Buchmesse Frankfurt 2008 – FAZ Messezeitung Tag 5
Überdruck
Blog Andrea Diene
Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, dass es auf der Buchmesse um
Bücher gehe. Bücher tauchen nur als Neuerscheinungen auf oder als Teil eines
Verlagsprogramms, doch das, was ein Buch ausmacht, ist das, was drin ist.
Die meisten Leute, die hier herumlaufen, wollen etwas verkaufen, zum Beispiel
Rechte, Lizenzen, Buchprojekte. Sie wollen etwas einkaufen, zum Beispiel Rechte,
Lizenzen, Buchprojekte. Andere wollen Aufmerksamkeit generieren und bauen
riesige bunte Stände oder laden Prominente ein oder verschenken etwas. Leere
Tüten reichen ja schon.
Oft werden auch Autoren eingeladen. Das ist eine gute Möglichkeit zu simulieren,
dass es doch um Bücher gehe oder zumindest um Autoren und Begegnungen mit ihnen.
Es geht aber um Autorengesichter und dass die nochmal kurz erzählen, worum es in
dem Buch geht, und von ihrer Arbeit. Und so erzählt der weithin herumgereichte
Uwe Tellkamp zum fünften Mal, wie er jedes Detail mit Freunden und Experten
abgeklopft hat. Aber auch das hat nur wenig mit dem Buch zu tun.
Bücher sind voller Sprache, doch genau darum geht es auf der Messe nicht. Hier
geht die Sprache nicht über Waschzetteltexte hinaus. Nach der Messe, wenn man
sich des Abends trifft, reduziert sich das erneut, dann geht der Wortschatz
nicht über eine durchschnittliche Gala-Ausgabe hinaus. Am Abend geht es um
Kontakte und darum, Kontakte zu vertiefen, weil man vielleicht mal ein Projekt
machen könnte, al etwas verkaufen.
Begegnungen mit Autoren gibt es auch, aber besonders spannend sind die nicht.
Kaum ein Autor möchte in der Freizeit über seine Arbeit diskutieren, höchstens
ein bisschen über die Arbeit von Kollegen lästern. Wenn man Glück hat, bekommt
man noch ein paar diskreditierende Geschichten erzählt. Es herrscht in dieser
Branche eine große Lust an diskreditierenden Geschichten und Menschen, die so
unmögliche Dinge tun, dass man fürderhin besser einen Bogen um sie schlägt.
Aber auch diese Geschichten und Menschen haben nichts mit Büchern zu tun. Um
sich mit Büchern zu beschäftigen, geht man nicht auf eine Messe, denn Bücher
muss man lesen, und dazu braucht man Zeit und Ruhe. Auf der Buchmesse ist alles
schnell und laut.
Vielleicht erwischt man auch einen kleinen hellen Moment, wenn doch einmal
jemand etwas Kluges sagt. Aber auch das hat nichts mit Büchern zu tun, sondern
damit, dass da gerade jemand etwas Kluges gesagt hat.
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Mirko Bonné
Frankfurt, Oktober
komm auf gegen der Bedeutungen Vielfalt (Paul Celan)
Vertrau der Tränenspur
und lerne leben, las ich
einmal, las ich fünfmal
in dem weißen Winkel,
während vor der Halle
Fluss, Brücken, Herbst,
die ganze Stadt wartete,
es war Buchmessezeit.
Zwischen zwei Ständen
ich auf zehn Mänteln,
las: Schreib dich nicht
zwischen die Welten.
Der Tränenspur vertraut
hab ich seither, sie führte
zu dir. Zu leben gelernt
habe ich neben dir neu.
Nur das Lesen will nicht
genügen, das Schreiben
nicht enden. Komm mit
in diesen weißen Winkel.
Thomas Gsella
Fleischergeist, Geisterfleisch
Nicht Heimtextil,
nicht Christmasworld
Nicht Light+Sound, nicht Optatex
Nicht Light+Building
noch Texcare
Nicht Viscom, nicht E.B.I.F
Nicht Fur+Fashion,
Tendence nicht
Nicht Ambiente, IAA
Und nicht Automechanika
nahein:
Ihre da und die der Fleischer!
Rief der alte Taxifahrer
Sorgten jedes Jahr aufs neue
Für Rekordverkehr ins Viertel
Bis sich Geist und Fleisch
vermischten
Wer die Fleischer, wer die Geister Und dann beide weltvergessen
Einfach dort: im Viertel blieben
So der Alte, nun verträumt
Und die Huren: fort, vertrieben
Feld geräumt -
“Geh ich besser doch
was essen”
Marion Poschmann
die bücherbatterie
sie treten in scharen auf: niedliche bücherküken,
schnellwüchsig, eine bewegung in sprüngen, frühjahr und herbst.
papiergeflügel schüttelt sich. endloses nicken, nick-chic,
aufplustern unter den leserhänden. in weißen boxen
rucken gelängte hälse vor, spähen nach gold im stroh,
zuckender gang der kritik, rot umrandete augen,
pickende blindheit die hier und da doch ein korn
- findet es statt? bücher, die mit den flügeln schlagen,
abheben auf der erwartung der masse, daneben viel hässliches,
ausgefranstes, viel haut wie verbrüht, rote pockige beinhaut,
überhängende hahnenkammhaut, harte krallen, die vor den
andern im staub scharren, aber auch glückliche überglückliche
eier an denen noch federn kleben – papiergefieder, man nimmt
es als füllung, die spitzkielig nachts aus den kissen fährt: bücher,
aufmüpfig, frühstücksbücher, auch rührbücher, spiegel-
niemand fragt, was zuerst war, der springende punkt,
die sinnproduktion? wie also nennen? fabrik? mästerei?
weißer und brauner sinn, boden- und käfighaltung des sinns,
den sinn nämlich immer schön niedrig hängen, ihn unten
halten, nicht aufkommen lassen – er liegt ja in pappigen
polstern aus zellstoff und luft, liegt karton-, liegt palettenweise -
man nehme ein sinngelb, ein sinnweiß, kann letzteres schaumig schlagen.
Der F.A.Z.- Empfang
Der letzte Abend der Buchmesse gehört traditionell dem Empfang der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In der Siesmayerstraße beim Palmengarten
versammelt das Feuilleton seine Gäste.
Was beim Berlin Verlag am Dienstagabend beginnt, endet am Samstag im Club der
Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft in der
Siesmayerstraße: das Nachtleben der Buchmesse. Im Club richtet die Frankfurter
Allgemeine Zeitung ihren traditionellen Buchmesse-Empfang aus.
In diesem Jahr waren unter den Gästen der französische Philosoph Bernard-Henri
Lévy, der amerikanische Literaturagent Andrew Wylie, Uwe Tellkamp, der
diesjährige Gewinner des Deutschen Buchpreises, sowie seine
Schriftstellerkollegen Marion Poschmann, Feridun Zaimoglu, Thomas Hettche,
Ernst-Wilhelm Händler, Thomas Hürlimann, Albert Ostermaier und Gerald Zschorsch.
An prominenten Sachbuchautoren sind Kurt Flasch, Carolin Emcke, Thomas Karlauf,
Jürgen Dollase und Friedmar Apel zu nennen.
Zu den zahlreich erschienenen Verlegern zählten Ulla Unseld-Berkéwicz, Michael
Krüger, Joachim Unseld, Thedel von Wallmoden, Wolfgang Balk, Jörg Bong, Horst
Lauinger und Jürgen Horbach. Der Filmregisseur Volker Schlöndorff war ebenfalls
erschienen. Ulrich Wickert und Petra Gerster repräsentierten das Fernsehen,
Oliver Maria Schmitt, Achim Greser und Volker Reiche die Frankfurter
Satirikerszene. Rachel Salamander begleitete Marcel Reich-Ranicki, und mit Petra
Roth, Maria Gazzetti und Max Hollein waren die Oberbürgermeisterin der Stadt
Frankfurt, die Leiterin des Literaturhauses und der Direktor der bedeutendsten
Museen der Stadt vertreten.
