Neuheiten auf der Frankfurter Buchmesse 2008

Der Ort des Geschehens: 14.30 Uhr B.I.T.-Sofa

Wir sind nicht tot!

Schon nach zehn Minuten fragt man sich, worin eigentlich das Problem besteht, wenn soviel Einigkeit herrscht. „Sind herkömmliche Bibliotheken tot?“, lautete die Frage. Und vier Bibliotheksmenschen antworteten unisono: Nein! Nur der Moderator wollte das nicht recht glauben. „Aber ihr Kerngeschäft sind doch die Bücher“, wandte er ein. Nein, unsere Aufgabe ist die Vermittlung von Information – ob auf Papier oder im Netz spielt längst keine Rolle mehr. Die Öffentlichkeit mag es noch nicht bemerkt haben, aber die Zukunft heißt „Onleihe“: digitalisierte Bücher, Hörbücher und Filme werden im Netz aus geliehen und heruntergeladen. So bekommt jede Bibliothek eine virtuelle Zweigstelle. Die meisten öffentlichen Bibliotheken tun sich zwar schwer, Geld für den Aufbau des digitalen Angebots frei zu machen. Aber die Branche kämpft seit langem für Bibliotheksgesetze in den Ländern, die ihre Existenz garantieren sollen. Man sollte indes nicht versäumen, auch die Öffentlichkeit rechtzeitig über den Imagewandel zu informieren.

Wie man auch morgen noch Geld verdient

Hier schreibt der gefürchtetste Agent der Branche. Andrew Wylie, genannt „der Schakal“, schlägt für seine Autoren Millionenvorschüsse heraus, er quält Verleger so subtil, dass sie von ihm träumen. Am Montag hat er Nabokovs nachgelassenen Roman an Rowohlt verkauft, gestern in „Ernos Bistro“ im Kreis einiger Auserwählter eine neue Verlagsära ausgerufen. Ist seine Herrschaft durch das E-Book beendet? Im Gegenteil – er hat längst einen Plan.

Von Andrew Wylie

Die jüngsten Tendenzen in den Verhandlungen zwischen E-Book-Händlern, Verlagen und Literaturagenten stellen eine Bedrohung für die Verlagsbranche und das gedruckte Buch dar. Nach den bislang üblichen Bedingungen, wie serten herausgebildet haben, entfiel auf Verlag und Autor ein ungefähr gleicher Gewinnanteil an jedem gedruckten Buch – etwa fünfzehn Prozent im Hardcover, 7,5 Prozent im Taschenbuch.

Seit zehn Jahren sieht sich das Modell der bestsellergestützten Großbuchhandelsketten mit dem von Amazon entwickelten Projekt einer quasi Borgesianischen Bibliothek mit unendlich vielen Einzeltiteln konfrontiert. Dank Kindle, dem E-Book-Lesegerät, das dieses digitale Modell unterstützt, konnte Amazon seinen Marktanteil in jüngster Zeit steigern. Amazon macht viel Reklame für sein Lesegerät, und die Verlage versuchen erst einmal, das neue Rechenmodell an ahnungslose Autoren und deren Agenten weiterzugeben. Die Lage ist alles andere als befriedigend. Ein Vergleich zwischen der alten und der neuen Situation soll das deutlich machen: Bislang lagen die Herstellungskosten der Verlage bei fünfzehn bis zwanzig Prozent des Ladenpreises pro verkauftem Exemplar. Bei einem Buch, das zwanzig Euro kostet, wendete der Verlag drei bis vier Euro für DPB (Druck, Papier, Bindung) auf. Etwa fünfzig Prozent des Ladenpreises erhielt der Verlag vom Buchhändler, und die übrigen sechs bis sieben Euro gingen zu ungefähr gleichen Teilen an Verlag und Autor. Im Fall von Großbuchhandlungen, wo Verlage weniger als fünfzig Prozent des Ladenpreises erhielten, mussten sich auch die Autoren mit weniger als fünfzehn Prozent ihrer Tantiemen zufriedengeben.

Doch das E-Book kommt ohne DPB aus, da es nicht gedruckt und nicht gebunden wird. Die Anschaffungskosten sind (pro Titel gerechnet) zwar noch relativ hoch, doch in dem Maße, wie sich die Technik weiterentwickelt und der Umsatz wächst, werden diese Kosten deutlich sinken. Amazon und Verlage tun aber so, als wären diese zusätzlichen fünfzehn Prozent Gewinn (das heißt die eingesparten Herstellungskosten) eine unerhebliche Größe, deren Verwendung zwischen Verlag und Anbieter geregelt werden sollte.

Also werden die Verlage versuchen, das neue Kindle-Rechenmodell einfach weiterzugeben, und die Autoren drängen, E-Book-Tantiemen in Höhe der bislang üblichen zu akzeptieren. Stimmen Agenten und Autoren dem zu, erzielt entweder der Verlag deutlich mehr Gewinn pro verkauftem Exemplar oder aber (womit eher zu rechnen ist) Amazon wird diesen zusätzlichen Gewinn einbehalten oder seine E-Book-Preise um fünfzehn Prozent oder mehr senken, um dieses plötzlich lukrativere Format für kostenbewusste Leser attraktiver zu machen.

Wenn ein neuer Roman in gedruckter Form zu einem Ladenpreis von zwanzig Euro oder als E-Book zum Preis von siebzehn Euro angeboten wird, ist absehbar, dass sich mit der Zeit das billigere, lukrativere digitale Format am Markt durchsetzt und das gedruckte Buch ins Abseits gerät und untergeht.

Und wenn das gedruckte Buch ins Abseits gerät und untergeht, werden auch die Verlage Schiffbruch erleiden. Autoren werden ihre Verträge direkt mit den E-Book-Händlern abschließen. Die Backlist wird nicht mehr gepflegt, kein Buchhändler wird einen Titel mehr zur Ansicht bestellen können. Und früher oder später wird sich auch im E-Book-Geschäft jenes unselige Großbuchhändlermodell durchsetzen, das von kurzlebigen Allerweltsbestsellern geprägt und dominiert wird – im Grunde genau das, was in der Musikbranche passiert ist.

Der Ausweg: Agenten und Verlage müssen auf gleichen Wettbewerbsbedingungen für das gedruckte und das digitale Buch bestehen. Beide Versionen müssen zu demselben Preis angeboten werden. Autoren sollten beim Hardcover im ersten Jahr 22,5 Prozent des Ladenpreises von E-Books erhalten, anschließend 11,25 Prozent. So könnten Verlage und Autoren gleichberechtigt von der Wirtschaftlichkeit des digitalen Formats profitieren, ohne dass das E-Book durch billigere Preise oder höhere Gewinnmargen gegenüber dem Buch bevorzugt würde.

Die Musikbranche reagierte abwartend und zerfiel. Die Buchbranche steht heute vor einer ähnlichen Herausforderung, sie muss ihr entschlossen begegnen.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.


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