Bücher verführen zum Lesen. Erotik verführt sowieso: Höhepunkte der Messe – Teil 1



Wie man Leser wirklich verführt, zeigt ein Escort-Service.


Von Oliver Jungen und Martin Wittmann


Wir waren vorbereitet. Hanns-Josef Ortheil, der Orgiast, schreibt einen sinnlichen Schmöker nach dem anderen, Philip Roth ist knapp am Nobelpreis vorbeige(sch)rammelt. Die Tendenz ist eindeutig: Buchliebhabertum ist wörtlich zu verstehen. Zur folgenden Geschäftsidee war es da nur noch ein kleiner Schritt: „Wer in die Finanzmetropole mit der atemberaubenden Skyline kommt, jedoch so gänzlich keine Lust verspürt, alleine die Entwicklungen des Buchmarktes unter die Lupe zu nehmen, kann mit einer der VIP-Escort-Damen die Zeit auf der Literaturmesse ganz anders genießen.“ Die VIP-Ladys, das wird angedeutet, brennen nämlich nur darauf, den Gentleman aus der Verlagsbranche „zu allen möglichen Meetings zu begleiten“. Dort entfalten sie dann ihre wuchtige Wirkung als Meeting-Luder: „Das geht allerdings nur, weil diese Damen nicht nur wunderschön sind, sondern es auch verstehen, sich auf sehr angenehme Art über Literatur zu unterhalten, so dass in behaglicher Atmosphäre ein unaufdringlicher erotischer Reiz um sich greifen kann.“


Aber doch dürfte die Art, sich über Literatur zu unterhalten, noch ein bisschen angenehmer, der erotische Reiz noch stärker um sich greifend sein, wenn Buch und Gebuchtes zusammenstimmen. Wir haben uns das Angebot genau angesehen und keine Mühen gescheut vorzusortieren. Zum Glück ist die Honorartabelle übersichtlich und immer gleich: Mit 250 Euro schlagen zwei Stunden „Dinner Time“ zu Buche, mit der doppelten Summe zwei Stunden „Private Time“. Wer die Privatzeit auf die ganze Woche ausdehnen will, muss schon 6000 Euro zur Hand haben.

Unendlicher SpaßDa also hätten wir zum Beispiel die Italienerin Isabella (90-60-90), von Beruf „Dreamgirl“. Sie liebt es nicht nur, „aus ihrem maßgeschneiderten Outfit zu schlüpfen, sich ihres zarten Spitzen-BHs zu entledigen und mit geschmeidigen Fingern ihren Slip herunterzuziehen“, sondern fährt absolut darauf ab, „die Mailänder Scala zu besuchen und mit einem kunstsinnigen, gepflegten Herrn die Galerien und Museen ihrer Heimatstadt zu durchstreifen“ – wie geschaffen also für die Fans von Ernst-Wilhelm Händlers „Welt aus Glas“, die nicht nur in der Mailänder Galerienszene ihren Ursprung hat, sondern massenhaft Slips herunterzieht, und zwar derart geschmeidig, dass man fast glauben könnte, es handelte sich eigentlich um einen mexikanischen Entführungsroman.

I love DollarsFür die fernöstlichen Ehrengäste, die Bücher wie „Ein vermeintlicher Herr“ (über einen vogelscheuchigen Herrn), „Brüder“ (über zwei Brüder) und „I love Dollars“ (über kapitalistische Tugenden) im Gepäck haben, könnte vielleicht die deutsch-chinesische Studentin Kitty (85-58-85) von größerem Interesse sein, denn egal ob Vogelscheuche: „Man wird Sie schlichtweg schnell um diese reizende Begleiterin beneiden“, außerdem ist hier „sexuelle Leidenschaft mit zwei Männern“ im Angebot, was Brüdern gefallen und den Preis kapitalistisch
tugendhaft halbieren dürfte.


