Buchmesse Frankfurt 2008 – FAZ Messezeitung Tag 2

Autoren auf der Messe stellen sich vor

Der große Graben

Michael Jürgs macht Erfahrungen mit der Wiedervereinigung

Michael Jürgs ist ein umtriebiger und fleißiger Rechercheur. Der ehemalige "Stern"-Chefredakteur hat sich zu einem der profiliertesten deutschen Sachbuchautoren entwickelt. Sein Themennäschen hat er aus dem Journalismus mitgenommen. Vor wenigen Wochen ist bei C. Bertelsmann sein Buch erschienen: "Wie geht’s Deutschland". Ein Jahr vor dem zwanzigjährigen Jubiläum des Mauerfalls zieht Jürgs eine facettenreiche Bilanz. Aber nebenbei erteilt ihm das Land selbst eine Lektion im Fach "Wie deute ich Geschichte?". Jürgs macht eine Erfahrung, die unmittelbar mit seinem Buch zu tun hat – nur anders herum. Denn Deutschland scheint beim Thema Wiedervereinigung nicht in Ost und West, sondern in Nord und Süd getrennt zu sein. Eine Lesereise mit 23 Stationen, die unlängst begonnen hat und bis Anfang Dezember andauert, führt Jürgs nur in eine süddeutsche Stadt – ins schwäbische Sindelfingen.

Nun hat Jürgs zwar keine neue Mauer, wohl aber einen "Graben im Kopf" ausgemacht: Zumal im Freistaat Bayern interessiere sich "kein Mensch" für die deutsche Einheit. Der Bayerische Runfunk, immerhin eine der größten ARD-Anstalten, habe kein Interesse an einem Interview gezeigt, auch kein Privatsender aus dem Süden. Jürgs sagt das ohne Larmoyanz. Ganz anders fielen dagegen die Reaktionen im Osten und im Westen aus: "Die Leute im Ruhrgebiet interessieren sich plötzlich für die Lage im Osten, weil es ihnen selbst so schlecht geht." In Gelsenkirchen – Arbeitslosenquote achtzehn Prozent -, das mit Cottbus eine Partnerstadt im Osten hat, habe er bei seiner Lesung viel Verständnis vorgefunden, aber keine Sympathie. "Die Menschen dort sehen nicht ein, warum sie Solidaritätzuschlag bis 2019 zahlen sollen." Eine beliebte Frage bei Lesungen sei, wann der Prozess der Wiedervereinigung wohl abgeschlossen sein werde. Darauf antworte Michael Jürgs nach eigener Aussage immer bündig: "Wenn Sie nicht mehr danach fragen."

 

 

Pamuks Stimmen

Worüber ein Autor lacht

Orhan Pamuk hat eine Stimme, die es gelernt hat, über sich selbst zu lachen. "Er hat eine Stimme", sagt Recai Hallaç, "die immer gut ist für eine Überraschung. Wenn er über die Welt lacht", so Hallaç, Pamuks Dolmetscher, der dem türkischen Schriftsteller auch bei dessen Auftritten in Frankfurt sein melodisches Timbre leiht, "lacht er immer am meisten über sich. Pamuks Stimme hat die Musik einer sehr ernsthaften Ironie."

 

Recai Hallaç, der auch Schauspieler, Übersetzer und seit kurzem Verleger der Berliner Edition Galata ist, steht am Stand von Hanser, wo sich Pamuk mit seiner Übersetzerin Ingrid Iren trifft. Security im hellen Anzug, bitte keine Interviews. Neben der PR-Agentin Angelika Wellmann, die für einen Beitrag zum dreißigsten Geburtstag des von ihr vertretenen Literaturverlags Droschl wirbt, sitzt der neue Hanser-Autor Norbert Gstrein und wartet im Gespräch mit der Presse auf den Büchner-Preis. "Das gesprochene Wort ist natürlich ein Produkt, das der Atmosphäre des jeweiligen Augenblicks entspringt", sagt Hallaç, während Christina Knecht, Pressesprecherin bei Hanser, Ingrid Iren und Orhan Pamuk ein Glas Wasser bringt. Beim geschriebenen Wort, meint Hallaç, merke man indes, "dass Orhan an jedem einzelnen Wort sehr lang gearbeitet hat. Seine literarische Stimme ist von einer Atmosphäre, die er erst beim Schreiben für sich selbst und mit sich selbst erschafft."

