Marvin Suckut: Logbucheintrag Nr. 6 – Meine Letzten Worte

Das Jahr ist vorbei. Es gab Höhen und Tiefen, Burger und Schnaps, ranzige Sofas und luxuriöse Hotelbetten. Ich verabschiede mich mit dem letzten Logbucheintrag. Es waren nochmal ein paar geile Auftritte dabei. Doch lest selbst:

04.03.2017 Grünkraut

Grünkraut? What the fuck? Es gibt eine Stadt, die so heißt? Ja, die gibt es. Irgendwo bei Ravensburg hinter den sieben Bergen, verbirgt sich eine Stadt mit einem solchen Namen. Und in eben jener Stadt moderiere ich heute einen Poetry Slam. Das Publikum ist im Schnitt Mitte 50, was für Slam-Publikum schon sehr alt ist. Ich bin schon ein bisschen erleichtert, dass während der Show niemand einen Herzinfarkt bekommt oder mit dem Rollator die Treppen hinunterfliegt. Kaleb Erdmann aus Frankfurt gewinnt und wir verbringen die Nacht in einem Hotel mit dem Namen „Zum Amboss“. Und ja, der Name ist Programm. Der Frühstücksraum ist dekoriert mit Schmiedewerkzeugen und Äxten. In der Hotelbeschreibung steht: „Rustikales Ambiente“. Ich finde das ein wenig untertrieben.

11.03.2017 Erolzheim

Einmal im Jahr ist mein kleiner Slam in Erolzheim. Ein schnuckeliges Örtchen zwischen Memmingen und Biberach, das nur durch einen Kutsche erreichbar ist, die alle zwei Stunden vorbeituckelt. Den Kutscher bezahlt man auch üblicherweise nicht in Euro, sondern in Zigaretten oder vergoldeten Ostereiern. Manchmal möchte er auch das erstgeborene Kind haben. Komischer Kauz, aber anders kommt man eben nicht nach Erolzheim. Der Slam findet immer in der Diasporakirche statt. Etwa 100 Menschen quetschen sich in den kleinen Saal, in dem sonst nur gepredigt wird. Ein Slam auf geweihtem Boden, toll so was. Ich hatte eigentlich 8 Leute im Lineup, nur sind zwei davon an der Eingangspforte in Flammen aufgegangen, weil sie Atheisten sind. Ich dachte, was soll`s, schon ein paar Euro an Fahrtkosten gespart. Nik Salsflausen gewinnt und wir lassen den Abend bei Butterbrezeln und Jägermeister in der Hotelkneipe ausklingen. Butterbrezel und Jägermeister, das Vesper des Literaten. Toll.

13.03.2017 Bern

Die Schweizer Hauptstadt hat einen der schönsten Slams des ganzen Landes zu bieten. Gut, die Schweiz ist jetzt auch nicht gerade dafür bekannt viele Slamveranstaltungen zu haben, aber der Slam in der Rösslibar zu Bern ist schon was feines. Er ist quasi der Emmentaler unter den Taschenmessern…oder so. Wie immer bei den guten Schweizer Slams gibt es vorher ein Essen, das ich mir als Durchschnittsdeutscher nicht in 100 Jahren leisten könnte. Ich habe leider keine Ahnung mehr, wer den Abend gewonnen hat, da ich im Halbfinale gegen Lillemor Kausch den kürzeren ziehe und mich an der Bar mit Absinth betrinke. Wenn man einen Abend vergessen möchte, empfehle ich immer Absinth. Teufelszeug. Wenn man Pech hat ist am nächsten Tag nicht nur die Erinnerung an den Abend weg, sondern auch das Wissen über die eigene Identität, sowie die Fähigkeit dort hin zu urinieren, wo man möchte.

16.03.2017 Riedlingen

Eine Lesebühne in einer Sparkassenfiliale? Wo gibt es denn das? Na in Riedlingen natürlich, wo auch sonst? Tobias Meinhold, der Organisator der Slams in Biberach und Umgebung hat diese kleine Lesebühne veranstaltet. Und es war…naja…interessant. Bevor wir (Stefan Unser und ich) an der der Reihe sind, gibt es noch einen Vortrag über Geldanlagen, Zins, Zinseszins und weitere Dinge, von denen ich nichts verstehe. Danach lesen Stefan und ich abwechselnd ein paar Texte. Das Publikum johlt, kreischt und schmeißt mit Unterwäsche. Eine ganz normale Lesebühne eben. Nach der Veranstaltung gibt es Sekt und Häppchen. Daran könnte ich mich gewöhnen. Weiter so Riedlingen.

