihunderttausend Sendungen täglich, knapp hundert Millionen Bücher pro Jahr. „Es gibt zum Teil Neuerungen oder gesetzliche Auflagen wie die Rechtschreibreform, die eine Makulierung nötig machen. Dann wird durchaus mal was aus dem Handel genommen. Es sind vielfältige Gründe, die uns im Einzelnen aber nicht interessieren. Wir sind der Dienstleister, der das lediglich im Auftrag des Kunden organisiert.“

Und wie viele Bücher lassen Sie im Jahr schreddern? „Wenn man unsere Kunden zusammennimmt, maximal zwei Millionen Exemplare pro Jahr. Das sind im Schnitt zwei bis drei Züge im Monat und ist für unser Business prozentual zu vernachlässigen. Aber wenn Sie das solo sehen“, sagt Vetter, dessen Unternehmen auch die komplette Endauslieferung für die Elektrowerkzeuge der Firma FEIN abwickelt, „sieht das ganz anders aus. Ein Lkw mit Hänger, das ist natürlich schon heftig.“ Die Dienstleistungen der VVA werden von mehr als doppelt so vielen Verlagen genutzt.

Paletten mit der im März veröffentlichten Hardcover-Ausgabe von Peter James‘ Thriller „So gut wie tot“, andere mit Neil Beltons „Ein Spiel mit geschliffenen Klingen“. Paletten mit Clemens Meyers „Die Nacht, die Lichter“ und Iny Lorentz‘ „Die Pilgerin“, mit Birgit Vanderbekes „Die sonderbare Karriere der Frau Choi“ und Jutta Ditfurths „Rudi und Ulrike“. Während Bernd Hambrecht, der Einkaufsleiter von Sigloch Distribution, mit Siegfried Fischer neben den knochenharten Papierballen steht, die die schwere Presona-Presse unablässig aus sich herausdrückt, wirft der Arbeiter in der Aktenhalle stapelweise Hans-Olaf

Henkels „Der Kampf um die Mitte“ in den Schredder.

Im September hat Sigloch der Würo zweihundertfünfundsechzig Tonnen Bücher geliefert: „Zweihundertfünfundsechzigtausend Kilogramm“, sagt Peter Fischer. „Die genaue Stückzahl weiß ich nicht, aber es waren etliche Hunderttausende. Ladenhüter, die nicht gegangen sind, oder Überkapazitäten“, erklärt er. „Es sind auch ganz aktuelle Bücher dabei und viele Kochbücher, zum Beispiel die von Johann Lafer. Bücher, bei denen man denkt: Oho, da könnte man aber jemandem eine Freude machen. Aber die Bücher sind ja nicht da, um jemandem eine Freude zu machen, sondern zum Vernichten.“ Die neue Ballenpresse, die Siegfried und Peter Fischer gerade bei der Firma PAAL bestellt haben, wird leider erst im Dezember aufgestellt.

„Ich weiß gar nicht, welche Bücher wir zuletzt makuliert haben“, sagt Hans Jürgen Balmes, Cheflektor für internationale Literatur im S. Fischer Verlag. „Wo das dann passiert und wo die Pappmaché endet? Ich fahre in Fulda mit dem ICE immer an einer Papierfabrik vorbei und denke: „Da könnt’s schon sein.“ Aber ich habe keine Ahnung.“ Paletten mit Joseph O’Connors im Februar bei S. Fischer erschienenen Roman „Wo die Helden schlafen“. Ein Gabelstapler fährt die nächsten Bücher heran, einen sorgfältig gestapelten Würfel schöner Literatur, nach der der Arbeiter sogleich begierig mit beiden Händen greift, um sie auf das Förderband zu werfen. Das gelbe Softcover des Buchs ist für den „Alro“ der niederländischen Firma Bollegraaf ein leichtes Spiel.

Darf ich wenigstens ein einziges Exemplar vor der Vernichtung retten? Der Einkäufer Bernd Hambrecht und der Vernichter Peter Fischer sehen sich amüsiert an. „Neuerscheinung“ heißt der Anfang des Jahres im Scherz-Verlag veröffentlichte Roman, und die beiden haben recht: Das Buch hat den Schredder
verdient.


Ein Kommentar zu “Was passiert eigentlich mit nichtgelesenen Büchern?” Eigenen verfassen
  1. Günter YOGI Lauke

    Es wäre oftmals BESSER, auch gleich den/die LektorIN zu schreddern!
    Denn diese TYPEN sitzen auf einem verdammt hohen Ross!
    Sie agieren als die kleinen GÖTTER“! Haben aber oft genug „NULL“ Ahnung vom Thema! SCHADE!
    Is‘ aber LEIDER so!
    (siehe z.B Harry Potter!)

    19.06.2014
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