Buchtipp: „Palo Alto – Storys“ von James Franco

Es gibt mindestens einhundert gute Gründe diesen Kerl neiderfüllt zu hassen: Er ist zur Zeit einer der erfolgreichsten Schauspieler Hollywoods, wird mit Preisen überschüttet, ist der Newcomer amerikanischer moderner Malerei, führt, eher als Hobby, Regie bei eigenen Produktionen und ist zu allem Überfluss auch noch Model für Gucci. Nun möchte man beinahe hoffen, dass er wenigstens dumm ist, aber nein, er hat bereits mehrere Studienabschlüsse und ist zur Zeit in Yale eingeschrieben – eine der Eliteuniversitäten der USA. Dass er sich jetzt auch als Schriftsteller bezeichnen darf, ist eine Referenz, die er einsammelt, wie andere Menschen Brötchen kaufen. Diesen Erfolgen, die man eigentlich auf fünf Leben aufteilen müsste, steht sympathisch relativierend entgegen, dass er wirklich verschobene Fotos von sich auf Facebook veröffentlicht, in kaputten Klamotten durch Hollywood schlendert und auch sonst eher Sein als Schein lebt.

James Franco schreibt in „Palo Alto“ in kurzen Episoden über das Leben der Jugendlichen in seiner Heimatstadt. Unbeschönigt, roh und erschreckend realistisch flackern Bilder auf, in denen Mädchen zum Gruppensex gezwungen werden und Jungs im Sumpf aus Alkohol und Drogen versinken. Die Sorge um eine Beule des väterlichen Autos bereitet hier mehr Sorge als der Tod des Menschen, der sie im Aufprall verursachte. Franco verzichtet auf Kommentare und liefert stattdessen Situation um Situation, bei denen viele, würden diese im Fernseher laufen, weggucken würden. Das Schockierende ist oft an die Kunst gebunden und in Francos Fall wirkt es glücklicherweise nicht als verzweifeltes Mittel, sondern eher so, als wäre es unbeabsichtigt passiert und eine emotionslose Schilderung seiner Wahrnehmung. Mord, Sex, Blut, Zwang und Verzweiflung sind Bestandteile seiner Erzählungen, die den Leser packen, an ihm rütteln und leer zurücklassen. Hierbei handelt es sich keinesfalls um eine verträumte Gutnachtlektüre. Vielmehr erleben wir hier ein neues Medium eines Menschen, der etwas zu sagen hat, ohne gefällig zu sein. Das muss man mögen und vertragen.

Kenner der Kunstszene beobachten erwartungsvoll seine weitere Entwicklung, denn es scheint sicher, dass er sein gesamtes Potenzial noch lange nicht nutzt und immer wieder mit seinem Talent überraschen wird. Bis er weitere Qualitäten an sich entdeckt, freuen wir uns einfach auf viele neue Blockbuster, beeindruckende Gemälde, hässliche Fotos und verstörende Gesellschaftsanalysen à la „Palo Alto“.

 


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