F.A.Z.-Interview: Bruno E. Mensch – Buchbinder.

Er weiß, warum viele Menschen lieber alles ausdrucken.


Bruno MenschHerr Mensch, wie sind Sie zum Buchbinden gekommen?

Ich habe bei einem Kölner Verlag mein Handwerk gelernt und dann die Buchbinderei bei 4711 geleitet. Später wurde ich dort Geschäftsführer der Kartonagenfabrik.


Ich dachte, ein Buchbinder bindet Bücher?

Unter anderem. Bei 4711 habe ich Ideen für Verpackungen entwickelt: Schachteln, Kassetten, Einbände. Da war mein Wissen als Buchbinder gefragt.


Wer zählt zu Ihrem Kundenstamm?

Bibliotheken geben ihre Periodika und Dissertationen in unsere Obhut. Hinzu kommen Dummys für Verlage und Werbeagenturen. Auch Speisekarten und Vereinschroniken sind ein Geschäftsfeld. Aber wir reparieren auch zerfledderte Familien-Schätzchen.


Was ist ein Buch rein handwerklich?

Es besteht aus dem Buchblock, der zusammengeheftet wird, und dem Einband aus Holz, Leder, Leinen, Pappe oder Papier.


Was waren Ihre kostbarsten Aufträge?

Das waren alte Bibeln. Manche mussten nach altem Vorbild neu geheftet werden. Die Blätter wurden einzeln gewaschen und geflickt. So etwas dauert natürlich und kostet einige tausend Euro.


Was war die größte technische Revolution im Buchbindergewerbe?

Die Verleimung mit Dispersionskleber durch Emil Lumbeck in den Dreißigern. Vorher gab es die Drahtheftung und die Fadenheftung, aber das war für die Massenproduktion zu teuer. Das moderne Taschenbuch verdankt seine Existenz Lumbeck.


Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Büchern beschreiben?

Wenn ein Buch schön gestaltet ist, interessiert mich das offen gestanden mehr als sein Inhalt. Ich habe zum Beispiel eine Hemingway-Ausgabe, „Der alte Mann und das Meer“ mit handsignierten Illustrationen, die mir große Freude macht.


In Köln gab es vor zehn Jahren dreißig Buchbinder. Heute sind es nur noch zwölf.

Die Bibliotheken verfügen über immer weniger Mittel, um ihre Zeitschriften
binden zu lassen. Außerdem macht sich die Digitalisierung bemerkbar.


Wird der Buchbinder überflüssig?

Im Gegenteil. Im privaten Bereich erlebt Gedrucktes eine Renaissance. Die Leute
drucken alles, was ihnen wichtig erscheint, aus. Sie wollen sich in der
Datenflut an etwas festhalten können.


Liegen da die neuen Geschäftsfelder des Buchbinders?

Ja. Seit es den digitalen Druck gibt, haben wir viel mehr Einzelaufträge. Heute
kann jeder am Computer seine Familienchronik oder seine Memoiren schreiben. Und
Hochzeitszeitungen sind inzwischen gang und gäbe. Jemand muss das alles ja
binden.


Können Sie sich vorstellen, in einem E-Book zu lesen?

Man weiß nicht, wo es hingeht. Aber wenn ich mich heute mit einem E-Book in die
Sonne lege, dann sehe ich nichts. Und wenn ich meine Position ändere, werde ich
wieder nicht braun. Das Ganze scheint mir noch nicht ganz ausgereift.


Das Buch ist also unübertroffen.

Im Moment schon. Es ist haptisch und optisch konkurrenzlos.


Auf der diesjährigen Buchmesse werden immerhin 121 208 neue Titel präsentiert.

Ja, der Trend geht zu Neuerscheinungen in kleinen Auflagen, weil sich die
Produktion vereinfacht hat. So vermehrt sich das totgesagte Buch auch in diesem
Jahr auf wundersame Weise.


Die Fragen stellte Katharina Teutsch.


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