Buchmesse Frankfurt 2008 – FAZ Messezeitung Tag 1

Eine traurige Nachricht bringt die "New York Review of Books" mit auf die
Frankfurter Messe: David Levine, der berühmte Karikaturist des Magazins,
erblindet. Seit vierundvierzig Jahren prägt er das Bild des
Intellektuellen-Blattes. Levines Zeichnungen von Jimmy Carter, George Soros,
Wladimir Putin in einer Königsrobe oder einfach nur den Lippen eines Obersten
Bundesrichters sind legendär.

 

Marx ist wieder gefragt, sagte Jörn Schütrumpf der "Neuen Ruhr/Rhein
Zeitung", und er muss es wissen als Geschäftsführer des Karl-Dietz-Verlags, wo
Marx und Engels erscheinen. Manche profitieren also durchaus von der
Finanzkrise: "Das Kapital", Band 1, das sich 2005 nur 500 Mal verkaufte, wurde
in diesem Jahr bereits 1500 Mal verlangt.

 

Ein Verlag, zwei Ansichten: "Der Vorhang fällt, und das war’s. Es war
richtig gut." So lautet das Fazit von Bernd F. Lunkewitz, dem früheren Verleger
von Aufbau. Der neue Eigentümer Matthias Koch formuliert die Sache prägnanter:
"Zum ersten Mal seit der Wende ist klar, wem der Verlag gehört – nämlich mir."

 

Bleibt alles anders: Nach einer gestern von ddp veröffentlichten Umfrage
würden 85 Prozent von rund sechshundert Befragten einen E-Reader nutzen. An ein
Ende des gedruckten Buches hingegen glaubt nur ein Prozent. 

 

 

Der Mann mit der Mütze ist Uwe Tellkamp, Gewinner des Deutschen
Buchpreises. Nach der Preisverleihung wissen nun alle modebewussten Leser, was
sie sich zuzulegen haben: eine original Dresdner Winzermütze. Darum handelt es
sich bei der plötzlich berühmt gewordenen Kopfbedeckung. Nicht nur an den Hügeln
des Loschwitzhangs, wo Tellkamps Roman "Der Turm" spielt, werden wir sie nun
öfter sehen.

 

Er habe die Menge schon im Studium gehasst, sagte Simon Schama, der
berühmte Historiker aus New York. Seine Professoren hätten alle die Geschichte
der Menge geschrieben. Da traf es sich, dass beim gesetzten Essen im Festsaal
des Frankfurter Hofs viele Plätze leer blieben. Wenn Simon Schama über einen
großen Gegenstand schreibe, lobte ihn sein Agent, der noch einen deutschen
Verlag für Schamas zu knapp vor der Wahl fertiggestelltes Buch über Amerika
sucht, dann sei immer ein Dritter im Raum, der Einzelne als Stellvertreter der
Menschheit. Schama redete lang vor dem ersten Gang, zeigte einen Film und redete
weiter. Als er endlich ans Ende gekommen war, hörte man ein Schnarchen. Über
seinem immer noch leeren Teller hing, mit baumelnden Armen, der ungenierte
Dritte, ein Japaner.

 

Auf den Straßen Mainhattans, in der Nacht nach der Buchpreisverleihung: Der
Hund des Literaturkritikers Christoph Schröder (FR) attackierte den
Literaturredakteur Dirk Knipphals (taz); Literaturredakteur Gerrit Bartels (taz)
blieb ungeschoren. Hatte das wilde Tier ästhetische Präferenzen (pro oder contra
Tellkamp)? Wollte der Köter sein Herrchen für böses Redigieren rächen? Oder
verschonte er Bartels, damit sein Herrchen endlich auch mal Spitzentitel
rezensieren darf? Alle Beteiligten überlebten, das Menetekel bleibt: Es kommen
härtere Tage, wusste schon Ingeborg Bachmann.

 

Der ordentlich gescheitelte Vizekanzler sah erstaunlich rosig aus. Während
an den Tischen im Foyer die Buchagenten verhandelten, stellte Außenminister
Frank-Walter Steinmeier im "Hessischen Hof" das Darwin-Buch von Jürgen Neffe vor
– "Kampf ums Dasein" als Motto dieser Tage? Mit einer optimistischen Sicht auf
die Spezies Mensch war Darwin von seinen Reisen zurückgekehrt – der reisende
Politiker Steinmeier wünschte sich selbst mehr davon. Doch schon war er wieder
verschwunden, zum Zwiegespräch in die Suite von Orhan Pamuk.

