Marvin Suckut: Logbucheintrag Nr. 3 – Winter is comming

Die Sommerpause ist vorbei, die neue Saison hat begonnen und ich habe, um der warmen Jahreszeit zu huldigen, ein bisschen Sonnenbrand auf der Glatze mit nach Deutschland gebracht. Sexy, ich weiß. Jetzt gibt es neues von der deutschen Slam-Community und wir beginnen direkt mit einem Kracher.

02.11. – 05.11. Stuttgart

In den nächsten Tagen finden in Stuttgart die Deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam statt. Das ist nicht nur das größte Bühnenliteraturevent Europas, sondern auch für jeden Slammer und jede Slammerin DAS EVENT das Jahres. Um wirklich alles hier zu erklären und die Veranstaltung in den Himmel zu loben, bräuchte ich Tage, wenn nicht sogar Wochen, daher hier nur ganz kurz: Es war der Wahnsinn. Eine der schönsten Veranstaltungen, die ich in meinen sieben Slam-Jahren besuchen durfte. Meine Vorrunde in der Schräglage überstehe ich mit mehr Glück als Verstand, aber das gehört irgendwie auch dazu. Das Halbfinale überstehe ich nicht nur durch Glück bei der Textwahl, sondern auch die Startplatzvergabe ist mir wohlgesonnen und so ziehe ich als einer von neun von über 120 Teilnehmenden der Meisterschaften ins Finale in der Liederhalle ein. 1200 Zuschauer und ein Puls, der diese Zahl locker übertrifft, erwarten mich bei dem vielleicht wichtigsten Auftritt des Jahres. Gewonnen habe ich nicht, das habe ich an diesem Abend Philipp Scharrenberg überlassen, aber alleine die Erinnerung an diesen Abend helfen mir ungemein, dass ich mich nur jeden zweiten Abend in den Schlaf weinen muss, weil ich die Meisterschaften nicht gewonnen habe. Mehr Infos zu den Meisterschaften und wie das alles abläuft, gibt es hier: www.slam2016.de

06.11. Würzburg

Als ob fünf Tage Literaturfestival und Trinkerei nicht genug sind, bin ich auch noch so dumm, am Tag nach den Meisterschaften für den Slam in Würzburg zuzusagen. Aber das tue ich auch irgendwie gerne, auch wenn ich körperlich an meine Grenzen stoße und ich mich bis heute nicht daran erinnern kann, wie ich an dem Tag eigentlich nach Würzburg kam. Der Slam in der Posthalle ist jedes Mal ein kleines Highlight. Christian Ritter moderiert mit einem fancy Stock, den er als Gehhilfe verwendet, da er ebenfalls 5 Tage Festival hinter sich hat und ein bisschen Mitleid vom Publikum oftmals gut tut. Gewonnen hat den Abend Noah Klaus aus Berlin. Ich glaube Noah hat sich dafür gerächt, dass ich ihn in Stuttgart ein paar Tage vorher bei den Meisterschaften in der Vorrunde aus dem Wettbewerb gekickt habe. Well played Noah, well played.

09.11. Bamberg

Ach Bamberg, die Stadt mit der höchsten Brauereidichte und Heimat eines der Schönsten Slams in Bayern. Früher noch im Morphclub ansässig, findet der Slam heute in einem Club statt, der gefühlt nur 10 Meter entfernt liegt, dessen Name ich aber vergessen habe. Es war irgendwas mit „…club“.

Was ich an diesem Slam sehr schätze ist, dass es den ganzen Abend Gin Tonic umsonst gibt. Bei den meisten Slams gibt es oftmals nur Bier oder Cola bis zum Umfallen, bei manchen Slams gibt es das nicht mal bis zum Umfallen, sondern nur drei lächerliche Getränkemarken, die aber nur für Bier, Cola oder Rhabarberschorle gültig sind und das nur bei jeden dritten Vollmond in einem Schaltjahr. Nicht aber in Bamberg! Hier gibt es Gin Tonic bis der Zapfhahn dampft, oder man rausgeschmissen wird. So wie wir. Der Slam war cool, Kaleb Ermann und ich bestreiten das Finale und irgendjemand von und beiden gewinnt. Der Rest des Abend verschwimmt zwischen Gin Tonic und einer Plastik-Klapperschlange, die es zu gewinnen gab.

