Rund um die Frankfurter Buchmesse 2008 Teil 3


Hier wird Amerika neu gedacht

Dieser Verlag kommt nicht zur Messe. Andrew Wylie gibt trotzdem ein Essen ihm zu Ehren: Was McSweeney’s in San Francisco so besonders macht.

Von Thomas David

Dave Eggers hat bei uns gerade sein neues Buch "What is the What" veröffentlicht. "McSweeney’s", die von ihm herausgegebene Literaturzeitschrift, feiert dieser Tage zehnten Geburtstag und wirkt irgendwie verspielter und verpeilter denn je. Ihre ursprünglich auf das Unangepasste und Schräge zielende Ausrichtung hat der amerikanischen Gegenwartsliteratur immer wieder neue Wege gezeigt. David Foster Wallace und William T. Vollmann, Lydia Davis, Nathan Englander und Aleksandar Hemon – die Liste der Autoren, deren Short Stories Eggers in seiner vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift veröffentlicht hat, ist prominent bestückt. Ben Greenman, Yannick Murphy, Nathaniel Minton. Nie gehört? "McSweeney’s" ist voller überraschender Entdeckungen. In dem gleichnamigen Verlag in San Francisco, in einem loftartigen Büro an der Valencia Street, filtert Eggers’ Team den reinen Sauerstoff unverbrauchter Literatur. Das kleine Papiergeschäft, mit dem sich McSweeney’s tarnt, verkauft Glückwunschkarten, bedruckte T-Shirts und Rollen bunten Geschenkpapiers.

"Was mich von Anfang an für diesen Verlag eingenommen hat, war die Verbindung des Experimentellen und Innovativen mit dem Humorvollen und leicht Zugänglichen, die vieles von dem auszeichnet, was bei McSweeney’s erscheint." Andrew Leland ist Managing Editor der Kulturzeitschrift "The Believer", die auch bei McSweeney’s erscheint. Leland sitzt an einem alten Schreibtisch; sein Notebook hat er auf einen Stapel Bücher gestellt. Pappkartons und Versandtaschen, Fahrräder, die an einem Kübel lehnen, in dem eine einsame Palme steckt. Jordan Bass, seit drei Jahren Managing Editor von "McSweeney’s", verschanzt sich hinter einem klavierhohen Sekretär, der wie das gesamte Mobiliar des Verlags dem staubigen Wohnzimmer eines verstorbenen Verwandten zu entstammen scheint. "Ich glaube, es ist der Geist von McSweeney’s, dass wir permanent versuchen, die Dinge zu erneuern oder sogar neu zu erfinden, ohne dafür den intellektuellen Anspruch unserer Arbeit zu opfern", sagt Leland. "Wir wollen unsere Leser herausfordern, ohne sie dabei mit Langeweile zu beleidigen." Für neue Möbel ist bei McSweeney’s keine Zeit.

Im Regal stehen die ersten Exemplare von "Underground America", dem soeben erschienenen dritten Band der von Eggers herausgegebenen Oral-History-Reihe "Voice of Witness", der die Lebensgeschichten von 24 illegalen Einwanderern in die Vereinigten Staaten dokumentiert. In einem kleinen, von der hohen Regalwand begrenzten Raum setzt sich Eggers auf das zerknautschte Sofa. Vor ihm liegt die jüngste Ausgabe von "McSweeney’s", die diesmal aus acht in einer flachen Schachtel ausgelegten Minibüchern besteht. "McSweeney’s" verändert mit jeder neuen Ausgabe seine Gestalt, während der "Believer" nach dem Aufblättern des bunten, meist mit flüchtigen Porträtskizzen versehenen Covers durch seine sparsame, oft nur von wenigen Zeichnungen aufgelockerte Gestaltung besticht, deren nüchterne Verspieltheit längst stilbildend geworden ist. In der September-Ausgabe spricht Richard Dawkins in einem Interview unter anderem über die Wissenschaftlichkeit von Lyrik. ",The Believer’ und eigentlich alles andere, was wir bei McSweeney’s veröffentlichen", sagt Eggers, "ist vom Glauben an den Wert und die Kraft der Literatur und aller anderen Künste angetrieben. Wir glauben, dass all diese Dinge ein Recht haben zu existieren."

Eggers nimmt die Baseballkappe ab und fährt sich mit der Hand durch das dichte Haar. Seine Assistentin steht in der Tür und erinnert ihn an einen Termin auf der gegenüberliegenden Seite der Valencia Street, wo sich die Schreibwerkstatt befindet, die Eggers für die Kinder und Jugendlichen des Mission District gegründet hat. Eggers selbst unterrichtet eine Gruppe fortgeschrittener Schüler und Studenten aus der Nachbarschaft jeden Dienstagabend im Keller von McSweeney’s, wo hinter einer wackligen Tischtennisplatte ein paar abgewetzte Sofas stehen. "Es geht uns darum herauszufinden, welche Herausforderungen man an sich selbst stellen kann", sagt Eggers. "Wenn ein Buch, das wir bei McSweeney’s gemacht haben, dann erst mal in der Welt ist, hoffe ich, dass es die Menschen bewegt, dass es sie bereichert und erhellt, und dass es Einfluss darauf hat, wie sie die Welt betrachten."


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