Nach der Begrüßung des Feuilleton-Herausgebers Frank Schirrmacher verlagerten
sich die Gespräche in die auf zwei Etagen verteilten Salons. Die Feier endete in
den frühen Morgenstunden.
Ich bin dann mal hin
Seit den Anfängen ist dieser Verleger in Frankfurt dabei: Ein persönlicher
Rückblick auf fünfzig Jahre Buchmesse. Von Klaus G. Saur
Im Jahr 1958 war ich noch auf der Schule, arbeitete nebenbei im Verlag meines
Vaters, Verlag Dokumentation in Pullach in München, schwänzte eine Woche die
Schule und konnte mich als Aussteller auf der Frankfurter Buchmesse fühlen. In
dieser Woche lernte ich unendlich viel mehr, als ich je auf der Schule in einer
solchen Woche hätte lernen können. Ich wohnte sehr preiswert in der
Jugendherberge am Mainufer und erlebte zum ersten Mal die große Buchwelt. Die
Buchmesse selbst fand im Haus des Deutschen Kunsthandwerks statt, und zwei
kleinere Hallen daneben wurden auch entsprechend belegt. Die Eröffnungsrede
hielt Max Frisch. Es waren Verlage oder Sammelausstellungen aus 25 Ländern von
Albanien bis zu den Vereinigten Staaten vertreten. Die DDR-Publikationen wurden
ganz am Rande unter einem Stand “Bücher aus dem innerdeutschen Handel”
ausgestellt und wurden nur als “SBZ-Verlage” bezeichnet. Insgesamt wurden 1400
Verlage gezählt, die an 866 Ständen ihre Produktion zeigten. Die Eintrittskarte
kostete 1 DM, der Dauerausweis 2 DM. An der Pressekonferenz zur Eröffnung nahmen
zum ersten Mal mehr als vierhundert Journalisten teil, und Josef Caspar Witsch,
ein grandioser Rhetor, hielt eine Festrede “10 Jahre internationale Frankfurter
Buchmesse”.
Uneingeschränkter Boss der Veranstaltung war Sigfred Taubert, der 1954 zum
Messedirektor ernannt worden war, acht Sprachen fließend sprach, einer der
besten Kenner des Buchhandels und der Buchhandelsgeschichte war. Er brachte Jahr
für Jahr mehr internationale Aussteller nach Frankfurt. Der Schöpfer der
Frankfurter Buchmesse war ein Kommunikations- und Freundschaftsgenie, mit jedem
Aussteller zumindest bestens bekannt, meist befreundet, hieß nur “Bookfair Sigi”
und fuhr mit dem Fahrrad über die gesamte Messe zu jedem Stand. Ihm gelang es,
diese Buchmesse zur absolut größten weltweit zu entwickeln.
1967 erfand ich einen kleinen, aber außerordentlich nützlichen Messekalender,
der für die gesamte Dauer der Messe die Eintragungen im Halbstundentakt
ermöglichte und der sich großer Beliebtheit erfreute.
1968 bekam man den Eindruck, dass die gesamte Buchmesse nur noch aus politischen
Diskussionen, Demonstrationen, Resolutionen, Antiresolutionen,
Podiumsdiskussionen bestand. Eine große Podiumsdiskussion fand im Palmengarten
unter starker Einwirkung des SDS statt. Es diskutierten Reinhard Mohn, Klaus
Piper gegen Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt und Siegfried Unseld. Bei den
Demonstrationen 1968 bildete sich dann ein Messerat, dem Aussteller, Autoren,
Übersetzer und Buchhändler angehörten. Sprecher wurde der Übersetzer Helmut M.
Braem, der die Aufgabe mit ungewöhnlichem Geschick und Einsatz wahrnahm.
1980 traf ich auf der Messe Carl Hanser, den Chef des Hanser Verlags, einer der
Gründungsväter der Buchmesse und des Börsenvereins sowie Vorsteher des
Börsenvereins. Ich sagte ihm, dass er blendend aussehe und dass ich mich freue,
dass er so aktiv auf dieser Buchmesse tätig sei. Er erzählte mir, ein jüngerer
Kollege hätte ihm gesagt, die Messe sei immer gleich und würde langweilig. Dem
habe er aber entschieden widersprochen und gesagt: “Sie werden alt, mein Lieber.
Die Messe ist nach wie vor das Faszinierendste, was es in unserer Branche gibt.”
Es gibt immer wieder neue Kontakte zu knüpfen, Neues zu entdecken, neue Partner
zu finden, neue Buchideen zu kreieren. Dies trifft auch heute noch
uneingeschränkt zu. Es gibt keinen zweiten Ort auf der Welt, wo man so massiv
alle Verleger und Buchhändlerkollegen, alle wichtigen Agenten, Autoren,
Journalisten treffen, Diskussionen führen, Ideen übernehmen, Anregungen
mitbekommen kann.
Die Buchmesse wuchs immer stärker. Jahr für Jahr lag das Wachstum zwischen zehn
und zwanzig Prozent. 1975 ging Sigfred Taubert in den Ruhestand. Ihm war es
gelungen, die regionale deutsche Buchmesse zur Internationalen Buchmesse Nummer
Eins zu entwickeln. Die Zahl der Aussteller, die 1949 noch 101 betrug, war auf
über 8000 gestiegen. Mehr als achtzig Länder waren auf dieser Buchmesse
vertreten. Peter Weidhaas, langjähriger Mitarbeiter von Sigfred Taubert und
Leiter des Auslandsreferats, übernahm die Geschäftsführung und die Direktion. Er
führte die Messe erfolgreich fort, erfand die Themenschwerpunkte, primär für
Vorstellungen einzelner Länder oder ganzer Regionen, und sorgte für eine straffe
Organisation des gesamten Messeablaufs.
1991 wurde ich zunächst Vorsitzender des Verlegerausschusses des Börsenvereins
des Deutschen Buchhandels und direkt anschließend Vorsitzender des Aufsichtsrats
der Ausstellungs- und Messe GmbH, der Gesellschaft, die die Frankfurter
Buchmesse durchführte und die Auslandsarbeit der deutschen Verlage massiv
unterstützte. Mein Vorschlag, die Buchmesse um eine Elektronikausstellung zu
erweitern, wurde zunächst abgelehnt. 1993 war dann das Motto “Frankfurt goes
electronic”, und die gesamte Halle 1 wurde den Ausstellern für elektronische
Informationsprodukte zur Verfügung gestellt. Die Reaktion der Presse und der
Öffentlichkeit war gewaltig. Die Halle 1 wurde überströmt, mehr als neunzig
Prozent der Berichterstattung konzentrierte sich auf elektronische Produkte, das
Buch schien wieder einmal gestorben zu sein und kam in der Berichterstattung
nicht mehr vor.
Nach einigen Jahren schlug die Euphorie wieder in Ernüchterung um. Die CD-ROM,
als das Medium der Zukunft groß gefeiert, hatte eine Lebensdauer von etwa fünf
Jahren. Auch die daraus entwickelte DVD war zunächst nur relativ kurz in
größerem Umfang im Einsatz. Vom Ende der neunziger Jahre an konzentrierte man
sich auf das Verlegen von Informationen im Internet, auf Online-Versionen.
Trotzdem blieb das Buch im Mittelpunkt, die Zahl der Neuerscheinungen stieg
kontinuierlich weiter an. Bis 1993 gab es jedes Jahr mehr Aussteller.
Die Buchmesse hat eine Eigendynamik: Jeder geht nach Frankfurt, weil jeder nach
Frankfurt geht. So simpel ist das Erfolgskonzept.
Schau! Mich! An!
Ob die Leser ein Buch in die Hand nehmen, hängt auch vom Cover ab / Von
Lena Bopp
Wer vermag schon zu sagen, was dem Leser gefällt? Wer weiß, ob ein Kunde,
der einen Buchladen betritt, das Werk mit dem Cover im lieblichen Grünstich in
die Hand nehmen wird? Den Titel mit den fein gezeichneten bunten Kinderblumen?