25.03.2017 Biberach

Uiuiui, heute passiert was krasses. Der erste interreligiöse Poetry Slam. Wat is dat denn schon wieder? Naja, im Rahmen des Martin Luther Jahres haben wir uns gedacht wir laden mal aus verschiedenen Religionen Slammer*innen ein und lassen die dann mit Texten über Religion gegeneinander antreten. Jesus Gegen Buddha, Zeus gegen Nietzsche. Richtig krasser Scheiß. Und am Ende gewinnt…Allah. Bäm, zu recht. Sulaiman Masomi, bring den Sieg sicher ins Muslimische Reich. Das ist natürlich alles etwas übertrieben dargestellt. Insgesamt war es ein unglaublich schöner Abend mit tollen und abwechslungsreichen Texten über Religion und alles was damit in Verbindung steht. Gefallen hat es auch den knapp 400 Zuschauer*innen wie man diversen Pressetexten zu dieser Veranstaltung entnehmen kann.

28.03.2017 Heidelberg

Ab geht es an den nördlichen Zipfel Baden-Württembergs zu der vielleicht besten Backstage-Pizza, aller Zeiten. Das ist eigentlich auch der Hauptgrund, warum ich gerne nach Heidelberg fahre. Auf dieser Pizza ist einfach alles drauf. Garnelen, Schinken, Artischocken, Oliven, der Teig ist super dünn, die Tomatensauce zerfließt fast schon im Mund und der Käse zieht Fäden, wie es eine Marionettenspielerin nie könnte. Achso ja, Slam war auch. War gut. Hab gewonnen. Der Preis ist ein Schokopokal. Also WAR ein Schokopokal. Während Sie das hier lesen ist er….ja wo ist er denn? Jummi, jummi I got a Schokopokal in my tummy.

29.03.2017 Konstanz

Wir schwimmen den Rhein von Heidelberg aus zurück nach Konstanz, wo es auch diesen Monat wieder Slam im Kula gibt. Was soll ich schreiben? Ihr kennt das ja. Jason Bartsch ist Special Guest und verlässt auf der Bühne nichts anderes als verbrannte Erde für die Teilnehmenden. Nektarios Vlachopoulos gewinnt und alle haben einen schönen Abend. Ich vermisse Absinth, Butterbrezeln und Jägermeister.

11.04.2017 München

Mama, ich bin im Fernsehen. Also irgendwann dann. Heute bin ich in München bei einer Fernsehaufzeichnung für die Show „Bühnensport mit Konstanze Lindner“ und nein, es hat nichts mit Akrobatik oder Breakdance zu tun. Verschiedene Kleinkünstler*innen treten hier auf und das ganze wird aufgezeichnet. So weit so stressfrei. Die Aufzeichnung beginnt um 20.00 Uhr und ich muss 6 (Sic!) Stunden vorher da sein um…ja, keine Ahnung, um da zu sein. Regiebesprechung, Soundcheck und Maske. Der ganze Quatsch ist nach 30 Minuten geschafft und jetzt sitze ich also 5,5 Stunden sinnlos in München rum. Was ich in dieser Zeit zu Hause hätte machen können!? Schlafen! Gott sei Dank gibt es im Vereinsheim zu Schwabing (dort findet der ganze Spaß statt) genügend Bier, sodass ich, als die Aufzeichnung endlich losgeht, hackevoll auf die Bühne muss. Aber ich bin Profi und ziehe das Ding souverän durch und keiner merkt, dass ich eigentlich über 2 Promille habe. Das liegt aber vermutlich daran, dass alle Künstler*innen betrunken sind, da die ja auch schon seit sechs Stunden hier sinnlos herumsitzen. Eine Musikerin hat nach 3 Stunden Flaschendrehen initiiert. Ich sag mal so. Ich bin froh meine Hose kurz vor dem Auftritt wiedergefunden zu haben.

