Buchmesse Frankfurt 2008 – FAZ Messezeitung Tag 4

Die Messe fürchtet die Kindle-Zeit, die Asien längst hinter sich hat: Dort werden Romane für Handys geschrieben. Von Martin WittmannDie Buchwelt ist in Aufruhr. Kindle, E-Book, Digitalisierung – nur unsichtbare
Einser und Nullen statt schwarze Zahlen. Aber das, was auf der Messe als dunkle
Zukunft verkauft wird, sorgt in Halle 6.0 bestenfalls für Schmunzeln,
schlimmstenfalls für Erheiterung. Etwa bei den Japanern vom Verlag Shogakukan
Inc: „Kennen Sie Kindle?“, fragt man. Freundliche Ratlosigkeit beim Gegenüber.
„E-Book“, ergänzt man und zeichnet mit den Fingern ein Kindle-großes Viereck auf
den Tisch. Skeptische Blicke, kurze Beratung, endlich Nicken. Ach ja, das kenne
sie, sagt eine der Frauen hinter dem Stand, das habe es in Japan auch mal
gegeben. Vor fünf, sechs Jahren. Das sei freilich gefloppt. Viel zu klobig. „Das
ist ein wenig unhandlich. Mobiltelefone sind da doch viel praktischer“, sagt sie
und sieht einen an, als ob man ihr gerade den C-64 als Zukunftsvision
beschrieben hätte.
Es kommt noch ärger: In ihrer Heimat läsen Jugendliche vor allem Handy-Romane,
sagen die beiden Japanerinnen. Das Modell: Telefonanbieter haben Klassiker im
Sortiment, nehmen aber auch junge Schriftsteller unter Vertrag. Die schicken
jeden Tag vier oder fünf Seiten ihres Romans als SMS an die Handys derer, die
sich zuvor als Abonnenten registriert haben. Abgerechnet wird mit der
Telefonrechnung. Sehr beliebt seien Liebesgeschichten, sagen die Frauen. Junge
Japanerinnen seien geradezu süchtig danach.
„Aber das Display ist doch viel zu klein“, wendet man ein, mit letzter Hoffnung
auf Rechthaben in der Stimme. Doch der Konter sitzt: Die Jugend in Japan wachse
doch mit diesem Display-Format auf, sagen die Frauen. Ob das in Deutschland
nicht so sei. Ja, doch. Und außerdem, legen die beiden nach, schrieben diese
japanischen Schriftsteller ohnehin im passenden Format. Statt vieler Seiten
nähmen diese Fortsetzungsromane eben viele SMS in Anspruch. Geschrieben im
Übrigen mit dem Daumen.
Je länger das Gespräch dauert, desto größer erscheint das Kindle-große Viereck
im Kopf. Ob man sowas mal sehen könne, fragt man. Natürlich, sagen die Frauen
und holen eine junge Standmitarbeiterin, die ihr Handy rausrücken muss. Es hat
nur ein unerheblich größeres Display als die hier üblichen. Die vielen
Schriftzeichen, die man nicht lesen kann, beweisen noch nichts. Aber die junge
Frau bestätigt mir die Geschichte, mit einer höflichen Geduld, mit der im alten
Europa Senioren das Internet erklärt wird. Dann zeigt sie, dass man, um
weiterlesen zu können, einfach runterscrollen muss. Danke, so weit sind wir hier
auch schon.
Eine Standecke weiter steht Choi Taekyung, der Präsident der koreanischen
„E-Book Publishers Association“. Die Stände hier haben nichts Futuristisches,
als wollten die Aussteller vor lauter Höflichkeit ihren Vorsprung nicht zur
Schau tragen. Hat wenigstens er Angst vor Amazon?, fragt man ihn und ahnt, was
er antwortet. Dass er dabei zu lachen anfängt, überrascht dann doch. Amazon
spiele längst keine große Rolle mehr, meint Choi Taekyung, Korea habe eigene,
bessere Anbieter. Die böten E-Books als eine Art Blog im Internet an, die Leser
würden die Bücher kommentieren und die Anbieter danach entscheiden, ob und mit
welchen Änderungen die Bücher gedruckt würden.
Zurück bei den Japanerinnen, wird einem ein Buch in die Hand gedrückt. Es heißt
„Kirihara Kiriko“, geschrieben von Kirifuki Konno. Dann sagt die Frau einen
schönen Satz: „Dieses Buch wurde wegen seines großen Erfolges gedruckt.“ Das
heißt, der Roman wurde ursprünglich nur häppchenweise als SMS versendet. Am Ende
hatte die Tipperin sechzigtausend Abonnenten.
Der Tag der Wandlung – So ein „Bohlenweg ist sumpfig
Dieter, der Mädchentraum
Der „Bohlenweg“, belehrt uns Wikipedia, ist etwas „Vorgeschichtliches“, er
führt durch sumpfiges Gelände, vor allem in der Weser-Ems-Region. Von dort
stammt Dieter, der Poptitan, der Freitag am Heyne-Stand seine Abhandlung über
den „Bohlen-Weg“ präsentierte, sieben Minuten lang, bevor abgebrochen wurde,
weil das zu einem riesenhaften Teenagerkörper verschmolzene, „Dieter“ brüllende
Publikum die Bücherwände um- und den Poptitan plattzudrücken drohte. „Total
lustige Geschichten“ fänden sich im Buch: Wie ihm einmal auf dem Boot die
Toilette explodierte und der Inhalt um die Ohren flog. Dann sagte Bohlen etwas,
das klang wie: Bildung ist der Oberhammer. Habe ich richtig verstanden? Höre
lieber mal bei ein paar Schülern nach. „Ich glaube, das war nicht wichtig“, sagt
die Erste. Die Zweite: „Irgendwas mit Schule?“ Ihre Nachbarin: „Ich hab nur
gekreischt!“
Der Tag der Wandlung – Die Messe beweist es: Staatschefs schreiben,
Biographien, Künstler werden politisch und Popstars poetisch.
Der Mann mit den vielen Gedichten
Ein Konto voller Lachen
Seit achtundzwanzig Jahren plaziert sich Georg Oswald Cott, Germanist und
passionierter Dichter, jeden Oktober auf der Buchmesse, auf einem kleinen
Stühlchen, mit einem kleinen Körbchen, mit kleinen Gedichten für ein sanftes
Lächeln. „Sie bekommen mein schönstes!“ Sagt eine brasilianische Dame, zieht
sich eines der Gedichte heraus, löst die Schleife, rollt das Papier auseinander,
runzelt erst die Stirn, lächelt dann aber. Gut 1500 Stück bringt er pro Tag
unter die Leute. Einige Verlage werden gewiss neidische Blicke auf den Dichter
werfen, dessen Konto voll von Lachen sein dürfte. Sein großes Glück: Ein Lächeln
ist nicht inflationär.
Bühne des Literatur-Cafés, 13.30 Uhr
Ideengeschichte jenseits von Oskar Lafontaine
Es gehe ihm gut. Erst in der vergangenen Woche habe Fidel Castro eine
„Reflexion über die Finanzkrise“ geschrieben, sagt Ignacio Ramonet. Der
ehemalige Chefredakteur von „Le monde diplomatique“ hat einen guten Draht zum
Revolutionsführer, mit dem er vor kurzem ein insgesamt einhundert Stunden
dauerndes Interview führte. Das wird nun als „Autobiographie“ herausgebracht,
was insofern korrekt ist, als sich Ramonet streng auf die Rolle des
Stichwortgebers konzentriert. Er stellt keine kritischen Fragen und beantwortet
selbige nach dem stets gleichen Prinzip: Menschenrechtsverletzungen, Armut,
Arbeitslosigkeit auf Kuba? Gibt es alles in den Vereinigten Staaten auch.
Der Friedenspreisträger
Anselm Kiefers Bekenntnisse
Friedlich klingt das nicht eben, was Anselm Kiefer im Blitzlichtgewitter
der Presse erzählt: Frieden sei stets „Kampf um den Frieden“, überhaupt herrsche
stets „Krieg in meinem Kopf“. Konzentriert sieht dieser Kopf momentan aus, der
offenbar die Rolle des ersten Künstlers als Preisträger in der gesamten
Geschichte des Friedenspreises möglichst gut spielen möchte. Kiefer sagt Sätze
wie „Ich schreibe jeden Tag“ und „Literatur ist die einzige Realität im Leben“.
Gottfried Honnefelder neben ihm wirbt kräftig für Kiefers Paulskirchenrede am
Sonntag: Die Rede werde beweisen, dass Künstler auch Schriftsteller sind. Wir
bleiben gespannt.
Horst Lichter rauscht vorbei
Geheimnisse eines Kochs
Herr Lichter, Sie hatten ja bei der Verleihung des Fernsehpreises in Köln
einen Auftritt. Warum wurde der denn nicht im Fernsehen gezeigt?
Das kann ich Ihnen erzählen, aber das dürfen Sie nicht drucken. Sonst verfolge
ich Sie. Also . . . (erzählt).
Ich fand den Auftritt auch nicht so gut. Andere Frage: Bleiben Sie übrig, wenn
die Kochshows wieder weniger werden?
Weiß ich nicht. Zumindest gibt es bessere Köche als mich.
