buecher.de-Gametipps: Heavy Rain

Heavy Rain aus dem Hause Quantic Dream gehört zu der Sorte von Spielen, die man anfängt und fast durchgängig bis zum Ende durchspielt. Selten habe ich ein Spiel gespielt, das mich so sehr an das Gamepad fesselte und nur der Wecker am Morgen es schaffte mich in die Realität zurückzuholen und den Fernseher auszumachen. Heavy Rain ist wie ein ca. 10-stündiger Thriller, der das subtile Grauen von „Schweigen der Lämmer“, die Wahnhaftigkeit von „Sieben“ und die Dramaturgie eines Quentin Tarantino Films verbindet und teilweise übertrifft; harter Tobak, der nichts für zarte Gemüter ist. Während des Spiels bricht ein Meer an Emotionen über den Spieler herein und die teilweise extremen moralischen Konflikte führen mehrfach zu heftigen Bauchschmerzen.



Heavy Rain macht alles richtig und nur ganz wenig verkehrt.


Die Handlung dreht sich um eine rätselhafte Mordserie, die jeden Herbst fortgesetzt wird. Kinder verschwinden spurlos und werden dann wenige Tage später tot aufgefunden – in Regenwasser ertränkt, mit einer Orchidee auf der Brust und einem Origami in der Hand. Schnell versuchen die Polizei und das FBI den sog. „Origami-Killer“ zu fassen, doch alle Spuren und Hinweise verlaufen im Sand, bis eines Tages der 9-jährige Sohn des Architekten Ethan Mars an einem regnerischen Tag mitten auf dem Spielplatz verschwindet. Ethan hatte vor zwei Jahren bereits seinen anderen Sohn bei einem tragischen Unfall verloren – an diesem Vorfall zerbrach sowohl seine Ehe als auch sein, im Prolog spielbares, perfektes Leben. An den Rand der sozialen Isolation gedrängt und langsam seinen psychischen Problemen erliegend, macht sich Ethan auf die Suche nach seinem Sohn und dem grausamen Entführer. Doch Ethan ist nicht der einzige Charakter in diesem Spiel, der mit seinen Problemen zu kämpfen hat. Da wären Madison Paige, die Journalistin, die an seltsamer Schlaflosigkeit leidet, Norman Jayden, der junge FBI-Ermittler, der seine Drogensucht zu bekämpfen versucht und Scott Shelby, der abgehalfterte alte Polizist, der sich als Privatdetektiv einen Namen zu machen versucht – sie alle ermitteln mehr oder weniger gemeinsam um den Fall des Origami-Killers zu lösen. Doch schnell überschlagen sich die Ereignisse und aus den Jägern werden selbst Gejagte und Spielbälle des unberechenbaren Killers. Während des Spiels übernimmt man immer wieder die Rolle der einzelnen Charaktere und versucht auf individuelle Art mit den Ermittlungen voran zu kommen.

Das Großartige und das, was Heavy Rain wirklich einzigartig macht, ist die unglaubliche Entscheidungsgewalt des Spielers. Zwar läuft das Spiel auf einer festen Schiene was den Handlungsablauf angeht, doch alle paar Meter befinden sich Weichen, die das Geschehen um 180° drehen können. So gibt es bei Heavy Rain nicht nur ein einziges Ende, sondern unzählig viele – je nachdem wie man sich während des Spielens entschieden hat. Diese Freiheit geht sogar so weit, dass alle Charaktere während der Handlung sterben können und man im Endeffekt statt eines Thrillers mit Happy End eine Tragödie gespielt hat. Die extreme Emotionalität des Spiels ist dabei besonders faszinierend. Nicht nur, dass die Charaktere so unglaublich detailliert animiert sind und man jede noch so kleine Gefühlsregung auf ihrem Gesicht ablesen kann, sondern auch die schicksalhaften und teilweise drastischen moralischen Entscheidungen erzeugen eine ungeahnte Intensität beim Spieler. Zudem kommt es immer wieder zu actiongeladenen Sequenzen bei denen QuickTimeEvents (ein Tastensymbol erscheint auf dem Bildschirm und man muss möglichst schnell die entsprechende Taste auf dem Controller drücken) gestartet werden. Diese Events kommen zwar auch in ruhigen Episoden des Spiels vor, beispielsweise als Ethan mit seinem Sohn auf dem Spielplatz wippt, aber und vor allem in Situationen, die extrem schnell, gefährlich und nervenaufreibend sind; wie etwa bei einer Geisterfahrt auf einer nebligen Autobahn oder in einem Kampf um Leben und Tod mit einem 2 Meter großen Ex-Sträfling. Während dieser Sequenzen traut man sich kaum zu atmen oder zu blinzeln und muss danach den schweißnassen Controller erst einmal aus der Hand legen. Die gesamte Präsentation läuft durchgängig stimmig ab und die Schauplätze reichen von einer Polizeistation über ein altes Stromwerk, ein Pflegeheim für Demenzkranke bis hin zu einem zwielichtigen Nachtclub und dunklen Nebenstraßen. Perfekt wird diese düstere Szenerie von einem atemberaubenden Soundtrack untermalt, der von wenigen, kaum hörbaren Pauken bis hin zu einer melodramatischen Orchestersinfonie im Stil von „Requiem for a dream“ reicht, welche unglaubliche Gänsehaut erzeugt. Auch die deutschen Synchronsprecher haben wirklich gute Arbeit geleistet und lassen die Charaktere mit all ihren Gefühlen, Ängsten und Problemen zum Leben auferstehen.


Negatives lässt sich in Heavy Rain kaum finden. Zwar wirkt die Steuerung am Anfang etwas hölzern, aber man gewöhnt sich recht schnell daran. Zum anderen sind die QuickTimeEvents teilweise auch auf dem niedrigsten Schwierigkeitsgrad unglaublich schnell und die SixAxiS-Steuerung des PS3-Controllers führt ein ums andere mal dazu, dass man das Event nicht meistert und unvorhergesehene Dinge passieren. Auch gelegentliche Logikfehler passieren zwischendurch, doch im Gesamten betrachtet wirken diese eher gering.





Die Aussage des Spiels lautet: „Wie weit bist Du bereit zu gehen, um jemanden zu retten, den Du liebst?“, und genau diese Frage stellt man sich immer wieder während des Spiels und man versucht den Gedanken zu verdrängen, wie man selbst handeln würde, käme man in so eine Situation. Bis schließlich das letzte Kapitel erreicht und die unglaubliche Wahrheit (einer meiner „most shocking moments in gamehistory“) ans Licht gekommen ist, vergeht die Zeit wie im Flug und man hat nach den Credits das Bedürfnis über sein eigenes Leben nachzudenken. Heavy Rain ist wie eine Offenbarung und ich kann es uneingeschränkt empfehlen, denn kaum ein anderes Spiel hat so extremen Tiefgang, konnte mich mit seiner Präsentation so dermaßen in den Bann ziehen und sich so stark auf meine direkte Gefühlswelt als Spieler auswirken.

Reblog this post [with Zemanta]

Leider gibt es noch keine Kommentare Schreib den ersten!
Kommentar schreiben

Folge buecher.de bei Twitter