Die Leipziger Buchmesse – Die Nominierten aus der Kategorie „Übersetzung“




Neben den Kategorien „Belletristik“ und „Sachbuch und Essayistik“ wird alljährlich auch die herausragende Leistung eines Autoren in der Kategorie „Übersetzung“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse geehrt. Wie in den beiden anderen Kategorien werden auch hier 5 besonders vielversprechende Bücher nominiert und der Bewertung durch 8 qualifizierte Literaturkritiker unterzogen. Im Gegensatz zu anderen Literaturpreisen, wie z.B. dem Deutschen Bücherpreis, sollen jedoch nicht bereits erfolgreiche Bücher geehrt werden, sondern eben diese, die in der Flut der Neuerscheinungen als Leitfaden für die Leser dienen können.


buecher.de stellt die Nominierten und den Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse 2010 aus der Kategorie „Übersetzung“ vor:



„Unendlicher Spaß“ David Foster Wallace – aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Blumenbach
Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse 2010 in der Kategorie „Übersetzung“
1996 gelang David Foster Wallace mit dem Roman „Unendlicher Spaß“ („Infinite Jest“ im amerikanischen Original) der weltweite Durchbruch. „Unendlicher Spaß“– so nannte James Incandenza seinen Film, der Menschen, die ihn anschauen, so verhext, dass sich ihr Geisteszustand zu dem eines Kleinkindes zurückentwickelt und sie sich nicht mehr von ihm lösen können. Sein Sohn Hal studiert an der Enfield Tennis Academy und ist ein wahres Tenniswunderkind. Hier, sowie im nahe gelegenen Entziehungsheim für Drogenabhängige (Ennet-House), spielt ein Teil der unglaublichen Handlung, die den literarischen Kosmos zu sprengen scheint. Familienroman, Gesellschaftsroman, Science-Fiction-Roman und Agentenroman – das ist „Unendlicher Spaß“. Doch nicht nur der schiere Umfang des Buches, sondern und vor allem die sprachliche Kreativität, die unglaubliche Themenmannigfaltigkeit, die Treffsicherheit der Gesellschaftskritik sowie der Humor machen „Unendlicher Spaß“ zu einem Meilenstein der amerikanischen Literatur. Ulrich Blumenbach ist es in jahrelanger Arbeit gelungen, den Kosmos des Romans zu ergründen und er hat sich der fast unmöglichen Aufgabe einer Übersetzung ins Deutsche gestellt. Seitenlange, ineinander verschachtelte Sätze, der schnodderige Slang eines Kleinkriminellen, Neologismen, die wissenschaftliche Fachsprache eines Professors, Wortspielereien oder simpler falscher Sprachgebrauch, welchen Foster Wallace einigen seiner Charaktere in den Mund legte: Blumenbach meisterte alle Herausforderungen mit seinem untrüglichen Sinn für die vielfältigen Ebenen der Sprache, mutig und eigenwillig und dabei trotzdem werktreu.

„2666“ Roberto Bolaño – aus dem Spanischen von Christian Hansen

Posthum erschien 2004 Roberto Bolaños Jahrhundertroman „2666“, welcher, von internationalen Kritikern gefeiert, wie Literatur aus einer anderen Welt wirkt. Es ist eine Reise ins finstere Herz der modernen Welt, welche in atemberaubender Maßlosigkeit vom Autoren charakterisiert wird. Als apokalyptisches Bild einer Art Resümee des 20. Jahrhunderts überzeugend, ist das literarische Vermächtnis des aus Chile stammenden und 2003 in Barcelona verstorbenen Bolaño sowohl Gangster- und Bildungsroman, Reportage und Science-Fiction. Die Größe des chilenischen Romanciers ließ sich für uns aber erst durch die Übersetzung von Christian Hansen erkennen. In einem gewaltigen Kraftakt hat Hansen das Mammutwerk, seine suggestive und bildgewaltige Sprache, die stets das Böse und den unterschwelligen Horror zum Ausdruck bringt, bewundernswert ins Deutsche übertragen.