Vorstellungsrunde beim Schweizer Buchpreis
Rebellen und Lakoniker
Lukas Bärfuss und Anja Jardine, Rolf Lappert, Peter Stamm und Adolf Muschg:
In der gestrigen ersten Vorstellungsrunde der für den Schweizer Buchpreis
nominierten Autoren haben zwei dieser Schriftsteller gefehlt. Roman Bucheli,
Literaturredaktor der „Neuen Zürcher Zeitung“, stellte den „Rebellen“, so
Bucheli, den „Sänger“ und den „Lakoniker“ der Schweizer Gegenwartsliteratur vor:
Anja Jardine, die Heidi, und Adolf Muschg, der Öhi, sprechen erst heute über
ihre nominierten Bücher. Die beste Frage der Veranstaltung ging an Lappert: „Wie
erklären Sie sich das plötzliche Interesse an Ihrem Werk?“ Die beste Antwort an
Bucheli: „Das könnte vielleicht daran liegen, dass ich einen einigermaßen guten
Roman geschrieben habe.“ Wer den besten Roman geschrieben hat, das wird sich am
16. November zeigen. Dann wird der Schweizer Buchpreis nämlich verliehen.
Vom Nutzen des Schocks
Roger Willemsen und Jan Weiler haben jeweils Bücher geschrieben, die man
als Vorausahnungen der Finanzkrise liest: „Der Knacks“ beschreibt die Wirkung
von einschneidenden Erlebnissen, der Roman „Drachensaat“ eine Gruppe von
Außenseitern, die einen Banker entführt.

Roger Willemsen: Bei der Finanzkrise, über die wir hier reden wollen, geht das
Grundvertrauen verloren. Plötzlich fragt man sich: Was ist eigentlich der Mensch
ohne dieses System? In welchen Zustand wird er entlassen, welche Form von Ernst
wartet auf ihn jenseits eines Bankensystems, dem man nicht mehr trauen kann,
eines Kapitalismus, dem man nicht mehr trauen kann, einer Natur, die umkippt –
und die übrigens niemals denselben Rettungsanspruch wie die Banken erheben
dürfte, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Paket geschnürt würde zur
Rettung der Wälder.

Jan Weiler: Umweltschutz hat nur eine Chance, wenn man damit Geld verdienen
kann. Wenn die Banken davon etwas hätten, könnte man die Wälder jetzt mitretten.
R.W.: Entscheidend ist, dass diese Form von Finanzmarkt das Bild einer
Persönlichkeit herausgebildet hat, die als unkaputtbar galt. Und das letztlich
im Sinne der Frankfurter Schule fast Materialcharakter oder Warencharakter
hatte. Also ein Individuum, das in sich nicht zugänglich, aber auch nicht
zerstörbar ist. Jetzt aber zeigt es sich plötzlich mit einer fundamental offenen
Wunde. Diese Wunde heißt „Markt“. Plötzlich merke ich bei meinen öffentlichen
Auftritten mit „Der Knacks“, dass die Leute alle über ihre Wunden kommunizieren.
Ein ganzer Saal ist plötzlich elektrisierbar dadurch, dass man dem Optimismus,
der Vitalität, der Potenz und der Jugend eine Absage erteilt.
J.W.: Was ich an diesen Krisen erschütternd finde, ist, dass sie sich abspielen
zwischen Leuten, die eine Minderheit bilden, eine im Promillebereich
anzusiedelnde Zahl, die das überhaupt noch versteht. Die Leute sehen nur eines:
Ich muss jetzt gucken, was meine Sparbücher machen. Das ist das Einzige, was
ankommt.
Gibt es denn da überhaupt irgend etwas, wozu Sie sagen würden: Wer das
verstünde, der hätte den Schlüssel für die Wirtschaft? Mir scheint es vielmehr,
als gäbe es da gar nichts zu verstehen, als ob von Beginn an alles Nonsens war.
Aber gerade weil nichts zu verstehen ist, wird es irgendwann auch wieder
funktionieren.
J.W.: Es gibt ein gewisses Vertrauen. Man hält die Banken nicht für
Verbrechersyndikate. Jetzt stellt sich zwar heraus, dass sie es doch sind, aber
das konnte ernsthaft vorher keiner wissen.
R.W.: Wäre ein Bankangestellter hingegangen und hätte gesagt: Wissen Sie, wir
haben nichts davon, dass Sie Prozente einstreichen, wir verdienen daran, dass
wir Ihnen dieses Paket verkaufen und dafür zehn Prozent Provision bekommen.
Danach ist uns eigentlich gleichgültig, was mit diesem Papier passiert – dann
wäre das Vertrauen zumindest auf eine realistische Basis gebracht worden.
Herr Weiler, die Handlung Ihres Romans „Drachensaat“ ist total überzogen und
trotzdem nicht fernab jeglicher Realität. Immer mehr Menschen fallen durchs
Raster, weil sie nicht mehr konform sind, weil sie nichts mehr verstehen und
weil sie nur noch in ihrer eigenen kleinen Welt leben. Warum scheren immer mehr
Menschen innerlich aus der Gesellschaft aus?
J.W.: Weil die Leute nicht auf die Straße gehen und sich über die
Ungerechtigkeit beschweren, sondern sagen: Ich brauche noch vierzig Euro diesen
Monat, und ich gehe jetzt bei Aldi Waffeln kaufen, denn ich habe Hunger. Solche
Menschen solidarisieren sich nicht miteinander, die würden keine Gruppe gründen,
sondern die wollen sich einfach nach Hause verziehen und Fernsehen gucken.
R.W.: Auf der politischen Ebene aber ist damit eine Entsolidarisierung
verbunden. Du findest keine Arbeiter mehr, die sich solidarisieren, nicht einmal
mehr mit den eigenen Interessen. Ich bin vor einiger Zeit an einen Bahnschalter
gegangen und wollte einen Fahrschein kaufen. Da sagte die Dame am Schalter:
Warum gehen Sie nicht an den Automaten? Da sage ich: Ihretwegen. Sie fragt:
Wieso meinetwegen? So habe ich das noch nicht gesehen.
J.W.: Das ist es, was Heinz Bude thematisiert: dass es einen Kreis von Menschen
gibt, die sich als Chefs und Angestellte oder als Familien innerhalb der
Gesellschaft befinden, und welche, die sich nicht mehr in diesem Kreis der
Gesellschaft aufhalten. Die sind nicht unten im Sinne einer Unterschicht,
sondern ganz draußen. Und diese Menschen werden zahlreicher, aber nicht lauter
oder mächtiger. Das ist das Deprimierende daran.
Warum gehen nicht mehr Leute auf die Barrikaden? Warum drehen nicht mehr
Menschen durch?
J.W.: Diese Frage stellt in meinem Buch der Arzt irgendwann seinen Patienten:
Warum drehen nicht viel mehr Leute durch? Warum stehen nicht Leute im Bus
einfach auf, schmeißen alles durch die Gegend und sagen: Ich verstehe das hier
alles nicht, ich habe keine Ahnung, was passiert . . .
. . . und ich will so vielleicht auch nicht mehr leben . . .
R.W.: Das gibt es ja, als Amokläufe. Das zweite wären Selbstmordattentäter, die
aus dem Leben eine Währung machen und sagen: Wenn ich nicht anders für meine
Sache eintreten kann als durch mein eigenes Leben, mache ich es so. Sie sagen,
mein Leben ist unwert, weil ich gar nicht existieren muss, und insofern kann ich
es einsetzen. Die größte Gruppe ist aber die derjenigen, die die völlige
Wirkungslosigkeit jedes Agierens nicht nur nach dem Ende der Aufklärung, sondern
auch im demokratischen Rahmen erkannt haben. Warum demonstriert keiner mehr am
1. Mai? Warum gibt es Protestwähler nur noch in marginalen Größen? Die Leute
gehen einfach nicht mehr zur Urne, und die meisten schaffen ihren Fernseher ab.
Diese Entpolitisierung hängt auch damit zusammen, dass viele sich sagen: Wir
sind wirkungslos.
Aber warum ist dann das, wovon man derzeit am meisten hört, die angebliche
Vertrauenskrise der Demokratie durch den Bankenschock? Warum regen sich die
Leute jetzt darüber auf, wenn sie zuvor nie Vertrauen hatten?
R.W.: Das Interesse bindet sich an den Schaden. Es entsteht erst in dem
Augenblick, wo der Schaden da ist.
Ist denn das, was Sie „Knacks“ nennen, eine Art Hoffnung darauf, dass die Leute
doch einmal anfangen, darüber nachzudenken, was sie empfinden, und nicht einfach
nur vor sich hinzuleben, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen?
R.W.: Wenn man anfangen würde, die Bewusstheit auf die Phänomene zu richten, die
sich der Funktionalität eines gesellschaftlichen Diskurses über Erfolg
entziehen, dann, glaube ich, bildet sich darunter ein ganzes Kollektiv von
Leuten, die sagen: Wir haben in unserem Unglück mehr miteinander zu tun als in
unseren seltenen Momenten des Triumphes und des Glücks. Das kann zur
Kommunikationsgrundlage werden, weil man sagen würde: Mein Gott, ich liebe ja
auch, weil mir das und das fehlt, ein Gefühl, eine Gewissheit. Diese
Minimalphänomene, in denen sich jeder erkennt, könnten letztlich selbst eine
Kommunikationsgrundlage bilden.
J.W.: Wenn man sie denn erkennt. Es gibt ja auch Knackse, die man erst mit
Jahren Verspätung bemerkt. Ganz, ganz selten gibt es Augenblicke, in denen man
denkt: Jetzt ist gerade etwas bei mir passiert, was wirklich wichtig ist. Aber
meistens merkt man es ja nur retrospektiv, kann es nicht mehr ändern, aber man
hätte es vermutlich auch nicht geändert, wenn man es gemerkt hätte.