Ein toller Preis. Mehr davon. Warum mache ich das nochmal? Ach ja, Gin Tonic.

10.11. Landau

Der Slam in Landau ist einer der wenigen Slams, der in einem Kino stattfindet, aber trotzdem cool ist. Meistens sitzen ja die Leute in Kinos viel zu bequem um sich aufzuraffen einmal für ein paar Sekunden für uns zu applaudieren. Landau jedoch scheint da eine Ausnahme zu sein. Die Stimmung kocht, Hanz moderiert wie ein junger Gott und ich bin hart erkältet und schniefe den anderen im Backstage die Ohren voll. Gott sei Dank (oder heißt es: Hanz sei Dank?), habe ich an dem Abend ein Einzelzimmer und am nächsten Tag frei, und konnte so fast gesund und gut gelaunt am 12.11 nach Biberach fahren.

12.11. Biberach

Gut, ok. Biberach, ich weiß. Was soll man erwarten? Irgendwo in der Schwäbischen Einöde liegt dieses kleine Städtchen, weit entfernt von jeglichem kulturellen Einfluss auf das menschliche Leben. Hier isst man noch Soße mit Spätzle und nicht andersrum. „ES MUSS SCHWIMMEN!“ scheint hier das Motto zu sein, egal ob man ein Schnitzel bestellt, oder ein Baby in die Riß wirft. Man kann sicherlich viele Gründe finden, nicht hier zu wohnen (Ich habe während des Aussteigens aus dem Zug mindestens 13 gesehen), aber der Slam gehört nicht dazu. Schön organisiert, eine hervorragende Verköstigung, vor, während und nach der Veranstaltungen machen Biberach zu einem ernsthaften Anwärter darauf, im Jahr 2019 (Spoileralarm) die Baden-Württembergischen Meisterschaften im Poetry Slam auszurichten. Weiter so Biberach, vielleicht bekommst du ja dann auch eine eigene Tankstelle!

13.11. Friedrichshafen

Eine Veranstaltung der ich schon seit Monaten entgegenfiebere. Der Slam im Dornier-Museum in Friedrichshafen. Das Museum liegt direkt am Flughafen und stellt….naja….Flugzeuge und so Zeug aus. Ist ja jetzt nicht so meine größte Leidenschaft, aber es gibt langweiliges. Springreiten zum Beispiel. Ernsthaft, wer schaut so etwas? Jedenfalls haben die Leute vom Museum extra ein paar Kampfjets und einen halben Zeppelin zur Seite geschoben um in der Ausstellungshalle etwas Platz für eine Bühne und über 400 Zuschauer*innen zu schaffen. Der Abend war ein voller Erfolg. Ich war zufrieden, das Publikum war zufrieden und einer der Poeten hat die halbe Nacht nicht im Hotel, sondern in einem ausgestellten Schleudersitz aus dem zweiten Weltkrieg verbracht. Gut, die Security hat ihn um 23.00 Uhr rausgeworfen, aber er saß da locker 45 Minuten drin. Krass oder? So Gangster! Dann gab es noch Käsespieße und Prosecco. Krass oder? So Gangster. Gott, ich werde alt.

19.11. Augsburg

Nach ein paar Tagen Workshoparbeit am Bodensee bin ich heute mal wieder zu Gast in Augsburg. Ich bin extra ein paar Stunden früher angereist um mir die Fuggerstadt etwas genauer anzuschauen. Was soll ich sagen? Eine schöne Stadt, aber nach einer Stunde hat man auch alles gesehen und so schlendere ich durch die überfüllten Cafés der Stadt auf der Suche nach einem freien Platz und WLAN. Der Slam war wie immer grandios, der Haselnussschnaps günstig und ich irgendwann froh im Bett zu sein. Ach Augsburg, was würde ich dafür geben nur einmal einen Sonnenaufgang von deinen Dächern aus nüchtern zu erleben.

