Musiktipp: Gossip – A Joyful Noise

Langsam verhallt der brachiale Sirenengesang der Beth Dito auf den Tanzflächen Deutschlands und fragend blicken alle auf die stummen Boxen, deren sonstige Klänge, im Vergleich zum innovativen Geräuschgewühl der Band Gossip, beliebig und einfallslos summen. „Music for Men“ war ein unfassbarer Erfolg, der nicht abzusehen war. Zu individuell, zu laut, zu dick: Doch die drei Elektro-Indi-Punks räumten auf in der untersten Schublade der Vorverurteilung. Am Freitag ist es dann passiert: Das neue Album „A Joyful Noise“ steht seitdem oben auf der Skischanze, bereit für einen weiteren Rekordsprung. Ob der gelingt, bleibt ungewiss, denn wie es immer ist und schon zu erwarten war, schreien die Kritiker zeternd um die Wette.

Die Sturmflut des musikalischen Flachlands

Der Vergleich zum letzten Album sei gestattet: Die Welt war schlichtweg nicht vorbereitet und ähnlich einer Sturmflut an der flachen Küste konnten auch Beth Dito, Nathan Howdeshell (Gitarre) und Hannah Blilie (Schlagzeug) die Musiklandschaft mit ihrem frenetischem „Heavy Cross“ überspülen. Akzentuierte, alles brechende, stampfende Beats zu silbrigen Akkorden der E-Guitarre und schrillen Synthesizern sowie eine alles könnende mal kreischende, mal schmachtende Ausnahmestimme formten das akustische Erscheinungsbild dieser kunstvollen Andersartigkeit. Das waren ihre Argumente für einen lang anhaltenden Erfolg. Ihre Kombination von Instrumenten addierten sie zu unterhaltsamen, auch kritischen Texten und tagesbegleitenden Ohrwurmmelodien, die zwar gehaltvoll waren, doch glücklicherweise selten satt machten. Die Single stand beinahe einhundert Wochen in den Deutschen Single-Charts und das Album erhielt zudem Doppelplatin-Status. Was hätte da jetzt also kommen sollen?

Paul Higgins – der Weichspüler aller Ecken und Kanten

Das Leid des Künstlers ist die Wahl zwischen sicherer, doch verurteilter Wiederholung oder dem Risiko, einen A Joyful Noiseneuen Weg zu gehen. Künstler treten neue Pfade der Erfahrung in die Wiese der Selbstverwirklichung und ernten hierfür im Bestfall ausgelassenen Beifall. Vorstellbar, dass die vorhandenen Fans des Trios einen Moment in Schockstarre verharren, denn zwar bleibt ihr Sound unter einhundert anderen erkennbar, aber sie haben ihn zweifelsohne prägnant verändert. Als hätte jemand eine Schutzfolie um ihre Ecken und Kanten gelegt, damit die sich nicht am Mainstream stoßen, schwingt der sonst so markante Stil von Gossip mittlerweile zwischen Autofahrt-Konzert und Großraumdisko-Tanz-Garant. „Weichspüler sind schlecht für die Umwelt!“ – das musikalische Tensid heißt Paul Higgins, der schon die Sugarbabes, Kylie Minogue und die Pet Shop Boys blütenrein und knitterfrei aus der Wäsche gucken ließ. Beth Dito, die ein extremer ABBA-Fan ist, verfolgte bei den Studioaufnahmen das Ziel, Musik zu schaffen, die auch nach Jahrzehnten nicht an Aktualität verloren hat. Ja, das ist gelungen! Die Platte ist bekömmlich wie etwas, das man nicht großartig kauen muss. „Horns“ und „Move in the right Direction“ scheinen den 70ern entrissen. „Melody Emergency“ leitet die Platte ein und schreit 80er. „Get Lost“ erinnert stark an die 90er Jahre und man fragt sich „Woher kenne ich dieses Sample?“ Sie verharren im Einerlei und der devoten Gefügigkeit des POPs und finden leider nicht zur alten Stärke. Das Album ist in seiner Unaufdringlichkeit absolut hörbar und im Vergleich zu den Ergüssen vieler anderer Acts wirklich gut. Doch dieses Zeugnis kann niemals im Interesse der Künstler sein, sondern immer nur Absicht eines Produzenten, der über die Breite der Hörerschaft die Dicke seines Portmonnaies wähnt. Shame on you, Mr. Higgins! Shame on you!

 

 


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