Ein Buchtipp als Entscheidungshilfe: Christiane Rösingers „Liebe wird oft überbewertet – ein Sachbuch“

Liest man den blanken Text, der da in einer Art steht, als würde er auf Backpfeifen warten, verhärtet sich das Bild einer Autorin, die Qualen erleidet. Fast mitleidig blickt man auf die gekonnte Darbietung der Worte, die tragisch lächeln wie ein Passbildgrinsen mit Zahnschmerzen. Sie ist die verlassene Verletzte, analysiert der allwissende Leser schnell. Ergo ist sie darum eine verbitterte Frau, die ihren gebrochenen Stolz vor unser aller Augen, mit jeder neuen scharfzüngig formulierten Zeile ihres Buches, etwas weicher in Watte packt. –

Niemals! Obwohl das nicht immer ganz sachliche SachbuchLiebe wird oft überbewertet“ von Christiane Rösinger punktuell den voreiligen Eindruck einer zynischen Abrechnung bestätigt, basiert es doch auf einer detaillierten psychologischen und kulturphilosophischen Auseinandersetzung mit allen relevanten Bereichen der Partnerschafts- und Liebesforschung. Als ob dies nicht genug wäre, las sie mehr als einhundert Single-Ratgeber und kombiniert jetzt dieses einschüchternde Arsenal faktischer Argumente mit ihrem kratzbürstigen Humor und dem entnervten Charme einer überarbeiteten Supermarktkassiererin. Die provokante Kernaussage des Buches beschreibt die moderne Partnerschaft als kollektiv eingeredete Zwangsneurose mit dem Leitbild einer utopischen, glücklichen, lebenslangen und dabei monogamen Seelenverschmelzung von Mann und Frau. Ungefragt eröffnet sie damit den Prozess gegen den bestehenden Irrglauben, dass das menschliche Beziehungskonzept für die Dauer angelegt sei und mehr noch, dass ein ungebundenes Dasein weniger Lebensqualität besäße als ein liiertes. Mit Genuss seziert sie bis ins Kleinste den zur Schau getragenen Kitsch und die deplatzierte Arroganz der verachteten „Paardiktatur“ und ruft, unverblümt und selbstverständlich, zur alles verändernden Revolte auf. Mutig, denn der rekrutierende Ruf trifft auf Ohren, die bis dato all zu gerne mittels geflüsterter Zärtlichkeit belogen wurden.

Doch warum an eine Liebesheirat glauben, wenn die erst neulich, im 18. Jahrhundert, erfunden wurde? Warum so viel Energie für die Lösung gemeinsamer Probleme verschwenden, die jeder für sich niemals hätte? Dies ist keineswegs das erbärmliche Zeugnis einer umfassenden Date-Korbsammlung, für die sie auf dem Marktplatz der Herzen teuer bezahlen musste. Rösinger hatte sich immer erlaubt zu lieben, wenn sich die Gelegenheit dafür bot. Doch die niederen Eigenschaften des Egos, die die Liebe ohne Unterlass und Zeit zum Denken fördert, konnte sie nie leiden. Diese bedrückende Last von Unsicherheiten hemme jede Entwicklung und kreative Schaffenskraft. Den einzigen Anspruch, den man in Zeiten der abwesenden Liebe verspüre, ist  man selbst um glücklich zu sein. Ihre berufliche Verwirklichung, als Sängerin mit eigenen Texten, Betreiberin der Berliner „Flittchenbar“, Kolumnistin, Autorin und Label-Chefin, spricht für viele effektiv genutzte Stunden in produktiver Einsamkeit.

In den aktuellen Niederschriften deklariert Frau Rösinger die Liebe ketzerisch zur unglaubwürdigen Religion des 21. Jahrhunderts, die sich in ihrer wissenschaftlichen Vorhersehbarkeit kaum mit der Vorstellung eines vorbestimmten Schicksals vereinbaren lasse. Die Liebe sei weder besser noch schlechter als die Droge Kokain: Das kurzweilige gute Gefühl sei zwar ganz schön, aber trotzdem nicht gut für die Menschen. Sie, als 50jährige, frischgebackene Oma, hat Verständnis dafür, „dass man die Sache mit dem Pärchenscheiß“ in der Jugend halt mal ausprobieren müsse. Trotz ihrer offenkundigen Verachtung für das „rangniedrige Lebewesen“, dem Paar, weht eine Briese Liberalismus durch diesen Satz, der sie weiterführend von der Gleichstellung alternativer Lebensformen und unkonventioneller Partnerkonzepte träumen lässt. Sie hat zwar den Glauben an die Liebe verloren, aber sie liebt, woran sie glaubt. Eine längst überfällige Lektüre für alle Singles auf der Suche nach Entschuldigungen, Bestätigung und Genugtuung, aber gleichermaßen für gefestigte Paare, die sich ihrer Liebe wirklich sicher sind und einen erschreckenden Blick in den Spiegel der Selbsterkenntnis ertragen.


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