 

"Das ist eine schöne Gelegenheit, etwas richtig zu stellen. Die Leute
denken immer, ich schreibe ein Buch und schreibe ein Buch und schreibe ein Buch.
In Wahrheit ist es so: Ich schreibe das alles gleichzeitig."

 

Der Herr Carl
von Elke Heidenreich

Dieser Mann kennt jedes Geheimnis der Buchmesse. Alle, die etwas zu sagen
haben, gehen bei ihm ein und aus. Und von Literatur versteht er auch etwas.

Zwischen dem Herrn Karl von Helmut Qualtinger und dem Herrn Carl vom Frankfurter
Hof liegen Welten. Der Herr Karl ist ein opportunistischer Mitläufer, ein
Profiteur ohne Skrupel, ein kaltherziger Kleinbürger, ein Banause, der gemütlich
tut und gefährlich sein kann, kurzum: der Herr Karl ist der ewige Spießer, er
trägt Hut und arbeitet bei Feinkost Wawra.

Der Herr Carl dagegen ist ein wacher Menschenfreund, kann ahnen, was man fühlt
und denkt, kann Wünsche erfüllen, freundlich sein und hat doch durchaus eine
eigene Meinung, kurzum: der Herr Carl ist eine äußerst angenehme, erstaunlich
zeitlose Erscheinung, trägt niemals Hut und arbeitet seit unfassbaren 42 Jahren
im Hotel Frankfurter Hof, viele Jahre davon schon als Concierge.

Der Herr Karl hat keinen Nachnamen, der Herr Carl hat keinen Vornamen – doch, er
hat natürlich einen, aber der ist zu modern und passt irgendwie gar nicht zu ihm
und den muss man auch nicht wirklich wissen, außer man schreibt sich mit ihm
Briefe. Da gehört ein Vorname drauf.

Und so kenne ich den Vornamen des Herrn Carl, denn wir schreiben uns seit vielen
Jahren Briefe, sehr häufig, sehr regelmäßig, die Briefe handeln ein bisschen vom
Leben und sehr viel von den Büchern.

Irgendwann fing das an. Und immer schreiben wir beide mit der Hand, ich mit
schräger Schrift und Tinte, er mit geraden Buchstaben und Kugelschreiber. Durch
seine Briefe weiß ich, was Herr Carl denkt und liest. Er liest unendlich viel.
Er kommt, wie ich, aus Verhältnissen, in denen Bildung und Bücher nicht in der
sogenannten Wiege lagen, das entdeckte und erkämpfte man sich nach und nach
selbst. "Als ich mir endlich Bücher leisten konnte . . .", schrieb er mir
einmal, und auch ich erinnere mich gut an die Zeit, als ich mir endlich Bücher
leisten konnte.

Heute bekomme ich Bücher von den Verlagen geschickt, umsonst, für meine Arbeit,
und noch immer empfinde ich (fast!) jedes Bücherpaket als kostbares Geschenk.
Der Herr Carl kauft sich die Bücher. Wenn die Verleger wüssten, wie unendlich
liebevoll er über sie und ihre Arbeit redet, müssten sie sie ihm auch schicken
und schenken – wem, wenn nicht ihm, der schwärmt: Daniel Keel verdanke ich so
viel – die Ausgrabungen, die verborgenen Schätze, und alles in bezahlbaren
Taschenbüchern! Und immer so schönes Papier! Er sagt: Durch Manesse kenne ich
die Großen der Weltliteratur, und da habe ich gelernt, dass alle Länder der Erde
große Schriftsteller hervorgebracht haben.

Er schreibt mir in einem Brief: "Ich habe schon so viele Verleger im Hotel
kennengelernt, alles weltoffene, kluge Menschen, ihre Arbeit hat mein Leben
glücklich gemacht, ich könnte sie alle umarmen."

Herr Carl hat noch Lothar Blanvalet gekannt, der 1979 starb, Kurt Desch, der
1984 starb, Carl Hanser, der 1985 starb, Willy Droemer, der 2000 starb. Er hat
Unseld gekannt, und er kennt natürlich die agierenden Verleger, die während der
Buchmesse im Frankfurter Hof Empfänge abhalten. Er kennt alle
Friedenspreisträger und viele Autoren, und er mag und bewundert sie alle.

