Buchtipp: Thilo Sarazzin – Europa braucht den Euro nicht

Europa braucht den Euro nichtSchon vor dem 22. Mai 2012 drucken die Zeitungen in fetten roten Lettern provozierende Zitate des vermeintlich diabolischen Manifests der Euro-Debatte „Europa braucht den Euro nicht“. Seine letzten Ausführungen bezüglich der deutschen Migrationspolitik erzeugte nicht nur in Deutschland große Aufregung. Thilo Sarrazin ist wie der Daniel Kübelböck der politischen Debatten, denn auch er polarisiert wie kein Anderer. Der Absatz der Sachbücher wird abermals katapultartig ansteigen, denn so sehr die Thesen des ehemaligen Vorstandsmitglieds der Deutschen Bundesbank diskutiert werden, so stark ist auch die Nachfrage nach ihnen. Schlussendlich beleben sie in jedem Fall eine ausgewogene Diskussion, denn zu allen versöhnlichen Argumenten, die uns die Politik tagtäglich serviert, liefert er die (streitbaren) Gegenthesen.

Zur Person:

Der 1945 in Gera geborene Sarrazin war repräsentatives SPD-Mitglied, bekleidete Führungspositionen bei der Deutschen Bahn und der Deutschen Bundesbank. Mehr noch war er Finanzsenator im Berliner Senat und galt im Allgemeinen als Vorzeigepersönlichkeit, als gutes Beispiel eines umsichtigen Karrieremenschen. Bereits 2009 äußerte er sich kritisch zu Themen, die nicht in Bezug zu seinen politischen Ämtern und beruflichen Anstellungen standen. Kurz darauf distanzierten sich Arbeitgeber und Partei von ihrer sonst so hoch gerühmten Galionsfigur.  Mit der Veröffentlichung von „Deutschland schafft sich ab“ bat der Vorstand der Deutschen Bundesbank den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, Sarrazin von allen bisher bearbeiteten Aufgabenfeldern abzuziehen.

Der Skandal:

Deutschland schafft sich ab“ war unbestreitbar direkt und über alle Maße provozierend. Stünden seine Meinungen weniger im öffentlichen Thilo Sarrazininternationalen Fokus, wäre die anschließende Reaktion bezüglich seiner diskriminierenden, verachtenden und abwertenden Äußerungen vielleicht weniger konsequent ausgefallen. Er selbst verneinte die Aufforderung nach einem Abtritt von seinen Positionen und Ämtern, drohte mit einer Klage für den Fall der Entlassung und ermahnte den Bundespräsidenten, an ihm keinen politischen Schauprozess zu veranstalten. Man einigte sich auf verfrühte Pensionszahlungen und enthob ihn im Oktober 2010 von all seinen Ämtern.

Die europäische Situation als Motivation

Sarrazins neues Buch entstand natürlich nicht aus Langeweile oder weil es an der Zeit schien, sich abermals europaweit unbeliebt zu machen. Seit dem 01. Januar 2002 befindet sich der Euro als Bargeld im Umlauf und versprach zu Anfang noch am MikrofonBesserung auf allen Ebenen des nationalen und internationalen Wirtschaftswachstums. Die Zwischenbilanz nach einer Dekade offenbart kleine Erfolge: Beispielsweise bezeugen Reisende eine unbürokratische Abwicklung innerhalb der Eurozone. Auch ist es gelungen die Inflationsrate größtenteils stabil zu halten. Der Euro bleibt eine starke Währung und wettbewerbsfähig mit den Zahlungsmitteln Amerikas uns Asiens. Nichtsdestotrotz stürzen mächtige Schatten die Zukunft des Euros in Ungewissheit. Spanien, Irland, Italien, Griechenland sind keine minderentwickelten Schwellenländer und doch standen oder stehen sie vor dem Staatsbankrott. Wer Mitglied des Verbunds werden will, muss sich an Wirtschaftswundern wie Deutschland messen lassen. Gleichzeitig bürgt Deutschland für eventuelle Fehltritte wirtschaftsschwächerer Mitglieder. Die haushaltspolitische Verantwortung und Neuverschuldung jedes Landes wird konstatiert, diskutiert und revidiert. Die Wahl des neuen französischen Staatspräsidenten Francois Hollande bringt die Thematik erneut auf den Tisch. Sarrazin, in seiner wahrscheinlich versierten Position als Volkswirts, nimmt sich dieser Problemfelder an und hält gewohnt kontrovers mit sich Rücksprache. Auf 350 Seiten dürfen wir daran teilhaben, wenn wir wollen. Doch auch für den Fall, dass wir nicht gewillt sind, mitzusprechen, bliebe uns nur der brasilianische Urwald, um der Diskussion um die Schriften des Herrn Sarrazins wirksam zu entgehen. Doch sehr wahrscheinlich würde er auch in das Buschholz so manche Kerbe schlagen und auch in dieser Ecke der Welt von sich reden machen. Thema und Autor werden uns auf alle Fälle noch eine ganze Weile beschäftigen…


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  1. Gero Hartenstein

    Der „Skandal“ besteht nicht in Sarrazins Veröffentlichung und der in seinem Buch enthaltenen Thesen sondern in der Tatsache, dass er wegen seines Verstoßes gegen die Political Correctness seinen Job aufgeben musste!

    17.05.2012
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