„Waltenberg“ Hédi Kaddour – aus dem Französischen von Grete Osterwald
„Waltenberg“ ist ein Epochenroman, der unser gesamtes vergangenes Jahrhundert mit seinen großen Utopien und Barbareien in den Focus nimmt. Der gebürtige Tunesier Hédi Kaddour spannt in seinem Werk einen Bogen von den Schlachten des 1. Weltkriegs über die Schrecken des Nationalsozialismus und den Kalten Krieg bis hin zur Perestroika sowie der Deutschen Wiedervereinigung. „Waltenberg“ ist ein Roman über die Politik der Großmächte, über Spionage, aber auch über die Liebe. Das Hotel „Waldhaus“ im Schweizer Bergdorf Waltenberg, in dem im Jahr 1929 Intellektuelle, Philosophen, Ökonomen, Staatsmänner und Naturwissenschaftler Diskussionen über die Zukunft Europas austragen, bildet das geistige Zentrum des Romans. Hédi Kaddours Sprache spiegelt hierbei die unglaubliche Komplexität der Geschichte wider: meisterhaft verbindet er die verschiedenen Erzählstränge und jeder poetische Satz, jeder bildreiche Vers enthält die Anspannung, die die Konflikte dieser Epoche in sich getragen haben. Grete Osterwalds versierte Übersetzung hat die deutsche Analogie für die fein geschliffene prosaische Lyrik Kaddours und seine detailreiche Erzählweise gefunden. Denn schließlich haben wir es ihr zu verdanken, dass auch im Deutschen der unwiderstehliche Witz Kaddours lebendig wird.

„Anna Karenina“ Lew Tolstoi – aus dem Russischen von Rosemarie Tietze

Mit „Anna Karenina“ erschien 1877/78 Lew Tolstois Gegenwartsfortsetzung der Geschichte Russlands, die er in „Krieg und Frieden“ begonnen hatte. Die Geschichte seiner Titelheldin, die sich in einen jüngeren Offizier verliebt und mit ihm ihre Ehe in den gehobenen Gesellschaftsrängen bricht, ist nicht nur ein Charakterbild von psychologischer Sensibilität, sondern auch eine Kulturgeschichte des Zarenreiches, ein epochales Monument, welches Thomas Mann einst „den größten Gesellschaftsroman der Weltliteratur“ genannt hat. Tolstois Romane sind seit Jahrzehnten nicht neu übersetzt worden. Rosemarie Tietze hat „Anna Karenina“ ein modernes Antlitz gegeben und das Buch mit Nachwort und Kommentaren versehen. Damit hat sie eine übersetzerische, philologische und gleichsam editorische Leistung vollbracht. In dieser exzellenten Neuübersetzung hat der Klassiker der russischen Literatur eine deutsche Fassung gefunden, welche die opulente Sprache des Originals, die stilistischen Besonderheiten und den Rhythmus Tolstois so exakt wiedergibt und dabei trotzdem so ungezwungen und frisch daherkommt, dass die Lektüre wahrlich zu einem großen Vergnügen wird.


„Wilner Getto 1941 – 1944 – Gesänge vom Meer des Todes“ Abraham Sutzkever – aus dem Jiddischen von Hubert Witt
Juli 1944. Auch jüdische Partisanen beteiligen sich an der Vertreibung der deutschen Eroberer aus Wilna. Nur Wenige überlebten. Kaum etwas blieb vom „Jerusalem des Nordens“, wie Wilna einst genannt wurde: eines der bedeutendsten Zentren jüdischer Kultur in ganz Osteuropa. Abraham Sutzkevers Bericht „Wilner Getto 1941–1944“ ist sowohl Teil, als auch Spur dieser Geschichte. Im Wilner Getto war es nicht zuletzt dem jungen Dichter zu verdanken, dass das kulturelle Geschehen am Leben erhalten werden konnte. Seine Aufzeichnungen, erstmals 1946 in Moskau erschienen, schildern minutiös die Ereignisse jener Zeit. 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges liegt dieses wichtige Dokument erstmals in deutscher Sprache vor. Der zweite Teil des Doppelbandes, Sutzkevers poetisches Werk „Gesänge vom Meer des Todes“, welches so ebenfalls zum ersten Mal in Deutsch vorliegt, ist eine dichterische Zeugenaussage von kaum gesehener Sprachgewalt, die den Bericht nicht nur ergänzt, sondern ihn auch kommentiert. Aus den jiddischen Versen Sutzkevers spricht Weisheit und Bescheidenheit einer verängstigten und hoffnungsvollen Menschlichkeit. Hubert Witts akribischer und feinfühliger Übersetzung verdanken wir, dass ein so immens wichtiger Autor jiddischer Literatur der Versenkung entrissen werden konnte. Mit Sorgfalt und Rücksicht auf Rhythmus, Reim und Sprachbilder hat Hubert Witt die pulsierenden Gemütsbewegungen der Lyrik Sutzkevers eindringlich und ganz ohne Pathos ins Deutsche gebracht.


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