Wisst ihr das, ahnt ihr das, ihr Verleger? Euer treuester Kunde ist der Mann,
der euch am Empfang begrüßt, der das richtige Zimmer und die Opernkarten besorgt
und einen Platz an der Bar, der die Post und die neueste Zeitung aufs Zimmer
bringen lässt, und mir streicht er sogar in der Tageszeitung die Artikel an, die
ich lesen soll. Ich plädiere für lebenslange Buchpakete dankbarer Verleger an
diesen Herrn Carl, der der beste Multiplikator ihrer Produkte ist. In jedem
seiner Briefe schreibt er mir, was ich lesen soll. "Tannöd" kannte er, ehe es
irgendjemand sonst kannte. Wenn ich komme, fragt er als Erstes, wie es mir geht,
als Zweites erzählt er, was er gerade gelesen hat, an seinen freien Tagen liest
er den ganzen Tag. Philosophische, religiöse Bücher interessieren ihn,
katholisch, evangelisch, jüdisch, das Thema beackert er, immer auf der Suche
nach dem Sinn der Schmerzen und der Tiefen in seinem eigenen Leben. "Man braucht
Wegweiser", sagt er still.

"In ,Glaube und Denken – Dimensionen der Wirklichkeit‘ von Kurt Hübner habe ich
heute einen Satz gefunden, über den es sich lohnt, lange nachzudenken", schreibt
mir Herr Carl. "Er lautet: ,Wendet sich der Mensch gegen Gott, so wendet er sich
in Wahrheit gegen sich selbst, gegen das, was er eigentlich ist: Gottes
Ebenbild.’"

Ja, lieber, sehr verehrter und wunderbarer Herr Carl, es lohnt sich, über diesen
Satz nachzudenken, es lohnt sich, über Ihre Güte und Warmherzigkeit, über die
Quelle für Ihre Kraft und unermüdliche Freundlichkeit nachzudenken. Natürlich
ist Freundlichkeit Teil Ihres Jobs. Natürlich sind alle Concierges im
Frankfurter Hof freundlich, ich mag sie alle. Aber Sie strahlen. In Ihnen ist
irgendetwas, das man hat oder nicht hat, Charisma? Das Besondere eben. Das, was
manchmal Menschen haben, die Schweres erlebten und dadurch nicht bitter wurden,
sondern eher heiter und gelassen, dankbar. Herr Carl liebt seinen Beruf, freut
sich über die Chancen, die er gehabt hat, er liebt die Bücher, er liebt die
Hotelgäste, das tut er wirklich. Aber vor allem liebt er die Menschen, die zur
Buchmesse anreisen, die Presseleute, die Kritiker, er bewundert, was sie
leisten, und dankt dafür, dass sie es auch für ihn leisten, dass sie ihn mit
geistiger Nahrung versorgen. Über Launen, Anmaßungen, Eitelkeiten sieht einer
wie Herr Carl großzügig hinweg. Das sind Momentaufnahmen, die werden nicht
gespeichert. Es bleibt die Freude über die Begegnung.

Der Herr Karl hatte leidenschaftslose, berechnende Beziehungen zu Frauen, mit
Harmonikaspiel und Schlagern brachte er sie auf seine Seite, "mit’m Schmäh", wie
er selbst abfällig sagt. Er war dreimal verheiratet und hat am Ende gern den
Weibern ein "Schleich di!" hinterhergerufen.

Das Verhältnis des Herrn Carl zu Frauen ist ganz speziell. Sie sind wirklich für
ihn: Freunde. Auf jede Dame schießt Herr Carl zu und begrüßt sie überschwenglich
und lässt sie denken, sie sei die Einzige, die Schönste, die Wichtigste für ihn.
Wir lachen darüber, aber gut tut es doch, und manchmal spürt man sehr wohl, ob
eine Begrüßung einen Hauch inniger ist, als es das Geschäftsgebaren verlangt.
Wir kennen unsern Herrn Carl. Wir trauen ihm nicht immer über den Weg, er kann
auch spöttisch sein, aber wir vertrauen ihm bedenkenlos. Wenn er uns empfängt,
sind wir zu Hause. Er kennt unsere Geheimnisse und plaudert sie nicht aus. Nie
würde er sagen: "Schleich di", immer ist er da, wenn man abreist, und sagt:
"Kommen Sie bald wieder, bitte."

