Geschichten rund um die Frankfurter Buchmesse 2008 Teil 1

Das Netzwerk

Die Macht der Verlags-Scouts wird immer größer. Auch in Europa organisieren sie sich jetzt in Büros. Wir haben vier von ihnen getroffen.

Von Julia Encke

Sie sind die Spürnasen der Verlage im Ausland, lesebesessene Informanten, die wissen, über wen man wo gerade redet. Macht das Gerücht die Runde, dass ein bisher völlig unbekannter Autor aus Frankreich, Italien, aus Südamerika oder den Vereinigten Staaten gerade einen aufregenden Roman geschrieben habe, sind sie die Ersten, die sich dieses Manuskript besorgen, es in weniger als einem Tag lesen und entscheiden, ob sie dem Verlag, für den sie arbeiten, empfehlen, die Rechte an diesem Buch zu kaufen. Sie nennen sich Scouts und sind, trotz männlicher Berufsbezeichnung, fast alles Frauen: Jägerinnen der Bücher von morgen.

/>

in ganz großem Stil, die einen entscheidenden Macht-Effekt mit sich bringt: Je mehr Verlagskunden ein Scout-Büro hat, desto größer ist die Möglichkeit, ein einziges Buch mit einem Schlag weltweit bekannt zu machen. „Gibst du mir dein Manuskript“, können global agierende Scouts zu Verlegern oder Literaturagenten sagen, „dann empfehle ich es acht meiner dreizehn Kunden in verschiedenen Ländern.“ Wenn alles gut läuft, kommt es so zum internationalen Coup.

Carmen Pinilla sitzt, kurz vor der Messe, im Literaturhauscafé in München und redet wie ein Wasserfall. Die 47-jährige Spanierin pendelt zwischen München und Barcelona, und sie hat gerade die Seiten gewechselt: Jahrelang hat sie für die Literaturagentur von Carmen Balcells gearbeitet und Bücher an Verlage verkauft; jetzt vermittelt sie als Scout Auslandslizenzen, darunter, als Nachfolgerin von Michi Strausfeld, an Suhrkamp: „Michi Strausfeld war bei Suhrkamp mehr als ein Scout. Sie war zugleich Beraterin und verantwortlich für das spanisch- und portugiesischsprachige Programm. Ich beschränke mich ganz auf die Scout-Arbeit,

nicht allein, sondern zusammen mit meinem jüngeren Kollegen Daniel Aragó in Barcelona, mit dem ich im April mein neues Büro gegründet habe. Wir suchen nicht nur nach Büchern für Suhrkamp, sondern auch noch für einen Verlag in Holland, in Griechenland, in Italien und in Amerika.“

Die Büros nach amerikanischem Modell kommen allmählich also auch nach Europa. Das ist die Entwicklung, die sich abzeichnet und mit der mehr Komplexität und Adrenalin ins Spiel kommt. Denn die Scouts der jungen Generation sind Getriebene, die nicht nur schnell lesen, schnell denken, schnell entscheiden, sondern untereinander zu immer schärferen Konkurrenten werden.

/>Nehmen wir als Beispiel Frankreich: Dort findet das große Verlagsgeschäft, traditionell zentralisiert, in Paris statt, weshalb Scouts, die französische Belletristik und Sachbücher an ausländische Verlage vermitteln, natürlich auch alle in Paris wohnen. Täglich treffen sie sich mit Autoren, Verlegern, Lektoren und Rechte-Managern zum Mittagessen, weil man in Paris nun mal regelmäßig und ausgiebig zu Mittag isst.

