Mosaik der verlorenen Zeit: Interview mit Elyseo da Silva

Man möchte es kaum glauben, dass „Mosaik der verlorenen Zeit“ Elyseo da Silvas Romandebüt ist. Tiefgründige Charaktere agieren in einer bewegenden Geschichte vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs in Guatemala. Der Roman überzeugt nicht nur mit durch seine historisch gut recherchierte Handlung, sondern auch mit seinem fesselnden Schreibstil. Im folgenden Interview erläutert Elysia da Silva interessante Hintergründe zu seinem Buch, wodurch wir ihn auch ein gutes Stück besser kennenlernen.

Interview mit Elyseo da Silva zu „Mosaik der verlorenen Zeit“

Kürzlich verstarb Fidel Castro, Sinnbild der kommunistischen Revolution in Mittelamerika. Als die Guerrilla-Aufstände in Kuba endeten, brach nicht weit entfernt in Guatemala der Bürgerkrieg aus, der über drei Jahrzehnte wütete. In Ihrem Roman „Mosaik der verlorenen Zeit“ schildern Sie die Schrecken und Gräuel dieser Zeit. Warum haben Sie sich dieses Themas angenommen?

Um genau zu sein, hatte ich in all der Zeit, die ich am Mosaik der verlorenen Zeit arbeitete, eher das Gefühl, dass es anders herum gewesen sei. Als ich im Jahre 2008 begann, an dem Roman zu arbeiten, tat ich das aus einem einzelnen Begebnis heraus, das mich persönlich damals sehr beschäftigt hat – und wohl bis zum heutigen Tage beschäftigt: das Thema Partnerschaften und wie mit ihnen umgehen. Wenn ich mich in einer Welt umsehe, in der die meisten Beziehungen scheitern, frage ich mich, weshalb, und ob es womöglich am Konzept liegt, das uns über Bücher und Filme von klein auf vermittelt wird. Diese Dreier-Beziehung zu Beginn des Romans war beim Schreiben also der eigentliche Auftakt, auch wenn sie heute nicht mehr ganz am Anfanelyseo_da_silva_interviewg steht.

Ich betrachte mich, wenn ich schreibe, allerdings eher als Mediator. Auf der einen Seite stehe ich selbst und auf der anderen eine Geschichte, die erzählt werden will. So stellte ich beim Schreiben schnell fest, dass mit Yoyotli, der Schamanin, die früh im Roman auftaucht, ohne mein Zutun eine weitere Dimension ins Spiel kam.

In den Jahren 2003/04 hatte ich einige Monate in Guatemala verbracht. Diese Zeit war für mich beeindruckend, weil ich erfahren durfte, wie unterschiedlich und vielfältig die menschliche Wahrnehmung ist, selbst wenn es um Menschen der gleichen Epoche geht, und wie wenig mein westlicher Maßstab auf das Leben der Menschen in Guatemala anwendbar war.

Oftmals haben wir Westler vorgefertigte Bilder im Kopf, wenn es um die sogenannten Entwicklungsländer geht. Bevor ich selbst am Lago de Atitlán gelebt hatte, wäre es mir undenkbar erschienen, dass Familien, die auf engstem Raum in Wellblechhütten zusammenleben, deren Kinder bei den alltäglichen Arbeiten mithelfen etc. ein erfülltes und möglicherweise glücklicheres Leben führen könnten, als es mir in Deutschland oft begegnet.

Andererseits aber widerfuhr mir in dieser Zeit ein persönliches Trauma, das mich an den tiefsten Punkt meines bisherigen Lebens führte.

Als ich nun Jahre später bei der Arbeit am Mosaik der verlorenen Zeit vor der Entscheidung stand, ob ich mich zurück in diese Welt wagen sollte, war diese für mich also in mehrerlei Hinsicht schwierig: Zum einen fragte ich mich, ob ich als mitteleuropäischer Mann überhaupt der Herausforderung gewachsen wäre, die Geschichte eines Maya-Mädchens zu erzählen, ohne dieser faszinierenden und so fremden Kultur gegenüber ungerecht zu werden. Diese Frage stellte ich mir, noch ohne all die Gräuel des Völkermords zu kennen, mit denen ich mich in der Folgezeit auseinanderzusetzen hatte – denn um nichts Geringeres als einen Genozid handelte es sich bei diesem dreißigjährigen Bürgerkrieg. Zum anderen aber bedeutete es für mich zugleich, mich meinem persönlichen Trauma zu stellen. Ich musste mich zurück an den dunkelsten Ort meiner ureigenen Menschwerdung wagen.

Letztlich war mir jedoch schnell klar, dass ich mich dieser Geschichte nicht verweigern durfte. Also nahm ich die Herausforderung an. Das bescherte mir in den ersten Wochen schweißgebadete Nächte – und, nach Vollendung des Buches etliche Jahre später, das Gefühl, mein eigenes Trauma aufgearbeitet und in einen anderen Rahmen gestellt zu haben. Insofern dürfte die Entscheidung die richtige gewesen sein.

Ob ich der Geschichte dieser Zeit und dieses Landes gerecht werde, darf der Leser gern selbst entscheiden.

Sie erzählen vor allem aus der Perspektive der Rebellin und Schamanin María Dolores Vega Tálan (Yoyotli). Warum haben Sie sich für eine Frau entschieden? Ist die weibliche Sicht auf die Revolution eine andere?