Oder eher das Buch in schlichtem Weiß mit der serifenlosen Schrift? Niemand weiß
es – aber alle rätseln. Die Meinungen darüber, welche Rolle die Gestaltung eines
Buches spielt, sind geteilt: “Der Erfolg eines literarischen Werks wird durch
den Umschlag weder gefördert noch verhindert”, sagt ein Lektor. “Das Cover ist
unheimlich wichtig, um eine Stimmung rüberzubringen”, meint ein anderer. Ein
Graphiker findet: “Die Verlage halten ihr Publikum für zu dumm.” Warum sollte
die Buchbranche auch einheitlicher klingen, als ihre Produkte aussehen?
In jedem Jahr kommen etwa einhunderttausend neue Bücher auf den Markt, die um
die Gunst der Käufer werben. Manche glauben, dass sich rund die Hälfte der Leser
spontan zum Kauf eines Buches entscheiden – angelockt von einem schönen Cover.
Andere gehen davon aus, dass es deutlich weniger sind. Unklar ist auch, wie
lange die Kunden ein Buch anschauen, bevor sie sich entscheiden. Zehn Sekunden
oder bloß fünf? Fest steht jedenfalls, dass ein Augenblick genügen muss. Wie
sagt der Volksmund der PR-Branche: “You never get a second chance to make a
first impression.”
Sachbücher buhlen dabei anders um Aufmerksamkeit als Taschenbücher, diese
wiederum unterscheiden sich von literarischen Neuerscheinungen. Einen Trend gibt
es vor allem bei Ersteren. Seit einigen Jahren wählen die Verleger von
Wissenschafts- und Fachbüchern vermehrt Cover ohne Bilder aus. Sie arbeiten mit
traditionellen typographischen Formen, gewissermaßen mit Retro-Elementen, die an
zeitgenössische Sehgewohnheiten angepasst werden. Das Ergebnis sind schlichte,
sachliche Serifenschriften auf monochromem Grund, wodurch der Fokus auf den
Namen des Autors und den Titel gelenkt wird. Das können sich diese Bücher
erlauben, die Zielgruppe ist vergleichsweise klar definiert. Da Sachbücher
spezielle Fragestellungen diskutieren, wissen ihre Leser öfter als andere, was
sie wollen, bevor sie einen Laden betreten. Auch Literaturverlage werben
mittlerweile mit dieser Strategie für ihr Programm. Der Frankfurter Suhrkamp
Verlag zum Beispiel stellt zuweilen die Typographie in den Vordergrund des
Covers. Das ist klug, weil es auffällt, wenn einmal nicht die Rückansicht einer
halbnackten Frau einen Umschlag ziert. Oder Schmetterlinge, Federn und verliebe
Paare, die man lieber abdecken möchte, bevor man mit ihnen in den ICE steigt.
Die Mehrzahl der Gestalter von Umschlägen für Belletristik arbeitet aber mit
Bildern – und das schon seit geraumer Zeit. Die Bilder sollen den Inhalt des
Buches umsetzen, interpretieren und auf den Punkt bringen. Sie sollen helfen,
die Kritiker zu begeistern, und gleichzeitig zum Verkaufserfolg im Handel
beitragen. Diese Spannung besteht, seit es den Buchumschlag gibt, der ja
ursprünglich als Schutzumschlag geboren wurde. Als er noch in den Kinderschuhen
steckte, in den zwanziger Jahren, war die Umschlaggestaltung kein originäres
Arbeitsgebiet für Graphiker. Das wurde sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg.
Seitdem hat sich der Kreis derer, die über die Güte eines Umschlages
entscheiden, kontinuierlich erweitert: Verleger, Marketingfachleute, Graphiker
und Einkäufer des Buchhandels diskutieren nun anlässlich jeder einzelnen
Neuerscheinung: Gut oder nicht gut? Oft werden auch die Autoren zu Rate gezogen,
“was die Sache oft noch schlimmer macht”, wie ein Verleger gesteht. Es kursieren
Anekdoten von sogenannten “control freaks”, die ihre Cover selbst mitbringen,
und solchen, die so lange diskutieren, bis sich der Verlag mit einem Umschlag
wiederfindet, den alle – außer dem Schriftsteller – schrecklich finden.
Besonders in den neunziger Jahren, als diverse computergestützte
Bildbearbeitungsprogramme auf den Markt kamen und die Gestaltung für jedermann
möglich wurde, schlug die Stunde der Verschwendung. Mehrere Bilder ließen sich
übereinanderlegen, überblenden, ins Unscharfe verzerren. Es entstanden
Bildgeschichten, die aus vielen Elementen zusammengesetzt waren; ornamentale,
bunte, überladene Buchdeckel waren die Folge. Erst um die Jahrtausendwende
kehrte bei der Gestaltung wieder mehr Ruhe ein. Bilder tragen die Cover zwar
immer noch, aber oft nur noch ein einziges, das so angeschnitten und plaziert
wird, dass das Buch größer erscheint, als es ist. Gerne genommen werden zur Zeit
- so etwa bei Christian Krachts neuem Roman – historische Elemente wie
Landkarten oder alte Kupferstiche. Die Freude an Bonbonfarben wie Rosa, Rot oder
Lila scheint sich ebenfalls zu halten. Wenn man vor diesem Hintergrund
berücksichtigt, dass als größte Gruppe der Romanleser Frauen jenseits der
vierzig gelten, wie eine von der “Stiftung Lesen” noch unveröffentlichte Studie
zum Leseverhalten in Deutschland zeigt, dann sagt das viel über das Bild der
Leser aus, das durch die Branche geistert.
Manche Verlage versuchen es auch mit einem eigenen Corporate Design, wie den
einfarbigen Buchrücken bei Pendo, Hoffmann und Campe sowie Hanser. Oder Pipers
schwarzen Schildchen auf dem Titel. Nach Diogenes setzen auch SchirmerGraf und
WeissBooks auf die Grundfarbe Weiß. Wenn andere Verlage ihre Bücher optisch
zusammenhalten, indem sie die Cover in der Hälfte teilen, schwarze Rahmen um
Titel und Autor setzen oder Bilder von der Vorder- auf die Rückseite umlaufen
lassen, achten sie indes darauf, ihre Konstante nicht so stark werden zu lassen,
dass sie keine Variationen mehr zulässt. Zu einem wirklich umfassenden Corporate
Design, wie es diverse Taschenbuchreihen prägt, haben sich die meisten Verlage
noch nicht durchgerungen. Obwohl ihnen klar ist, dass wie auch immer bebilderte
Buchcover in der Fülle der Neuerscheinungen austauschbar wirken.
Bei Taschenbüchern ist das anders. Sie bilden diejenige Buchgruppe, die sich mit
einem echten Corporate Design sehr gut verkauft. Das gilt für Diogenes ebenso
wie für Suhrkamp. Der Verlag hat sich vor vier Jahren von seinem
Pflichtlektüren-Look à la Willy Fleckhaus verabschiedet. Mit den Ergebnissen ist
man sehr zufrieden. An der Gestaltung des literarischen Hauptprogramms arbeitet
man weiter. Es ist wohl so, wie ein Graphiker aus München sagt: “Gutes Design
entsteht, wenn jemand über Hausmacht verfügt, der guten Geschmack hat.” Richtig
ist aber auch der Satz, den er nachschiebt: “Starkes Design muss nicht heißen,
dass sich ein Buch gut verkauft.”
Messefluchten
Auferstanden aus Ruinen
Von Dieter Bartetzko
In Sachen Architektur haben die Frankfurter sich ein dickes Fell zugelegt.
Nur einmal ging zwar kein Aufschrei, aber ein deutliches Murren durch die Stadt:
Die Gerbermühle, ein traditionelles Ausflugslokal am Sachsenhäuser Mainufer,
sollte abgerissen und durch einen größeren Bau ersetzt werden; ein neues Hotel
inbegriffen.