Man kommt gern wieder. Es ist ein angenehmes Hotel, auch außerhalb der Messe.
Aber während der Messe ist es die Zentrale, in der man alles sieht, erlebt,
hört, was man für ein Jahr wieder wissen muss, und zwar abends in der Bar, so ab
23 Uhr. Natürlich ist es brechend voll. Natürlich ist nirgends ein Platz. Herr
Carl nimmt meine Hand, führt mich bis vor die Theke, übergibt mich an den
nächsten liebenswerten Menschen, sagt: "Ömer, hier übergebe ich Ihnen Frau
Heidenreich." Und Herr Ömer, der Ömer genannt werden möchte und wird, übernimmt.

Kein Getümmel bringt ihn je aus der Ruhe. Er weiß genau zwischen Eintagsfliegen
und Stammgästen zu unterscheiden. Und es muss ein gutes Hotel sein, das solche
Menschen über Jahrzehnte hält und beschäftigt. Nein, umgekehrt. Solche Menschen
machen ein Hotel zu einem guten, in dem man glücklich schläft.

P.S. Ich habe Herrn Carl gesagt, dass ich über ihn schreibe. Prompt kam ein
Brief. "Lassen Sie mich bitte ganz klein in Ihrem Artikel sein", schrieb er.
"Groß an mir ist nur die Liebe zum Buch und die Achtung vor den Büchermenschen."

Herr Carl ist, das stimmt, zart und klein. Die Seele, die in diesem zarten
Körper wohnt, ist riesengroß und wärmt uns alle. Danke, lieber Jürgen Carl, für
alles.

 


Triumph für den Tiger

Aravind Adiga gewinnt den Booker-Preis / Von Gina Thomas

Aravind Adiga ist der diesjährige Träger des Man-Booker-Preises, der
renommiertesten Auszeichnung des britischen Literaturbetriebs. Der 1974 in
Madras geborene Schriftsteller wird für seinen Erstlingsroman "Der weiße Tiger

geehrt. Darin zeichnet er mittels seines gewieften Helden, der es aus der Gosse
zum Unternehmer bringt, ein Bild der zwei Gesichter Indiens: des boomenden und
des elenden. Überzeugt, dass "die Zukunft der Welt beim gelben Mann und beim
braunen Mann liegt", nachdem sich "unser ehemaliger weißhäutige Gebieter
zugrunde gerichtet hat", wendet sich Balram Halwai an den chinesischen
Ministerpräsidenten. In einer Reihe von witzigen sarkastischen Briefen erzählt
der Sohn eines Rikschafahrers seine Lebensgeschichte.
Als Favorit war der dreiundfünfzig Jahre alte Ire Stephen Barry mit "The Secret
Scripture
" (Die heimliche Schrift) gehandelt worden. Der poetische, den Singsang
der irischen Sprache vermittelnde Roman erzählt von einer fast Hundertjährigen,
die aus fadenscheinigen Gründen als junge Frau in ein Irrenhaus gesperrt wurde,
wo sie heimlich ihre Lebensgeschichte niederschreibt.
Die großen Namen, allen voran Salman Rushdie, haben diesmal gefehlt, und die
fast schon zur Routine gewordenen Kräche sind ausgeblieben. Der Juryvorsitzende
Michael Portillo, ehedem konservativer Kabinettsminister, betonte die Lesbarkeit
der sechs Bücher, die allesamt fesselnd seien – eine Bemerkung, die als Hieb
gegen die mitunter unnahbare Prosa früherer Preisträger ausgelegt wurde. Während
die Vorentscheidungen äußerst harmonisch verlaufen seien, gestand Portillo, dass
die Jury sich in ihrer letzten Sitzung schwer getan habe, sich auf den Sieger
unter den sechs in die engere Wahl gekommenen Titel zu einigen.
Adiga setze sich gegen Amitar Ghoshs, "Sea of Poppies", Philip Henschers "A
Northern Clemency", Linda Grants "The Clothes on Their Backs" und den Australier
Steve Toltz, der mit dem pikaresken "A Fraktion of the Whole" sein Debüt
vorlegte.

