Marvin Suckut: Logbucheintrag Nr. 4 – Einmal quer durch Deutschland

Der Januar war krass. Selten so viele Kilometer in einem Monat zurückgelegt. Da wird das Bordbistro zum neuen Wohnzimmer und die Schaffner begrüßen einen beim Vornamen per Ghettocheck.

6. Januar – Regensburg

Ich wohne in Alpennähe, da ist man Temperaturen gewohnt, die gut und gerne im zweistelligen Minusbereich liegen, aber Regensburg hat an diesem Tag Konstanz wie das Death Valley Deutschlands aussehen lassen, so vong Temperatur her, wie die Jugend sagen würde. Ich habe heute  nicht mal Lust zu rauchen, da mir jedes Mal ein Finger abfällt, sobald ich meine Hände aus den Hosentaschen nehme. Mit Nikotinmangel und acht Fingern erreiche ich die alte Mälzerei, wo der Slam heute stattfindet. Eine wundervolle Location mit tollem Publikum und einem Lineup, das mir kleine Einhörner aus den Ohren galoppieren lässt, wenn ich daran denke. Renato Kaiser und ich teilen uns am Ende den Sieg und nachts kuscheln wir uns Glatze an Glatze in den Schlaf. So sollte Slam immer sein. Danke Regensburg.

7. Januar– Salzburg

Nach gefühlten 100 Stunden Regionalbahngetuckel erreichen wir Salzburg am Nachmittag und fahren direkt zur Location. Ohne Umwege und ohne über Los zu gehen. Klar könnte man sich auch mal diese wundervolle Stadt anschauen, aber es ist immer noch zu kalt um freiwillig mehr als eine Zigarettenlänge im Freien zu verbringen. Der Slam war toll. Auch wenn uns vorher ein warmes Essen versprochen wurde und es am Ende nur Baguette mit Schinken und ein paar Bananen gab, war der Abend einfach nur schön. Den Sekt für den Sieger konnte ich mir knapp gegen meinen Kollegen Jay Jay Glünderling aus Frankfurt sichern. Gut so, ich hatte eh Durst.

8. Januar – München

Der Slam im Substanz in München ist einer der ältesten Slams Deutschlands und das merkt man auch. Die Schlange reicht quasi einmal über die Theresienwiese, um den Hauptbahnhof, bis zur Pinakothek der Modernen und wieder zurück. Die haben im Substanz mittlerweile tatsächlich den Backstage aufgeräumt und ausgemistet, jetzt finden darin fast vier Menschen Platz, erstaunlich. Der Backstage war sonst immer der Lagerraum für das Toilettenpapier, aber jetzt ist er beinahe gemütlich. Wie immer im Substanz ist die Stimmung hervorragend. 300 Leute quetschen sich in diesen kleinen Club und stehen dort fast drei Stunden ohne zu jammern. Ich fliege in der Vorrunde raus und kann den restlichen Abend genießen. Auch mal schön.

12. Januar – Kiel

 

Nach ein paar Tagen Workshop in Konstanz geht es heute an das andere Ende der Republik. Kiel ist so schön, da wachsen einem fast Blumen aus den Augen, so schön ist das. Ich bin ja ein großer Freund des Nordens. Die Mentalität, der Dialekt und überall riecht es nach Fisch. Einfach toll! Wirklich, ich mag den Geruch. Heute Abend bin ich beim Slam als Special Guest, also nicht im Wettbewerb, sondern als Anheizer tätig. Ich bin zufrieden, irgendjemand gewinnt und nach dem Slam gehen wir noch Burger essen. Schlecht für die Figur, aber lecker. Es gab nur leider keinen Fischburger, scheint wohl gerade nicht Saison dafür zu sein.

13. Januar – Hamburg

Heute stehen zwei Slams an einem Abend an. Was ich eigentlich ganz geil finde. Um 19.00 Uhr startet der Slam im Monsun Theater in Altona. Kleiner Raum, 100 Leute und Rasmus Blohm moderiert wie ein junger Gott. Ich gewinne eine Hantel und eine Flasche Schnaps. Das ist im Norden so üblich. Eine Hantel. Sie wiegt genau 1kg. Was wollen sie mir damit sagen? Ich fühle mich geehrt und beleidigt zugleich und flaniere mit meiner Hantel durch Altona zur nächsten Location. Um 22.00 Uhr beginnt dort der monatliche Late-Night-Slam in den Zeise Kinos. Ich kann mich an nicht mehr so viel erinnern, da der Schnaps in der letzten Stunde interessanter war als die Hantel. Ich weiß nur, dass ich nicht gewonnen habe. Sauerei, ich wollte doch nochmal eine Hantel!