R.W.: Viele Prozesse innerhalb der Gesellschaft, selbst in der Natur, sind
schleichender Art. Arbeitslosigkeit ist häufig etwas, was schleichend passiert,
Krankheit passiert schleichend, ein Gewässer kippt um. Wir können den Tag nicht
benennen, eine Stadt entwickelt sich, verslumt von innen, und wir haben gar
nicht gemerkt, wann es passiert ist. Ich glaube, dass Phänomene wie zum Beispiel
die der Ökologie deshalb demokratisch nicht zu beantworten sind, weil eine
Mehrheit niemals in einen schleichenden Prozess eingreift. Erst wenn der Tod vor
der Tür steht, dann wird die Demokratie sagen: Die Katastrophe ist da, sie
erreicht mich, und ich sage, jetzt muss agiert werden. Im aktuellen Fall heißt
das, Geld abgeben und in Gold investieren.
J.W.: Ich besitze keine einzige Aktie. Ich mache nur Geschäfte, die ich
verstehe, zum Beispiel eine Leberkässemmel kaufen.
R.W.: Aber du hast inzwischen mehr Geld, als man für eine Leberkässemmel
braucht.
J.W.: Das stimmt. Aber das macht eh alles meine Frau.
R.W.: Du kriegst Taschengeld?
J.W.: Ich bekomme doch immer bei Lesungen Reisekosten und Essenspauschale. Das
ist mein Geld. Ich habe zu Hause eine Zigarrenschachtel, da ist mein Bargeld
drin. Wenn ich eine Woche auf Lesereise gegangen bin, sind das etwa tausend
Euro, und dort hole ich mir mein Geld raus. Ich war bestimmt seit einem Jahr
nicht mehr an einem Geldautomaten.
R.W.: Du kriegst anscheinend unglaublich hohe Spesen.
J.W.: Nein, ich mache einfach sehr viele Lesungen. Aber worauf ich eigentlich
hinauswollte, war, dass die meisten Leute ja nicht Dinge machen, die sie
verstehen, sondern Dinge, die sie nicht verstehen, und dann fühlen sie sich
davon überfordert. Wenn die Menschen anfangen würden, nur noch Dinge zu tun, die
sie verstehen, wäre diese Überforderung nicht so groß. Ich glaube, man hätte
weniger Knackse.
Aber das wäre doch ein tierisches Dasein. Tiere verstehen wirklich alles, was
sie tun. Es kommt Gefahr, sie laufen weg; sie haben Hunger, sie fressen. Da gibt
es keine Missverständnisse.
J.W.: Ich fühle mich in der Gesellschaft von Tieren auch sehr wohl.
Beim Lesen hat man den Eindruck, dass es Ihnen nicht etwa darum ging, ein Buch
zu schreiben, das irgendwie jetzt gerade in die Zeit passt, sondern dass Sie
damit wirklich etwas wollen.
J.W.: Ja, ich wollte meine eigene Angst vor der Gesellschaft beschreiben. Ich
habe Angst davor, dass es eines Tages so weit ist, dass es nur noch einen
kleinen Kreis Wissender gibt und einen riesiggroßen Kreis Unwissender. Im Grunde
genommen handelt mein Buch von der Angst vor dem sozialen Abstieg. Und das ist
auch meine Angst. Wenn ich übermorgen nichts mehr schreiben kann, nicht mehr
auftreten kann, dann bin ich mit einundvierzig Jahren geliefert. Was mache ich
denn dann?
R.W.: Ich war noch auf einer anderen Spur. Ich dachte, wenn man einmal mit etwas
Sympathie diejenigen verfolgen würde, die jetzt große Werte verlieren, dann
könnte man sagen, es entstehe ein Zustand, in dem das Geld als Orientierung
nicht mehr existiert. Das heißt, irgendetwas muss an dessen Stelle gesetzt
werden. Reflexhaft sagt man: Gold, Kunstwerke, Immobilien, irgendwas Bleibendes.
Jenseits davon könnte es aber auch, hässlich benannt, eine Kulturtechnik geben,
die Werte stiftet. Und diese Werte müssen von einer Art sein, dass sie mir nicht
entziehbar sind: wirkliche Realien. Ein Moment ist kostbar, denn wir können uns
etwas erzählen. Das klingt jetzt furchtbar retrospektiv oder konservativ, aber
zumindest wäre zu fragen, ob es nicht solche wertstiftenden Kulturleistungen
geben kann, die an der Stelle, wo die Krise einsetzt, übernehmen könnten – und
sei es nur die künstlerische Darstellung des Skandals oder der Pleite. Und dann
wäre der nächste Schritt, dass dieser Mann vor dem Kunstwerk stünde, das
natürlich auch einen Geldwert hat, und er könnte sogar etwas damit anfangen. Er
hätte irgendwie die Voraussetzungen, den Wert der Darstellung auch emotional zu
übersetzen.
Brauchen wir also eine Art von Schock, um überhaupt solch eine Form von
Überlegung, von Erkenntnis möglich zu machen?
R.W.: Ja, bestimmt. Auf das, was wir jetzt erleben, lässt sich die
„Schock-Therapie“ von Naomi Klein blendend anwenden. Sie sagt: In dem
Augenblick, wo Katastrophen Komplettzerstörungen sind, wie in New Orleans
beispielsweise oder im Irak, lassen sich Wertesysteme implementieren, die nicht
gewachsen sind, sondern die die Schockstarre des Augenblicks nutzen, um neue
Ordnungsbegriffe, neue Direktiven durchzusetzen, und so etwas kann passieren. Ob
wir das dann begrüßen, das ist die andere Frage.
Das Gespräch moderierten Felicitas von Lovenberg und Andreas Platthaus.
Wer ist Amanda Ross?
Sie ist die mächtigste Frau im britischen Buchgeschäft. Was sie empfiehlt,
das wird gekauft. Sie zum Interview zu treffen ist fast unmöglich / Von Thomas
David
Ginge es nach Amanda Ross, dann würden in Großbritannien bereits nächstes Jahr
deutlich weniger Bücher erscheinen. Statt wie bisher etwa 200 000 täten es
vermutlich schon die achthundert, mit denen die englischen Verlage am „Super
Thursday“ Anfang Oktober die Buchhandlungen torpedieren. Wenn man
Beziehungsratgeber wie Michelle McKinney Hammonds „Lessons from a Girl’s Best
Friend: What my Dog Taught Me about Life, Love and God“ oder die „celebrity
books“ von Rugbyspielern aussortiert, kommt man am Ende sicher irgendwann auf
eine Zahl, die sogar noch schlanker ist und auch Amanda Ross keine schlaflosen
Nächte mehr bereiten wird. Ginge es nach Amanda Ross, dann könnte man wohl auch
den Man Booker Prize abschaffen und die nominierten Romane natürlich erst recht.
Es sei denn, ausnahmsweise taugte mal einer für einen „netten Plausch auf dem
Sofa“, was freilich unwahrscheinlich ist, da es sich bei den Booker-Romanen
sogar in schlechten Zeiten wie diesen doch eher um Langweiler fürs Spätprogramm
handelt, und da schaltet Amanda Ross lieber schnell ab und quält sich nächtelang
durch die Stapelware neben ihrem Bett bis zu dem einen einzig richtigen Buch,
nach dem sie unermüdlich sucht. Mitreißend muss es sein, ein echter „page
turner“ eben, oder „a very good cry“, wie man in England so sagt. Das
Entscheidende allerdings ist, dass es sich für den „netten Plausch“ auf besagtem
Sofa eignet, das Ross in den letzten vier Jahren zu dem wichtigsten Möbelstück
in der Geschichte der britischen Literaturkritik gemacht hat. Die
fünfundvierzigjährige Amanda Ross ist die mächtigste Frau der englischen
Bücherwelt, der Londoner „Evening Standard“ wählte sie gerade unter die „top
five“ des literarischen Lebens. Ginge es nach ihr, sähen wir alle bald nur noch
fern.