 

 

Ich mach Remmidemmi!
Die Eröffnungsfeier der Buchmesse lebte von süßen Muffins und dem sauren Orhan Pamuk

Der Mann war aufgebracht: Erst schicken sie eine Einladung, er nimmt sich
frei, packt die Frau ein, seine Brille, den Pass – und dann schiebt man ihn ab,
einfach so. "Ich mach Remmidemmi", poltert er. "Ich bin nicht gekommen, um die
Eröffnungsgala auf einem Bildschirm zu sehen! Ich wollte in den großen Saal, zu
Pamuk und Steinmeier." Die Frau an der Sicherheitsschleuse beschwichtigt. "Aber
beruhigen Sie sich doch, dort gibt es was zu essen", sagt sie, "und im Übrigen
die Beschwerdestelle." Wer könnte da nein sagen? Dieser Anonymus kann. Die
Eröffnungsfeier im Kino fand ohne ihn statt. Die im "Saal Harmonie" sowieso. Und
man muss sagen: Er hat kaum mehr verpasst als die köstlichen Muffins und Kekse,
die Starbucks oberhalb des Foyers verteilte – und Pamuks Rede.
Im Fernsehen, natürlich, kam die Eröffnung anders daher. Dort zahlte es sich
aus, dass die Messe professionelle Hilfe bei "Barbarella" gesucht hatte, einer
Kölner Veranstaltungsagentur. Sie durfte zwar keinen Moderator mitbringen,
stattete den Auftakt aber immerhin mit drei Bläsern und etwas Farbe aus. Wäre da
nicht Außenminister Steinmeier mit einigen recht düsteren Bemerkungen zur
Ernsthaftigkeit der Finanzkrise gewesen: Man wäre erst in dem Moment wieder
aufgewacht, in dem Orhan Pamuks Rede daran erinnerte, dass man sich doch einen
der Ohrhörer für die Übersetzung hätte schnappen sollen. Denn wenn es einen
Grund gab, diesen Nachmittag vor Ort zu verfolgen, dann die deutlichen Worte
Pamuks zur Freiheit der Künste in seinem Land. Vermutlich hatten sich der
türkische Präsident und seine kopftuchtragende Gattin diesen Auftakt anders
vorgestellt. Auch am Abend in der Alten Oper, deren leere Ränge noch etlichen
Bürgern Platz geboten hätten, wollte sich die Feierlichkeit nicht recht
einstellen. So sehr sich das Orchester auch bemühte.

 

 

Hall Eight
Richard Charkin

In the words of Irving Berlin: "The snow is snowing, the wind is blowing.
But I can weather the storm! What do I care how much it may storm? I’ve got my
love to keep me warm."
For the book trade we have something else to keep us warm. Banks may crash,
derivatives flounder, hedge funds wither, dot coms rise and fall – but somehow
or other writers, publishers, booksellers, literary agents, publishing
consultants and old bookish friends always manage to congregate for the Autumnal
bunfight known by the single word: Frankfurt.
For me the book fair started as it (nearly) always does with a delayed flight
from Heathrow and meeting up serendipitously with publishing friends all on the
same mission – to survive another Frankfurt and try to do a little business at
the same time. I resisted the temptation to calculate the total cost to the book
trade of all the airfares, the hotel rooms, the sausages, the sekt, the shoe
leather, the taxis and the purchasing mmistakes caused by ,Fair Fatigue‘. Maybe
I’ll do that towards the end of the week.
Arriving late meant missing out on the evening’s main event, the award of the
German Book Prize. This would have involved listening to quite long and
complicated speeches in German, which I’ve always found to be a hugely relaxing
pastime at the end of a stressful day, given that I don’t understand more than
about three words of German. In some ways I’m glad to have missed the event
because Berlin Verlag’s wonderful book by Ingo Schulze, "Adam und Evelyn",
didn’t win. Congratulations to Uwe Tellkamp with "Der Turm" nonetheless.
Tuesday morning kicked off with a highly confidential meeting of the
International Advisory Board of the Frankfurt Book Fair where the first item was
to debate the best English translation of the word "geschniegelt" in an article
in this paper yesterday which contrasted my appearance with that of my
Bloomsbury colleague, Nigel Newton. I have always believed that book
publishing’s renowned lousy remuneration should allow us a certain laxity in
dress code.
The other items were discussed under the Chatham House rule
(http://www.chathamhouse.org.uk /about/chathamhouserule/) but I can reveal that
in publishing at least the sky is not falling on our heads, the world hasn’t
stopped reading (or writing) books, and that our industry is still populated by
decent, intelligent individuals who care deeply about what they do.