Wer die besten Kontakte hat, einen guten Ruf und dann auch noch zuerst da ist, ist die Königin: „Ich liebe die kompetitive Seite dieses Berufs, den Kick. Wir führen, wenn wir für dieselben Länder ,scouten’, wirklich eine Art Krieg gegeneinander“, sagt die 41-jährige Italienerin Cristina di Stefano, die von Paris aus französische Bücher unter anderem für Random House in Deutschland anwirbt. Jemanden wie Verena von der Heyden-Rynsch würde eine solche Kampfansagesicher wehmütig stimmen: „Früher waren die Scouts in Frankreich untereinander befreundet“, erinnert sich Heyden-Rynsch und lacht über sich selbst, weil sie fast schon wie eine Großmutter klinge. „Als ich vor dreißig Jahren anfing, gab es in Paris einen gebildeten schwedischen Herrn vom Suhrkamp Verlag, der mir sehr geholfen hat. Und es gab die unvergessliche Melsene Timsit, die für Hanser arbeitete und mich gewissermaßen in die Arbeit eingewiesen hat. Wir waren Konkurrenten, aber sehr solidarisch. Nur wenn wir für unsere Verlage die gleichen Bücher wollten, haben wir geschwiegen. Diese Solidarität geht immer mehr verloren. Wir kennen uns, aber wir sehen uns selten.“

Scouts können nicht einfach nach den Büchern suchen, die sie selber gut finden. Sie müssen – und darin besteht die eigentliche Herausforderung – das Profil und Programm der Verlage im Kopf haben, denen sie verpflichtet sind. Das neue Buch muss zu diesem Profil passen oder es erweitern. Und das ist, solange man nur für einen Verlag unterwegs ist, sicher kein so großes Problem. Wenn aber Carmen Pinilla für Suhrkamp nach spanischsprachigen Romanen sucht, dem griechischen Verlag Patakis spanische Sachbücher offeriert, weil die Griechen im Moment das Sachbuch entdeckt haben, und Mondadori in Italien wieder ganz andere spanische Wünsche hat, ist Multitasking gefragt. Vielleicht, spekulieren manche, sei das der Grund, warum Scouts so oft weiblich sind. Man müsse sich immerzu in die Begehrlichkeiten anderer hineinversetzen und diese kommunizieren, und für Empathie und Kommunikation hätten Frauen eben ein größeres Talent als Männer. Möglicherweise ist man da aber schon wieder beim Klischee.

„Man muss sich vor allem auf seine Informationsquellen verlassen und diese gut einschätzen können“, sagt Viktoria von Schirach, die seit Jahren in Rom lebt und italienische Bücher für sämtliche Verlage bei Random House Deutschland anwirbt. Schirach gehört zu den Scouts, die auch in die finanziellen Verhandlungen eingebunden sind, was nicht immer der Fall ist. Normalerweise kassiert ein Scout ein mit den Verlagen vereinbartes Monatshonorar, das nicht erfolgsgebunden ist. Wird ein Buch zum Bestseller, kann es, je nach Vertragslage, Erfolgsprämien geben.

„Es gab auf der Frankfurter Messe einmal ein Buch, das ich für einen Verlag unbedingt haben wollte. Es passte perfekt zum Programm, und so schlug ich der Agentin in Absprache mit dem Verlag ein ,preempt’ vor, eine hohe Summe, mit der der Titel vom Markt genommen werden soll“, erzählt Schirach. „Der Agentin war das Angebot zu niedrig, also zogen wir es zurück, fingen mit einer kleinen Summe ganz normal an zu bieten. Wenn sie nicht zur großen Verlags-Messe-Party eingeladen sei, bekämen wir das Buch sowieso nicht, drohte die Agentin und behauptete, inzwischen ein hohes Angebot von einem zweiten Verlag zu haben. Glücklich saß sie später an der Sushi-Theke der Party, den abgeschlossenen Vertrag mit Random House in der Tasche. Das andere Angebot hatte es, wie sich später herausstellte, nie gegeben. Sie hatte es frei erfunden.“

So zweifelhafte Methoden sprechen sich natürlich herum. Die Buchindustrie, in der sich Verlagsscouts mit größer werdenden Netzwerken von intellektuellen Einzelgängern allmählich in weltweit agierende Büros verwandeln, ist am Ende eine große Familie. Jeder kennt jeden. Spätestens jetzt, auf der Messe, läuft man sich ganz bestimmt über den Weg. In den Hallen spinnen die Scouts weiter ihre Netze.


Leider gibt es noch keine Kommentare Schreib den ersten!
Kommentar schreiben

Folge buecher.de bei Twitter