Ein Mann vom Security Service läuft einem zur Begrüßung entgegen, sobald man den
Hof der ehemaligen Styropor-Fabrik im Londoner Stadtteil Kennington betritt. Im
Glitzer des Foyers unterhalten sich zwei offenbar als „The Hairy Bikers“
bekannte Fernsehköche mit der jungen Frau an der Rezeption. Auf einem Tisch eine
Schale mit grünen Bonbons, im Fernsehen immerhin eine alte Folge „Columbo“. Aus
zwei knallgelben Wassereimern, die zu beiden Seiten der Eingangstür stehen,
ragen schlanke, fleischige Kakteen. „Warum Cactus?“, sagt Amanda Ross. „Es
bedeutet rein gar nichts. Mein Mann und ich haben die Firma nach der Pflanze
benannt, weil wir einen Namen brauchten, der absolut bedeutungslos ist.“ Ross
ist die Geschäftsführerin von Cactus TV, einer auf Chat- und Koch-Shows
spezialisierten Produktionsgesellschaft. Sie sitzt in ihrem sonnigen Büro, von
dem aus sie mühelos die gesamte Redaktion überblicken kann, an einem Tisch; am
unteren Ende ihrer kniehohen schwarzen Stiefel, Ross‘ Markenzeichen, ein kleiner
Hund. Ein anderer ist neulich im Swimmingpool ertrunken. Bücher stehen in einem
Regal, aber nicht viele, ein mit Ross neben Tony Blair; an einer Wand die
Poster mit den Buchempfehlungen aus der „Richard & Judy“-Show. Von den 82
Titeln, die Ross seit der Gründung ihres Buchclubs für die bis August
nachmittags von Channel 4 gezeigte Show ausgewählt hat, wurden insgesamt 26
Millionen Exemplare verkauft, zur „prime time“ vor zwei Jahren gingen 26 Prozent
aller in Großbritannien verkauften Bücher auf Ross‘ Empfehlung, einzelne Romane
vervielfachten ihren Absatz über Nacht um mehrere hundert Prozent. Jodi Picoults
ergreifendes, auch in Deutschland erfolgreiches Krebsdrama „My Sister’s Keeper“
hat sich nach Ross‘ Angaben mehr als zwei Millionen Mal verkauft, seitdem das
liebenswerte Moderatorenpaar Richard und Judy es dem Publikum mehrere Wochen
immer wieder zum high tea angepriesen hat. „Wir machen aus Menschen Stars“, sagt
Amanda Ross und meint, sie mache aus Schriftstellern Millionäre. „Einige unserer
Autoren“, ergänzt sie, „sind inzwischen längst ihre eigene Marke.“
„Ich kann allerdings gar nichts schlecht daran finden, auch jene Leute an Bücher
heranzuführen, die sonst vielleicht nur Reality TV sehen“, so Peter Stothard,
der Chefredakteur des „Times Literary Supplement“. Auch „Richard & Judy“ sind
natürlich längst eine Marke geworden, und zwar eine, der der britische Käufer
unbedingt vertraut. Ross hat William Boyds „Restless“ zu Gold gemacht, sie hat
David Mitchells „Cloud Atlas“ unters Volk gebracht und den Verlag von Julian
Barnes‘ „Arthur & George“ dazu angeregt, die Veröffentlichung der
Taschenbuchausgabe vorzuziehen, weil Ross für ihre Sendung nur in Erwägung
zieht, was als Paperback rechtzeitig in den Buchhandlungen liegt. Wer nun denkt,
dass Ross nur populären Trash auswählt, irrt: Unter den zehn Büchern, die sie
mit ihrem vierköpfigen Team aus den etwa achthundert Titeln heraussiebt, die ihr
jährlich zugeschickt werden – hinzu kommen das Paket aus acht Romanen für die
Ferien und die eine oder andere Weihnachtsempfehlung -, sind durchaus
anspruchsvolle Bücher. „Unsere Marke ist inzwischen so populär, dass sogar Leute
die von uns empfohlenen Bücher kaufen, die die Show noch nie gesehen haben“,
sagt Amanda Ross, die mit Richard und Judy und einem insgesamt elf Millionen
Pfund schweren Deal gerade ins Abendprogramm des neuen, auf UKTV ausgestrahlten
Satellitensenders „Watch“ gewechselt ist. Geld und Quote sind Amanda Ross längst
egal: „Hauptsache, unsere Bücher liegen in den Buchhandlungen“, sagt sie und
schielt nach ihrer Assistentin, weil sie gleich wieder einen Termin hat.
Hauptsache, die Menschen lesen? „Natürlich“, sagt Amanda Ross. „Lesen ist der
größte Spaß, den man sich selbst bereiten kann.“
Kniehohe schwarze Stiefel sind ihr Markenzeichen: 2006 wurde ein Viertel
aller in England verkauften Bücher auf den Rat von Amanda Ross hin erworben.
Duncan MacKenzie
Die neun wichtigsten Hörbuchverlage
Symphonie der Stimmen
Seit 2007 hat sich die Zahl der Hörbuch- Käufer verdoppelt, der Markt
wächst rasant. Wir stellen die Besten der Branche vor
Von Wolfgang Schneider
Der Hörverlag
Gegründet 1995, ist der Hörverlag heute der Branchenprimus. 120 Novitäten
erscheinen jedes Jahr. Der Verlag betreibt erfolgreiche Mischkalkulation; die
nötige Bestsellerquote von zwanzig Prozent wird erreicht. Der Anspruch, Stoffen
durch das Hören neue Dimensionen zu verleihen, wird immer wieder überzeugend
eingelöst, etwa im fulminant geglückten Mammut-Hörspiel von Thomas Manns „Doktor
Faustus“. Solche Produktionen wie auch Peter Matics Proust-Komplettlesung oder
die Inszenierung „Otherland“ mit 220 Hörspielern sind nur in Zusammenarbeit mit
Radiosendern möglich. Doch das Verhältnis ist getrübt, seit die Sender ihre
Inhalte selbst kostenlos als Download anbieten.
Deutsche Grammophon Literatur
Begonnen hat alles vor 54 Jahren mit der Sprechplatte von Gründgens‘
Düsseldorfer „Faust“-Inszenierung. Heute produziert die Deutsche Grammophon
dreißig bis vierzig Hörbücher pro Jahr. Qualität geht vor Quantität, auch in
Zeiten des ausdifferenzierten Hörbuchmarkts, da fast alles, was gedruckt wird,
auch als Lauschware zu haben ist. Das beste Hörbuch zum Kafka-Jubiläum stammt
aus diesem Haus: Ulrich Matthes‘ Komplettlesung vom „Schloss“. Neben
herausragender Gegenwartsliteratur (Georg Kleins Roman „Libidissi“) trumpft der
Verlag mit klassischen Archivpreziosen auf – „Moby-Dick“ zum Beispiel, gelesen
von Rolf Boysen.
Zweitausendeins
Zweitausendeins hat eine kleine, aber feine Hörbuchproduktion. Schon seit den
Siebzigern bietet man literarische Hörerlebnisse, was damit zu tun haben mag,
dass der Verlag seit je ein Faible für Prosa mit hohem Vorlesereiz hat. Ganz
vorn war er in den letzten Jahren mit der breitenwirksamen Publikation von
MP3-Hörbüchern. Die Preisphilosophie ist ramschfremd, aber kundenfreundlich:
„Hörbücher dürfen so teuer sein wie ein gutes Buch.“ Der Hörer freut sich über
kongeniale Komplettlesungen von Weltliteratur (Christian Brückner in seiner
Lebensrolle als Ahab, Wolfram Bergers 62-Stunden-Musil) und
Orginalton-Werkausgaben, so die preisgekrönte Edition von Benns Hörwerken.
Random House Audio
Mit hundert Hörbüchern jährlich gehört Random House Audio, gegründet 1999, zu
den Marktführern. Hinzu kommen erfolgreiche Kooperationen wie „Starke Stimmen“
mit der Zeitschrift „Brigitte“ oder Popliteratur mit dem „Rolling Stone“. Die
zugkräftigen Formate Comedy, Kabarett und Krimi haben breiten Platz im Programm.
Andererseits stemmt man eine vierzig CDs umfassende Box mit sämtlichen deutschen
Hörspielfassungen von Shakespeares Dramen. Oder verfolgt eigenwillige Projekte
wie den „Spoken Song“ mit Jörg Fausers Gedichten oder Udo Lindenbergs lyrischen
Höhenflügen. Unter dem Dach des Verlags hat auch Parlando, die „Edition
Christian Brückner“, eine Heimat gefunden. Sie garantiert hochklassige Lesungen.
Hörbuch Hamburg
Mit 180 Hörbüchern jährlich ist der 1999 gegründete Verlag ein „Big Player“.
Auch bei Hörbuch Hamburg betreibt man Mischkalkulation mit den Umsatzbringern
Krimi und Fantasy. Vor allem aber steht der Verlag für literarische
Qualitätslesungen, etwa Wolfram Bergers Interpretation von Bohumil Hrabals „Ich
habe den englischen König bedient“. Der Verlag vergibt einen internen
Sprecherpreis, den dieses Jahr Dietmar Mues erhalten hat – aktuell ist er mit
Tanpinars „Uhrenstellinstitut“ im Programm. Auf die Frage, was ein gutes
Audiobuch ausmache, erhält man die hörenswerte Antwort: „inhaltliche Qualität
und Hörbucheignung der literarischen Vorlage, Auswahl der Sprecherstimme passend
zum Inhalt, gute Regiearbeit, die Akzente, Pausen und Tempo beachtet, gute
Klangqualität“.

Onomato
Schon in der Aufmachung unterscheiden sich Onomato-Hörbücher von der Konkurrenz
– wie edle Hör-Oblaten sind die CDs eingelegt in die Boxen aus rauhem Karton mit
Verschlussfädchen. Verleger Axel Grube will mit dem Hörbuch anknüpfen ans
Älteste, die „mündliche Überlieferung“. Er weiß: Die großen Stilisten waren
„Laut-Leser“. Im Gegensatz zum üblichen Vertrauen auf bekannte Stimmen definiert
er, was eine Qualitätslesung ausmacht: Die Sprecher müssen lange mit den Texten
umgehen und die Gehalte oder Motive selbst „durchleben“, damit die Schwingungen
des Ungesagten mitklingen. Dem Anspruch wird vor allem Axel Grube gerecht, wie
er mit Lesungen von Nietzsche und Heine bewiesen hat.

Patmos
Seit 1987 gibt es bei Patmos Hörspiele für Kinder. 1998 kam das Hörbuchprogramm
für Erwachsene dazu. Mit fünfzig Titeln pro Jahr liegt der Verlag im Mittelfeld.
Auch er setzt auf Mischkalkulation: Tommy Jauds „Vollidiot“ bringt Geld, mit dem
sich ambitionierte Projekte wie der Hör-Conrady verwirklichen lassen: 1100
deutsche Gedichte aus 900 Jahren, gelesen von vierzehn Top-Stimmen. Eines der
schönsten Hörbücher des Jahres kommt von Patmos: Monica Bleibtreu liest Richard
Yates‘ Roman „Easter Parade“. Die Preisphilosophie grenzt sich ab von der
Tendenz zum Billighörbuch.
