Marvin Suckut: Logbucheintrag Nr.5 – Von Gemüsesticks, Kartoffeln und kalter Pizza

01.02.2017  Dortmund

Der Slam im FZW ist der größte, regelmäßige Slam in NRW und für mich auch einer schönsten. Eine hervorragende Backstageverpflegung, tolle Menschen und ein Jason Bartsch, den ich immer liebend gerne beim Moderieren beobachte, da man von diesem Herrn, auch nach 8 Jahren Poetry-Slam-Moderation immer noch etwas lernen kann. So schön und toll der Slam auch ist, am meisten hervorheben möchte ich hier die Verpflegung im Backstage. Eine Vesperplatte, die keine Wünsche offen lässt. Ich habe mich den ganzen Abend von Gemüsesticks, Guacamole und Frischkäse-Dip ernährt. Ich könnte so ein gesundes Leben führen, wenn es nicht jeden zwei Tag im Backstage kalte Pizza gäbe. Aber gut, nur ein Idiot sagt „nein“ zu kalter Pizza.

02.02.2017 Duisburg

Wuhu, kalte Pizza! Ich habe schon Entzugserscheinungen bekommen. Ein Glück, dass Duisburg die Poetry-Slam-Tradition der kalten Backstagepizza in allen Ehren hält.

Untergebracht sind wir in einer kuscheligen Künstlerwohnung 30 Minuten von der Location entfernt. Mit „30 Minuten“ meine ich aber nicht „Zu-Fuß-30-Minuten“, sondern „Mit-dem-Auto-des-Veranstalters-quer-durch-den-Ruhrpott,-über-Wiesen,-Äcker-und-zwei-stillgelegte-Bergstollen-30 -Minuten“. Ich bin ja der Meinung, dass wir unterwegs irgendwann eine Landesgrenze passiert haben und ich am Horizont das Meer gesehen habe. Brauche am nächsten Morgen eine halbe Stunde um eine Bushaltestelle zu finden und warte dort eine Stunde mit einer älteren Dame auf den Bus, die mir etwa alle 5 Minuten versichert, dass der Bus in 5 Minuten kommen müsste. Als hätte ich es nicht eilig, muss ja nach…

03.02.2017 Wutöschingen

Ich habe keine Ahnung, wie ich das geschafft habe, aber ich bin in Wutöschingen. Mit dem Bus zur S-Bahn, mit der S-Bahn nach Duisburg, dort in den ICE gestiegen, mit dem ICE nach Stuttgart, mit dem Regionalexpress nach Vaihingen/Enz, dort das Auto bei meinen Eltern abgeholt, mit dem Auto nach Horb, dort meine Kollegen Jonathan Löffelbein und Marius Loy abgeholt, dann mit dem Auto nach Wutöschingen und es ist gerade einmal 17.00 Uhr und wir stehen eine Stunde vor verschlossenen Türen. Fuck this shit! Wutöschingen ist eine kleine Stadt an der Schweizer Grenze und unfassbar süß. Die Location ist eine alte Scheune, die zu einem Kulturzentrum umfunktioniert wurde. Es gibt sehr leckere Brötchen und der Slam ist ein voller Erfolg. Aber das habe ich auch erwartet. Habe schließlich moderiert und das Lineup zusammengestellt. Wir verbringen die halbe Nacht auf dem Hotelbalkon damit, die Siegespreise der der letzten Tage zu trinken. Alle waren vorher ein paar Tage auf Tour und haben ein paar Slams gewonnen. Mit den Getränken, die wir alle dabei haben, könnten wir an diesem Abend locker einen Wikingerstamm verköstigen. Am Ende hat es gerade so für uns gereicht.

12.02.2017 Fürth

Es gibt ja nicht viele Städte, die sich über ihren Fußballverein identifizieren. Jede Stadt hat ja noch irgendetwas, womit man diese Stadt assoziiert. Köln hat den Dom, Hamburg die Reeperbahn, Stuttgart den Bahnhof und Fürth hat…richtig…nichts. Hier hat nicht einmal irgendwann eine halbwegs bekannte Person gewohnt. Warum auch? Hätte ja nichts anschauen können. Wofür man Fürth vielleicht noch kennen könnte, ist die Tatsache, dass hier der erste Zugverkehr in Deutschland stattfand. Das war es auch schon. Die SpVgg Greuther Fürth ist hier so was wie eine Ersatzreligion. Ist ja auch nachvollziehbar, da so wie es hier aussieht, Gott diese Stadt schon lange verlassen haben muss. Ein kleiner Lichtblick in dieser sonst so trostlosen Gegend ist der Slam in der Kofferfabrik. Eine wundervolle Location für etwa 200 Personen und eine Bolognese, bei der sich nach dem Verzehr jeder sizilianische Mafia-Don genüsslich den Bauch streichelt. Der Slam ist super. Philipp Scharrenberg ist Special Guest und nimmt den Laden komplett auseinander. Ich schaffe es irgendwie zu gewinnen, schnappe mir der Siegerwein, steige ins Bett und hoffe diese gottverlassene Stadt bald wieder verlassen zu können.

