Musiktipp: Silbermond – FDSMH

Die Chatgeneration spricht in Abkürzungen. Mal nachvollziehbar und dann wieder kryptisch ziehen sie eine altersabhängige Grenze der Verständigung zwischen Jugend und Elterngeneration. Silbermond senden mit Untertitel: Ihre heute erscheinende Single „FDSMH“ besetzt die Breite des CD-Covers effizienter, erregt Aufmerksamkeit und entschlüsselt parallel den Sinn mit „Für dich schlägt mein Herz“. Das nicht müde werdende Erfolgsrezept der gefühlvoll gesungenen Partnerschaftsreflexionen mit der Intention einer Merci-Werbung bleibt das gut eingerittene Steckenpferd der Deutsch-Pop-Band.

Die Noch Neuere Deutsche Welle

Ist es die Bautzener Sonne aus Jugendtagen, die Silbermond in einem immer sympathischen Licht erscheinen lässt? Die Vier, die sehr wahrscheinlich auch in Gummistiefel auf einer Wiese bei Regen eine mitreißende Show hinlegen würden, haben sich drei Jahre für das neue Album „Himmel auf“ Zeit gelassen, das im Januar mit fast schon selbstverständlichem Erfolg veröffentlicht wurde. Die Noch Neuere Deutsche Welle ist mittlerweile beinahe im Sande verlaufen. Hin und wieder entsteht eine schwache Strömung im nationalen Haifischbecken, doch ist diese kaum mit der Sturmflut, um das Jahr 2005 herum, vergleichbar. Herzenfängerin Stefanie und ihre Jungs bleiben weiterhin präsent und releasen die gewohnte Bandbreite aus empathischen Balladen und freundlichem „Hau-rauf-Rock“. Diese umjubelte Beständigkeit wäre zu ihren Anfängen, als sechsköpfiges Jugendprojekt, kaum vorstellbar gewesen. Seitdem sind sie an ihren Instrumenten, Texten und Tönen gewachsen, bleiben aber trotzdem die vier Freunde mit natürlicher Freude an der Musik.

Showhasen versus Castingsänger

Auch am Beispiel Silbermond erklärt sich die gern diskutierte Stilfrage. Die Popwelt wünscht sich Wandelbarkeit, Einzigartigkeit, einen Wiedererkennungswert, Sexappeal und in außerordentlichen Fällen auch ein wenig Talent. Bei der Band aus Sachsen verteilen sich diese Eigenschaften allerdings ein wenig anders als bei „Deutschlands beste Castingsänger“. Hier reicht nicht der Eindruck, sondern nur der Auftritt. In den Outfits bescheidener Langzeitstudenten begeistern sie, besonders live, ihr jugendliches Publikum. Das eingespielte Team weiß gleichermaßen um die dramatische Stille, bevor das Songfinale folgt, wie um die unterhaltsamen Moderationen zwischendurch. Hier knabbern die alten Showhasen von Silbermond dem jüngeren Gemüse die Podeststützen des Siegerrangs unter den Füßen weg.

Definition der Liebe

So wird wohl auch „FDSMH“ eine feuerzeugbeleuchtete Kollektivdanksagung an die Liebe. Mit bekannter tonaler Treffsicherheit scheint Stephanie über die Länge des Songs Überzeugungsarbeit bei den noch bestehenden Zweifeln zu leisten. Die Single ist weder Ballade noch Rocksong, sondern in Tempo und Stimmung mit einem motivierenden Schulterklopfen zu vergleichen. Samtig in der Tiefe und klar in der Höhe beschreibt sie die Vorzüge und Bedeutung der angesungenen Liebe für ihr eigenes Leben – stellvertretend für unzählig viele weinende Teenies in ihren Jugendzimmern. Wie aus einem Fass ohne Boden komponieren Silbermond kontinuierlich eingängige, langlebige Melodien und verfassen Texte der Gattung musikalische Popliteratur. Sollte der Gruppe nicht irgendwann die Luft ausgehen und sich klassisch nach anderen Projekten umsehen, werden sie wohl noch eine ganze Weile zur Definition der Liebe beitragen. Über Geschmack lässt sich streiten, doch Qualität setzt sich durch.


Leider gibt es noch keine Kommentare Schreib den ersten!
Kommentar schreiben

Folge buecher.de bei Twitter