Der Audio Verlag
Auch der Audio Verlag entstand 1999. Er ist verbunden mit Aufbau, bietet aber
nicht nur Zweitverwertungen. Das Programm ist geprägt von
Rundfunk-Kooperationen, wobei man vor allem diverse Formen des Hörspiels im
Blick hat, auch Hörspiel-Kurzfassungen wichtiger Romane. Auch bemerkenswerte
Features und O-Ton-Dokumentationen haben ihren festen Platz, zuletzt die
wiederentdeckten Tonbandprotokolle des Baader-Meinhof-Prozesses. Ein Hörerlebnis
ist „Von Bismarck zu Hitler“, vom alten Sebastian Haffner mit brüchiger Stimme
vorgetragen. Herausragend auch Jörg Gudzuhns Lesung von Werner Bräunigs
„Rummelplatz“.

tacheles!
Bei tacheles! gibt es das etwas andere Audiobuch, Sven Regeners Lehmann-Lesungen
oder Ulrich Tukurs grandiose Interpretation von Horváths „36 Stunden“. Oder
Katharina Thalbachs Solo-Performance von Shakespeare-Stücken in den
Übersetzungen von Thomas Brasch. Oder „Brehms Tierleben“, rasant augenzwinkernd
gelesen von Roger Willemsen, mit gelungenen musikalischanimalischen Einlagen.
Kabarett der besseren Art findet Unterschlupf in dem 1996 gegründeten
Wort-Label. Ein Überraschungserfolg war „Fleisch ist mein Gemüse“, Heinz Strunks
peinlich-komische Passionsgeschichte eines Tanzmusikers aus Hamburg-Harburg. Es
ist ein Buch, das man auf keinen Fall lesen sollte, denn nur gehört als
Autorenlesung entfaltet es seine Wirkung.
Wer fühlen will, muss hören: Das wichtigste Sinnesorgan für die Hörverlage
Das Lesen, ein Fest
Mit Non-Book-Artikeln lässt sich die Lektüre zelebrieren
In der „Non-Food-Abteilungen“ der Lebensmittelmärkte gibt es oft Bücher –
manchmal Taschenbücher, die gerade aktuell sind, manchmal Remittenten mit dem
aufgestempelten Hinweis „Mängelexemplar“. In der „Non-Book-Abteilung“ der Halle
4.0 aber findet man keine Lebensmittel – weder frisch, noch abgelaufen. Vielmehr
präsentieren dort in einem kleinen Basar gut dreißig Firmen den Buchhändlern
allerhand Waren, die helfen, das Lesen zu zelebrieren.
Nicht geistiger Genuss steht im Vordergrund, es wird vielmehr die Lektüre als
sinnliches Erlebnis begriffen. Ein Erlebnis, das der Kunde im idealen Fall
teilt, und zwar mit einem Kuscheltier in neongrellen Farben. So versorgt,
entzündet er Kerzen mit den Düften des Orients, schiebt CDs mit Titeln wie
„Harmony“ und „Escape“ in die Stereoanlage und sich selbst in die Ärmel der
anderthalb auf zwei Meter großen Lesedecke aus rotem Polyester-Fleece zu 129
Euro, die gleichsam einem verkehrt herum getragenen Bademantel verhindert, dass
beim Lesen die Arme und Schultern auskühlen. Dann nimmt er den Laptray auf den
Schoß, legt darauf das Buch und kuschelt sich ins Sofa, dass allenfalls noch die
Gefahr besteht, bei der Lektüre einzuschlafen. Wohl dem, der dann beim Blättern
das absolut rutschfeste Magnetlesezeichen stets mit auf die nächste Seite nahm –
oder rechtzeitig den Wecker mit Totenkopf auf Alarm gestellt hat.
Wer hätte das gedacht?
Von wegen Harmonie: Der Deutsche Jugendliteraturpreis
Der mit tausend Menschen gefüllte Saal im Kongresszentrum heißt „Harmonie“,
die Zuschauer aus der Jugendbuchbranche stehen unter Kuschelverdacht, und so
hätte der Abend, an dem der Deutsche Jugendliteraturpreis verliehen wurde,
langweilig werden können. Dass es anders kam, ist der Kritikerjury zu verdanken,
die favorisierte Bücher wie „Ente, Tod und Tulpe“ von Wolf Erlbruch ignorierte.
Stattdessen wurde Susanne Janssens Bilderbuch „Hänsel und Gretel“ ausgezeichnet,
„Ein Bild von Ivan“ von Paula Fox zum besten Kinderbuch gekürt, und unter den
Jugendbüchern hatte Meg Rosoff mit „Was wäre wenn“ die Nase vorn – Brigitte
Jacobeit, die beide übersetzt hatte, durfte gleich zwei halbe Preise in Empfang
nehmen und musste sich vom Moderator Marc Langebeck nach ihrem „Erfolgsrezept“
fragen lassen. Die Jugendjury kürte Marie-Aude Murails Buch „Simpel“ zu ihrem
Buch des Jahres. Bestes Sachbuch: Andres Veiels Theaterstück „Der Kick“ zu einem
Mord unter Jugendlichen, ergänzt um einen Materialteil mit Interviews und
psychologischer Deutung, der das Buch für die Kategorie „Sachbuch“ tauglich
machte. Wenn alle Gewissheit über Sparten und Favoriten ins Trudeln gerät, woran
kann man sich da halten? Zum Beispiel ans Preisgeld, wie die Übersetzerin
Gabriele Haefs zeigte, die für ihr Lebenswerk geehrt wurde. Sie gab bekannt,
dass sie die Summe „sinnlos verprassen“ wolle.
Messefluchten

Im Maggi- Kochstudio
Von Peter Lückemeier
In der Neuen Kräme, zwischen Paulskirche und Liebfrauenkirche, liegt das
Maggi-Kochstudio. Dort hat man drei Möglichkeiten: vorn Maggi-Produkte kaufen,
in der Mitte Maggi-Produkte essen, hinten im Kochstudio kochen lernen. Wer hier
gekocht hat, muss zur Strafe alles aufessen, erhält aber die „tolle Rezeptmappe“
und die „original Maggi Kochstudio Schürze“. Das kulinarische Generalthema in
diesem Monat ist allumfassend: „Von der Krabbe zur Weißwurst – Ein Streifzug
durch Deutschland“. Mit mehreren Herden wirkt das Kochstudio aufgeräumt und
zukunftsstark. Vorn im Laden zeigt sich die Vielfalt der Maggi-Produkte. Wer als
Laie die Auswahl auf Tütensuppen oder Suppenwürfel limitiert glaubt, der irrt.
Ja, man darf behaupten, dass die geschulteste Phantasie sich keine Vorstellung
macht von der Allzuständigkeit des Maggi-Sortiments. Und die Namen dieser
Produkte verraten so viel onomatopoetische Phantasie! Scheint in „Natur Pur Bio
Fix Pasta Bolognese“ nicht Italiens Sonne auf den Teller? Vermittelt ein Produkt
namens „Natur Pur Bio 5 Minuten Terrine Gemüsebouillon mit Nudeln“ nicht einen
schönen Gleichklang aus Suggestivität und Zweckhaftigkeit? Besonders hübsch: die
Schlüsselanhänger mit der Mini-Maggi-Flasche. Wer eine „Caribische Pumpkin Soup“
zubereiten möchte, ist angewiesen auf zwei Teelöffel Maggi Klare Hühnerbouillon.
Gleichfalls ist das Verfertigen eines Zwiebelkuchens ohne die Teigergänzung
durch „1 Beutel Maggi Meisterklasse Zwiebelsuppe Feinschmecker Art“ undenkbar.
Ich steuere das Maggi-Kochstudio immer wieder an. Nicht unbedingt ein Hort
lukullischen Genusses (die Steinpilzsuppe mit Preiselbeer-Sahne neulich
schmeckte furchtbar), sondern der immerwährende Anlass eines grenzenlosen
Staunens. Wirklich gern hätte ich übrigens eine Maggi-Würze-Flasche, mit meinem
Vornamen bedruckt.
Das Maggi-Kochstudio liegt in der Neuen Kräme 27. Die nächste S-Bahn-Station ist
die Hauptwache.
Kochen mit Herz und Tüte.
Julia Zimmermann
Die Mode der Minderheit ist besser als ihr Ruf
Schriftsteller sind in der Regel nicht für ihren Kleidungsstil berühmt – zu
Unrecht, wie sich auf der Messe zeigt.
Von Ingeborg Harms
Wer Mode in einem Atemzug mit der Frankfurter Buchmesse oder gar mit deutschen
Autoren anspricht, erntete jüngst noch sorgenvolle Blicke, wehmütiges
Kopfschütteln und mit unterdrückter Stimme formulierte Superlative, die in die
falsche Richtung gingen: Die Messemode, so der Konsens, sei ein Trauerspiel, die
Literatur und ihre Jünger ziehen sich schlecht an. Ein Tag im Frankfurter
Messegetümmel indes ergibt, dass die Mode der lesenden und schreibenden
Minderheit weit besser ist als ihr Ruf.
Ihren Nullpunkt allerdings markieren die Veranstaltungen im Hauptbahnhof.