14.04.2017 Zürich

Heute geht es mal wieder in die Schweiz. Um genauer zu sein in das wunderschöne Zürich. Ich liebe diese Stadt. Zürich hat einfach etwas Magisches. Die einzige Stadt, die ich kenne, wo man keine eingetretenen Kaugummis in den Fugen der Fußgängerzone findet. Das ist ja fast schon ekelhaft sauber hier. Gott sei Dank gibt es aber die Rote Fabrik. Die rote Fabrik ist ein dreckiger, alternativer Gebäudekomplex der, wenn er könnte, einen Regenbogen der Coolness kotzen würde. Hier findet auch der monatliche Slam statt und es ist wie immer der Hammer. Ausverkauftes Haus, leckeres Essen und Kaleb Erdmann gewinnt. Der Mann ist echt kaum zu schlagen. Das Gute ist, es gibt wieder Absinth. Irgendwann ziehe ich hier her, des Absinths wegen. Irgendwann, wenn ich reich bin.

22.04.2017 Heilbronn

Heilbonn gehört zu den Städten, die nicht viel zu bieten haben, außer den Bordellen und Drogendealern am Bahnhofsviertel. Das ist schon beeindruckend. Ich kenne kaum eine Stadt, die so wenig zu bieten hat. Vielleicht haben sie deswegen auch die Bundesgartenschau für 2019 nach Heilbronn geholt, damit in dieser tristen Stadt endlich mal der Bär steppt. Ich glaube ja, die Bundesgartenschau ist für Rentner das, was die Loveparade für junge Menschen ist. Da kann man einfach mal man selbst sein und richtig die Sau rauslassen. Ob man dafür jetzt tausende von Euros verballern muss, damit man sagen kann: „Mensch, tolle Wiese.“, sei mal so dahingestellt. Der Slam in Heilbronn ist allerdings immer einen Besuch wert. Was nicht heißen soll, dass die Bordelle keinen Besuch wert sind. Das Café Wilhelm gibt sich immer sehr viel Mühe einen tollen Slam auf die Beine zu stellen und das gelingt auch. Schönes Ambiente, tolle Stimmung und am Ende gewinne ich. Also alles in Ordnung im Bordellghetto Heilbronx.

26.04.2017 Konstanz

Ich könnte jetzt sagen, wie geil dieser Slam wieder war, aber ich spare mir das jetzt. Das einzige, was man wissen muss ist, dass Philipp Scharri gewonnen hat. Mit einem Text über Toffifee…. Krass! Andere Poet*innen geben sich so viel Mühe mit Metrik, Gesellschaftskritik und literarischem Anspruch und am Ende gewinnt Scharri mit einem Text über Toffifee. Der Mann ist einfach unfassbar.

28.04.2017 Karlsruhe

Heute wagen wir ein kleines Experiment. Der Slam im Tollhaus in Karlsruhe ist seit Jahren immer ausverkauft und nun kam der Organisator auf die absurde Idee, man könne ja beide Räume der Location gleichzeitig bespielen. Stefan Unser durfte den Slam im großen Saal mit knapp 800 Zuschauer*innen moderieren und ich den kleinen Saal mit etwa 400 Leuten. Der Große Saal beginnt um 20.30 Uhr und ich im kleinen Saal beginne um 21.00 Uhr und die Poet*innen rennen dann von Raum zu Raum um aufzutreten. Soweit der Plan. Es läuft so ziemlich alles schief, was schief laufen kann. Zuschauergruppen wurden in verschiedene Räume aufgeteilt, obwohl sie in denselben Saal wollten, Technikprobleme und zwischendurch gingen in diesem gigantischen Gebäude ein paar Slammer*innen verloren. Gut, das ist nichts Neues. Spaß hat das ganze Ding trotzdem gemacht, auch wenn ich jetzt nervlich völlig am Ende bin, da ich zwischendurch 20 Minuten irgendwelchen Scheiß von der Bühne verlosen musste um Zeit zu schinden, da der andere Raum sich etwas viel Zeit gelassen hat. Ein schönes Experiment, aber bitte nie wieder!

Fazit:

Was bleibt von diesem Jahr übrig? In erster Linie ein dicker Bauch, ein ordentlicher Kater und ein paar geschundene Fingerkuppen vom vielen Schreiben. Vielen Dank an buecher.de, dass sie diesen Humbug hier veröffentlichen. Ich würde ja gerne die Leserzahlen meiner Beiträge hier sehen. Wenn es über 10 sind, hätte ich auf jeden Fall eine größere Reichweite als der „Bühnensport mit Konstanze Lindner“. Fall das hier tatsächlich jemand lesen sollte und sich für mich persönlich, oder auch nur meine Arbeit interessiert, darf er oder sie (vorzugsweise sie, aber ich bin ja für alles offen) gerne mal auf meiner Homepage vorbeischauen. www.marvinsuckut.de

Das war`s von mir.

Tschö.

Marvin


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