Es widersprach das Freie Deutsche Hochstift, Treuhänder allen Goetheschen
Nachlasses in dessen Geburtsstadt, weil in dem Gemäuer, damals Sommersitz der
Bankiersfamilie Willemer, der Dichter 1815 Literatur gewordene Liebesstunden mit
Suleika – Marianne von Willemer – verbracht hatte. Und die Bürger fürchteten den
Verlust eines der letzten verwinkelten Idylle der Stadt. Nun strahlt das
geschonte, sorgfältig sanierte Haupthaus mit gelben Fassaden, Spalieren und
dunkelroter Dachhaube, die neuen Hotelbauten ordnen sich dem Gesamtbild ein.
Ringsum uralte Kastanien, im Hintergrund Frankfurts Silhouette mit dem
klassizistischen Säulenportikus des Literaturhauses, dem Domturm und der
Skyline, davor üppig grün gesäumte Uferwege und der Fluss. Am späten Nachmittag,
ehe der abendliche lärmende Strom der Gäste einsetzt, ist es hier am schönsten,
ruhig wie in irgendeiner abgelegenen Landstadt.
Wer den Zauber ungeschönter Denkmälern liebt, sollte die südlich angrenzende
Uferstraße überqueren und die wenigen Schritte zum ehemaligen Wasserhof gehen.
Seine altersschiefe Umfassungsmauer und ihr behäbig weiter Torbogen sind
unübersehbar. Trotzdem ist das Anwesen, im Mittelalter ein königlicher, dann
städtischer Gutshof, vergessen. Ein Hühnerzuchtverein residiert hier. Man lässt
Flaneure gern die Überreste des ehemaligen Haupthauses anschauen. Auch hier auf
dieser grünen Insel schlugen 1944 Bomben ein. Übrig blieb eine spätgotische
Gewölbehalle im Untergeschoss des Herrenhauses. An seinen Außenkanten sitzen
herrliche Konsolsteine; verwitterte zähnefletschende Löwenmasken, Girlanden. Das
Gewimmel der Messe ist Welten entfernt.
So frei wie hier war die Türkei noch nie
Die türkische Präsentation war mit Spannung erwartet worden. Die Chance zur
Image-korrektur wurde genutzt. Von Karen Krüger
Keine bunten Teppiche, keine Bilder von Traumstränden weit und breit. Nicht
einmal Ayran bekommen wir gereicht, genauso wenig ein Glas mit schwarzem
türkischen Tee. Wer erwartet, eine Türkei auf der Buchmesse zu finden, wie man
sie aus dem Fernsehen oder von Urlaubsreisen kennt, wird auf der Buchmesse ein
anderes Land erleben. Sogar die türkische Flagge hat sich das Gastland bei
seinem Auftritt verkniffen, und nirgendwo hängt ein Bild von Staatsgründer Kemal
Atatürk. Der kleine rote Wimpel mit Halbmond, den wir schließlich doch an einem
Stand entdecken, wirkt fast ein wenig verschämt. Statt- dessen prangt überall
auf Säulen und Wänden das Gastlandlogo: Ein nach allen Seiten hin offenes,
farbenfrohes Labyrinth in Rot, Gelb, Grün, Pink und Blau, in das das Wort
“Turkey” eingewebt ist. Es soll die jahrhundertealte kulturelle Vielfalt der
türkischen Republik widerspiegeln, hat der türkische Staatspräsident Abdullah
Gül in seiner Eröffnungsrede der Buchmesse erklärt. Das ist schön, denn so ein
Selbstporträt der Türkei gab es noch nie.
Die Menschen dort hatten immer gleich zu sein: türkischsprachig, muslimisch und
der Nation ergeben. Dass man dabei ist, einen neuen Stolz auf die Vielfalt des
Landes zu entwickeln, zeigt auch das offizielle Rahmenprogramm der Messe: Die
Sängerin Aynur darf ihr Publikum mit kurdischen Liedern verzaubern – Kurdisch
wird von der türkischen Regierung nicht als gleichberechtigte Sprache zum
Türkischen anerkannt – , die Fotoausstellung “Ebru” widmet sich den
verschiedenen ethnischen Gruppen in der Türkei, das Jüdische Museum Frankfurt
informiert über jüdisches Leben am Bosporus, und die Gruppe “Hasbihal Toplulugu”
spielt alevitische Bektaschi-Melodien. In Gesprächsrunden diskutieren Verleger
und Autoren über Themen wie die fehlende Meinungsfreiheit in ihrem Land, über
die Schwierigkeit, trotz der Sprachendiskriminierung auch die kurdische
Literatur zu fördern, und sie reden kritisch über die neue religiöse Elite. Auf
der Buchmesse hat die Türkei eine nicht gekannte Freiheit entdeckt. Mit der
Realität im Land hat sie allerdings dennoch nur wenig zu tun.
Wie widersprüchlich und zerrissen die Türkei ist und unter welch schwierigen
Bedingungen die türkischen Verlagshäuser Bücher publizieren, die nicht konform
zu der offiziellen Geschichtsschreibung des Landes sind, erfahren wir bei einem
Spaziergang durch Halle 5.1. Am Stand des armenischen Verlagshauses Aras erklärt
Rober Koptas seine Verlagspolitik: Veröffentlicht werden nur Bücher, die
allerhöchstens Anspielungen auf den Genozid an den Armeniern enthalten.
“Ansonsten müsste nicht nur der Verlag mit Repressalien rechnen, sondern auch
die Armenier in der Türkei. Das kann ich nicht verantworten”, sagt er. Am Stand
des Verlagshauses Türk Edebiyati Vakfi Yayinlari erzählen die Bücher dagegen von
ruhmreichen türkischen Kriegen, zwei Gänge weiter, beim Belge-Verlag, auch von
den dunklen Seiten der türkischen Vergangenheit. Belge gibt vor allem Bücher zu
Menschenrechtsfragen und Literatur heraus, die von politischen Gefangenen
verfasst worden sind. Weil Ragip Zarakolu, der Verlagsleiter von Belge, 2004 ein
Buch des amerikanischen Autors George Jerjian über den armenischen Genozid in
türkischer Übersetzung veröffentlichte, wurde er nach Artikel 301 über die
Verunglimpfung der türkischen Nation angeklagt und im Juni zu einer hohen
Geldstrafe verurteilt.
Zarakolu weist auf die Ausstellung im Forum Gastland in Halle 5.0 hin. Dort
werden türkische Literaten vorgestellt, deren Bücher es zu Weltruhm gebracht
haben und die die Entwicklung der türkischen Literatur prägten. Eines jedoch
verraten die Informationstafeln nicht: dass zahlreiche der vorgestellten Autoren
ihr Schreiben über die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Türkei mit
Repressionen und Gefängnisstrafen bezahlen mussten. “Man darf dieses Leid nicht
verschweigen. Ohne den Einsatz dieser Menschen gäbe es heute noch viel weniger
als nur eine eingeschränkte Meinungsfreiheit in der Türkei.”
Belohnung für gute Führung
Die Türkei geht, China kommt: Schon jetzt arbeitet das Land an seiner
Selbstpräsentation 2009. Eine Imagepflege nicht ohne Beigeschmack. Von Julia
Bähr
Erzählen Sie doch mal was über sich! Das ist die alljährliche Aufgabe des
Buchmessen-Ehrengastes. Und es liegt in ihrer Natur, dass jeder das erzählt, was
ihm am besten in den Kram passt. Die Türkei beispielsweise, kritisierte Feridun
Zaimoglu, habe sich diesmal alle Mühe gegeben, nicht orientalisch zu wirken.
2009 wird sich China präsentieren; ein Land, das in einer offiziellen Erklärung
zur Buchmesse die hohe Bedeutung von Literatur betont und ihre Funktionen für
die Bevölkerung aufzählt. Als erster Punkt wird die “Entwicklung des
sozialistischen Kernwertesystems” angeführt.
In Sachen Literatur hat China die seltene Chance, bei null anzufangen – denn die
Werke des Landes sind den Deutschen kaum geläufig. 2004 wurde nur ein einziges
Buch aus dem Chinesischen ins Deutsche übersetzt, 2006 waren es neun. Umgekehrt
werden in China jährlich rund 450 deutsche Titel übersetzt. Auch die Zahl der
chinesischen Veröffentlichungen steigt – vor zehn Jahren stellten Schulbücher
noch den Hauptanteil, mittlerweile werden andere Genres immer stärker.