Während Micha Brumlik mit einem kleinkarierten Wolljackett in Jägerfarben noch
die Fahne hochhielt, votierte das vom Thema Jugendgewalt mobilisierte Publikum
für Anoraks und Wollpullover, naturbelassenes Grauhaar, Bart und pflegeleichte
Nackenzöpfe. Als Nullpunkt der Mode ließe sich auch die Versammlung asiatischer
Herren in grauen und schwarzen Anzügen werten, die in Halle 6.0 zur
„Signierzeremonie der Serie Lächelnde Katze der berühmten chinesischen Autorin
Yang Hongying“ zusammenkam. Ein paar Buden weiter wurde aus dem neuen
Parabelband der koreanischen Zen-Meisterin Daehaeng gelesen. Ihre ein deutsches
Zen-Kloster leitende Schülerin Harejin Sunim lud zur Teezeremonie, bei der das
Ausspülen der Tassen das Wichtigste war. Wie sie erklärte, werde so die Schale
belebt, die den Tee aufnehmen soll. Man darf diese Zen-Einsicht zur Modemaxime
erweitern: Gut gekleidet ist der, dessen Wesen die Hülle durchdringt. Harejin
Sunim trug zum kahlrasierten Kopf Bluse, Weste und Hose aus hellgrauem Leinen
ohne Knöpfe oder Reißverschlüsse, eine Nonnenkluft, die mit ihrem lächelnden
Gesicht harmonierte.
Dass der Suhrkamp-Autor Dietmar Dath jüngst als „Outfit-Leninist“ bezeichnet
wurde, sollte allerdings nicht zu dem Fehlschluss verleiten, er kleide sich im
Stil von Gang E in Halle 6.0. Nicht auf den Mao-Anzug wird angespielt, sondern
auf Lenins Diktum vom Marsch durch die Institutionen. Dath gehört zu einer neuen
Generation von Männern, die mit den Codes der Musik- und Alternativenszenen
souverän jonglieren. Mit achtzehn protegierte er den Heavy-Metall-Look, trug das
Haar bis zum Beinansatz, dazu Leder und Ringe. Eine „Titanic“-Party besuchte er
im weißen Bowie-Anzug und ließ sich jüngst mit wehendem Mantel, floralem Hemd
und cooler Hose im Rockschlagersänger-Stil grafieren. Zum Kritikerempfang
seines Verlags kam er mit Ohrring und schmaler Brille, ansonsten nach eigenem
Bekunden im leicht abgetragenen Stil der Bluegrass-Fans von Rounder Records:
„Ausgefranster Rand der Country Music.“ Dath fügte hinzu, dass er das trage, was
Frauen, die er kannte, jeweils für richtig hielten.
Suhrkamp-Chefin Ulla Berkéwicz war damit einverstanden, ihren knielangen Mantel
als Malersaal-Referenz zu lesen: „Ich habe immer Dinge aus dem Theaterfundus
getragen. Wagenradhüte und schwarze Röcke mit großen Rüschen.“ Zigeunerröcke?
„Hexenröcke!“ Heute bevorzugt sie Velourslederhosen und trägt darüber immer noch
gern „Saudi-Männerhemden mit Stehkragen, die bis zum Knöchel gehen“. Labels sind
ihr nicht wichtig, ihre Kleidung muss „ein bisschen extrem, etwas vergammelt
sein, aber nicht zu sehr. Ich möchte eigentlich gar nichts mehr im Schrank
haben, auch keine Sachen in der Wohnung, nichts außer Bücher.“
Auch Sibylle Lewitscharoff, die bei Suhrkamp dunkel gekleidet aus ihrem neuen
Buch las, bevorzugt einen maskulinen Stil, schon weil Röcke auf Podien
problematisch sind: „Ich war immer eine verhalten-misstrauische Eros-Spielerin.“
Als Spross einer Lutheranerfamilie liebt sie Schwarz, die Farbe des Geistes:
„Meine Großeltern waren stets hoch geknöpft, die Frauen mit weißem
Spitzenkragen, überhaupt das Schönste im Alter.“ Den weißen Kragen ersetzte
Lewitscharoff durch eine Perlenkette, wie sie überhaupt häufig zu sehen war.
Ein schwer einholbarer Vorsprung gehört denen, die in Italien einkaufen. Die
Städtebuchautorin Birgit Hanstedt beeindruckte durch ein Paisleykleid mit schön
gefiedertem Dekolleté, die Frankfurter Literaturhauschefin Maria Gazzetti mit
einem in Rom erstandenen schwarzen Wollkleid und flachen Prada-Schnallenschuhen
zum Flapper-Bubikopf. Wirkliche Profis wie sie ziehen sich anlassbezogen an, zum
Rowohlt-Empfang wollte Maria Gazzetti noch schnell in ein Marni-Kleid wechseln.
Ina Hartwig nahm Vivienne Westwoods Diagnose zur Wirtschaftslage beim Wort: „Sie
sagte, dass man in der Krise selber nähen oder alte Lieblingssachen aktivieren
solle.“ Entsprechend trug die „FR“-Kritikerin eine zauberhaft trendfreie
Kombination aus dunkelblauer Schulmädchenbluse, Pepitapullunder, Faltenrock und
Perlenkette.
Rowohlt-Tradition demonstrierte die Pressedame Elisabeth Raether mit einer
makellos erhaltenen Satteltasche ihrer Großmutter ohne Label, für die Miuccia
Prada als Inspirationsvorlage ihre Skiausrüstung hingegeben hätte. Das
raffiniert dekolletierte Kleid dazu war vom Berliner Insiderlabel Herz + Stöhr –
wer mutig fragte, konnte an diesem Abend viele Marken entdecken. Darunter
unverhoffte Klassiker wie Aquascutum, die Londoner Luxusmarke. In einem
Oversize-Jackett der Firma schaute Christian Kracht bei Rowohlt vorbei, seine
Frau trug die Aquascutum-Jacke kurz und tailliert. Nicht nur sie schwärmten vom
Auftritt des neuen Klett-Cotta-Chefs Tom Kraushaar, dessen „quietschgelber“
Pullunder die Gemüter erregte. Modeklatsch stand im Zentrum der Konversation.
Man sprach vom Buchpreis-Autor Uwe Tellkamp, der seinen Dresden-Roman mit den
Stadtfarben unterstrichen hatte, zu Schwarz gelbe Socken, Krawatte und eine
Dresdner Schiffermütze ausführte. Stefan Aust, der „seit einem halben
Jahrhundert dieselben Sachen“ trägt, ließ unter dem offenen Hemd ein weißes
T-Shirt sehen, was die Rede auf einen seiner Baader-Meinhof-Filme brachte.
„Natürlich weiß man, dass die Frankfurter Buchmesse auch eine Modemesse ist“,
erklärte der Schriftsteller und „Titanic“-Autor Oliver Maria Schmitt. Sein
zinnoberroter Anzug war nach persönlichen Maßangaben eigens bei einem Londoner
Mods-Versand geordert worden: mit Rückenklappe, schmalem Revers, breitem Talking
Heads-Brustraum, bundfaltenfreier Flat-top-Hose und stoffbezogenen Knöpfen: „Die
kannte ich nur vom Kostüm meiner Oma.“ Als Fazit ist festzuhalten, dass vor
allem die männliche Messewelt in der Mode heftig aufholt und mit der Berliner
Szene im Rücken geradezu stilprägend wird. Dass die Hülle das eigene Leben nicht
ersticken darf, hat auch die weibliche Seite begriffen. Vom grellen
Markentheater mancher Trendhauptstädte ist wenig zu bemerken, und auch die
Nullpunktmode früherer Messen geht bei den Autorinnen zurück. Außerdem blitzt
hier und da ein geradezu dandyhafter Witz auf, zum Beispiel beim Kritiker Hubert
Winkels, der, wie man munkelte, eine gefaltete Manuskriptseite als Krawatte
trug.
Autoren mit Stilgefühl: Oliver Maria Schmitt, Christian Kracht, Dietmar
Dath, Stefan Aust und Uwe Tellkamp.
s Platthaus; Kaufhold; Setzer (2); Kammerer.
Stilprägende Frauen: Sybille Lewitscharoff, Ulla Berkéwicz und Maria Gazzetti.
Bachmanns Perlen sind für viele Vorbild.
„Meine Kleidung muss ein bisschen extrem, etwas vergammelt sein,
aber nicht zu sehr. Ich möchte eigentlich gar nichts mehr im
Schrank haben.“
Ulla Unseld- Berkéwicz
20081018
Fragebogen
Uwe Tellkamp
Schriftsteller und Buchpreisgewinner 2008
Sein Roman „Der Turm“ hat gerade den Deutschen Buchpreis gewonnen, doch
woran Uwe Tellkamps Herz wirklich hängt, das ist die Lyrik. In seiner Dankesrede
ordnete er sie über der Prosa ein, und wer weiß, dass Tellkamp seit geraumer
Zeit an einem vielhundertseitigen Lyrikbuch namens „Nautilus“ arbeitet, der
ahnt, dass der in Dresden geborene und in Freiburg lebende Autor sein (aus
eigener Sicht) wahres Chef d’oeuvre noch gar nicht publiziert hat. Ins Auge
gefasst ist aber auch ein ähnlich umfangreicher Roman wie der fast
tausendseitige „Turm“. Das Schicksal von dessen Protagonisten soll
fortgeschrieben werden – in die neunziger Jahre hinein. Zentraler Ort der
Handlung wird dann Leipzig sein.
So setzt der vierzigjährige Schriftsteller seiner sächsischen Heimat ein
literarisches Monument. „Jetzt weiß auch mein alter Dresdner Bäcker, wer ich
bin“, rief er uns auf der Buchmesse zu. Und nicht nur der. War nach dem 2005
erschienenen Roman „Der Eisvogel“ häufig noch der Soupçon gegen einen
Schriftsteller zu spüren, dem man Deutschtümelei vorhielt, weil er die kühle
Autopsie einer nationalkonservativen Terrorgruppe betrieb, umarmt man ihn nun
als Anwärter auf den lange verwaisten Posten eines Nationaldichters. Aber
Tellkamp gehört nur sich selbst.
