Gastbeitrag von Oskar Röhler

Gastbeitrag von Oskar Röhler:
Im Herbst des schlurfenden Patriarchen: Wie Günter Grass mir zu meinem Vornamen verhalf

Von Oskar Roehler



Mein Vater Klaus Roehler wurde offiziell der Lektor von Günter Grass, nachdem ihm ein maßgeblicher Kritiker anlässlich einer Lesung vor der Gruppe 47 attestiert hatte, dass er völlig unbegabt sei und das Schreiben lassen solle. Mein Vater hatte insgeheim schon selbst gewusst, dass sein Traum von einer Karriere als Schriftsteller gescheitert war, und nachdem er wochenlang komatös vor lauter Depressionen auf der Couch gelegen hatte, nahm er das Angebot des Kritikers zur Vermittlung des Lektorats von Grass an.


Über Grass gibt es aus meiner Sicht nicht viel zu sagen, aber mein trostreicher und schöner Name Oskar kam zustande, weil mir als Baby eine ähnliche Energie wie die des Oskar Matzerath nachgesagt wurde, nur dass meine Stimme die Nerven meiner Eltern zum Zerspringen bringen drohte. Die Gläser blieben verschont. Ich erinnere mich an die Besuche bei Grass und an seinen Haushalt in der Niedstraße: an diesen zwischen unzähligen Kindern herumschlurfenden Patriarchen, der sich zwischen seinen Fisch-Skizzen und den Töpfen auf dem Herd bewegt, in denen Wirsingeintopf kochte. Die Holzmöbel, Flickenteppiche, der ganze Bauernchic, das typische Kartoffelfeuer, das draußen im Hof brannte: Dieser Mensch frönte seinem ostpreußischen Lebensstil in einem fast pathologischen Ausmaß, und ich habe mich immer gefragt, warum Grass sich aus seiner Heimat überhaupt wegbewegt hat. Er hat sie jedenfalls akribisch nachgebaut, und es sah nicht nach Filmkulisse aus: Das war Wirklichkeit, das roch und köchelte und müffelte so vor sich hin.


Mein Vater war genauso spießig wie Grass, und die beiden stritten sich immer über Politik. Das war alles sehr ernst. Der große Schriftsteller Günter Grass saß dann in seinem gefleckten Hemd und seiner Cordhose vor einem und erklärte aus tiefstem inneren Wissen, weshalb die SPD so verdammt wichtig sei. Er sprach in seiner barocken Sprache und in Sätzen, die kein Ende nehmen wollten, und ich war jähzornig, weil ich als Schlüsselkind zwischen all diesen Intellektuellen, die sich so unglaublich wichtig nahmen, auf Berliner Spielplätzen aufwuchs.


Schon damals mit sechs fing ich zu rauchen an und begann Schlimmeres zu tun. Manchmal mischte ich unseren Haushalt und die langweiligen Gespräche damit auf, dass ich die zwei Jahre älteren Grass-Söhne, die Zwillinge Raoul und Franz, verprügelte. Ich servierte ihnen einen und schickte sie flennend nach Hause. Dann gab es meistens Krach, und die Langeweile war vorbei. Woran ich mich am meisten erinnere, ist dieser dröge Ernst, die Besserwisserei, die Diskussionen und das Gefühl, dass alles nur im Kopf stattfand und sich wie Blei über einen legte. Sex hatte man wahrscheinlich nur, wenn der Kopf voller Alkohol oder Drogen war. Grass nahm allerdings nichts und trank auch sehr zivilisiert. Immerhin hat er eine ganze Kinderschar gezeugt.


Ich erinnere mich an den Weg zu Grass, an diese traurigen grauen Straßen mit den vielen Bäumen in Friedenau, die alles verdunkelten, an den Regenschleier, den Dunst, an den beißenden Geruch der Büsche bei den Spielplätzen und an meinen zerschlissenen weinroten Pullover und die kurze Lederhose, die bereits zu eng geworden war. Ich erinnere mich, dass ich in der Schule nichts begriff, weil ich mit meinen Gedanken in irgendeinem dunklen Loch steckte und daran, dass ich fast dankbar war, wenn Grass dann die Tür öffnete und mit seiner Nickelbrille vor mir stand, mit seiner gebeugten, in sich gekehrten Haltung und einer Miene, die einem unmissverständlich sagte, wie ernst das Leben war. Als wüsste man das nicht längst und müsste nicht sowieso schon die ganze Zeit daran denken. In solchen Momenten war ich Grass dankbar, weil ich mir von ihm ein paar Stunden heiles Familienleben ausleihen konnte, wo es wenigstens ein „warmes Süppchen“ und eine „gemütliche Stube“ gab.


Manchmal schlief ich zu Hause bei Grass am Tisch ein oder verkroch mich auf eines der vielen Sofas aus Bast und schlief wie ein kleiner Hund, den man vergessen hatte, neben dem Ofen ein. Dann konnte ich die Welt um mich plötzlich verstehen und begriff, dass man Gemütlichkeit nachbaut, um seinen Erinnerungen nachzuhängen, auch wenn es nur die Erinnerungen an die Kohlsuppe der Großtante sind, deren Ingredienzen man akribisch genau und seitenlang beschreibt. Diese Welt mit allen Kräften zu verteidigen schafften mein Vater und ich allerdings nicht. Mein Vater unternahm lange Ausflüge in dunkle, apokalyptische Welten, spannte seine weiten schwarzen Schwingen, um heimlich in die Nacht zu entschwinden, während ich in Habtachtstellung im Bett lag und draußen das Licht der Bogenlampe gegenüber am Spielplatz durch das dichte, hässliche Blätterwerk der Kastanie kam, die ich hasste.


Um die Bücher von Günter Grass habe ich immer einen großen Bogen gemacht. Aber meine Großmutter, bei der ich später aufwuchs, bekam den neuesten Grass regelmäßig geschenkt, weil ihr mein Vater die dicken Wälzer, die er, wie böse Zungen behaupteten, bereits um die Hälfte zusammengestrichen hatte, zur missionarischen Bildung der Familie von Berlin nach Forchheim in Unterfranken schickte. Als Lektor von Grass kosteten ihn die Bücher nichts. Manchmal habe ich schließlich doch Passagen daraus gelesen, und die zähen Sätze erinnerten mich dann wieder an die undurchsichtigen, ebenfalls zähen Suppen, die Grass gekocht hatte.


Meine Großmutter stellte Grass‘ Bücher neben die Walser- und Böll-Bände ins Regal: „Der Butt“, über den mein Vater selber lästerte, stand schließlich dreißig Jahre an derselben Stelle im Bücherschrank, in der Wahrnehmung so tief verankert, dass man wusste, wann die Sonne das Buch zu den verschiedenen Jahreszeiten berührte. „Der Butt“ war fester Bestandteil in der biedermeierlichen Einrichtung meiner Großmutter und überdauerte die Bilder der Achtundsechziger-Revolte im Schwarzweißfernseher und alle anderen Großereignisse. Das Buch wurde erst entfernt, als der Hausrat aufgelöst wurde und mit dem Tod meiner Großmutter die letzte Bastion Heimat fiel, die meine zersplitterte und in alle Winde verstreute Familie hatte.



Bildquelle:medien.filmreporter.de


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