Das deutsche Publikum hat kaum Erfahrung mit chinesischer Literatur – und ebenso
wenig Vorbehalte. Anders verhält es sich im politischen Bereich. Bei den
Olympischen Spielen in Peking galt es noch als korrekt, die Diskrepanzen außen
vor zu lassen. Der olympische Gedanke, hieß es, diene der Völkerverständigung
allemal und habe mit Politik nichts zu tun. Für die Literatur kann das nicht
gelten. Der politische Aspekt spielt nicht nur bei den Inhalten der Bücher eine
Rolle, sondern beginnt bereits bei den Verlagen. In den letzten dreißig Jahren
hat sich die Zahl der Verlage um ein Viereinhalbfaches erhöht. Doch von den
gegenwärtig 579 Verlagen unterstehen 225 Ministerien, Kommissionen oder der
Armee; 348 werden von Ämtern verwaltet. Als unabhängig können nur sechs Verlage
gelten. Im Einzelhandel immerhin gibt es 100 000 private Unternehmen, die die
Hälfte des Branchenumsatzes erwirtschaften.
China wird nicht nur das Bild von sich zeigen, das es selbst gerne sieht,
sondern auch entsprechende Vertreter entsenden: neunzig Schriftsteller,
Kritiker, Gelehrte und Übersetzer. Zur Pressekonferenz brachte das chinesische
Komitee die Autorin Zhan Jie mit, die sagte: “Die Schriftsteller sind in ihrem
Schaffen im Großen und Ganzen keinen Restriktionen unterworfen und können
schreiben, was sie wollen. Die Freiheit jedoch ist immer komplexer geworden.”
Ähnlich mutet diese Auskunft des Komitees an: “Seit der Reform und Öffnung hat
unsere Partei auf Basis praktischer Erfahrungen und Lehre das Chaos beseitigt
und die Ordnung wiederhergestellt. Die Wahrheit wird in den Tatsachen gesucht,
und die Gedanken werden stets befreit.”
Bei einer Veranstaltung zu chinesischer Lyrik am Mittwoch äußerte der Übersetzer
Wolfgang Kubin die Vermutung, die Volksrepublik werde nicht primär gute Autoren
schicken, sondern die Reise als Belohnung einsetzen. “Ich werde sicher nicht
eingeladen”, erklärte Dichter Ouyang Jianghe. “Vielleicht können das
Goethe-Institut oder die EU ja ein paar von uns sponsern.” Im nächsten Jahr
werden wir wissen, ob sein Appell gehört wurde.
Rudolf Müller
Buchhändler
Fragebogen
Dies war die einzige Woche des Jahres, in der sich der Besuch im
Düsseldorfer Heine Haus nicht lohnte: Dichterhaus und damit auch die
Literaturbuchhandlung Müller & Böhm hatten zu. Nicht wegen der Messe, sondern
wegen Dreharbeiten: ZDF-Kommissar Stolberg ermittelte.
So wie Rudolf Müller stellt man sich den idealen Buchhändler vor: kenntnisreich,
aufgeschlossen, sicher im Urteil, aber nicht dozierend in seinen Empfehlungen.
Zusammen mit seiner Frau Selinde Böhm führt er “Müller & Böhm”. 2006 sind sie im
Heine Haus in der Altstadt eingezogen, aber seine eigene Buchhandlung hat Müller
bereits 1989 gegründet. Zuvor hatte er zehn prägende Jahre bei Walther König in
Köln verbracht.
Bei “Müller & Böhm” findet man alles, was der Geist begehrt – nicht nur zwischen
zwei Buchdeckeln, sondern auch im anspruchsvoll ausgewählten Programm der
Lesungen und Termine im Heine Haus. Gerade war Rotraut Susanne Berner zu Gast,
am Dienstag liest Sebnem Isigüzel aus ihrem neuen Roman, und am 28. Oktober
tragen Schauspieler aus Gedichten und Briefen Nicolas Borns vor. Nicht termin-,
sondern höchstens öffnungszeitgebunden hingegen ist die Begegnung mit Rudolf
Müller und Selinde Böhm selbst.
FELICITAS VON LOVENBERG
Was ist für Sie das größte Unglück? Keine Bücher zum Lesen
zu haben.
Wo möchten Sie leben? In Düsseldorf.
Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück? Das ist ein
Widerspruch in sich.
Welche Fehler können Sie nicht verzeihen? Illoyalität.
Ihre liebste Comic-Figur? Ignatz Mouse.
Ihre meist gehasste Sendung im Fernsehen? Darüber muss man
schweigen, sonst macht man auch noch Werbung dafür.
Ihre Lieblingsheldinnen in der Dichtung? Frau Meier. Aus
“Frau Meier, die Amsel” von Wolf Erlbruch.
Weshalb überhaupt Gedichte lesen? Kann es ein Leben ohne
geben?
Wann haben Sie sich zuletzt selbst gegoogelt? Gute Idee!
Sollte ich vielleicht mal machen.
Welche Kunstausstellung haben Sie zuletzt besucht? Lawrence
Weiner, AS FAR AS THE EYE CAN SEE, im K 21 in Düsseldorf.
Auf die Musik welches Komponisten können Sie am ehesten
verzichten? Ein einzelner Komponist ist schwer zu sagen.
Auf die ständige Musikberieselung würde ich gerne
verzichten.
Welche Eigenschaft schätzen Sie an sich selbst am meisten?
Langsamkeit.
Welche der sieben Todsünden wird überschätzt? Die Wollust.
Ihre Lieblingsbeschäftigung? Lesen.
Mit welcher literarischen Figur können Sie sich
identifizieren? Mit keiner.
Was schätzen Sie an Ihren Freunden am meisten?
Zuverlässigkeit.
Ihre größte Leistung? Die Buchhandlung Müller & Böhm.
Welchen Lebenstraum haben Sie aufgegeben? Ein berühmter
Maler zu werden.
Wofür haben Sie sich zuletzt entschuldigt? Das hab ich
komplett vergessen.
Ihr Lieblingswort? gioia
Was macht Sie nervös? Eitle Autoren.
Worauf können Sie verzichten? Non-books, E-Books, überhaupt
alle diese Bücher, die gar keine sind.
Welchen Roman der Weltliteratur haben Sie nicht zu Ende
gelesen? “Die Blendung” von Elias Canetti, obwohl er darin
bescheibt, was wir in und mit der Buchhandlung 1998 real
durchgeführt haben: die Bücher umzudrehen, mit dem Rücken
zur Wand.
Welchen Roman hätten Sie gern geschrieben/angeregt/verlegt?
“Pedro Páramo” vielleicht von Juan Rulfo, oder “Die
Zimtläden” von Bruno Schulz, aber am ehesten gar keinen
Roman, sondern die wunderbaren Bücher von Oskar Pastior.
Sind Sie ein Gegner oder ein Befürworter der neuen E-Books?
s.o.
Wen würden Sie gern einmal wiedersehen? Alfred Brendel.
Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen? Fliegen können.
Wie möchten Sie sterben? Friedlich.
Und dann? Ab ins Paradies!
Der Tag 5
Den peinlichsten Auftritt hat Eckart von Hirschhausen geboten. Nachts im
Frankfurter Hof streckte er seinen Kopf wie einer Giraffe in eine ihm fremde
Redaktions-Runde und sprach: “Hallo, ich bin Deutschlands erfolgreichster
Sachbuchautor.” Wie bitte? “Ja, ich bin Autor, Redner, Theatermann. Aber von
Ihrer Zeitung wird man ja gar nicht wahrgenommen.” Ja, so was. ” Ich trete im
Fernsehen und vor Tausenden Menschen auf. Das müssen Sie doch mitbekommen.” Und
wenn nicht? “Ich würde Ihnen etwas zukommen lassen.” So redete er und redete und
wollte gar nicht aufhören. Und als man vergeblich mit den Augen gerollt und sich
weggedreht hatte, da sprach er immer noch. Selbst als man anfing, sich
demonstrativ die Ohren zuzuhalten, nervte der Fernsehcomedian weiter.
