F.A.Z. – Interview mit Amos OZ



Meine bösen deutschen Nächte.

Amos Oz kommt nicht zur Buchmesse. Wir haben ihn trotzdem in Frankfurt erwischt. Ein Gespräch über die Schatten der Geschichte.

Von Thomas David

Bildquelle: www.fcom.us.es


Herr Oz, Sie sind dieser Tage mit „Geschichten aus Tel Ilan“, Ihrem neuen Buch, auf Lesereise in Deutschland. Bleibt da noch Zeit für eigene Lektüre?

Aber ja. Ich lese im Augenblick die hebräische Übersetzung von „Gnade“, Toni Morrisons jüngstem Roman. Wunderbar.


Weshalb lesen wir eigentlich Romane?

Weil es ein großes Vergnügen ist, an ihrer Erschaffung teilzuhaben. Wenn man einen Roman liest, ist man der Ko-Autor oder der Aufführende. Es ist, als ob einem der Autor die Noten geliefert hätte und man den Roman wie ein Stück Musik spielen könne. Wenn ein Roman einen Sonnenuntergang beschreibt, muss der Leser seinen eigenen Sonnenuntergang beisteuern; erzählt der Roman von unerwiderter Liebe, muss der Leser die eigene unerwiderte Liebe einbringen.


Welche Erfahrungen verdanken Sie der deutschen Literatur?

Als Teenager und in meinen frühen Zwanzigern habe ich Deutschland so sehr verabscheut, dass ich schwor, nie deutsche Produkte zu kaufen, Deutschland nie zu besuchen und nie deutsche Freunde zu haben. Das Einzige, das ich nicht boykottieren konnte, war die deutsche Literatur, weil ich sonst das Gleiche getan hätte wie die Nazis. Ich las also in Übersetzung die Romane von Böll, Lenz, Grass und Ingeborg Bachmann – die Bücher aller großen Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. Diese Schriftsteller öffneten mir die Augen und das Herz, sodass ich Deutschland nicht länger verachten konnte. Sie boten mir Gelegenheit, meine Vorurteile zu zerschlagen, und als ich Deutschland 1982 zum ersten Mal besuchte, war ich durch das Lesen dieser Bücher vorbereitet.


Wie erleben Sie Deutschland jetzt?

Ich zögere ein wenig, mich über das heutige Deutschland zu äußern, weil ich auf der Lesereise zwar meinen Lesern, einigen Journalisten und Mitarbeitern meines
Verlages begegne, aber das ist längst nicht genug, um sich ein Bild von der Gesamtheit des Landes zu machen. Mein Publikum erscheint mir warmherzig, neugierig und aufgeschlossen. Ist dies ein repräsentativer Eindruck? Ich weiß es nicht. Aber ich kann Ihnen sagen, dass mich auch nach mehr als zwanzig Besuchen in Deutschland ein eigenartiges Gefühl überkommt, sobald ich nachts auf meinem Hotelzimmer allein bin. Tagsüber ist alles in Ordnung. Aber sobald ich in Deutschland oder Österreich des Nachts allein in meinem Zimmer bin, habe ich ein eigenartiges Gefühl, das ich von Besuchen in anderen Ländern nicht kenne.

Was sagt Ihnen dieses Gefühl?

Es sagt mir, dass die Vergangenheit niemals vollständig vergeht.


Inwiefern ist Ihr Werk von Erinnerung und persönlicher Erfahrung bestimmt?

Erinnerung und Erfahrung sind die Auslöser meiner Arbeit, was jedoch nicht bedeutet, dass ich in meinen Büchern ausschließlich meine Erinnerungen aufschreibe. Ein Apfel geht aus Erde, aus Sonnenschein und dem Apfelbaum hervor und ähnelt dennoch weder dem einen noch dem anderen. So verhält es sich auch mit einem Roman. Meine Bücher entstehen aus der Erinnerung und aus der Angst vor der Vergessenheit, und doch haben sie wie der Apfel ein ganz eigenes Leben.


Sie haben kürzlich Ihren 70. Geburtstag gefeiert und gehören zu der Generation israelischer Autoren, die die Geschichte Ihres Staates seit Jahrzehnten mit ihren Büchern begleiten. Wie sehr trägt die Literatur eines Landes zu dessen Identität bei?

Das kann ich nicht sagen, aber ich bin überzeugt, dass man ein fremdes Land am besten kennenlernt, indem man dessen Literatur liest. In Kolumbien sieht man zwar die kolumbianische Landschaft, besucht ein paar Städte und kommt mit ein paar Menschen ins Gespräch. Aber wenn man die Romane von García Márquez liest, dringt man in die Schlafzimmer dieser Menschen und an andere Orte vor, die kein Tourist je zu Gesicht bekommt.


Wie wurde der Friedensnobelpreis für Barack Obama in Israel aufgenommen?

Man findet in ganz Israel keine zwei Menschen, die sich in einer Sache einig wären. Man findet keinen einzigen Israeli, der mit sich selbst einig wäre, weil das Wesen eines Israeli ambivalent ist. Obama ist in Israel eine ebenso kontroverse Persönlichkeit wie in vielen anderen Ländern. Er ist zweifellos ein großes Versprechen, aber auf die Erfüllung dieses Versprechens werden wir noch warten müssen. Obama hat in der Welt geradezu messianische Erwartungen geweckt, und es könnte sich als Problem erweisen, dass diese durch die Verleihung des Nobelpreises noch vergrößert werden.



Was sehen Sie, wenn Sie Ihr Haus in Arad verlassen und nach Europa reisen?

Ich sehe Menschen, die viel Mühe darauf verwenden, mehr Geld zu verdienen, als sie brauchen. Die sich Dinge kaufen, die sie nicht wirklich haben wollen, um Menschen zu beeindrucken, die sie nicht mögen. Das System des totalen Eigennutzes hat seine Fehler, und diejenigen, die an Eigennutz und universellen Reichtum glaubten, mussten sich eines Besseren belehren lassen. Ich bin überzeugt, dass es zwischen der Unterdrückung des totalitären Kommunismus und der Brutalität des Kapitalismus noch eine dritte Möglichkeit gibt und dass diese in der Sphäre sozialer Solidarität und sozialer Integrität liegt.


Hatten Sie vor der Bekanntgabe des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers in der letzten Woche eine Vermutung, wem die Auszeichnung zuteil werden könnte?

Das Nobelpreiskomitee hat in den letzten Jahren sehr überraschende Entscheidungen getroffen. Meine Vermutung war also, dass ich von der Wahl überrascht sein würde, und ich muss zugeben, dass ich von Herta Müller am letzten Donnerstag zum ersten Mal gehört habe. Das tut mir leid und erfüllt mich keineswegs mit Stolz.


Worin besteht die Erotik des Schreibens?

In dem Verlangen, das Unberührbare zu berühren.


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