 

Charlotte Birnbaum kocht in der Städelschule

Innereien sind nichts für Weicheier

Antiamerikanismus in der Küche – das heißt: weg vom Steak-Kult, hin zu Alteuropas echter Küche, in der das ganze Tier, wenn es schon einmal dran glauben muss, auch respektiert wird. Mit allem, was es zu bieten hat: Herz, Leber, Hirn, Nieren, Bries, Kutteln und Lunge. Charlotte Birnbaum stellte in der Städelschule ihr Buch "Die innere Reise" vor. Die Autorin stammt nicht, wie man vermuten könnte, aus der Gegend südlich der Main- oder gar Inn-Linie (wo die Innereien nie von der Speisekarte verschwunden sind), sondern aus Schweden. Gereicht wurden Leber-Leckerbissen, aber ihr Buch hat mehr zu bieten. Nichts für Cholesterin-Neurotiker. Aber die Kunstwelt Frankfurts war vollzählig erschienen.

 

 

Fragebogen

Carmen Balcells

Agentin

Seit ein paar Jahren heißt es, sie befinde sich im Ruhestand, und wenn sie darauf angesprochen wird, antwortet sie, ja, das sei richtig, sie stehe längst nicht mehr so früh auf wie früher. Aber gelegentlich gebe es eben doch noch Dinge im Büro, die sie dringend regeln müsse. Und dann sei sie eben da. Im Büro.

Carmen Balcells, Jahrgang 1930, ist die berühmteste literarische Agentin der panischsprachigen Welt. Auf ihrer Liste stehen Schriftsteller wie Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa, Juan Goytisolo und Isabel Allende. Trotz ihrer fünfzig Jahre im Geschäft und großer Macht im Literaturbetrieb hat die Agentur Carmen Balcells in Barcelona den häuslichen Touch behalten. Besondere Vorsicht herrscht bei der Weitergabe persönlicher Details, sei es über das Leben ihrer Autoren oder über die Ansichten der Agentin. Angeblich hat sie bis heute nicht mehr als drei oder vier Interviews gegeben, und auch der Kampf um diesen Fragebogen zog sich wochenlang hin. "Meine Arbeit", sagt sie dazu, "findet nicht in der Öffentlichkeit statt. Je mehr Aufmerksamkeit der Schriftsteller und sein Verlag bekommen, desto besser."

PAUL INGENDAAY

Was ist für Sie das größte Unglück? Jedes Unglück, das meinem Sohn widerführe.

Wo möchten Sie leben? In meinem höheren Alter: In meinem Heimatdorf.

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück? Das Glücklichsein in meiner Umgebung.

Welche Fehler können Sie nicht verzeihen? Jegliche Form von Gewalt.

Ihre liebste Comic-Figur? Idefix.

Ihre meistgehasste Sendung im Fernsehen? Ich schaue so wenig Fernsehen, dass ich die Frage nicht beantworten kann.

Ihre Lieblingsheldinnen in der Dichtung? Keine.

Weshalb überhaupt Gedichte lesen? Was für eine Frage!

Wann haben Sie sich zuletzt selbst gegoogelt? Ein einziges Mal, vor langer Zeit, im Jahr 2000.

Welche Kunstausstellung haben Sie zuletzt besucht? Miquel Barceló in der Galerie Maeght in Saint Paul de Vence

Auf die Musik welches Komponisten können Sie am ehesten verzichten? Meine musikalische Bildung ist so begrenzt, dass ich nichts dazu sagen kann.

Welche Eigenschaft schätzen Sie an sich selbst am meisten? Effizienz.

Welche der sieben Todsünden wird überschätzt? Die Ausschweifung.

Ihre Lieblingsbeschäftigung? Häuser einrichten.

Mit welcher literarischen Figur können Sie sich identifizieren? Scarlett O’Hara.

Was schätzen Sie bei ihren Freunden am meisten? Loyalität und Nachsicht oder Toleranz.

Ihre größte Leistung? Keine.

Welchen Lebenstraum haben Sie aufgegeben? Eine Piano-Bar zu haben.

Wofür haben Sie sich zuletzt entschuldigt? Dafür, dass ich laut geworden bin.

