Buchtipp: Virginia Woolf – „Orlando – eine Biografie“ – neu übersetzt von Melanie Walz

OrlandoVirginia Woolf ist neben Gertrude Stein eine der wichtigsten Vertreterinnen der klassischen Moderne. Schon sehr früh hatte sie einen größeren Zugang zur Literatur als andere Frauen des viktorianischen Zeitalters. Dies war wahrscheinlich dem Umstand geschuldet, dass auch ihr Vater als Autor tätig war, sich mit Literatur umgab und viele Menschen seines Faches nach Hause einlud.  „Orlando – eine Biografie“ ist weniger die Lebenszusammenfassung einer Person, sondern die der britischen Geschichte und Monarchie. Sie führt ihren Helden, Orlando, durch die Höhen und Tiefen eines 350 Jahre andauernden und damit übernatürlichen Lebens. Der engelsgleiche Günstling der Königin entwickelt sich im Verlauf der Geschichte zur Frau, Mutter und erfolgreichen Dichterin. Diese märchenhaften Kunsthandgriffe dienten der Darstellung gängiger Rollenklischees im Spiegel der Zeit.

Die autonome Kunst

Als Mitglied der „Bloomsbury Group“ verschrieb sich Woolf mit Gleichdenkenden der Idee der zweckfreien, autonomen und damit wahrhaftigen Kunst. Woolf war verheiratet, doch ihren Roman „Orlando“ widmete sie der bisexuellen Schriftstellerin Vita Sackville-West, mit der sie ein Verhältnis pflegte. Im Jahr 1941 beging sie Selbstmord.

Inhalt

Orlando ist 16 Jahre alt und erfreut sich der Sympathie der altersschwachen Königin, die ihn wegen seiner Schönheit schätzt. Um diesen Vorteil aufrecht zu erhalten, verspricht Orlando, nie zu altern. Nach ihrem Tod ist er reich, angesehen und unverändert schön. Aufgrund eines gescheiterten Eheversuchs flüchtet er in ländliche Regionen und in die Dichtung. Als Gönner eines jungen Schriftstellers erfährt er öffentlich Hohn durch die Darstellung seiner Person in einer Satire. Diese Schmach treibt ihn weiter in die künstlerische Selbstverwirklichung bzw. in den Ausbau seiner Macht. In den Herzogstand erhoben, nach Konstantinopel verzogen und mit einer spanischen Tänzerin verheiratet, fällt Orlando unerwartet in einen siebentägigen Schlaf, aus dem er als Frau erwacht. So kehrt er zurück nach England, um sich und das Leben als Frau neu zu entdecken. Die weibliche Orlando gebärt nach Liebschaften und einer Heirat einen Sohn. Im Jahre 1928 ist Orlando circa 350 Jahre alt, erstrahlt aber in der Schönheit einer 36-jährigen Mutter.

Feminismus und Stilbruch

Heute wird ihr Buch zumeist als feministisch bewertet. Die Wahrnehmung und Erfahrungen von Orlando als Mann unterscheiden sich stark von denen als Frau, deren gesellschaftliche Wertigkeit innerhalb der 350 Jahre parallel wächst. Dazu bricht Woolf mit dem konventionellen Aufbau von Biografien und spielt mit der Verwirrung der Travestie. Für sie waren die Arbeiten an „Orlando“ ein spaßiger Urlaub, bei dem die Worte so schnell von der Feder gingen wie niemals zuvor. Die Feinheit und Ökonomie der Sprache wurde innerhalb bisheriger Übersetzungen fortwährend verwässert . Melanie Walz ist es jedoch nachweislich gelungen, das englische Original in Stimmung und Qualität zu übertragen. Eine gekonnte Neuauflage mit neuen Eindrücken!

 

 


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  1. business

    „Im christlichen Hexenglauben können Hexen mit dem Teufel Kinder, wurmähnliche Elben, zeugen. Entsprechend vollzieht Eva – bei Eismenger – wie Adam den Beischlaf mit Teufeln, gebiert Teufel und ist damit hexenhaft sexuell aktiv. Die Hexe war das zeitgenössische Gegenbild zum Frauenideal der Reformation, der treuen Ehefrau und Mutter“ (ebd. 199).

    15.05.2012
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