Die Langfassung des Blogs von Richard Charkin lesen Sie unter
www.faz.net/charkin

 

 

Die Sterne sind unverzichtbar
Warum John Brockmann, der große New Yorker Agent, keine Roman liest / Von Thomas David

Es ist nicht schwer, sich mit John Brockman zu streiten. Der New Yorker
Literaturagent, einer der echten global player des Geschäfts, hat zwar ein
einladendes Lächeln, eine leise, sagen wir altersmilde, freundliche Art: Aber
wenn man sich im "Gallo Nero", einem Frankfurter Italiener, zu ihm in die Runde
geladener Gäste wagt, ist der handelsübliche Small Talk, der einem ansonsten gut
über die Messe hilft, plötzlich eine Nummer zu klein. "Was halten Sie von den
Auslassungen des schwedischen Nobelpreissekretärs über die amerikanische
Literatur?", fragt Brockman, dessen erstaunlicher, für Frankfurt eher
ungewöhnlicher Hut so aussieht, als müsste es gleich regnen oder schneien. Na
ja, also, entgegne ich, DeLillo, Updike, Roth, ich finde ja, dass . . .
"Wissen Sie was," sagt Brockman, während sich um ihn, um seine Frau Katinka und
Sohn Max immer noch weitere Gäste scharen: "Ich habe seit zehn Jahren keinen
einzigen Roman mehr gelesen", sagt er,  "und ich habe nicht die geringste Lust,
über Literatur zu reden." Nichts gegen Literatur, sagt Brockman, als man die
letzten Lanzen für sie bricht: "Aber sie langweilt mich. Reden wir doch über
Interessanteres."
John Brockman interessiert sich vor allem für die großen Ideen. Er ist der Agent
von Richard Dawkins, Jared Diamond und Daniel Dennett, er vertritt einige der
interessantesten Gedanken unserer Zeit. "Ich finde, die Naturwissenschaften
haben im Vergleich mit der Literatur eine ungleich größere Resonanz."
Der italienische Kellner serviert den zweiten Gang, es wird dunkel über der
Stadt, es wird Zeit, für den Weg in die Nacht. Die Sterne, heißt es bei Philip
Roth, sind unverzichtbar.

 


Auf der Party Meile

Am Vorabend des Messebeginns sind alle noch ausgeschlafen. Autoren, Verleger
und Legenden unterwegs in der Nacht.

Empfang beim Berlin Verlag

Spätestens gegen halb elf kann man sich beim traditionellen
Dienstagabend-Empfang des Berlin Verlags nicht mehr bewegen. Man steckt fest und
hat einfach Glück, wenn zufällig gerade jemand sehr Nettes das Wort an einen
richtet, mit dem man notgedrungen auf Tuchfühlung gehen muss. Am ersten Abend
kommen immer alle – nur Jonathan Littell, Autor der "Wohlgesinnten", bleibt der
Buchmesse fern und hält sich lieber in Spanien oder an irgendeinem anderen Ort
in der Welt auf. Nächste Woche erscheint sein "Georgisches Tagebuch", der
Reisebericht, den Litell im August aus Georgien, Südossetien und Abchasien für
die französische Zeitung "Le Monde" verfasst und den er für die deutsche
Übersetzung jetzt noch erweitert hat. Am Freitag werden die ersten Exemplare am
Stand des Berlin Verlags zu haben sein.
Aus frisurtechnischen Gründen übersieht man im Gewühl natürlich Ingo Schulze
nicht. Mit mit seinem Roman "Adam und Evelyn" war er gerade für den Buchpreis
nominiert und ist heute zusammen mit seinem Verleger aus Brasilien gekommen ist,
Cassiano Elek Machado vom Cosacnaify Verlag, der stolz erzählt, dass sie jetzt
endlich die erste Übersetzung von "Anna Karenina" vom Russischen (statt wie
früher aus dem Französischen) ins Portugiesische verlegt hätten. Wie jung und
gutaussehend die Verleger in Brasilien sind!
Da spaltet sich die Menge, und Inge Feltrinelli, die große italienische
Verlegerin, rauscht flamboyant herein, um sich von allen Seiten herzlichst
begrüßen zu lassen. Ian McEwan ist es offenbar entschieden zu voll, er ist schon
wieder zur Tür hinaus, und die Spur der amerikanischen Verlegerlegende Sonny
Mehta, Chef von Alfred A. Knopf, verliert sich in der Menge.
In der Schweiz, wo es keine Buchpreisbindung mehr gibt, liege seit heute eine
neue Gesetzesvorlage vor, sagt in ihrer Ansprache Elisabeth Ruge, Chefin des
Berlin Verlags. Vielleicht sei doch noch Hoffnung, dass die Preisbindung
erhalten bleibe. Ein Autorenverlag wie der ihre sei auf die unabhängigen kleinen
Buchhandlungen angewiesen, die ohne den festen Preis nicht überleben können. Die
Menge dankt es ihr mit liebevoll-zustimmenden Zurufen. Dann läuft auf
Bildschirmen die Übertragung des Booker-Preises. Aber man sieht nichts. Und
braucht wieder Luft.