25.11. Freiburg

Wie jeden Monat quetschen sich 250 Menschen ins Atlantik in Freiburg, um einen Poetry Slam zu sehen. Seit 20 Jahren! Das ist so ein abgefahrener Gedanke. An dieser Stelle einen herzlichen Dank, an Thompson, Sebastian 23 und Tobias Gralke, die diesen Slam zu dem gemacht haben, was er ist. Auch im November ist der Laden wieder voll und das Lineup ist der Hammer. Am Ende gewinnt Sven Kemmler aus München, glaube ich. Kann auch jemand anders gewesen sein. Eigentlich ist es auch egal. Ich lasse meine Kids feiern und mache mich nachts wieder auf den Rückweg nach Konstanz, denn dort ist am nächsten Tag Slam und ich muss morgens noch einen Workshop geben. Bah! Richtige Arbeit. Pfui!

26.11. Konstanz

Nachdem ich vier Stunden lang versucht habe einer Horde Siebtklässler zu vermitteln, dass Liebeslyrik voll cool sein kann, habe ich richtig gute Laune. Das doofe an geschriebenen Texten ist ja, dass man nicht durch Betonung klarmachen kann, dass das gerade Ironie war. Ich weiß ja auch nicht wie Sie diesen Satz hier, den Sie gerade lesen, in ihrem Kopf betonen. Vermutlich völlig anders als ich. Ist das nicht spannend? Das war schon wieder Ironie. Es ist wirklich nicht spannend. Es ist ja völlig logisch. Wie dem auch sei, ist heute wieder Slam im Kula in Konstanz und es ist ausverkauft. Was will ich mehr?

27.11. Ettlingen

Einmal im Jahr kommen alle Menschen aus Ettlingen aus ihren Hobbithäusern gekrochen um sich den Poetry Slam in der Stadthalle anzusehen. Und das zu Recht! Der Slam dort war letztes Jahr schon eine feine Sache, aber Stefan Unser, der Moderator und Organisator, hat sich dieses Jahr wirklich selbst übertroffen. Ein Lineup der Extraklasse und ein belegter Hefekranz in der Größe eines Kleinwagens haben diesen Abend zu einem echten Highlight gemacht. Alex Simm, mein lieber Freund und Kollege aus Konstanz hat den Abend gewonnen und sich damit einen Platz in den Herzen der Ettlinger Hobbit-Slam-Fan-Gang gesichert.

01.12. Heidenheim

Mein Gott, ist das kalt geworden. Auf der schwäbischen Alb herrschen nochmal andere Temperaturen als am sonnigen Bodensee. Selbst Ned Stark würde bei solchen Temperaturen die Flip-Flops im Schrank lassen. Meine Laune an dem Tag war eh schon etwas gedrückt, als ich am Morgen gemerkt habe, dass die Strecke Konstanz-Heidenheim nur aus Regionalbahngegurke besteht. Fünf Stunden ohne Steckdose! Nein, ich bin nicht verwöhnt, ich setze nur meinen Lebensstandard etwas höher an als andere. Der Slam war ein absoluter Hochgenuss. Ein ausverkauftes Swing-Café, gute Stimmung im Publikum und einige runden Darts haben meine morgendliche Muffeligkeit (Gibt es dieses Wort?) vergessen lassen.

02.12. Aalen

Der Slam in Aalen ist ein Mysterium über das man nicht sprechen darf. Man muss mal dort gewesen sein um berechtigterweise sagen zu können, dass dieser Slam einer der besten Slams im gesamten deutschsprachigen Raum ist. Warum? Naja, Gründe. What happens in Aalen, stays in Aalen. Mehr darf und will ich dazu nicht sagen. OK, eine Sache vielleicht: Es gibt eine Nebelmaschine.

