Buchtipp: Siri Hustvedt – Der Sommer ohne Männer

Das Leben der Siri Hustvedt wird zuweilen in zwei Schlagwörtern beschrieben: Intelligenz und Paul Auster. Der erhabene Ruf ihres literarisch konkurrierenden Lebenspartners heftet ihr an wie ein dunkler Schatten. Doch das New Yorker Intellektuellenpaar Nummer eins löst sich vom Druck des intimen und internen Wettbewerbs. Siri Hustvedt nimmt sich eines vermeintlich niederen Metiers der Literatur an, dem Frauenroman, doch wäscht die verstaubte Vorstellung der überromantisierten, bedeutungsschwangeren WC-Lektüre vereinsamter Hausfrauen in einem Bad aus Scharfsinnigkeit, Refelektion und Empathie. Selbstverständlich entbehrt auch dieses Buch nicht der exhibitionistischen Selbstdarstellung eigener Erfahrungen und Ansichten, die abermals einen Querverweis zum aktuellen Beziehungsstand der Autorin zulassen. Alternativ liest man das Buch einfach unbefangen und genießt die Erkenntnisse der Protagonistin.

Die Geschenke der Midlife Crisis

Es ist die schon fast tot erzählte Geschichte der verlassenen Frau, die mit all ihren Sorgen und ohne Selbstbewusstsein die Nähe ihrer Mutter sucht. Zumeist werden Frauen verlassen, wenn diese die Dreißig hinter sich lassen – ein Datum, das der Mann schon vor zehn Jahren überholte. Frauen bekommen in der Midlife Crisis Stimmungsschwankungen – Männer eine neue Frau.

Die Drei-Generationen-Therapie

In Hustvedts Roman „Der Sommer ohne Männer“ treffen Dichterin Mia und Neurowissenschaftler Boris aufeinander, um sich zu verlassen. Boris sucht innerhalb seiner Ehekrise das Gespräch mit seiner Frau und äußert den Wunsch nach einer Pause. „Pause“ ist im Besitz einer Doppel-D-Körbchengröße, ist ans Pädophile grenzende jung und Französin. Die kurzfristig gestellte therapeutische Diagnose lautet „Durchgangssyndrom“ und darf im einfachsten Fall mit „Trennungsphase“ übersetzt werden. Mia beschließt den vorläufigen Rückzug und flüchtet sich unter die emotional unbefleckte Käseglocke ihres Heimatörtchens. Hier, im sicheren Hafen und in der Nähe ihrer Mutter, die neunzig, doch rüstig ist, will sie neue Kräfte tanken, um in einer nicht absehbaren Zukunft mit sich im Reinen zurückzukehren. In absoluter Abwesenheit von Männern durchlebt Mia eine zufällige Drei-Generationen-Therapie, die ihr die naive Verspieltheit der sieben pubertierenden Nachbarskinder und die alterweise Gelassenheit ihrer Mutter bzw. deren Freundinnen näherbringt – demografische Beziehungsansichten. Inmitten sprudelnder weiblicher Energie vergisst sie unmerklich ihren Schmerz und wird erst an ihn erinnert, als ihre Therapeutin ihr während eines Anrufs Besserung bescheinigt.

 


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