Ihr Lieblingswort? Freude.

Was macht Sie nervös? Interviews.

Worauf können Sie verzichten? Salat.

Welchen Roman der Weltliteratur haben Sie nicht zu Ende gelesen? Es gibt Tausende, die ich nicht einmal angefangen habe.

Welchen Roman hätten Sie gern angeregt? Ich habe Autorenrechte von James Joyce, William Faulkner und Rudyard Kipling ausgelöst, was diesen Schriftstellern eine größere Verbreitung in der spanischsprachigen Welt ermöglichte.

Sind Sie eine Gegnerin oder Befürworterin der neuen E-Books? Von Gegnerin kann keine Rede sein; ich habe meine ersten hundert E-Bücher unter Vertrag.

Wen würden Sie gern einmal wiedersehen? Meinen Bruder Eric und Manolo Vázquez Montalbán.

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen? Erinnerung.

Wie möchten Sie sterben? Wenn möglich, schlafend an meinem Schreibtisch.

Und dann? We’ll always have Paris.

Die Memoiren von Ingrid Betancourt sind in Frankfurt im Angebot. Drei deutsche Verlagsgruppen erhielten das Manuskript der jahrelang entführten kolumbianischen Politikerin zur Prüfung, Gebote werden während der Messe erwartet, der Zuschlag erfolgt danach. Ob es sich auf RTL-taugliche reißerische Details aus der Leidenszeit konzentriert oder ein eher intellektuelles Publikum ansprechen soll, ist offen. Französische Verlage bekommen das Buch erst später angeboten; die Agentin Susanna Lea fürchtet dort noch eine Übersättigung mit Details von der Entführung.

Den neuen Nobelpreisträger Jean-Marie Gustave Le Clézio haben gleich drei deutsche Verlage zu bieten. Aber Piper hatte ihn mit "Das Protokoll" als erstes Haus im Programm – und das frisch mit aktuellem Nobelpreis-Aufdruck erschienene Taschenbuch hat auch noch den typischen Satzspiegel des sechziger Jahre.

Der "kurioseste Buchtitel des Jahres" heißt "Begegnungen mit dem Serienmörder. Jetzt sprechen die Opfer". Eine Jury um Susanne Fröhlich wählte Stephan Harborts Buch (Droste) auf Platz eins des erstmals von "Börsenblatt" und "Schotts Sammelsurium" organisierten Wettbewerbs. Juror Elmar Krekeler würdigte es als "große Titeleikunst nah am Wahnsinn".

Bei sechsstelliger Vorschusszahlung jubiliert das Herz des Geistesmenschen: Die Kritikerlegende Joachim Kaiser offenbarte gestern auf der Messe gutgelaunt und gutgebräunt, wie ihn der Ullstein-Verlag zu seinem neuen Buch "Der letzte Mohikaner" überredet hat. Seine Tochter Henriette schrieb dann gemeinsam mit ihm ein Porträt von Vater Kaiser – tröstlich, dass sich lebenslange Hochkulturleidenschaft bezahlt macht.

Buchführung bringt Bücher hervor: Dirk Müller ist bekannt als "Mister Dax". Der junge Skontroführer der Frankfurter Börse hat sich dank Fernsehen zum heimlichen Star entwickelt. Bei Droemer-Knaur wird er bald Buchautor.

Bis Seite 227 hatte sich die Justizministerin immerhin vorgekämpft, dann reichte es ihr: Mit David, dem von einer Frau besessenen Helden in Feridun Zaimoglus gefeiertem Roman "Liebesbrand", konnte Brigitte Zypries nichts anfangen. Zaimoglus Sex-Beschreibungen fand sie nicht schön. Jede Menge Stalking erkannte sie in Davids Verhalten. Zaimoglus Held jage einer Frau hinterher, die ihn nicht wolle. Das konnte natürlich einer Justizministerin nicht gefallen, die ein Anti-Stalking-Gesetz auf den Weg gebracht hat. Dem Autor aber gefiel nicht, was sie sagte: Ratlos lächelte Zaimoglu in Halle 3. Über "Suchen und Finden" sollten die Politikerin und der Schriftsteller eigentlich miteinander sprechen. Im Messegetümmel jedoch verfehlten sie sich.


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