Das Ritual und das Chaos

Von Henrik Eberle


Zurück zur Leseprobe: Dan Brown führt den Leser in den Tempel des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus. Aber im Gegensatz zu dem, was von Verschwörungstheoretikern oft vermutet wird, ist dieser Ritus zwar der populärste, aber keineswegs der einzige. Denn die Freimaurerei kannte damals – und kennt bis heute – keine verbindliche Doktrin. So weisen viele Hinweise darauf hin, dass George Washington den York-Ritus pflegte. Außerdem gab es zu seiner Zeit noch keine starren Hierarchien.


Aber es ist möglich, dass es in den Logen, die Washington frequentierte, bereits festgelegte Aufnahmerituale gab. Bei ihnen spielte der sogenannte „Fürchterliche Bruder“ eine wichtige Rolle. Zu seinen Aufgaben gehörte es, das neue, bei der Zeremonie halbnackte und blinde Mitglied während des Aufnahmeritus zu betreuen oder zu ängstigen. Man beachte: Die Augenbinde wurde erst nach dem Gang durch ein Labyrinth von Treppen gelüftet, wenn sich der Kandidat plötzlich vermummten Männern mit gezückten Degen, mit einem geöffneten Sarg und Totenschädeln konfrontiert sah. Der Schockeffekt war gewollt und zielte auf jene ab, die nie ein Schlachtfeld gesehen hatten. Der Event signalisiert: Wissen und Weisheit sind nur für einen bestimmten Preis zu haben. Zugleich erinnert das Ritual an die Toten, die für eine gerechte Sache gefallen sind.


Jeder ahnt es: Der Mann, der in der Leseprobe das Ritual durchläuft und in die Bruderschaft aufgenommen wird, ist ein Schurke. Die Maske des Bösewichts ist offenbar die des Ehrenmannes, des wohltätigen, nach Vernunft suchenden Freimaurers. Man verrät nicht zuviel, wenn man zugibt, dass noch andere Personen im Buch den Leitspruch des Schottischen Ritus folgen: „Ordo ab chao“. Aber Historiker wissen: Ordnung ist das Muster, das man später in das Chaos webt. Die klassischen Physiker sehen das anders. Sie scheinen zu wissen, dass es kein Chaos gibt, sondern nur zu wenige Informationen. Moderne Physiker glauben, dass das Chaos eigene Regeln hat; ihrer Auffassung nach kommt es nur darauf an, sie zu erkennen.


Von George Washington zur Chaostheorie – man darf gespannt sein.


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