Rückblick Büchermesse: China – groß, größer, chinesisch

Was immer wir für groß, schnell oder irre gehalten haben: China ist größer, schneller, irrer. Der Buchmarkt bildet keine Ausnahme. Während auf der Frankfurter Messe soeben die „erste Handynovelle Europas“ vorgestellt wird – von Fantasy-Fuzzi Wolfgang Hohlbein -, laufen im Digitalreich der Mitte seit Jahren die Glasfasern heiß: Allein die Firma Shanda stellt täglich achttausend neue chinesische Romane ins Netz, die man zur Gänze nur gegen Gebühr lesen kann. Und sie werden gelesen, auf Bildschirmen und Handydisplays, obwohl es sich oft um anspruchslose Selfmade-Belletristik handelt.

 

Goldene Zeiten für echte, hochwertige Literatur also – und für ihre Vermittler. Tatsächlich importiert China weit mehr Romane, als es exportiert. Wer sich sicher zu bewegen weiß zwischen Zensurvorgaben und ungewohnten Vorlieben (nicht genug können Chinesen von Success-Stories bekommen), der kann sein Glück als Literaturhändler hier machen: so wie der Belgier Luc Kwanten, der bereits vor Ort war, als es noch gar keinen Markt gab. Zusammen mit seiner Frau Lily Chen hat er im Jahre 1987 in Taiwan die Literaturagentur „Big Apple“ gegründet. Im Schicksalsjahr 1989 eröffneten die beiden ein Büro in Peking, dem bald ein weiteres in Schanghai folgte. Die erst unter Deng Xiaoping aus kulturrevolutionären Ruinen auferstandene Buchkultur nahm chinesisches Tempo auf: Heute erscheinen jährlich etwa 250 000 neue Bücher in China.

 

Konstant bei zwanzig, höchstens dreißig Millionen liegt nach Kwanten jedoch die Zahl der regelmäßigen Leser. Das wirkt sich auf die Erstauflagen aus, die von durchschnittlich vierzigtausend Exemplaren in den Neunzigern auf etwa fünftausend absanken. Dafür ziehen die Preise an. Kostete ein Buch damals im Schnitt um die drei Yuan, sind es heute bereits 25 Yuan (etwa 2,50 Euro). Immer noch dominiert zudem der graue Markt. In der Anfangszeit hieß die Devise „Tak the money and run“, wenn man überhaupt einmal Lizenzgebühren angeboten bekam. Heute, so Kwanten, sei die rechtliche Situation geklärt und die Regierung beginne sogar mit ihrer Durchsetzung. Schließlich müssen auch staatliche Verlage bald profitabel sein. Problematischer ist da mitunter die Beratungsresistenz westlicher Rechteinhaber. Weil der Autor der „Mäuse-Strategie für Manager“, Spencer Johnson, auf einer Hardcoverausgabe bestand, obwohl in China immer zuerst das Taschenbuch herausgebracht wird, hat man den Raubdruckern in die Hände gespielt. Das Ergebnis waren geschätzte sechs Millionen Taschenbuch-Verkäufe ohne Gewinnbeteiligung bei zwei Millionen Hardcover-Verkäufen.

 

Die größte Konkurrenz aber bekommen Bücher im hypermodernen China durch das Internet. Mehr als dreitausend Literatur-Websites befeuern den Reader- und Handymarkt. E-Books kosten gegenüber gedruckten Büchern nur knapp ein Zehntel. Auch Kwantens Agentur hat mit dem Umstieg auf E-Book-Lizenzen begonnen. Dass zwei Drittel aller Übersetzungen aus dem englischsprachigen Ausland stammen, liege an der Knappheit guter Übersetzer, aber nicht minder am mangelnden Interesse der Verlage etwa aus Frankreich oder Deutschland.

 

Überhaupt: Deutschland! „Big Apple“ repräsentiert auch Bertelsmann. Die Gütersloher allerdings, das verhehlt Kwanten nicht, hätten keinen Schimmer von China. Man habe sogar geglaubt, eine Verlagslizenz zu erhalten, nur weil Jiang Zemin dies einmal Helmut Kohl und dem mitgereisten Bertelsmann-Gefolge zugesagt hatte. Chinesische Höflichkeit eben, jeder Kenner habe gewusst: Anderes als ein Joint-Venture mit chinesischer Mehrheitsbeteiligung war nicht drin. Bertelsmann aber habe nicht aufgegeben und vor dreizehn Jahren doch tatsächlich seinen „Buchclub“ exportiert, lizenziert für Wissenschaft und Technik. Kwanten lacht sich krumm: „So was kann nicht funktionieren. Die Chinesen bestellen sofort die Geschenke und dann nie wieder etwas. Und jetzt fordern Sie das in China mal ein!“

 

Was in allen anderen Wirtschaftszweigen längst begonnen hat – die Entdeckung Chinas als Markt der Zukunft -, steht der Buchbranche noch bevor.


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