Es lebe das Lexikon! Wiki war gestern: Literaturlexikon ist heute – was sagen die Autoren dazu?

F.A.Z. : Huch, ich bin ja Kanon: Heute wird im Marriott-Hotel die Neuausgabe von Kindlers Literaturlexikon präsentiert. Wir haben Autoren, deren Bücher erstmals vorkommen, um eine Lektüre ihrer Einträge gebeten.

Wiki und das gesamte Internet sind Nachschlagewerke. Der neue Kindler natürlich auch. Aber vor allem soll er ein Kanon sein, der Kanon der Weltliteratur. Ein Kanon geht immer von der Vorstellung eines Kerns aus. Der Kanon bildete das Zentrum der Literatur, die sollte das Zentrum der Kultur ausmachen. Robert Musil unterschied zwischen dem Ratioiden als der Domäne der Wissenschaften und dem Nicht-Ratioiden als dem Spielfeld des Schriftstellers. Das Ratioide sollte alles das umfassen, was Gesetzen und Regeln gehorchte, es war durch eine gewisse Monotonie der voneinander unabhängigen Tatsachen, durch einen hohen Grad von Wiederholung und dadurch gekennzeichnet, dass sich die Tatsachen eindeutig beschreiben ließen. Das Ratioide verkörperte die Herrschaft der Regel über die Ausnahme, im Nicht-Ratioiden herrschte die Ausnahme über die Regel.

Das Nicht-Ratioide umfasste das Verhältnis des Menschen als Ganzes zur Welt und zu anderen Menschen, das Gebiet der ethischen und ästhetischen Werte, in dem sich die Tatsachen nicht wiederholten und sich nicht Gesetzen unterwarfen. Wie der Wissenschaftler verkörperte der Dichter Vernunft, jedoch in einer anderen Ausprägung. Der Wissenschaftler fand die Tatsachen außerhalb seiner selbst, der Dichter in sich, der Wissenschaftler systematisierte sie durch die Formulierung von Gesetzen, der Dichter entdeckte immer neue Zusammenhänge, neue Variablen, neue Lösungen, er stellte Prototypen von Geschehensabläufen dar, erfand den inneren Menschen.

Die Lage in den Naturwissenschaften und in der Mathematik ist heute eine völlig andere als zu Zeiten Musils. Der Einzelfall ist auf einem nie geahnten Eroberungsfeldzug. In der Biologie herrscht auch nicht ansatzweise Einigkeit darüber, wie die Gesetze der Evolution präzise zu formulieren wären. Das hält die Wissenschaft jedoch nicht davon ab, die tatsächlichen Entwicklungslinien auf der Stufe des Phänotyps wie auf der molekularbiologischen Ebene immer präziser nachzuzeichnen. Die Vernunft der Naturwissenschaften und auch der Mathematik ist elastischer und damit, ja, literarischer geworden: Die Wissenschaftler erkennen an, dass es sehr viel mehr irreduzible mathematische und naturwissenschaftliche Tatsachen gibt, als sie dachten. Das Ratioide und das Nicht-Ratioide haben sich nicht nur angenähert. Die beiden Klassen verschmelzen miteinander. Die Idee des Kanons war immer auch ein Analogon zum Gesetzesbegriff in der Mathematik und in den Naturwissenschaften. Eine große Menge von Phänomenen wurde auf eine Teilmenge davon reduziert. In der Mathematik und in den Naturwissenschaften hat das Gesetz als Alleinherrscher abgedankt. In diesem Licht erscheint der neue Kindler als das ebenso liebevolle – gegenüber den berücksichtigten Autoren – wie liebesbedürftige – gegenüber den Lesern – Zuwinken einer alten Welt.

Ernst-Wilhelm Händler veröffentlichte gerade den Roman „Welt aus Glas“.


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    14.10.2009
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