Der Washington-Kult

Von Henrik Eberle


Einen zentralen Punkt im freimaurerischen Stadtplan Washingtons bildet das Capitol, der Sitz des Kongresses. Hier wird Robert Langdon erwartet, und hier wird er einen grausigen Fund machen. Und selbstverständlich stößt er bei der Auflösung des Falls auf weitere Symbole der Freimaurer. Das verwundert nicht, war das Gebäude doch ursprünglich als Herberge für die versammelte Weisheit des Volkes gedacht – so definierte man damals Demokratie. Ob das amerikanische Parlament diesem Anspruch gerecht wurde, sei dahingestellt.


Der heutige Tourist bemerkt allerdings kaum noch etwas von der schlichten Würde des ursprünglichen Entwurfs. An den Wänden der Rotunde wird die amerikanische Geschichte in grässlichen Monumentalgemälden verherrlicht und in der Kuppel darüber befindet sich ein kolossales Kitschbild, das George Washington im Kreise von 13 Jungfrauen zeigt. Er selbst ist in königliches Rot gewandet, zu seinen Seiten schweben die Göttinnen des Sieges und der Freiheit. Washington im Himmel? Er selbst hätte die Vorstellung absurd gefunden, duldete er selbst in seinem Sterbezimmer doch nicht einmal einen Priester.


Zur Entschuldigung für Washington sei erklärt, dass er bereits 1799 starb, das Gemälde erst 1865 gemalt wurde. Sein Schöpfer war Constantino Brumidi, ein Italiener, der ursprünglich im Vatikan beschäftigt war. In den Revolutionswirren von 1848 hatte es ihn nach Mexiko verschlagen, dann in die USA. Ein General, der für den Ausbau der Infrastruktur der Stadt zuständig war und nebenbei den Innenausbau des Capitols überwachte, stellte ihn ein, weil ihm die pompösen Gemälde des gelernten Kirchenmalers gefielen.


George Washington hätten sie vermutlich eher missfallen, was die noch heute erhaltene, sehr geschmackvolle Ausstattung seines Landhauses vermuten lässt. Und im Hinblick auf das Capitol war der Architekt seines Vertrauens, das verblüfft nicht, ein Freimaurer, ein für das 18. Jahrhundert typischer Universalgelehrter: William Thornton. Geboren wurde dieser auf der Karibikinsel Tortola, seine Ausbildung erhielt er in England. Thornton arbeitete als Arzt und Apotheker, konstruierte in Edinburgh eine Camera Obscura und malte. Er war mit Benjamin Franklin, dem Diplomaten und Erfinder des Blitzableiters, befreundet und machte während der Revolutionswirren die Bekanntschaft George Washingtons.


Gemeinsam mit ihm und Pierre L’Enfant arbeitete er später am Stadtplan für die Bundeshauptstadt. Dabei gewann sein Entwurf für das Capitol den ersten Preis – es zeichnet sich in der Tat durch eine schlichte Würde aus. Für welche Zeichen und Symbole Thornton verantwortlich zeichnete, sei jedoch noch nicht verraten.


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