07.12. Nürnberg

Wer denkt, das Leben eines Poetry-Slammers besteht nur aus schreiben, lesen, schlafen und trinken, den muss ich enttäuschen. Hin und wieder muss man nicht mal etwas schreiben. So wie heute. Mich erwartet heute kein normaler Slam in Nürnberg, sondern eine Veranstaltung namens „Lesen für Bier“. Das Prinzip ist ganz einfach: Das Publikum bringt Texte jeglicher Art mit und wir lesen diese vor. Ist der Text besser als unsere Performance, bekommt die Person das Bier, die diesen Text mitgebracht hat. Ist jedoch die Performance besser als der Text, muss die Person ein Bier trinken, die den Text auf der Bühne performt hat. Ich sag mal so: Ich performe sehr gut!

18.12. Rastatt und Wiesbaden

Die letzten Tage habe ich damit verbracht mich von Nürnberg zu erholen und ein paar Shows zu moderieren. Heute geht es schon früh nach Rastatt auf den Weihnachtsmarkt. Die Stadt hat mitten auf dem Marktplatz eine kleine Bühne aufstellen lassen auf der ich zusammen mit ein paar Kollegen ein paar Texte lese. Ich will ja nicht pingelig wirken, aber ich hatte schon coolere Auftritte. Am schönsten finde ich, dass sich nach etwa 20 Minuten zwei Kinder beginnen sich vor der Bühne zu prügeln. Das war für alle Beteiligten spannender als das, was auf der Bühne passiert. Man kann nicht immer nur tolle Auftritte haben. Abgehakt. Es geht direkt weiter nach Wiesbaden zum Dead or Alive Slam. Hier treten lebende Dichter*innen gegen Schauspieler*innen an, welche tote Dichter*innen verkörpern. Ein tolles Prinzip, das eigentlich immer mit den Schauspieler*innen steht oder fällt. Geben die Schauspieler*innen sich Mühe, wird es ein geiler Abend. Geben sie sich keine Mühe, wird es kacke. ABER HEUTE IST ALLES ANDERS! Nein, ist es nicht. Die Schauspieler*innen waren unterirdisch und wir haben sie mit einem Fingerschnippen von der Bühne gefegt. Was denken sich nur die Theater immer ihr eigenes Ensemble für so was nehmen zu müssen, obwohl sie wissen, dass ihr Ensemble aus talentierten Dilettanten besteht, aus dem die meisten nicht mal einen Stein authentisch spielen könnten. Ich rege mich zu viel auf, Entschuldigung.

29.12. Hamburg

Gott sei Dank ist Weihnachten vorbei und ich kann wieder arbeiten. Mehr als zwei Tage bei meiner Familie in einem schwäbischen Dorf und ich fange an überall Spätzle zu sehen, die mich mit Mini-Schnitzeln bewerfen und nötigen, schwäbisch zu reden. Da kommt ein kleiner Ausflug nach Hamburg gerade recht. Die Norddeutschen wissen noch, wie man ordentlich Hochdeutsch redet und ich muss mich nicht jedes Mal fast übergeben, sobald jemand den Mund aufmacht. Das ist auch heute mein letzter Auftritt für dieses Jahr und ich habe Bock. Der Slam im Bunker in Hamburg ist einer der renommiertesten und schönsten des ganzen Landes. Tolle Stimmung, tolles Lineup und eine leckere Suppe im Backstage sogen wahrhaftig für ein Wohlfühlaroma, das seinesgleichen sucht. Mein lieber Freund Jason Bartsch gewinnt knapp vor mir, aber das ist mir egal. Dieser Slam war genau das, was ich mir zum Abschluss des Jahres gewünscht habe. Vielen Dank Hamburg.

Ich gehe jetzt Silvester feiern und wünsche euch einen guten Rutsch.

 

 


Leider gibt es noch keine Kommentare Schreib den ersten!
Kommentar schreiben

Folge buecher.de bei Twitter