Buchtipp: Luca di Fulvio – Das Mädchen, das den Himmel berührte
Die Frage, wonach wir Menschen uns richten, wenn wir ein Buch auswählen, wird wohl noch für sehr lange Zeit im Verborgenen auf eine Antwort warten. Es gibt mehrere Ansätze, wodurch der Impuls, sich für ein literarisches Stück zu entscheiden, ausgelöst wird. Zum einen könnte es daran liegen, dass es der nächste Bestseller unseres Lieblingsautoren ist, zum anderen daran, dass es in der Gesellschaft heiß diskutiert wird. Nach einer dritten Theorie blickt man auf das Buchcover, das heutzutage wesentlich wichtiger ist als es noch vor Jahrzehnten der Fall war. Beim letzten Bestseller vom römischen Autor Luca di Fulvio gestaltete sich das tatsächlich als der Grund. Laut den Angaben vieler Leser war es vor allem das Kindergesicht, welches „Der Junge, der Träume schenkte“ zierte und was viele zum Kauf bewog. Beim neuen Werk „Das Mädchen, das den Himmel berührte“ ist nun ein kleines Mädchen zu sehen. Will uns der Autor damit etwas sagen?
Venedig in der Renaissance
Zunächst einmal sollte angemerkt werden, dass sich die letzte Geschichte in erster Linie wirklich auf Christmas, einen kleinen Jungen aus New York, bezog. Auch, wenn dieser im Verlauf der knapp 1000 Seiten nur noch wenig mit dem Kindsgesicht der Vorderseite gemeinsam hatte, war er doch die zentrale Gestalt. Im lang erwarteten neuen Werk von di Fulvio ist dies nun ein wenig anders, es geht um mehrere persönliche Schicksale. Beim titelformenden Mädchen handelt es sich um die kleine Giudetta, die mit ihrem Vater Isacco Negroponte von der gleichnamigen Insel nach Venedig kommt. Vor Ort befinden sie sich in einer Region, in der die auftretenden Elemente der frühen Neuzeit deutlich spürbar sind. Neben dem sich zäh entwickelnden Judenhass, der Isacco selbst das Leben schwer macht, zeigen sich hier auch die Thematiken des Stadtlebens, der Syphilis und Hexenverfolgung.
Wieder einmal brillant und aus allen Blickwinkeln erzählt
Zum Figurenensemble gesellen sich noch die römischen Straßenkinder Zolfo, Mercurio und Benedetta, die aus der Heimat geflüchtet sind, weil sie vermuten, einen Juden getötet zu haben. Beim vermeintlichen Opfer handelt es sich um den Kaufmann Shimon Baruch, der seinerseits nach Rache lechzt und ebenfalls an Bedeutung gewinnt. Dank der vielen Szenen- und Perspektivwechsel, die Luca di Fulvio vornimmt, bekommt der Leser einen herausragenden Blick auf die untere Gesellschaftsschicht. Diese formt das venezianische Leben des 16. Jahrhunderts ebenso wie auch diejenigen, denen es scheinbar besser geht. Dabei bestimmt eine ganze Reihe an alltäglichen Tücken ihren Werdegang. In Kombination mit Giudettas unerbittlichem Kampf für ihren Traumberuf sorgt das für ein weiteres Mammutwerk eines Autors, der durchaus als lesenswert einzustufen ist.
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