Ein bienchenflinker Verlag wie Herder, wo schon 44 Jahre nach Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils soeben der zugehörige theologische Kommentar erscheint, wird für seine Edelfedern wohl eher die Eis schmelzende „Grande Dame“ Betty (92-62-92) vorbuchen, die als „hervorragende Begleiterin für alle Lebens- und Liebeslagen“ gilt und mit höchster Freude „einem Empfang mit hohen Würdenträgern“ entgegensieht, was sie gar mit „überfließendem süßen Honigtau“ zu belohnen gewillt ist.

Unendlicher SpaßWer dieses Jahr im Gedenken an David Foster Wallace einfach nur dem Prinzip „Unendlicher Spaß“ huldigen möchte, darf es wagen, die „wilde Tigerin“ Chantal zu buchen, die unter „Vorlieben“ angegeben hat: „Frivoles Ausgehen“ und „Dirty Talk“, unter „Interessen“ aber „Origami“ und „Kultur“. Man glaubt ihr gerne, dass sie sich „kopfüber ins Vergnügen gestürzt“ hat und bisher nicht wiederaufgetaucht ist.


Soraya (98-73-99) aus Stuttgart wiederum ist nicht nur der „real gewordene Traum der reinen Versuchung“, sondern „so ein hübscher südamerikanischer Wirbelsturm der Leidenschaft, dabei ist sie einfach ganz sie selbst“. Derart poetisch liest sich ihre Anzeige wie der real gewordene Traum des reinen Paulo-Coelho-Klappentextes. Alleine ihre mannigfaltigen Hobbys – „Skulpturen erschaffen, selber malen, Mountainbike“ – machen Soraya zur Ikone der Vielseitigkeit, zum Günter Grass des Escort-Gewerbes. Mit den vier Sprachen, die sie spricht, ist sie „für den Mann von Welt die perfekte Begleitung“, also für alle Peter Scholl-Latours, die den weiten Weg vom Hindukusch zur Buchmesse auf sich nehmen. Kurz: Mit Soraya hat jeder seine Gaudi (außer vielleicht Prinz Asfa-Wossen Asserate, denn „feinste Manieren werden ihr eine Selbstverständlichkeit sein“, da ist nichts mehr zu erziehen).


„,Wer in deine Augen blickt, der blickt in die unendliche Tiefe deiner erotischen Seele‘, das hat eine Freundin ihr mal gesagt“, liest sich bereits wie ein preisverdächtiger skandinavischer Kriminalroman, und Jolina ist tatsächlich die perfekte Begleitung für dessen Fans: „Männer, die es schätzen, ein Model mit hohem Kunstverstand und einem Faible für nordische Literatur ihre Begleiterin nennen zu dürfen“ mag sie, aber ob männliche Mankell-Leser tatsächlich die „Gentlemen, die es verstehen, eine Frau zu verwöhnen und ihr das zu geben, wonach sie sich sehnt“, sind, die sich Jolina wünscht, sei dahingestellt.


Dann lieber doch die lebenslustige Esther. „Lernen Sie diese interessante Dame bei einem Glas Champagner persönlich kennen“, steht in ihrem Profil, und so manche Figur des Literaturbetriebs dürfte sich denken: „Mach fünf draus, und ich bin dabei.“ Mit Maßlosigkeit (Körbchengröße F) dürfte auch Dilara überzeugen, vor allem Fans von Roberto Bolaño (16 437 Seiten), Dietmar Dath (154 Bücher seit 2007) und Denis Scheck.


Verspielter mag es Joy: „Wenn Man(n) sie das erste Mal sieht, dann wird er unwillkürlich stehen bleiben.“ Dieses anregende Wortspiel allein dürfte schon jene Sprachliebhaber bezirzen, denen „Bis(s) in die Morgenstunden“ den Puls hochtreibt.


Zum Schluss noch ein Hinweis für Derrida-Fans: Kim steht auf „Französisch 69„. Außerdem möchte sie „den erfahrenen Gentleman mit Klasse gern in verschiedenen Variationen verführen, ebenso genießt sie die ausgiebige Liebe zu zweit oder zu dritt“. Ein gesamter Martin-Walser-Ortsverein dürfte sich angesprochen fühlen.


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