Buchtipp: David van Reybrouck: „Kongo – Eine Geschichte“

David van Reybrouck scheint genug zu haben von den plakativen Bildern der afrikanischen Not, die uns die Medien zwischen Werbung und Wetterbericht präsentieren. Er spielt kein Spiel mit der Betroffenheit, sondern ist dort hingegangen, wo es passiert und befragte alle, die es betrifft. Das Resultat ist das beklemmende Sachbuch „Kongo – Eine Geschichte“.

Kongo - Eine Geschichte

Die Demokratische Republik Kongo ist trotz seines immensen Vorkommens an Bodenschätzen eines der ärmsten Länder der Erde. Ein Hauptgrund mag in der politischen Historie des Zentralstaats liegen, dessen Bewohner, wie kaum ein anderes Land dieser Erde, zum Nutzen Anderer ausgebeutet wurde. Vor der Kolonialzeit verschiffte man die Einwohner als Sklaven nach Amerika. Ab 1877 beuteten Frankreich, Portugal und Belgien das Land direkt vor Ort und ohne Rücksicht auf Verluste aus. Das Ende der Kolonialisierung führte zu einer der korruptesten Diktaturen der Geschichte, die erst in den Neunziger aufgebrochen werden konnte. Allerdings brachte auch dies keine Entspannung für die hiesige Bevölkerung. Rebellen der Tutsi-Regierung, aus dem östlich gelegenen Ruanda, fielen 1998 ins Land ein und eine totale Machtübernahme konnte nur durch eine Intervention von Simbabwe und Angola verhindert werden. Bis 2003 dauerte der daraus resultierende Stellungskrieg, der dann eine Auflösung in der Aufteilung mehrerer Machtbereiche mit einer gemeinsamen Übergangsregierung fand. Der Friedensvertrag führte 2006 zum ersten frei gewählten Präsidenten der Demokratischen Republik Kongo seit 1965, doch das Erbe der Geschichte war ein Staat am Boden. Das Land besaß weder wirtschaftliche, noch soziale Strukturen. Durch Millionen von direkten und indirekten Kriegsopfern waren ganze Landstriche entvölkert und ein Wiederaufbau der Infrastruktur erschwert. Das traumatisierte Land findet nur schwer auf den Weg der Besserung.

Der Belgier David von Raybrock berichtet aus dem Leben der Unerhörten: der Kindersoldaten, der Rebellenführer und Missionare. Trotz der offensichtlichen moralischen Wertung bleibt er journalistisch sachlich und nimmt uns bei der Hand durch ein Land, in dem 39% aller Frauen und 24% aller Männer mehrfach Vergewaltigungen zum Opfer gefallen sind, Folterungen und Verstümmelungen bestialischen Ausmaßes passierten und Hunger und behandelbare Krankheiten bis heute zum Tod führen. Dieses Buch verändert, macht traurig, wütend und über alle Maße betroffen. Mit vielen Preisen geehrt, ist es ein anerkanntes Zeugnis einer jungen Geschichte, die noch immer andauert und nur durch das Wissen um eben diese eine bessere Zukunft werden kann.


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  1. Iris Schmidt

    und trotz allem so ein schönes Land …

    16.04.2012
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