13.02.2017 Ansbach

Ansbach ist wie Fürth, nur ohne Fußball. Es gibt hier also nichts. Wirklich nichts. Der Organisator meinte am Vortag noch, wir könnten uns ja die „schöne“ Ansbacher Innenstadt anschauen. Jaja, am Arsch. Allein der Bahnhof ist abstoßender als ein Fußballtorwart. (Oh Gott, jetzt fange ich schon mit Wortspielen an, wo soll das hinführen?) Richtig, nach Bayreuth.

14.02.2017 Bayreuth

Heute ist Erotikslam in Bayreuth. Ja, ihr habt richtig gelesen. Erotikslam. Wat ist dat denn schon wieder? Naja, wir schreiben erotische Texte und dürfen ausnahmsweise die Requisitenregel etwas ausdehnen. Eine Poetin schmiert sich mit Kunstblut ein, ein anderer schnallt sich einen Dildo auf die Stirn und spielt Einhorn, und ich? Naja, ich lese meinen Text. Ohne Dildo, Kunstblut und anderen Firlefanz. Das Publikum ist mindestens genauso von diesem Slam-Prinzip überrascht wie ich nach meiner Wertung. Ich fliege in der Vorrunde raus. Und das bei einem Erotikslam. Ich sollte mir Gedanken über meine sexy Bühnenwirkung machen.

22.02.2017 Konstanz

Wie jeden Monat trifft sich auch im Februar die Creme de la Creme der Slam-Szene in Konstanz zum Burgeressen. Das ist einfach das, was diesen Slam ausmacht. Der Wettbewerb ist egal, solange alle am Ende satt und betrunken nach Hause gehen. Renato Kaiser aus der Schweiz ist noch am nüchternsten und allein das reicht für den Sieg an diesem Abend. Respect Herr Kaiser, dabei hatte ich so viel guten Schnaps gekauft.

23.02.2017 Freiburg

Langsam gehen mir die Ideen aus, was man über Freiburg so erzählen könnte. Es gibt da ein steinernes Krokodil, das der Legende nach Jungfrauen isst. Außerdem ist die Innenstadt durchzogen mit alten Abwasserrinnen. Wenn man in diese Abwasserrinnen als Junggeselle aus Versehen hineintritt, muss man eine Freiburgerin heiraten. Pech für die Junggesellen, die auf der Suche nach Jungfrauen sind, da müssen sie erst mit dem Jungfrauen-Kroko kämpfen.

Der Slam war nett. Ich glaube Michael Frei aus Bern gewinnt und verschwindet nach dem Slam in die eisige Freiburger Nacht auf der Suche nach Abwasserrinnen.

27.02.2017 Reutlingen

Der Slam in Reutlingen feiert heute 10-jähriges Jubiläum. Gratulation. Bei dieser Veranstaltung weiß ich immer nicht so genau, wie ich sie finden soll. Auf der einen Seite sind die Abende in Reutlingen immer etwas langwierig, auf der anderen Seite ist der Moderator einfach unglaublich sympathisch und hat immer einen Pianisten dabei, der die Texte nochmal musikalisch zusammenfasst. Eine nette Idee eigentlich. Heute war zusätzlich noch die Band „Byebye“ am Start. Die zwei Boys aus Leipzig heizen ordentlich ein. Ich habe sie schon öfters getroffen, aber noch nie wirklich bewusst auf der Bühne angesehen. Holla die Waldfee, die Jungs sind geil. Stimmung, Stimmung, Stimmung. Hier noch ein Link zu einem meiner Lieblingslieder von ihnen:

Die zwei Jungs stellen den gesamten Slam in den Schatten. Trotzdem gewinne am Ende ich und zwar….wat? Einen Sack Kartoffeln. Kein Scheiß, das ist hier Tradition. Geschmacklich vielleicht sogar besser, als so mancher Schnaps, den es sonst so zu gewinnen gibt.

 


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