ANDREAS PLATTHAUS
Was ist für Sie das größte Unglück? Tod oder schwere
Krankheit/Verletzung eines mir nahestehenden Menschen.
Krieg. Niedertracht und blinde Gier, sie zerstören die
Grundlagen.
Wo möchten Sie leben? In einer großen, vielfältig
bevölkerten pulsierenden Stadt mit einem alten Hafen, auch
für Segelschiffe, mit Katakomben, Yuccapalmen vor den
Treppen-Entrees von Hotels, in denen es Schwarzweißs
von Alain Delon, Sean Connery als James Bond und Jean
Pierre Melville gibt; mit Schnürsenkelfabrik, Schneidereien
und Internet-Cafés, die die Zeitschrift „mare“ im Angebot
haben. Und irgendwo sollte Audrey Hepburn zu finden sein.
Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück? Der
Augenblick wirklicher Freiheit.
Welche Fehler können Sie nicht verzeihen? Allgemeines
Desinteresse.
Ihre liebste Comic-Figur? Zwei: Corto Maltese und Ritter
Runkel von Rübenstein aus der „Digedags“-Serie Hannes
Hegens, der Ost-Comic, für mich die beste gezeichnete Serie
der Welt (knapp vor den Entenhausenern)!
Ihre meistgehasste Sendung im Fernsehen? So oft sehe ich
nicht fern, um dazu ein Urteil zu haben.
Ihre Lieblingsheldinnen in der Dichtung? Die grandiosen
Frauenfiguren Julien Greens und Shakespeares.
Weshalb überhaupt Gedichte lesen? Um Verse wie die
folgenden zu entdecken: „Der Elefant, der gestern im Traume
Indien sah / sprang aus den Ketten – wer hat, ihn
festzuhalten, Macht?“ (Rumi).
Wann haben Sie sich zuletzt selbst gegoogelt? Gestern, aus
Ungläubigkeit.
Welche Kunstausstellung haben Sie zuletzt besucht? Picasso
in Baden-Baden.
Auf die Musik welches Komponisten können Sie am ehesten
verzichten? Ich nenne lieber die Unentbehrlichen: Mozart,
Bach, Wagner, der wunderbare Schumann. Lutoslawski.
Welche Eigenschaft schätzen Sie an sich selbst am meisten?
Ich bin ein starker Liebender und ein starker Hasser.
Welche der sieben Todsünden wird überschätzt? Völlerei.
Ihre Lieblingsbeschäftigung? Dichtung zum Gelingen zu
bringen.
Mit welcher literarischen Figur können Sie sich
identifizieren? Mit allen „Helden“ Fjodor Dostojewskijs.
Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten? Die
Änderung der Ansicht über Blumen.
Ihre größte Leistung? Den Roman „Der Turm“ zu schreiben
(von 2006 an mit einem Sohn).
Welchen Lebenstraum haben Sie aufgegeben? Bisher keinen.

Wofür haben Sie sich zuletzt entschuldigt? Bei einem
Wespenvolk fürs Ausheben aus der Decke einer Wohnung.
Ihr Lieblingswort? Als Schriftsteller ein Lieblingswort zu
haben käme mir etwa so vor, wie als Maler eine
Lieblingsfarbe zu haben.
Was macht Sie nervös? Zeitverschwendung.
Worauf können Sie verzichten? Auf die Innenansicht von
Särgen.
Welchen Roman der Weltliteratur haben Sie nicht zu Ende
gelesen? Ach, einige.
Welchen Roman hätten Sie gern geschrieben/angeregt/verlegt?
„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust.
„Das Schloß“ von Franz Kafka. „Fahrt zum Leuchtturm“ von
Virginia Woolf. „Die Trambahn“ von Claude Simon. „Argo“ von
Uwe Tellkamp.
Sind Sie ein Gegner oder ein Befürworter der neuen E-Books?
Wenn sie nützen, ein Befürworter. Nützen sie?
Wen würden Sie gern einmal wiedersehen? Das Dresdner
Antiquariat P. Dienemann Nachf. zu seiner und seiner
Betreiber Blütezeit.
Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen? Zeichnen und
malen zu können.
Wie möchten Sie sterben? In absentia.
Und dann? In der klaren Erkenntnis, dass es unbedingt mehr
gelbe Socken geben muss (nicht politisch zu verstehen).
Stirbt die Buchmesse aus?
Erleben wir auf dieser sechzigsten Frankfurter Messe das Buch als eine
untergehende Art? Wir haben nachgefragt.
Michael Klett, Klett-Cotta: Wir rechnen durchaus im nächsten Jahr mit
Umsatzrückgang in einzelnen Bereichen, werden aber auf jeden Fall an der Front
bleiben: In einem schrumpfenden Markt, wenn der Wettbewerb härter wird, muss man
das tun. Dies ist meine sechsundfünfzigste Messe, deshalb glaube ich ehrlich
gesagt nicht an dramatische Veränderungen – dafür hat unsere Branche insgesamt
viel zu viel Substanz.
Ulrich Genzler, Random House: Die Messe wird natürlich nicht aussterben. Ich
glaube aber, dass manche der Festivitäten nichts mehr mit dem zu tun haben, was
die Teilnehmer wirklich umtreibt, dass bestimmte Glanznummern einfach absurd
geworden sind. Dieser hohle Glanz wird nicht nur bei den Abendveranstaltungen
beäugt, sondern hat auch Einfluss auf das Gebaren tagsüber. Die Messe selbst
steht ja nicht zur Disposition. Sie ist auch deshalb nicht in Gefahr, weil das
Medium Buch in der jetzigen Krisensituation wichtiger ist denn je. Aber die
Traditionen, die auf der Buchmesse unhinterfragt weiterleben, haben ja auch
etwas Beruhigendes. Und vielleicht brauchen die Menschen in diesen Tagen etwas,
woran sie festhalten können.
Michael Krüger, Hanser: Nein. Statistisch gesehen, liest der deutsche Leser im
Schnitt pro Jahr fünf Bücher. Er braucht gar nicht die Hunderte von Büchern, die
man sich jetzt aufs E-Book laden kann. Außerdem sind Bücher billiger als zwei
Maß Bier auf dem Oktoberfest. Bücher sind auch billiger als ein Essen in einem
Frankfurter Hotel. Ich glaube an die strahlende Zukunft der Buchmesse.
Jürgen Kill, Liebeskind: Nein, aber ich fänd’s nicht schlecht, wenn sie es täte,
weil mir der ganze Buhai auf die Eier geht. Es hat sich eine gewisse
Wurschtigkeit der Branche gegenüber dem eigenen Untergang eingestellt. Wenn wir
schon untergehen, dann wenigstens wie auf der Titanic 1. Klasse.
Nikolaus Hansen, Arche: Nein. Das Einzige, was uns Machern Spaß macht, ist,
unsere Mittäter zu treffen. Und selbst wenn die Bücher aussterben sollten,
würden wir uns wohl weiterhin treffen.
Günter Berg, Hoffmann und Campe: Die Buchmesse stirbt überhaupt nicht aus. Ich
glaube aber, dass die Buchmesse in diesem Jahr ruhiger ist. Wahrscheinlich
werden am Ende weniger Zuschauer dagewesen sein. Es gibt keine Riesenbücher,
wohl auch keine Riesenabschlüsse. Die meisten Geschäfte scheinen im Vorfeld
gemacht worden zu sein. Aber ich habe den Eindruck, dass viele Kollegen die
Messe wirklich nutzen, um sich zu treffen und zu reden. Die Stimmung ist trotz
der Finanzkrise nicht schlecht. Und ich habe übrigens nicht ein einziges
kontroverses Gespräch über E-Books belauscht.
Jörg Bong, S. Fischer: Die Buchmesse wird niemals sterben. Definitiv nicht. Auf
keinen Fall. Das ist ja vollkommen dramatisiert. Die Finanzkrise ist eine
radikale Irritation des Globus. Aber sie erschüttert nicht den Kern des
Buchgeschäftes – so wenig auch ein Buch derzeit dabei helfen kann, aus ihr
herauszukommen.
Rüdiger Salat, Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck: Mit der Verstaatlichung von
Verlagen rechne ich nicht. Natürlich werden alle Verlage sparen, aber das macht
nicht den Stil der Messe aus. Autoren, Verleger, Buchhändler und Leser werden
sich umso inspirierter mit neuen Titeln beschäftigen. Es gibt schließlich keine
Buch-Blase, die platzen könnte. Aber Frau Merkel sollte endlich eine Garantie
für den Schutz geistigen Eigentums übernehmen.
Vittorio E. Klostermann, Verleger: Dass einzelne Verlage sich in angespannter
wirtschaftlicher Situation mit kleineren Messeständen begnügen werden, das kann
ich mir vorstellen. Zu keinem Zeitpunkt des Jahres aber blicken alle Medien,
blickt die Welt so auf das Buch und seine Derivate. Darauf können und deshalb
werden die Verlage nicht auf die Buchmesse und alle ihre Ausblühungen
verzichten.
Ingrid Noll, Krimi-Autorin: Man muss schon sehr pessimistisch sein, um an ein
Ende der Buchmesse in ihrer jetzigen Form zu glauben. Es gab immer Menschen, die
wenig gelesen haben. Aber es gab eben auch immer schon Menschen, die viel
gelesen haben. Die wird es weiterhin geben. Die wollen kein elektronisches Buch
mit ins Bett nehmen, und die werden sich auch in Krisenjahren Bücher leisten
wollen.
