Der erste Satz im Roman – fesselnd oder langweilig: ein paar Beispiele

Dem Jüngsten Gericht entkommt kein Roman: Er kann sich verstecken, solange er
will – eines Tages muss er zum Lektor. Jetzt hat er exakt zwei Sekunden. Auf die
ersten Worte kommt es an. Wir haben zwei renommierte Lektoren befragt, welche
Chancen sie einem Roman einräumen, der mit einem dieser natürlich vollkommen
ausgedachten Sätze beginnt.


Von Oliver Jungen


1) Ich befinde mich in einem Klo, umgeben von Gürteln und Knöpfen.


Katja Saemann: Ein guter erster Satz, darauf kann einiges folgen – nein, dem ist
umgekehrt einiges vorausgegangen, vermutlich. Abgerissene Knöpfe, gleich
mehrere, und Gürtel. Also mindestens zwei gute Gründe.


Jo Lendle: Man möchte an der Türklinke rütteln: Lasst mich hier raus. Solch ein
Albtraum aus Hosenverschlüssen übertreibt das Ich-Befinden ein wenig. Grund zum
Weiterlesen: Oder ist mit dem Klo gar die Schüssel gemeint?


2) Seit ich Hämorrhoiden habe, kann ich denken.



Katja Saemann: Endlich ein Reizwort, zugegeben nicht schlecht gesetzt.


Jo Lendle: Von diesen Manuskripten kommen seit letztem Frühjahr fünf am Tag. Die
Frau, die als erste Analfissur auf Intimrasur reimte, war ein Original. Alle
anderen machen sich bitte auf die Suche nach neuen Körperöffnungen. Grund zum
Weiterlesen: der beigelegte Lolli. Mit Avocadogeschmack.


3) Als Herr Bibo Blechbeutel von Beutelgras ankündigte, dass er seinen
bevorstehenden hundertelfzigsten Geburtstag mit einem rauschenden Fest in der
Wolfsschanze zu feiern gedenke, begann in Telgte ein erregtes Getuschel.



Katja Saemann: Gleich weiter an Klett-Cotta.


Jo Lendle: Süß. Und nun? Ein Führerbunker macht noch kein Mittelerde, ein
Treffen keinen Tolkien. Wenn man alle Farben mischt, wird’s matschig. Grund zum
Weiterlesen: Mal schauen, auf welcher Seite Mork vom Ork um die Ecke guckt.


4) Ein einfach gestrickter alter Sack reiste im tiefen Winter von Ichenhausen an
der Günz, seiner Vaterstadt, nach Rudolstadt im Thüringischen; er fuhr auf
Ausländerhatz für drei Tage.



Katja Saemann: So kann nur eine Bildungsromansatire beginnen, mit den besten
Absichten, fraglos. Die Schwierigkeit wird darin liegen, den Ton nicht noch
schriller werden zu lassen – könnte auf der langen Strecke schwer auszuhalten
sein.


Jo Lendle: Neuer Wein in alten Säcken: Das schmeckt abgestanden. Grund zum
Weiterlesen: Vielleicht kommen Stricksäcke ja mal in Mode.


5) Über ihm hüpften, nein tanzten Annabels Grapefruitbrüste.


Katja Saemann: Grapefruitbrüste? Weder…


Jo Lendle: Bitte wieder einpacken. Eat them, don’t read them. Grund zum
Weiterlesen: Lustig macht sauer. Aber manchmal glückt die Komik ja auch. Mal
weiterknabbern bis zum ersten Gemüse.


6) Über ihr hüpften, nein tanzten Annabels Grapefruitbrüste.


Katja Saemann:
…noch!


Jo Lendle: Wer die Zahl der Teilnehmerinnen einer Sexszene verdoppelt,
verdoppelt noch lange nicht die Leselust. Grund zum Weiterlesen: Das kann ja
heiter werden.


7) Kevin – so nennen wir einen digitalen Bohemien im besten Bloggeralter -,
Kevin hatte in seinem Hobbykeller die schönste Stunde eines Aprilnachmittags
zugebracht, um frisch heruntergeladene Emoticons seinen jüngsten Stammeleien
aufzupfropfen.



Katja Saemann: Goethe twittert? Daraus könnte eine komplizierte Liebesgeschichte
werden.


Jo Lendle:
Das Alphabet der Emoticons muss um den trostlos leeren
Gesichtsausdruck erweitert werden, mit dem man diesen Satz betrachtet. Und der
Satz schaut gänzlich unverwandt zurück. Grund zum Weiterlesen: Wird Kevin im
Netz seine Mandy finden? Stimmt die Chemie 😉


8 ) Ich habe große Achtung vor Deutschland und den Deutschen, aber ich muss
feststellen, dass man hier von Demokratie spricht, aber in der Praxis eigentlich
diktiert.



Katja Saemann:
Über diesen Satz bin ich kürzlich an anderer Stelle gestolpert.
Als Romananfang lese ich ihn lieber.


Jo Lendle:
Der erregte Ausruf eines chinesischen Altfunktionärs zum Thema
Buchmesse könnte doch schön am Anfang eines transkulturellen Romans stehen.
Zwischen den Sprachen ist ohnehin viel Platz für „falsche Freunde“. Grund zum
Weiterlesen: Der Duktus weckt Erinnerungen: Trapattoni, nach Diktat vergreist.


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