Reich-Ranicki, hilf!
Den esoterischsten Moment genoss man beim Tarot am Stand von Königsfurt
Urania: “Sie haben hier sieben Schwerter und da neun Schwerter.” Und im Gesicht
ein Fragezeichen. “Die stehen für geistige Gaben. Für Entscheidungen. Decken Sie
die Zukunftskarte auf.” Zwei Nackte. Die Liebenden! “Wo haben Sie auf der Karte
zuerst hingeschaut?” Ähem. Jetzt bloß nicht die Wahrheit sagen. In die Mitte,
auf die graue Wolke? “Das ist sehr gut! Da lösen sich Hindernisse auf.” Helfen
Tarot-Karten? “Sie können eine neue Perspektive erschließen, wenn man die Bilder
genau betrachtet und wahrnimmt. Wie ein Museumsbesuch.” Wir empfehlen das
Städel.
Das albernste T-Shirt trug eine Besucherin am Donnerstag spazieren, die
wohl gerade auf dem Weg zum Stand des Kalauer Verlages war: “Ich bin kein Hesse,
aber ich lese ihn.” Haha.
Das schönste Buch lag bei Manesse. Homers Odyssee in Großformat – schlicht,
klar, blau. Zwei Jahre lang hat der Übersetzer gearbeitet, sechs Zeilen am Tag
hat er geschafft. Das Ergebnis: Kein Buch wurde bei Manesse öfter gestohlen. Zu
Recht.
Die schlimmste Folter der Messe war sicher die Rolltreppen-Polonaise am
vollen Samstag. Wer nämlich auf einer der überforderten Rolltreppen landete,
konnte nicht einfach im Zwischenstockwerk aussteigen, sondern wurde auf die sich
dort schon sammelnde Menschenmasse geschoben, die noch eine Etage weiter hoch
wollte. Mit hektischen Trippelschritten musste man sich vom endenden Fließband,
das einem buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzog, Zentimeter um
Zentimeter auf festen Untergrund vorkämpfen. Und wer sich davon im Hof erholen
wollte, musste sich meist auf den Boden oder ins Gras setzen. Die
sonnenbeschienenen Betonwürfel waren allesamt besetzt. Nicht nur das: Erschöpfte
Besucher warteten neben den grauen Klötzen auf freiwerdende Plätze.
Der beste Rat, der auf der Messe erteilt wurde: Von seiner
Gesprächspartnerin Rose-Maria Gropp, der Leiterin des F.A.Z.-Kunstmarktes, um
einen Ratschlag fürs Leben gebeten, beantwortete der Kunsthistoriker Werner
Spies die Frage, wie man mit einem Menschen umgehen solle, den man als
Persönlichkeit ganz toll finde, der aber grässliche Kunst produziere,
folgendermaßen: “Man stellt ihn kalt, indem man ihn heiratet. Oder sonst wie in
die Familie integriert.”
Das schlechteste Essen dürften die panierten Geflügelstücke gewesen sein,
die beim Messefest von S. Fischer angeboten wurden. Dass am folgenden Tag in den
Hallen keine größeren Verluste unter Autoren, Verlagsmitarbeitern und
Journalisten zu verzeichnen waren, zeigt jedoch, dass Messebesucher eine
unverwüstliche Konstitution entwickelt haben.
Das bezauberndste Lächeln dieser Messe verschenkte Charlotte Roche im
Dunkel der Dumont-Party. Immer schon hatten wir gerätselt, worin das Geheimnis
dieser Frau besteht. Als wir ihrer zarten Gestalt plötzlich gegenüberstanden, da
lächelte sie uns an, noch ehe wir sie angesprochen hatten. Alle Schüchternheit
war vergessen, ebenso die Grübeleien, wie man ihren Namen wohl ausspricht
(Routsch? Rosch?). Sie war einfach “Tscharlett”. Fasziniert schauten wir ihrem
Lächeln zu: so lustig, so natürlich, so wahr. Die kalte Oktobernacht wurde sehr
schnell wärmer.
Laute und stille Helden – In den vollsten Hallen seit Messegedenken treffen
die Simpsons auf Bushido.
Bushido, Bestseller-Autobiograph, 12 Uhr
Der Gangbang-Eisbär
Der selbsternannte Staatsfeind Nummer eins wird bereits von der Polizei
erwartet. Zwei Beamte, wohl Fans, stehen an der Glasbalustrade. Vor dem Stand
darunter: ein Pulk Halbstarke und Früchtchen, dazwischen ihre Eltern. Nicht alle
von ihnen sehen Bushido, aber auf den Displays der vielen hochgereckten Handys
ist er gut zu erkennen. Wie er sich denn hier so fühle? Wie Knut im Zoo. Die
Polizisten sind bald wieder weg, Bushido ist heute so niedlich wie ein junger
Eisbär und so uninteressant wie ein ausgewachsener. Dann wird über Sex geredet
(er möge halt Gangbangs, andere wiederum könnten nur mit Krokodilschuhen vögeln,
der schwule Haider, alles okay), über Macht (Günther Jauch, Bushido und der
irakische Präsident sind alles mächtige Menschen – oder so ähnlich) und
Finanzkrise. Die habe ihn kein Geld gekostet. Glückwunsch.
Ganztägiger Optimistengipfel, Halle 3.1
Das Manuskript kann durch Reifung nur gewinnen
Wir sagen es ja immer wieder: Der Optimismus der Branche ist ungebrochen.
“Ihnen hört niemand zu. Stört Sie das denn gar nicht?”, fragen wir den bärtigen
Schweizer, der an einem Stehpult Neuigkeiten zum Leben überproportional gut
ausgestatteter Menschen verliest. “Ach was”, antwortet der, “mir hört ja auch
sonst keiner zu.” Drei Meter weiter schwärmen sie von der Resonanz auf die
blauweiße Schalke-Bibel. Und dann ist da Horst G. Dobrunz, so vielseitig begabt,
dass es auf seiner Visitenkarte etwas eng geworden i “Dichter,
Schriftsteller, Autor, Musikdigitalist, Komponist, Texter und Tonproduzent”. 849
Euro zahlte er für diesen Stand, plus Mehrwertsteuer. Es läuft Schlagermusik.
Die Erinnerungen des Vaters baumeln im Messewind. Und Dobrunz sagt: “Die Branche
wird erwachen.” Zwar scheuen die Verleger noch immer die Veröffentlichung von
1200 Seiten unkommentierter Frontprosa. Sie waren wohl auch irritiert über die,
sagen wir, unorthodoxen Ansichten des Sohnes zum Krieg. Dobrunz aber weiß:
“Meine Position wird stärker werden, Jahr für Jahr.” Ein Hörbuch gibt es auch
schon, eingelesen mit russischem Akzent von seiner Frau. Er verwahrt es nur
unweit des Gedichtbandes aus dem Vorjahr, den es derzeit gratis gibt.
“Simpsons”-Zeichner Bill Morrison, Halle 3, 10.30 Uhr
Geometrie und Haushaltsgeräte
Wieder um eine Illusion ärmer: Comics zeichnen, dachten wir, ist ein
Heidenspaß, immer lustig, immer kreativ. Doch “Simpsons”-Zeichner Bill Morrison,
laut Panini-Verlag “rechte Hand” des (linkshändigen) Matt Groening, lehrt uns:
Die anarchische Simpsons-Welt basiert auf strengen geometrischen Regeln. Kugeln,
Kegel, Zylinder skizziert Morrison auf dem Flip-Chart. Marge hat über jedem Auge
vier Wimpern. Wer eine Pupille einsetzen möchte, füllt den Augapfel mit sieben
und radiert bis auf die mittlere alle aus. Homers Körperform gleicht einer
Glühbirne, sein Schuh einem Bügeleisen, Barts Kopf einer Dose, sein Ärmel einer
umgedrehten Tasse. Sollte nun trotzdem noch ein Zuschauer auf eine
Comic-Karriere hoffen, so gibt er sich nicht zu erkennen: Niemand zeichnet mit.
