Der F.A.Z.-Blick in die Zukunft: Der Leser

Die Leser der Zukunft sehen anders aus, ganz anders. Keine Lesebrillen, keine Karopullis, keine ausgebeulten Stoffbeutel voller Knäckebrotdosen und handsignierter Siegfried-Lenz-Ausgaben. Nein, die futuristische Buchkultur braucht keine Bücher mehr, hier genügen Schnellfeuerwaffen aus Plastik und ein wenig Phantasie bei der Wahl der Bekleidung. Mangafiguren sind an den Publikumstagen der Messe wichtiger als sogenannte literarische Figuren, und die jugendlichen Cosplayer, die sich als Ichi the Killer oder Uzumaki kostümieren, strahlen mehr Selbstbewusstsein aus als jeder Nobelpreisträger. Sie könnten die eintausendsechshundertachtundvierzig Seiten „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace mit einem Handkantenschlag in zwei Teile zerhauen, und mit Richard David Precht und seinem Liebes-Geschwafel würden sie kurzen Prozess machen. Wenn sie in ihren Sternenkrieger-Nazi-Schulmädchen-Uniformen durch den engen Glastunnel zwischen Halle 3.1 und Halle 4.1 marschieren, dann macht der Ü-30-Literaturbetrieb, der hier ansonsten mit seiner geballten Trägheit den Weg blockiert, eine Gasse frei. Für Podiumsdiskussionen und Leseinseln interessieren sich die Manga-Mädchen nicht, und keines von ihnen hat die achtzehn Bände des neuen Kindler-Literaturlexikons zu Hause im Regal stehen. Aber wer hat das schon. Seien wir doch ehrlich: Ohne die Manga-Kommandos wäre die Buchmesse bloß ein geriatrischer Kongress.


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