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, die Geschichte der María Dolores kam eher zu mir als ich zu ihr. Natürlich ist die weibliche Perspektive dennoch anders als die männliche, insbesondere in Guatemala. Dabei spiele ich nicht auf die oft streng getrennten Aufgaben in Haus und Hof an, sondern vielmehr darauf, dass bis heute viele Maya-Frauen ausschließlich eine der zahlreichen Maya-Sprachen sprechen, wohingegen die Männer meist zumindest die Grundlagen des Spanischen beherrschen. Insofern ist die Welt der Frauen meines Erachtens noch weiter von unserer westlichen Wahrnehmung entfernt als die der Männer.

Stellt sich nun die Frage, ob tatsächlich die weibliche Sicht auf Revolutionen eine andere ist als die männliche. Zunächst vermutlich aufgrund der Rolle, die den Frauen in den patriarchalischen Herrschaftssystemen zugewiesen wird, schon. Ich denke beispielsweise an Castros oben erwähnte Revolution auf Cuba. Diese Art von Umsturz scheint eine genuin männliche Angelegenheit zu sein. Frauen blieben in ihrer Mutterrolle oft an den Herd verbannt und betrachteten das Geschehen eher aus einer Perspektive, die sich aus der Sorge um das Überleben der Familie speiste. Eben diese Rolle wurde in der sogenannten Aufstandsbekämpfung in Lateinamerika jedoch oft ausgenutzt, um die Moral der Rebellen zu brechen.

Um den Kern einer Widerstandsbewegung zu treffen“, heißt es im Mosaik der verlorenen Zeit, „ist es von essentieller Bedeutung, die sozialen Bande der Aufständischen zu zerstören. Die Frau darf hierbei als Symbol gelten. Sie ist Sinnbild der Fruchtbarkeit und des Lebens. Frauen können als Träger der Familien- und Gemeinschaftsstrukturen angesehen werden. Selbst unter widrigsten Bedingungen trachten sie danach, die Mindestvoraussetzungen für ein gemeinschaftliches Überleben zu sichern.“ Im Roman ist dieser Absatz einem (fiktiven) Handbuch zur Aufstandsbekämpfung entnommen.

Die Geschichte der María Dolores verläuft nun aber gerade nicht nach diesem Muster. Sie gerät beinahe zwangsläufig in den Widerstand, als sie aus ihrem Heimatdorf vertrieben wird. Warum das geschieht, sei hier natürlich nicht verraten.

Nur so viel: Was María Dolores widerfährt, gehört für mich zu einem der abscheulichsten Kapitel dieses an Verlogenheit und Abscheulichkeit kaum zu übertreffenden Bürgerkriegs.

Fiel es Ihnen schwer sich in das Leben, die Emotionen und Ansichten einer Rebellin, Geliebten, Tochter, Schwester, Mutter reinzudenken?

Als Schriftsteller fällt es mir seit jeher leichter, mich in meine weiblichen Hauptfiguren hineinzudenken und -zufühlen. Das mag daran liegen, dass mir viele der Eigenschaften, die gemeinhin als männlich angesehen werden, grundfremd sind. Meine Lektorin mahnte mich ein ums andere Mal, dass Kyriel und Julián viel zu sanft miteinander umgingen, dass da ruhig ein wenig mehr Gewalt und Rohheit im Spiel sein dürften. Damit tue ich mir schwer, im Privaten wie als Autor.

Mit Einfühlungsvermögen, Sanftheit und Emotionen im Allgemeinen hingegen nicht. Mag daran liegen, dass ich als Scheidungskind mit meiner Mutter und Schwester aufgewachsen bin. Schon als kleiner Junge habe ich lieber Blumen gepflückt als Fußball gespielt…

Ihr Mosaik setzt sich aus den Geschichten mehrerer Figuren zusammen. Welche liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen?

Die Figur, die mir am meisten am Herzen liegt, ist wohl noch nach all den Jahren Kyriel. Und das, obwohl er im Mosaik im Laufe der Geschichte mehr und mehr zu einer Nebenfigur wurde, zu Juliáns Begleiter.

Aber die Figur ist einem Menschen in meinem Leben nachempfunden, den ich sehr vermisse und der mir einmal sehr viel bedeutet hat – ach, was sage ich, der mir sehr viel bedeutet, obwohl ich seit vielen Jahren keinen Kontakt zu ihm habe.

Wahrscheinlich daher meine etwas schwermütige Vorliebe für ihn.

Sie entspricht dem meiner Wahlheimat Lissabon entlehnten Konzept der Saudade – jener Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, der verlorenen Heimat – der verlorenen Unschuld und Vollkommenheit ganz allgemein vielleicht.

Insofern ist mein Kyriel zugleich wieder Sinnbild für das Mosaik der verlorenen Zeit, bei dem es ja um Verlust in all seinen Schattierungen geht.

Mit dem „Mosaik der verlorenen Zeit“ haben Sie ein großartiges Werk als Debüt vorgelegt. Schreiben Sie schon an Ihrem nächsten Buch?

Vielen Dank!

Derzeit arbeite ich in Lissabon an meinem zweiten Roman – einer Geschichte, die vom Mosaik der verlorenen Zeit weiter kaum entfernt sein könnte, nicht zuletzt, da sie ausschließlich in Deutschland spielt und zwei männliche Protagonisten hat. Im neuen Roman nehme ich mich eines meiner Lieblingsthemen an – der Studentenrevolte des Jahres 1968 – und folge meinen Hauptfiguren entlang der bundesrepublikanischen Geschichte bis in die Gegenwart. Ein spannendes Projekt, das mir einiges abverlangt, auf dessen Vollendung ich mich aber sehr freue.


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