Autogramme aber wollen alle.
Die weise Weizsäcker-Eule fliegt über die Messe
“Ich war gerade in Japan”: Über so einen Satz aus dem Mund eines
Achtundachtzigjährigen kann man eigentlich nur fassungslos den Kopf schütteln.
Wie macht der Mann das bloß? Altbundespräsident Richard von Weizsäcker ist am
Samstag nach Frankfurt gekommen. Ausgerechnet am wildesten Tag der Messe stürzt
er sich in das Getümmel. Die an ihm vorüberdrängenden Massen in Halle 4 stören
ihn offenbar überhaupt nicht. Sofort erzählt er von seiner aktuellen Lektüre,
der Biographie seiner alten Freundin Marion Gräfin Dönhoff, die der
einundachtzigjährige Klaus Harpprecht gerade vorgelegt hat: “Wunderbar
geschrieben, aber man erfährt zu wenig über ihre journalistische Rolle.” Vor der
Kalenderausstellung folgen Bekenntnisse: “Die Eule ist mein Lieblingstier.” Dass
Weizsäcker nicht auf den Pirelli-Kalender starren würde, war anzunehmen. Aber
Tiere? “In Japan hat mir der neunzigjährige Ex-Ministerpräsident Nakasone gerade
eine von ihm selbst verfertigte Zeichnung mit einer Eule geschenkt!” Wise old
birds. Schon Hegel hat gewusst, dass Eulen mit der einbrechenden Dämmerung erst
so richtig zu fliegen anfangen. Und die Eule Richard mit Silberfedern und
prägnantem Nasenschnabel fliegt und fliegt und fliegt.
Der Euphoriker Joachim Löw
Fußball auf der Messe Von Jochen Hieber
Die im vergangenen Jahr gegründete Kulturstiftung des Deutschen
Fußball-Bundes (DFB) hat kräftig Tritt gefasst. Es spricht sehr für sie, dass
sie am ersten Publikumstag im stets überfüllten “Europa”-Saal vom Halle 4 einen
fast sechsstündigen deutsch-türkischen Veranstaltungsreigen präsentieren konnte,
der abwechslungsreich und locker war. Substantielle Gespräche paarten sich mit
Showeinlagen. Der Sieg war bereits perfekt, als, pünktlich um 18 Uhr,
Bundestrainer Joachim Löw direkt aus dem Frankfurter Stadion aufs Messepodium
kam und zuallererst die zahlreichen Fans von Fenerbahçe Istanbul auf Türkisch
begrüßte – die anschließende Diskussion über “Spieler und Trainer zwischen
Deutschland und der Türkei” war dann eine ebenso belangvolle Zugabe wie das
Finale fabelhaft: die amerikanische Jazz-Sängerin Jocelyn B. Smith bot eigene
Songs und Lieder des türkischen Vielfachartisten Zülfü Livanelli.
Als wirklichen Erfolg werten darf der DFB, dass sich unter dem messeadäquat
fluktuierenden Publikum, das gleichwohl für konstante 350 Zuschauer sorgte,
tatsächlich sehr viele Deutschtürken befanden, sehr viele junge Leute zudem, die
sich bei den Rap-Einlagen von Muhabbet als Fans outeten – davor und danach aber
höchst aufmerksam zuhörten, als Albert Ostermaier Fußball-Oden und
Liebesgedichte las, Feridun Zaimoglu die Eingangsszene des Romas “Liebesbrand”
rezitierte oder eine Runde aus türkischen Wissenschaftlern und Sportjournalisten
informativ über die Rolle des Fußballs in ihrem Land diskutierte.
Spannend war, dass sich die deutschtürkischen Podiumsgäste – Zaimoglu nicht
minder als Muhabbet oder der U-19-Nationalspieler Ömer Toprak aus Freiburg -
ausnahmslos als Musterknaben gelungener Integration präsentierten, gar
öffentlich Dankbarkeitsgefühle gegenüber Deutschland bekundeten. Wasser in den
Wein der deutsch-türkischen Fußballeuphorie zu gießen, blieb erstaunlicherweise
dem DFB-Präsidenten Theo Zwanziger vorbehalten: Er kennt die Probleme an der
Fußballbasis zu genau und will eines partout nicht: “die Dinge schönreden”. In
Sachen Euphorie aufs Neue nicht zu bremsen war die Grünen-Chefin Claudia Roth,
die vor Monaten die Idee zu dieser Veranstaltung hatte. Und als Löw dann von
seinen Trainerlehrjahren bei Fenerbahçe und der dortigen, na klar!, “absoluten
Fußball-Euphorie” schwärmte, kochte “Europa”vor Begeisterung.
Auf Empfehlung von Heinrich Böll
Norman Manea wird mit einer Gesamtausgabe geehrt
Norman Manea ist der bedeutendste Schriftsteller der rumänischen
Gegenwartsliteratur. Seit 1988 lebt er im amerikanischen Exil. Die im Verlag
Polirom erscheinende Gesamtausgabe des 1936 in der Bukowina geborenen Autors
bedeutet seine Rückkehr in die Literatur seiner Heimat. Zur Präsentation am
rumänischen Stand waren neben dem Autor und seiner Ehefrau auch Maneas
amerikanischer Agent Andrew Wylie sowie einige seiner internationalen Verleger
erschienen – darunter Hanser-Chef Michael Krüger. Der erzählt, dass er auf Manea
durch eine Empfehlung Heinrich Bölls aufmerksam gemacht wurde.
Hall Eight
Blog Richard Charkin
The FAZ blog reaches out to the world. I received an email last night from
Mexico City. Macmillan de Mexico published a book with the absolutely
scintillating title “Basic Junior Active Context English” – it might not win the
prize for the oddest title but it must be one of the most boring.
This is the last day of the 2008 fair for me. Hall 8 is emptying. The bigwigs
have all left for home and now the sales and rights directors have the place
more or less to themselves. The atmosphere has been less hectic than usual, a
natural consequence of the world economy. There seem to be fewer people but
there is still business being done, albeit at highly competitive prices and with
lower print quantities. For those of us in our dotage this is familiar
territority. Batten down the hatches. Publish well. Waste less. Throw
complacency out of every window. We have to hope that the fantastic value of
books in economic, cultural and educational terms protects us – alongside clever
deals, calculated risk-taking, honesty and creativity which are all on display
in Frankfurt in October every year.
Just before leaving for the airport, I walked round Hall 8 with an editor from
F.A.Z. We asked to see various people at various stands. This led us to devise a
new Frankfurt Book Fair classification. SBW – Superbigwig. Flies in by private
jet for secret meeting at the Frankfurter Hof and leaves same day. BW – Bigwig.
Stays in Hessischer Hof or Frankfurter Hof and leaves on Friday. MBW -
Middlewig. Stays in Maritim or Marriott or Interconti and leaves on Saturday. TW
- Tinywig. Stays with friends or shares a room out of town. Works to the bitter
end. Earns all the deals to pay for everyone else. So, let’s hear it for the
Tinywigs.
It’s been fun but tough writing this blog every day for the last five days. 350
words typed on a Blackberry while grabbing a few minutes between meetings isn’t
the best way to create a literary masterpiece. The highlight of the week was
being told by a distinguished publisher that these pieces have been boring and
self-serving. My apologies to those who have been bored and my thanks to this
newspaper if I’ve been allowed to be self-serving.
Frauen im Ausnahmezustand
Sie kümmern sich, wissen alles und kennen ihre Pappenheimer: Ein Hoch auf
die Damen mit dem schwierigsten Job der Branche.
