Filmtipp: Feuchtgebiete

Feuchtgebiete2008 war für die deutsche Bevölkerung kein ganz so einfaches Jahr. Ende Juni mussten unsere Nationalkicker in Wien zusehen, wie sich Spanien nach einem 1-0-Finalsieg gegen uns zum Europameister kürte. Durch den Zusammensturz des globalen Finanzsystems ergaben sich plötzliche Einschränkungen in Sachen Lebensqualität und auch kulturell gesehen gab es wahrlich schwere Kost.  Das lag vor allem auch am literarischen Debüt von Ex-Viva-Moderatorin Charlotte Roche. Ihr Werk „Feuchtgebiete“ sorgte für Diskussionsstoff ohne Ende, berichtete sie dort doch von Sachen, die man bis dato nicht auszusprechen wagte. Einige kritisierten sie dafür, viele aber führten sich den Roman um die junge Helen Memel zu Gemüt. Das Werk machte derartigen Eindruck, dass es als erstes deutsches in der Geschichte den Sprung bis nach ganz oben an die internationale Bestsellerspitze schaffte. Nun bekommen wir ab Donnerstag auch die filmische Adaption des Stoffes zu sehen.

Ein Stoff, der polarisiert

Nach wie vor ist nicht ganz klar, warum so viele Leute das Buch gelesen haben. Zum einen kann es am Inhalt liegen, zum anderen aber auch an der gesellschaftlichen Diskussion von eben jenem. Klar ist, dass sich ihr Folgeroman „Schoßgebete“ letztlich einer ähnlichen Thematik widmete, aber eben nicht ganz so erfolgreich verkaufte. Über eine Verfilmung wird dennoch spekuliert. Im Fall des Debüts jedenfalls steht diese als fertiges Produkt in den Startlöchern. Dabei hat sich Regisseur David Wnendt („Kriegerin“) sehr an Roches Bestseller gehalten, überlädt die filmische Darstellung kaum mit zusätzlichen Szenen. Das, was uns Helen (Carla Juri) erzählt, reicht aber schon aus, um sowohl auf der Leinwand als auch im Kopfkino des Zuschauers jegliche Szenenvielfalt auszulösen. Die 18-Jährige verfügt über ein sehr vielfältiges Sexualinteresse, von dem sie dem Betrachter auch gerne berichtet. Ihre Eltern (Axel Milberg und Meret Becker) haben sich geschieden, was aber für den Plot kaum wichtig ist. Entscheidender sind ihre teilweise sehr perfiden Experimente mit Gemüse und Ähnlichem. Dass sie sich gerne mal persönlich glücklich macht ist ebenso eines der wesentlichen Grundelemente wie die Darstellung der mehr oder minder durchgeführten Körperhygiene.

Ekelszenen und viel Feingefühl

Um das Werk auch ernsthaft authentisch wiederzugeben, schreckte das Filmteam zu keiner Zeit davor zurück, die Zeilen von Roche in Bilden lebendig werden zu lassen. Obszönes sieht man hier nicht mal so nebenbei – es ist Kernaspekt des Filmes. Genau deshalb aber werden Fans des Buches den Film besuchen. Andere, denen das Buch bereits zu weit ging, womöglich lieber Abstand nehmen. Die unverblümten Erzählungen über das Ausscheiden verschiedenster Körperflüssigkeiten erscheinen tabulos und auch das Verhalten Helens in der einen oder anderen Situation wird den Zartbesaiteten schockieren. Genau davon aber lebt „Feuchtgebiete“. Wer neben einzelnen vielleicht nicht immer gesellschaftstauglichen Momenten auch den Rest beobachtet, wird schnell merken, dass Wnendt letztlich ein äußerst feinfühliger Film gelungen ist.

 


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