Der Preis der Leipziger Buchmesse für Setz, Ritter und Conrad

Sie hat begonnen. Die Leipziger Buchmesse 2011 öffnete ihre Türen und wie auch in den vergangenen sechs Jahren stand der erste Tag ganz im Zeichen des mit insgesamt  45.000 Euro dotierten Preises, der in drei Kategorien das Buch beziehungsweise die Neuentdeckung des Jahres prämieren soll. Nachdem sich die Jury Anfang Februar auf jeweils fünf Nominierte in den Sparten Belletristik, Essayistik & Sachbuch sowie Übersetzung festgelegt hat und somit die Auswahl von gut 480 Werken auf ein auserlesenes Minimum reduzierte, durfte man gespannt darüber spekulieren, wer die Nachfolge von Georg Klein, Ulrich Raulff und Ulrich Blumenbach antritt.

Belletristik – Clemens J. Setz „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“

Die Königsdisziplin erlebte die wohl größte Überraschung, denn mit „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ von Clemens J. Setz hat der absolute Außenseiter gewonnen, zumindest wenn man das Publikumsvoting betrachtet, bei dem das Werk gerade einmal 5,8% überzeugen konnte. Nichtsdestotrotz entscheidet die Jury und  diese hat mit der Geschichte über die Abgründe menschlicher Natur definitiv eines der vielschichtigsten Stücke des letzten Jahrzehntes ausgewählt. Setz karikiert Menschen, die am Tag so normal scheinen und sich am Abend mit der ganzen Tiefe ihrer eigenen grotesken Züge auseinandersetzen müssen – sehr gewagt, aber äußerst eindrucksvoll.

Essayistik & Sachbuch – Henning Ritter „Notizhefte“

Auch wenn wir für Andrea Böhm gestimmt hätten, können wir mit dem Gewinner Henning Ritter in der Sparte Essayistik & Sachbuch gut leben. Seine „Notizhefte“ bestehen aus einer Sammlung von Gedanken, die über 25 Jahre gereift und zusammengefügt worden sind. Diese zeigen die Vereinbarkeit von Vergangenheit und Gegenwart, erheben gar den Anspruch, dass man in der eigenen Zeit die Antwort auf die Fragen früherer Epochen parat hält. Alte Probleme werden später gelöst und so wird der Leser Zeuge eines Disputs, der sämtliche Kulturepochen durchläuft und in Form von Aphorismen und Essays die Gedanken eines Rousseau, eines Nietzsche oder eines Montaigne in denen eines Ritters eint.

Übersetzung – Barbara Conrad „Lew Tolstoi: Krieg und Frieden“

Einmal haben wir richtig gelegen und wenn man ehrlich ist, wäre alles andere auch ein wirkliches Wunder gewesen, denn Conrad hat sich mit Tolstoi nicht nur einen der begnadetsten Schriftsteller der globalen Literaturgeschichte herausgepickt, sie hat es auch im richtigen Jahr getan. Am vergangenen 20. November unseres Kalenders jährte sich Tolstois Todestag zum 100. Mal, am 17. März 2011 feierte Übersetzerin Conrad ihren bisher größten Erfolg – ein Tag, an dem sie wohl auch an Tolstoi gedacht hat. Conrad schafft es, den eigenwilligen und ganz besonderen Stil Tolstois ins 21. Jahrhundert zu integrieren und so wird die Intention seiner Darstellung von privatem Leben in einer Zeit, in der Kampf das Leben bestimmt, authentisch adaptiert.


Leider gibt es noch keine Kommentare Schreib den ersten!
Kommentar schreiben

Folge buecher.de bei Twitter