Buchtipp: Harald Martenstein – Gefühlte Nähe

Buchcover Gefühlte Nähe von Harald Martenstein

Das Paarungsverhalten der Großstadtneurotiker wurde mehrfach, mal gut und mal schlecht, in den letzten Jahren ins Lächerliche gezogen. Woody Allen hatte es vorgemacht und was danach kam, war zumeist nur eine anspruchslosere Abwandlung in die jeweilige Zeit übertragen. Doch jetzt kommt es richtig knüppeldick, denn der Kolumnist Harald Martenstein funktioniert seine alte und unerreichte Liebe zur Zielscheibe und schießt ihr mit seiner kindlichen Zwille die Ehre aus dem Leib. Eine Vorführung, die schmerzt und mit Fremdscham einhergeht.

Wer ist Martenstein?

Martensteins Karriere ist vorbildlich. Seine Arbeit als Redakteur im Auftrag von Verlagen wie „Der Tagesspiegel“, „Stuttgarter Zeitung“ oder die Münchener „Abendzeitung“ ist tadellos und wird größtenteils gerühmt. Besonders seine Kolumnen, die er im Auftrag für „Die Zeit“ und „Geo Kompakt“ schreibt, finden viele Verehrer. 2004 erhielt er für die zweitbeste Reportage den Egon-Erwin-Kisch-Preis, die den Suhrkamp-Verlag betraf. Für seinen ersten Roman „Heimweg“ nahm er außerdem den Corine-Debütpreis in Empfang und auch die gesammelten Kolumnen wurden mit Preisen bedacht. Diese Erfolge muss ein Autor wirklich erstmal vorweisen können. Und doch: ein Wermutstropfen bleibt, denn das neue Buch, „Gefühlte Nähe“, ist in seiner Art eher eine fiese Abrechnung als eine authentische Sittenstudie.

Zum Inhalt:

„N.“, deren Name zu keinem Zeitpunkt ausgeführt wird, erlebt in 23 Episoden die Bandbreite der diffusen zwischenmenschlichen, intimen Beziehungen. Diese Erlebnisse werden aus Sicht ihrer Liebhaber dargelegt, die nach und nach ein Bild eines Mädchens zeichnen, das zur tragischen Frau gereift. Ihre erste Sexerfahrung passiert auf einer Klassenfahrt mit ihrem Lehrer, in den sie glaubt, verliebt zu sein. Zurück im Alltag muss „N.“ infolgedessen die Schule verlassen. Die Tragik beginnt und gewinnt bzw. verliert im Verlauf ihres Lebens immer wieder an Stärke. „N.“ unterliegt der wechselnden Männerwahrnehmung, die sie vergöttern, mal gebrauchen und zwischendurch auch hassen. Die beschriebene Frau scheint an sich selbst zu scheitern, ohne es zu merken. Im großen Finale erlebt der Leser „N.“ beinahe im Seniorenalter, wie sie mit der Aussicht auf ein sicheres deutsches Leben afrikanische Jünglinge für eine warme rechte Bettseite akquiriert. Das entstandene Bild erinnert an eine Verliererin des Lebens. Eine, die alles hatte und wieder verlor.

Kein Autor frei von Eitelkeiten

Sollte dies wirklich ein ernst gemeintes Sittenbild sein, hat die Frau alle Sitten verloren. Martensteins Pauschalisierungen beruhen vielleicht auf Enttäuschung, Verlassenheit oder einem fehlenden Grundverständnis für die Beweggründe einer Frau. Man spürt, dass nicht nur fiktive Handlungsrahmen in dieses Buch eingeflossen sind. Der Leser befindet sich in einem Zustand irgendwo zwischen sensationslüsternem Katastrophentourist und der Abneigung, diesem Schauprozess weiterhin beizuwohnen. Martenstein, der vielfach bewiesen hat, dass er das Medium Wort sehr wohl einzusetzen weiß, feiert hier einen Befreiungsschlag, der auf Kosten der Ausgewogenheit passiert. Eine größere Distanz hätte die „Gefühlte Nähe“ nicht zu dem unangenehmen Leseerlebnis mutieren lassen, das es ist. Schade, dass sein Stolz der guten Buchidee entgegen steht.

 


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