 

 

Von Kunst nach Kommerz
Die amerikanische Vertragsdirektorin Janice Potter handelt mit den Rechten
an Literatur
Frau Potter, Sie kaufen und verkaufen seit elf Jahren Lizenzen für den
amerikanischen Verlag Simon & Schuster. Was ist der Kern Ihrer Arbeit?

Es geht darum, spezielle Eigentumsrechte zu verwerten, und zwar auf dem
bestmöglichen Weg.

Geht es beim Verlegen von Büchern eigentlich nur noch um Geld?
Heutzutage mehr als früher, das muss ich zugeben. Die Veröffentlichungen liegen
heute nun mal in den Händen großer Mischkonzerne. Es gibt aber natürlich immer
noch kleine Verlage, die anders arbeiten.

Ist ein Schriftsteller noch Künstler, oder ist er zum Kunden geworden?
Der Schriftsteller ist immer Künstler – vor allem in seinem Selbstbild.

Wie sieht – von der kaufmännischen Seite aus gesehen – der perfekte Vertrag aus?
Wenn man verkauft, will man nicht viel hergeben – und wenn man kauft, will man
alles bekommen, mit so wenig Einschränkungen wie möglich, weil man es dann
besser verwerten kann.

Was für ethische Grenzen gibt es da?
Was die Bedingungen der Künstler angeht, sind wir in Amerika stark
sensibilisiert worden. Es gab einige Gerichtsverfahren, weil freie Autoren,
Künstler und Fotografen ausgebeutet wurden und dagegen klagten. Wir achten also
sehr darauf, dass künstlerische Arbeit nicht ausgeschlachtet wird.

Kann man Ideen lizenzieren?
Gerade im Merchandising-Bereich passiert das ständig. Dann findet jemand
Gefallen an der Idee und macht ein Produkt oder eine Marke daraus.

Gibt es etwas, das nicht lizenzierbar ist?
Nein. Man denkt immer wieder, es gäbe etwas, und dann findet man heraus, dass es
schon jemand gemacht hat.

Das Gespräch führte Thomas David.

 

 

