Buchtipp: Marcel Reich-Ranicki – Mein Leben

Reich-Ranicki - Mein LebenAllein ein einziges Wort Marcel Reich-Ranickis genügte in den letzten Jahrzehnten, um Werke zu einem Bestseller zu machen. Ganz gleich, ob er ein literarisches Produkt lobte oder, wie in den meisten Fällen, im Grund und Boden zerfetzte – Das, über was Deutschlands Literaturpapst sich äußerte, verkaufte sich fortan wesentlich besser. Von Literaten gefürchtet, von anderen Literaturkritikern des Öfteren gemahnt und dennoch einer, an dessen Autorität sich niemand zu zweifeln herausnahm. Marcel Reich-Ranicki sagte einst, dass Aufrichtigkeit die erste Pflicht des Kritikers sei. Ich sehe es heute als meine Pflicht, ihm dahingehend Recht zu geben und darf, geformt durch die Jahrzehnte anhaltender Literaturkritik des Meisters, mir heute ein Bild zu „Mein Leben“ erlauben.

Ein Pole, der im Land der Kultur auf Hindernisse trifft

Der 18. September ist gerade einmal fünf Tage her und dennoch kommt es einem schon wie eine riesige Blase ungefüllter Leere vor. Reich-Ranicki hatte spätestens ab dem Jahr 1988, als er mit „Das Literarische Quartett“ Literatur für das Fernsehen unterhaltsam machte, für Aufsehen gesorgt. Genau genommen prägte er bis zu seinem Tod in der letzten Woche fünf Dekaden, in welchen kein Schriftsteller publizieren konnte, ohne sich seinem Urteil auszusetzen. Er selbst schaffte es Ende des vergangenen Jahrtausends mit seinem autobiographischen Werk „Mein Leben“ aufzuzeigen, wie man etwas Bewegendes zu Papier bringt. Dieses beginnt mit einem jungen Marcel Reich, der als Neunjähriger von seinen Eltern für eine bessere Zukunft aus der polnischen Heimat zu Verwandten nach Berlin geschickt wird. Von der Lehrerin wird er mit dem Hinweis verabschiedet, sich nun ins „Land der Kultur“ zu begeben. Dort hat er anfangs Probleme mit seinem Dialekt, mausert sich aber bald zu einem der besten Schüler, der vor allem in Deutsch den anderen sein Talent aufzeigt. Früh reift der Entschluss, später mit Literatur Geld zu verdienen. Es ist der Aufstieg der Nationalsozialisten, der sich dem Unterfangen als zunächst unüberwindbare Barriere in den Weg stellt.

Bewegend und authentisch

1938 absolviert Reich-Ranicki sein Abitur.  Ein Studium bleibt ihm als Jude folglich verwehrt. Zahlreiche Ausgrenzungen im gesellschaftlichen Leben kulminieren in der Ausweisung zurück nach Polen. Ein Jahr später marschieren die Deutschen dort ein und sperren ihn wie auch die komplette Familie ins Warschauer Ghetto. Der spätere Literaturpapst ist aufgrund seiner Rolle als Übersetzer und Mitglied des Judenrats von Maßnahmen im Vernichtungslager ausgeschlossen, muss aber dabei zusehen, wie Freunde und Familie von den Nazis deportiert werden. Um seine Freundin Teofila, später Tosia, zu schützen, heiratet er sie. Gemeinsam gelingt ihnen 1943 die Flucht. Ende der 1950er geht Marcel Reich, der um nicht zu Deutsch zu klingen, nun den Doppelnamen Reich-Ranicki trägt, gegen den Willen seiner Gattin nach Deutschland zurück. Er startet seine Karriere als Literaturkritiker in jenem Land, das ihm Literatur näher brachte und mit dem er dennoch so viel Schlechtes verband. Bei der Vergabe des Deutschen Verdienstkreuzes 2002 äußerte er, dass er diesen Entschluss nie bereut hat. Wir auch nicht Herr Reich-Ranicki, denn Sie haben unserer literarischen Welt mit Ihrem kritischen Auge so vieles gegeben.


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