Musiktipp: Paul Weller – „Sonik Kicks“

Godfather des Britpops und „Vater aller Mods–  sind sehr gerechte, aber abgegriffene Ehrentitel für den Mann aus Woking in Südengland. Diese Beschreibungen, die eher seine Bedeutung in der Vergangenheit erfassen als die der Gegenwart, dürfen aber keinesfalls unterschlagen werden, wenn das bisherige Lebenswerk des Multitalents umrissen wird . Schon mit siebzehn Jahren gründete er die legendäre Band „The Jam„, der erste echte Meilenstein des kratzigen Politgesangs mit E-Gitarre, prägte damit den Zeitgeist von Musik, Mode und politischen Debatten einschlägig. Paul Weller war und ist ein rastloser Suchender. Erfolge genießt er kurz und nutzt sie dann als Trittleiter zur nächsten Stufe seiner Entwicklung. Auch in der prestigeträchtigen Rolle des heroischen Vorreiters einer ganzen Generation empfand er die konzeptionellen Grenzen einer Band als zu einengend und verfolgte ab 1992 seine anfangs weniger auffällige, doch dann bemerkenswerte Solokarriere, deren viele Preise seine außerordentliche kreative Schaffenskraft wiederspiegeln. Jedes neu erschienene Album kam einem Griff in die musikalische Wundertüte gleich. Er bedient sich elementarer Grundsteine aus Punk, Soul, Jazz und dem elektronischen Bereich und kombiniert diese, scheinbar bedenkenlos wie ein spielendes Kind, zu sinnerfüllten, auditiven Ereignissen – zugegebenermaßen in einigen Ländern unterschiedlich stark wahrgenommen. Doch Kritiker und Kollegen sind sich einig: Seine Fußstapfen bleiben allen Anwärtern bis auf Weiteres eine Nummer zu groß. Ob Adele, Amy Winehouse oder Oasis – Sie alle benennen Paul Weller als ihr unantastbares Vorbild, ihren Lehrer, und standen alle ehrfürchtig mit ihm auf einer Bühne.

Wellers Standpunkte weichen ab von der allgemeinen Herkömmlichkeit des Bubblegum-Pops. Seine Texte zeugen von jahrelang gereiften Erkenntnissen und gleichzeitig dem revolutionärem Geist einer aufsässigen Jugend vergangener, stilvollerer Tage. Doch auch abseits seiner Lyrics liebt Weller den provokanten Ausdruck. Ob als gnadenloser Kritiker der englischen Monarchie oder unnachgiebiger Gegner der traditionellen Fuchsjagd nutzt er seine Popularität zur Einflussnahme auf Themen, die ihm wichtig sind. Wer so viel erreicht hat, braucht keine versöhnliche Maskerade eines glatten Konzepts, um eine möglichst breite Käuferschicht zu erreichen. Gleichzeitig hat man dabei glücklicherweise auch nie den Eindruck, er müsse krampfhaft provozieren, um seinen Namen in die Schlagzeilen der Gazetten zu bringen. Er bleibt menschlich und musikalisch unberechenbar und darin bestehen auch Reiz und Aktualität seiner Kompositionen.

Auch sein heute veröffentlichtes elftes Studioalbum, „Sonik Kicks“, erschließt erneut unerreichte Ufer unterschiedlichster musikalischer Genres. Bereits seine auf Youtube platzierte Vorabankündigung schürte die Erwartungen, in der er sein Werk als „Pop mit beseelter Kommunikation und jazzigen Ausflügen ins Reich des Psychedelics“ beschrieb. Außerdem sinnierte er vom „Dub mit rasiermesserscharfen Melodien und abstrakten Soundlandschaften mit glasklaren, Waldluft verströmenden Folk“. Hört man sich durch die vierzehn Titel, bestätigt sich der Wahrheitsgehalt seiner lyrischen Marketing-Formulierungen mehr und mehr. Die Klaviatur seiner Auswahl umfasst die stilistische Akzentuiertheit der „Arctic Monkeys“, zaubert aber ebenso sphärische Klangteppiche wie die der Band „Air“. Mal knallt roher Punk treibend durch die Boxen und ein anderes Mal, in „By the water“ zum Beispiel, sind da orchestrale Streicher, die seiner Stimme einen besseren Auftritt verschaffen als in allen anderen, zumeist sehr geräuschreichen, Liedern. Gastkünstler wie Noel Gallagher (Oasis) und Graham Coxon (Blur) sorgen für weiteren guten Schmutz, den dieses Album zwar nicht nötig hätte, aber damit den sprichwörtlichen i-Punkt, dem Titel gerecht, doppelt setzen.

Dem Album voraus geht die erste Singleauskopplung, die seit dem 12.03.2012 erhältlich ist. „That Dangerous Age“ erinnert wie erwartet mit keinem Ton an vergangene „The Jam“- Zeiten, sondern eher an einen galoppierenden Tom Jones, der jedoch niemals derartig experimentierfreudig und ohne Angst vor Kritik Stilrichtungen mischte. Eine appetitliche Kostprobe eines akustischen Vierzehn-Gänge-Menüs, das für jeden verwöhnten Gaumen etwas bereithält.


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