Von Franz-Josef Görtz
Während der Buchmesse sind die Pressesprecherinnen der Buchverlage auch in
Krankenschwestern-Tracht denkbar. Oder in Chauffeurs-Uniform, falls es sich
ausnahmsweise um einen Herren handelt. Ihre Chefs, die Verleger, haben ein
feines Gespür für Zumutungen. Autoren von Rang und Namen lassen sie
grundsätzlich vom Pressechef abholen. Das haben die Verleger den Bundeskanzlern
abgeschaut, die immer ihren Protokollchef losschicken, wenn sie selbst nicht
können oder wollen, also unpässlich oder unabkömmlich sind. Natürlich hat der in
Empfang zu nehmende Schriftsteller lange vor der Abreise nach Frankfurt einen
vom Sekretariat des Verlegers sowie der Presseabteilung präparierten Stundenplan
bekommen, wo alle Orte, Namen, Adressen und Nummern verzeichnet sind. Bei Bedarf
sagt die Pressedame das alles aber auch gern noch einmal auf wie ein Gedicht:
nennt also zum Beispiel den wichtigen Kritiker, mit dem der Autor in Begleitung
des Verlegers, seines Lektors und der wichtigsten Dame aus der
Vertriebsabteilung gleich nach der Ankunft zu Tisch gehen soll. Die Sitzordnung
weiß die Pressedame auswendig. Und begleicht auch, während am Tisch noch der
Kaffee genommen wird, unauffällig die Rechnung. Danach nimmt sie nur kurz noch
Platz, um die Kollegen an die Agenda zu erinnern: Wer bringt den Autor vom Hotel
aufs Messegelände, wer geleitet ihn vom Messestand zur Talkrunde auf dem blauen,
gelben oder roten Sofa? Und wer ist spätabends beim Abhängen in der Bar vom
“Frankfurter Hof” noch greifbar, falls Not am Mann sein sollte?
Weibliches Personal erweist sich nicht nur in den organisatorischen, sondern
auch in allen das persönliche Wohlbefinden betreffenden Angelegenheiten immer
wieder als verständiger, freundlicher und fürsorglicher. Zumal die männlichen
Messe-Gäste wären nach eigenem Bekenntnis ohne ununterbrochene Zuwendung,
umfassende Betreuung und Bemutterung in Frankfurt vollkommen aufgeschmissen.
Die Pressechefin empfängt ihre Gäste mit dem branchenüblichen Kuss auf beide
Wangen schon am Gate oder am Gleis. Bei ihren Lieblingen darf sie sich
unterhaken. Oder umgekehrt. Dann bringt sie ihre Gäste von Flughafen oder
Bahnhof ins Hotel, gönnt den Autorinnen eine gewisse Auszeit für einen
Garderobenwechsel, hat frische Blumen aufs Zimmer stellen lassen und dazu etwas
Konfekt gegen den kleinen Hunger.
Die Blumen, so sagt Ruth Geiger, beim Zürcher Diogenes Verlag Pressechefin und
Mitglied der Geschäftsführung, besorge sie jeden Morgen selbst auf der
Bockenheimer Landstraße. Die Sprüngli-Schokolade hat sie im Handgepäck nach
Frankfurt eingeführt, als ihr ganz persönliches “Verwöhnpaket”. Klar, dass sie
Rat bei Kopfweh, Kater und jähem Zahnschmerz weiß und geduldig zuhört, wenn am
dritten Messe-Tag die unvermeidliche, schon durch Blickkontakt ansteckend
wirkende Messe-Depression Schatten auf die Schreiberseelen wirft.
Zum umfassenden Verwöhnservice allerdings gehört Ruth Geiger zufolge bei den
Pressedamen der Verlags-Bundesliga auch die Auswahl des Hotels. Wer seinen
kreativen Geistern Gutes tun will, bringt sie distinguiert in der “Villa
Kennedy” unter oder messenah im “Maritim” und im “Hessischen Hof”, wenn nicht
neuerdings im “Mövenpick” unweit von Halle 3. Oder eben, einen Hauch vornehmer
und mit dem von der Zunft weit über die Frankfurter City hinaus gerühmten und
ganzjährig respektvoll als “Autoren-Bar” apostrophierten Abhänge-Ort, im
“Frankfurter Hof”. Nicht weniger berühmt als die Bar dort ist Herr Carl, der
unaufdringlich gedächtnisstarke Concierge. Imre Kertész, der
Literaturnobelpreisträger des Jahres 2002, hat ihn den “Magier des Hotels”
genannt. Eva von Freeden, die frühere Pressesprecherin des Münchner Verlags C.
H. Beck und unumstritten, wenn auch jetzt mehr aus der Ferne wirkend, immer noch
die Grande Dame des Metiers, weiss warum: “Herr Carl beschafft auch noch Oper-
und Theaterkarten, wenn die Vorstellungen längst ausverkauft sind.”
Ohne solche kleinen und verschwiegenen Helfer wäre effiziente Presse-Arbeit eine
Sisyphos-Strapaze, fünf Tage und oft genug auch noch alle Nächte lang. Das sagen
alle Pressedamen. Denn die Frankfurter Buchmesse, so Gaby Callenberg vom Kölner
Verlag Kiepenheuer & Witsch, ist “ein einziger Ausnahmezustand”. Mit einer Fülle
von Zumutungen, Herausforderungen, kleinen und mittleren Katastrophen. Einen
Arzttermin, eine Druckerei für Spontan-Bedarf nach Messeschluss, weil neueste
Meldungen schon am nächsten Morgen unters Volk gebracht werden müssen?
Undenkbar, dass ein Haus wie Suhrkamp, Hanser, S. Fischer, Rowohlt oder Diogenes
seine Pressechefin beiläufig mit einem Zeitungsinserat sucht. Als Christoph
Groffy, promovierter Anglist und nicht bloß als Siegfried Unselds Sprecher,
sondern auch als Übersetzer, Autor und Herausgeber dem Suhrkamp Verlag
verbunden, seinen Job aufgab, hat Unseld lange telefoniert, bevor er den
promovierten Germanisten Lutz Hagestedt fand – der den Posten verließ, um
Literatur-Ordinarius in Rostock zu werden. Literaturredakteure gibt es, von
denen man sich erzählt, dass sie nicht Schriftsteller zum Frühstück am letzten
Messe-Tag treffen wollten, sondern deren Vertrauensleute aus den
Presseabteilungen der Verlage. Von dieser Branche nämlich verstehen sie allesamt
mehr, kennen die größeren Zusammenhänge und erzählen auch die besseren
Geschichten.
Noch mehr Geschichten und alle größeren Zusammenhänge kannte nur Burgel Zeeh,
ihres Zeichens keine Pressedame, sondern über unglaublich viele Jahre hinweg die
Sekretärin von Siegfried Unseld. Eine Geheimnisträgerin, die nichts
weitergegeben hat – nicht mal an die Presse.
Theorie zur Buchmesse
Silke Scheuermann
Es gibt ein paar Bücher
wie fette Säuglinge
sind sie plötzlich da
geschrieben mit verdünntem Blut
mit Kuli oder
Computer
Sind sie da Warten
dass ihnen noch einer seine
Zeit anträgt
kleine Opfer verstohlen Minuten
des Tags
oder mit stürmischer Geste
die ganze Woche auf einmal
dass noch einer alles stehen und
liegen lässt
um sich ihm zu überlassen
dem Grisham oder King oder
der Fröhlich
und er bekommt Namen und
Schicksal dadurch
und wahnwitzige Energie Er wird
weltreisend
trotz durchschossener Schläfe
Er wird schön und schnell
Da durchlebt erneut
einer alles auf einmal
Dann gibt es noch so ein Buch
Leichter Wie festklammert
an Nelken
auf keiner Longlist
unerklärlich und ewig
ist es da
wartet
-
Kerstin
Oft werden auch Autoren eingeladen.
6.03.2009
Bücher sind voller Sprache, doch genau darum geht es auf der Messe nicht. Komm mit
in diesen weißen Winkel.
Just Dance 3 (Wii) exklusiv mit Gratis-Just Dance 3-Schweissband
Die Sims 3: Einfach tierisch (PC/Mac)
Bravo Hits 75
In Zeiten des abnehmenden Lichts
Das Erbe der Macht / Eragon Bd.4
Mylo Xyloto
Der Traum der Hebamme / Hebammen-Romane Bd.5
Für Einen Tag
Zumba Fitness - Join the Party inkl. Hüftgürtel
Wir Sind Am Leben