Einseitiges Training ist schlecht für den Rücken habe ich mir sagen lassen. Nach dem Slam gehe ich ins Hotel, mache noch ein bisschen Yoga und platziere die Hantel so, dass sie mich dabei beobachten kann. Na? Bist du eifersüchtig, du blödes Ding?

14. Januar – Lübeck

Lübeck ist ein ganz klassischer Kino-Slam. Alle sitzen viel zu bequem und mampfen während der Texte Popcorn und Nachos. Man hat immer Angst, dass das Publikum bei schlechten Texten mit Käsedip wirft, aber so weit kommt es nicht. Wie das bei Kinoslams so ist, ist die Stimmung eher so mittelgeil, dafür war das Essen vorher gut. Jeder Slam hat seine Sonnen- und Schattenseiten. Lübeck hat einen Pokéstop direkt in der Location, was für mich ein absoluter Pluspunkt ist. 12 Texte und 24 Taubsis später habe ich gewonnen. Richtig so.

15. Januar – Stuttgart

Stuttgart, du Perle des Südens. Heimat der Kehrwoche und des Feinstaubs. Manchmal vermisse ich dich. Ich bin hier ja aufgewachsen und es überkommt mich immer etwas Nostalgie, wenn ich aus dem Zug steige und diese, an Ästhetik kaum zu überbietende, Großbaustelle am Bahnhof sehe. Ich frage mich ja immer, ob man das, was da gerade steht, wirklich guten Gewissens noch als „Bahnhof“ bezeichnen kann. Für mich sieht das ja so aus, als hätten Archäologen nach Überresten aus vergangenen Zeiten gesucht und dabei haben sie zufällig Schienen gefunden. Ein beeindruckendes Volk diese Schwaben. Der Slam im Kellerclub ist immer wieder ein absolutes Highlight. Die Stimmung ist fantastisch, die alkoholische Verpflegung ein Musterbeispiel für gute Organisation und der Wodka, den ich am Ende gewinne ist…keine Ahnung…irgendwann weg.

25. Januar – Konstanz

Ich hatte die komplette letzte Woche Workshops an Schulen und bin dementsprechend müde. Warum können sich Kinder nicht in einer angemessenen Lautstärke unterhalten, sondern müssen sich immer anbrüllen? Ich habe mich am letzten Tag einfach brüllend verabschiedet mit den Worten: „ES WAR TOTAL SCHÖN BEI EUCH!!!! VIELEN DANK FÜR DIE TOLLE WOCHE. HÖRT IHR AUCH DIE GANZE ZEIT DIESES UNANGENEHME SUMMEN?“

Mit blutenden Ohren mache ich mich auf dem Weg zum Kulturladen. Ein leckerer Burger und viel Bier helfen mir die letzten Tage zu vergessen. Julian Heun aus Berlin gewinnt, was anderes hatte ich auch nicht erwartet. Nachts liege ich noch lange wach und genieße das Nachklingen der quietschenden Kinderstimmen in meinen Ohren und beschließe nie mehr einen Lehrer für seinen Job zu beneiden.

28. Januar – Ravensburg

Ravensburg ist mein neues Baby. Früher wurde der Slam noch von Wolfgang und Holger Heyer organisiert und moderiert, doch mittlerweile haben die beiden Herren alle Aufgaben und Pflichten an mich übergeben und somit bin ich seit heute offiziell der neue Papa dieses schönen Babys. Der Slam in der Zehntscheuer ist seit 2011 immer ausverkauft. Wirklich. Nicht ein einziges mal gab es eine Restkarte. Ich habe mich extra hübsch gemacht für den Abend und mir ein Lineup eingeladen, das jedem Veranstalter die Tränen des Neides aus den Augenwinkeln kullern lässt. Der Abend rockt, das Publikum ist on fire und ich kann guten Gewissens sagen, dass dieses Baby ein absoluter Prachtkerl ist. Ich freue mich auf den nächsten Slam im Mai.


Leider gibt es noch keine Kommentare Schreib den ersten!
Kommentar schreiben

Folge buecher.de bei Twitter