Was hat der Buchmessenauftritt den ehemaligen Gastländern eigentlich gebracht?: Russland

Russland, 2003

Russlands Ehrengaststatus bei der Frankfurter Buchmesse 2003 habe der Verbreitung der russischen Literatur in Deutschland einen kräftigen Schub gegeben, ist Schriftsteller Viktor Jerofejew überzeugt. Selbst wenn damals Anna Politkowskaja, die drei Jahre später ermordete Journalistin, nicht eingeladen war. Auf besonders lebhaftes Echo sei auf der Messe ein runder Tisch zum Thema Frauenliteratur gestoßen, erinnert sich Jerofejew. Insbesondere die Krimiautorin Irina Deneschkina werde seither in Deutschland viel gelesen. Alexander Iwanow, Leiter des linksintellektuellen Verlags Ad Marginem, ist skeptisch. Der Russland-Auftritt sei eine vor allem bürokratische Veranstaltung gewesen, die weder inhaltlich noch formal merkliche Akzente setzte. Dass die russischen Krimiautorinnen zum Exportschlager der Nation aufstiegen, betrachtet er eher als literarisches Krisensymptom. Freilich hätten es gute jüngere Autoren auch daheim immer schwerer, stellt der Verleger mit Blick auf den Jungstar Roman Sentschin fest.

In den Augen der Literaturagentin Galina Dursthoff hat der Länderschwerpunkt der russischen Literatur im Ausland eher geschadet als genützt. Ein unübersichtlicher Tross von mehr als hundert Schriftstellern habe eine Flut von Büchern vorgestellt, die kaum nachgewirkt hätten. Frau Dursthoff gibt den deutschen Verlagen eine Teilschuld, weil sie sich zu wenig um die Autoren gekümmert hätten. Doch angesichts der unstrukturierten, nicht engagierten Horde russischer Kulturträger sei sie sich manchmal vorgekommen wie auf einer Kolchose – zumal die Literaten oft schon das Nationalgetränk genossen.


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