Musiktipp: Unheilig – Lichter der Stadt

Selten hat man eine Band so blitzschnell multimedial wahrnehmen können und müssen wie Unheilig vor zwei Jahren. Der anfängliche Verdacht, dass es sich hierbei nur um eine kurzfristige musikalische Modeerscheinung handeln würde, zerstreute sich nur schleppend. In der Vergangenheit gab es immer wieder Hits, die mit einer morbiden Romantik kokettierten – eine Wiederholung jenes Erfolges jedoch selten. Bei „Wir sind geboren um zu leben“ war man vordergründig von dieser wunderbar tiefen Stimme fasziniert, die klang wie die eines altersweisen Märchenerzählers. Spätestens als der Refrain zusätzlich von einem Kinderchor hymnenartig und eindringlich wiederholt wurde, war man auch im Text angekommen. Wann auch immer Musik zur ignorierbaren Nebensache, ein plänkelndes Einerlei wird, dann gibt es immer auch ein Lied, das jeder unbewusst mitsingt. Im Februar 2010 lieferten Unheilig mit der Veröffentlichung ihres Albums „Große Freiheit“ ihren Beitrag zur kollektiven Gesangsstunde. Dieser Durchbruch kam einem musikalischen „El Niño“ gleich, der alle lang etablierten deutschen Künstler auf dem Weg zum Platzhalter der Chartspitze hinwegfegte, die es brauchte. Mit dem Grafen hatte wirklich niemand gerechnet – auch Grönemeyer und Maffay nicht.

Trotz des anhaltenden Ruhms gab es auch kritische Stimmen, denen die Texte zu „hohl“ und „bedeutungsschwanger“ waren, doch dem standen die stetig steigenden Verkaufszahlen des Albums in jedem Moment erfolgreich entgegen. Offensichtlich verstanden und mochten die Menschen den elektrisierten Rock-Chansonnier und seine autobiografischen Texte. Der schlussendliche Paukenschlag, der ihre langfristig berechtigte Anwesenheit in der deutschen Musiklandschaft ein für alle Mal klarstellte, war der Sieg beim „Bundesvision Song Contest“ mit der Ballade „Unter deiner Flagge“. Jeder Hype und andauernde Omnipräsenz birgt auch die Gefahr der medialen Übersättigung. Der immer schwarz gekleidete Sänger mit Glatze, der das einzige feste Mitglied der Band ist und somit alle Zügel fest in der Hand hält, entschied sich mit der Planung seines neuen Albums jedoch rechtzeitig für einen Rückzug.

Unheilig - Lichter der Stadt

Obwohl Unheilig bewiesen haben, dass sie kein „One-Hit-Wonder“ sind, besteht der Druck, die Käuferzahlen bei einem Folgealbum mindestens zu wiederholen. In dieser Branche ist nichts so vergänglich wie Erfolg. Doch mit dem Thema „Vergänglichkeit“ kennt sich keiner besser aus als der Graf, der dieses Motiv in seiner Vorabsingle „So wie du warst“ gewohnt beseelt besingt und damit das Trendbarometer neu ausrichtet. Applaudierend will man sich verneigen, denn auf Anhieb haben Unheilig den Einstieg in die Deutschen Singlecharts auf Platz zwei geschafft. Das neue Liedgut klingt, als sänge der Graf einen von Yann Tiersen komponierten „Twilight-Soundtrack“. Allein diese Kombination scheint schon hitverdächtig. Die verspielte Leichtigkeit des Klaviers hebt die Tiefe der Stimme und die Schwere der Worte. Es trägt den Zuhörer in eine positive Melancholie, die Erinnerungen abruft. Begleitet von einem schwerfälligen Bass und sakralen Chorgesängen singt der Graf seine Ode an einen vermissten Menschen. Auf einem Konzert in Oberhausen präsentierte er exklusiv eine minimalistische Akustikversion von „So wie du warst“. Um so pur und leise auftreten zu können, bedarf es einer besonderen Qualität und Atmosphäre der Stimme, die er ohne Frage besitzt.

Auch die fünfzehn anderen Songs des neuen Albums „Lichter der Stadt“, das am 16.03.2012 erschienen ist, versprechen ein Vollbad aus Gefühlen zu werden, in dem sich garantiert der ein oder andere Zuhörer von Traurigkeit reinigen kann. Ab jetzt besteht kein Zweifel daran, dass für Unheilig alle „Lichter der Stadt“ auf Grün gestellt sind für ausverkaufte Konzerte, glasige Fan-Augen und unzählige Preise.


2 Kommentare zu “Musiktipp: Unheilig – Lichter der Stadt” Eigenen verfassen
  1. Mad

    Sehr schöne Kritik. Ich bin aber noch etwas skeptisch, ob sie an die Erfolge nochmal herankommen. Ohne Weiterentwicklung geht es bald bergab, denke ich.

    22.03.2012
  2. Chrissi

    Ein CD-Tipp, und das ohne, dass das Album in Gänze gehört wurde?! Sorry, aber das finde ich lächerlich. Als „Tipp“ kann man das Album meiner Meinung nach nicht bezeichnen, überhaupt kann man es erst so empfinden, wenn man es denn vollständig gehört hat. Was hier anscheinend bis auf die furchtbare Single nicht der Fall war.

    20.03.2012
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