Stephan Gallenkamp, Eichborn: Weder die Finanzkrise noch Neuentwicklungen wie
E-Books können der Buchbranche etwas anhaben. Bücher gibt es seit über
fünfhundert Jahren. Nun kommen eben neue Medien hinzu, die auch wir nutzen
werden – unsere Lektoren werden zum Beispiel Manuskripte auf E-Books lesen. Eine
Revolution bricht dadurch aber nicht los. Durch die Finanzkrise erst recht
nicht.
Tom Erben, Aufbau Verlagsgruppe: Ich sehe nicht schwarz. Wir von Aufbau haben
dank der neuen Eigentümer unsere eigene Finanzkrise gerade überstanden. Aber es
kommen viele Umbrüche auf die Buchmesse zu, die auch sie verändern werden. Die
Folgen sind schwer einzuschätzen. Einerseits wird es immer wieder einen neuen
Harry Potter geben. Andererseits wird es sicherlich, falls die Leute weniger
Geld für Bücher ausgeben, zu einem Verdrängungswettbewerb kommen. Wir werden
alles dafür tun, dass unsere Bücher dabei eine Chance haben.
Gunnar Schmidt, Rowohlt Berlin: Es wird die Messe 2009 genauso wieder geben! Es
wurden schon viele Untergangsszenarien beschworen, aber auch nächstes Jahr
werden sie nicht eintreffen.
Albrecht Koschützke, Dietz-Verlag: Ich habe unglaubliches Vertrauen in die 42
Prozent dieser Messe, bei denen es noch ums Buch und nicht ums Hörbuch oder um
Merchandising-Produkte geht. Ich bin gerne bereit, schon jetzt für die nächsten
fünfzehn oder zwanzig Jahre unseren Stand zu mieten. Und die Folgen der
Finanzkrise? Das ist nichts Neues. Kapitalismus heißt ja Krise. Wer Bücher
gelesen hat, wird nicht sagen können, er habe von nichts gewusst.
Peter Weiß, Karolinger Verlag: Ich halte die Finanzkrise für weniger bedrohlich.
Viel wichtiger wird sein, was aus Kindle und aus all diesen Geräten wird: Sie
werden zu einer immer stärkeren Abstraktion und Technisierung der Erde führen.
Durch sie wird das Haptische bedroht. Aber unsere Bücher werden ohnehin nicht
von solchen Strebern gelesen – unsere Leser sind gescheit und Genussmenschen.
Und ein solcher frisst, säuft und will Bücher anfassen.

Hall Eight
Blog Richard Charkin
There is a great tradition throughout the book world of sniggering over
strange book titles. The title of this posting was a book published in the 1980s
by Little, Brown and Company and combines accuracy, brevity and mystery. It will
of course now be available again through the wonder of print on demand
technology. Suddenly all the great odd titles will reappear. Oxford University
Press’s worst selling title „The Vocal Organs of Passerene Birds (hitherto
unnoticed)“ – recommended by Charles Darwin – will surely find a ready market
and perhaps my own personal worst seller „The Anatomy of the Dromedary“ which
was co-authored by an Israeli and a South African (during the Apartheid era)
thus ensuring zero sales in the Middle East and Africa (where camel fans tend to
live).
For thirty years the Bookselller has published the results of the Diagram Prize
for the strangest title and is celebrating this year with an anthology of the
best, entitled „How to Avoid Huge Ships“. Germany has followed suit with the
Kuriosester Buchtitel prize judged by the reference genius, Ben Schott. The
worthy winner was announced on Wednesday – Stephen Harbort’s „Encounters with a
Serial Killer – Now the Victims Speak“. Ben announced the result by explaining
that in Britain there are two common lies. The first is that Americans have no
sense of irony. This is clearly disproved by Sarah Palin running for
Vice-President. The other is that Germans have no sense of humour. This is
disproved by inviting a non-German speaking author to judge a German-language
book title prize.
Last night I attended one of the more recent traditions of Hall 8, the Book
People’s dinner at Weidemann’s. The Book People is celebrating its twentieth
anniversary of selling books to people working in offices and through
catalogues. In two decades of people predicting the decline of the book the Book
People have proved the opposite and they now sell 20 million books a year in
Britain alone.
Possibly the biggest deal of the day has just been signed at the reception given
by Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. The CEO of HarperCollins UK and
International, Victoria Barnsley, has pipped Ed Victor and several other eminent
people to the post and has persuaded me to let her be my literay agent for 15%
of all new business she brings in for me. I am deeply honoured to be the object
of a bidding frenzy of course but I hope that Victoria doesn’t think that this
15% will be enough to replace the damage done to her pension by the credit
crunch crisis.
Lesen Sie den Blog von Richard Charkin auch unter www.faz.net/charkin
Entspannt fernab von Frankfurt
Was ich so treibe, während alle anderen in Frankfurt auf blauen Sofas
schwitzen.
Von Thomas Glavinic
Ich sitze in einem Hotel in Palermo. Gestern war ich so unvorsichtig, mir ein
Leihauto zu mieten, das steht nun in der Garage, und ich habe es noch nicht
gewagt, nachzusehen, wie zerbeult das Heck nach meinen ersten Erfahrungen mit
dem Nahkampf ist, den sie hier als Verkehr bezeichnen. Fünf Reihen von Autos
nebeneinander, wo nur drei Spuren sind, und rote Ampeln, die offenbar nur als
Zierde des Ortsbildes verstanden werden, obwohl daneben martialisch aussehende
Polizisten mit Maschinenpistolen stehen. Also nichts mit Ausflug, wieder nur
Hotelpool, aber der ist auch schön.
Eigentlich will ich ja arbeiten. Ich habe meinen Laptop dabei, mein Roman ist
fast fertig, und der nächste Bekannte, der mich in eine Kneipe verschleppen
könnte, um willentlich oder ohne bösen Vorsatz den Abschluss dieses Buches zu
verhindern, ist ungefähr 1500 Kilometer Luftlinie entfernt. Trotzdem will die
Sache noch nicht recht gelingen. Das liegt zum einen an der höllisch lauten
Klimaanlage, die man nicht abstellen kann, zum anderen an den mehr als dubiosen
Geräuschen auf der Straße, vor allem aber daran, dass ich ständig SMS und
E-Mails bekomme, in denen die Frage gestellt wird, in welcher Halle ich bin.
Beim ersten Mal dauerte es eine Weile, bis ich verstand, was meine Freundin aus
Berlin von mir wollte. Mittlerweile bin ich geschult. Menschen, denen ich in
Liebe zugetan bin, erzähle ich nicht, dass ich bei 27 Grad am Meer sitze, denen
sage ich, ich sei im verregneten Wien und müsse arbeiten, und mir gehe es gar
nicht gut.
Menschen, denen ich neutraler gegenüberstehe, berichte ich wahrheitsgemäß von
meinem Alltag: Orangenbäume, geheizter Swimmingpool mit Meerwasser, dreimal
täglich Essen im Nobelrestaurant, das Hotel selbst eines der besten der Stadt,
schon Prinz Charles und Madonna sind hier abgestiegen, und das Beste an all dem
ist, dass es mir von Michael Krüger bezahlt wird.
Menschen hingegen, deren soziale Intelligenz so gering ist, dass sie über die
Jahre hinweg trotz eindeutiger Signale von meiner Seite nicht bemerkt haben,
dass ich auch ohne ihre ständige Anwesenheit leben kann, werden von mir ruchlos
in Hallen geschickt, die möglichst weit von ihrem aktuellen Aufenthaltsort
entfernt sind, den zu erfragen ich zuvor natürlich schlau genug war. Eine Stunde
später – und ich sehe sie vor mir, wie sie sich durch die Menschenmassen kämpfen
– kommen vorsichtige Anfragen, wo ich denn nun eigentlich sei, und ich antworte,
ich sei von jemandem entführt worden, käme aber in zwei Stunden ganz bestimmt da
und dorthin, ob wir uns vielleicht dann treffen könnten.
Dieses Spiel hat großen Reiz, und Fortgeschrittene spielen es mit jener
besonderen Bosheit, die mich gestern den Autor B., dessen wechselseitige
Feindschaft mit dem Journalisten S. bekannt ist, an den Hanser-Stand hat
schicken lassen, wo ich den Journalisten S. wusste. Ich bekam folgerichtig am
Abend einen langen Bericht über die unschöne Begegnung der beiden, und wie nicht
anders zu erwarten war, hatte B. völlig vergessen, dass ich ihn versetzt hatte,
und wollte nur wissen, zu welcher Party ich gehe. Meine Antwort, ich wäre bei
den Amerikanern, ließ ihn verstummen.
Ich weiß, dass meine Schadenfreude auf mich zurückfallen wird. Zumindest, wenn
ich es schaffe, diesen Roman in den nächsten Tagen in dieser schönen Stadt
fertig zu schreiben. In diesem Fall werde ich in einem Jahr in Frankfurt sitzen
und mich fragen, wieso ich den Buchpreis nicht gekriegt habe. Im Laufe der Woche
wird meine Bereitschaft steigen, in unübersichtlichen Menschenmengen Tritte
auszuteilen, vorzugsweise an ältere Frauen, weil die erstens nie Tritte bekommen
und zweitens nie im Leben auf die Idee verfallen würden, diese Tritte seien
etwas anderes als Zufall beziehungsweise Versehen. Vor allem aber werde ich mich
fragen, wer gerade in Palermo sitzt.
Entschuldigen Sie den spekulativen Charakter dieses Artikels, doch ich muss ihn
jetzt leider abschicken, gerade kommt die Masseurin rein, danach bin ich
verabredet.
„Und das Beste ist, dass Michael Krüger alles bezahlt“: Thomas Glavinic,
gestern Morgen auf dem Balkon seines Hotels in Palermo.


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