Überdruck
Andrea Diener
Die Eröffnung begann in einer Schlange vor dem Kongresszentrum. Ich stand
darin und wartete, und viele sich wichtig fühlende Menschen stürmten
hoffnungsfroh an mir vorbei, um weniger hoffnungsfroh wieder zurückzukommen und
sich anzustellen wie alle anderen auch.
Fünf Meter und zwanzig Minuten später war ich kurz vor der Glastür angekommen,
hinter der die Sicherheitskontrolle aufgebaut war. Dort sortierte eine Dame alle
Leute aus, die keine Platzreservierung hatten. "Aber wir haben eine persönliche
Einladung!", so das Paar hinter mir. Bloß ohne Platzreservierung hilft die auch
nicht, und die Dame verwies die beiden auf die Videoübertragung. "Das ist kein
Ersatz. Wir wollen schließlich unsere Freunde treffen!"
Wenn das mal kein schlagendes Argument ist. Um mich herum entlud sich derweil
der Volkszorn in unflätigen Schimpfkaskaden. Das Volk zürnte, weil es da
hineinwollte und zwar, ohne anstehen zu müssen. Ich durfte hinein, anstehen
musste ich aber trotzdem. Nur der türkische Staatspräsident durfte einfach so
durch.
Wir Ansteher können alle noch von Hubert Winkels lernen. Der stellte sich zehn
Meter hinter mir an und tauchte plötzlich zwei Meter vor mir wieder auf. Ich
hatte nicht mal seine Ellenbogen in den Rippen. Ich glaube, Hubert Winkels kann
sich teleportieren. Normalsterbliche wie ich brauchen geschlagene vierzig
Minuten, um ins Kongresszentrum vorzudringen.
Und wofür das alles? Freunde habe ich keine getroffen, aber viele Reden gehört.
Politiker mit guten Redenschreibern und Politiker mit erbärmlich schlechten
Redenschreibern. Die Buchmesse als Brücke des Geistes, die Türkei als Brücke
zwischen den Kontinenten, und Anatolien war auch Brücke für irgend was. Ein
Haufen metaphorischer Brücken kam heute zusammen. Wenn man die in Frankfurt
aufbauen würde, könnte man den Main komplett übertunneln.
An diesem Abend der Brückenschläge und der deutsch-türkischen Freundschaft, an
dem so vielen gedankt und die Freiheit des Wortes immer wieder beschworen wurde,
möchte ich die Gelegenheit ergreifen und Murat danken. Murat ist mein
Fitnesstrainer und hat den gestrigen Abend damit zugebracht, den eingeklemmten
Nerv aus meinem Kreuz zu befreien. Die Freiheit des Nervs ist zwar nicht ganz so
spektakulär wie die Freiheit des Wortes, versetzt mich aber in die Lage, diese
Buchmesse aufrecht absolvieren zu können. Und Nerven werde ich auch noch
brauchen.
Lesen Sie die Langfassung des Blogs von Andrea Diener unter www.faz.de/blogs

 


Agenten im Frankfurter Hof

Sie ist eine der renommiertesten deutschen Literaturagentinnen. Für uns hat
sie ihren Messetag fotografiert – bis zur eigenen Erschöpfung (rechts).
Von Petra Eggers

Annette Anton von Campus liest ein Manuskript. Johannes Jocob von C. Bertelsmann
checkt sein Blackberry. Dragan Velikic hat sich als Autor in den Frankfurter Hof
verirrt. Am Verhandlungstisch: Felix Rudloff, Verleger von Scherz und Uwe
Naumann von Rowohlt. Die Hände des Rechtechefs von Viking Penguin versuchen ein
Manuskript zu greifen, kriegen es aber nicht zu fassen. Die US-Agentin Anne
Edelstein isst feine Schokolade. Der Kindle ist auch da. Bettina Schrewe, Scout
aus New York, will nicht gesehen werden. Wir fordern unerhörte Vorschüsse. Die
Bestechungsversuche bleiben nicht aus.

 

 

Hallo, Naturpoeten? Bekennt euch zur Göttin Gelegenheit!
Genug der Blütenstaubwolken: Die Poesie ist ein Spross der Kasualliteratur.
Führende deutsche Lyriker kommentieren die Buchmesse.
Von Oliver Jungen

Ist das Gelegenheitsgedicht tot? Keineswegs. Das beweisen uns heute und in den
folgenden Ausgaben Hans Magnus Enzensberger, Doris Runge, Michael Krüger,
Hendrik Rost, Marion Poschmann, Dirk von Petersdorff, Sabine Schiffner, Matthias
Göritz, Mirko Bonné, Thomas Gsella, Harald Hartung, Silke Scheuermann und Lutz
Seiler: Sie alle haben auf unsere Anfrage hin Gedichte verfasst, die die
Buchmesse zum Gegenstand haben. Damit stellen sie sich in eine große, in die
eigentliche Tradition der Poesie.
Zwischen uns und Catull liegt genüsslich hingebratzt Friedrich von Hardenberg.
"Wie die Erde voller Schönheit blühte, / Sanftumschleiert von dem Rosenglanz /
Ihrer Jugend und noch bräutlich glühte / Aus der Weihumarmung, die den Kranz /
Ihrer unenthüllten Kindheit raubte, / Jeder Wintersturm die Holde mied, / O! da
säuselte durch die belaubte / Myrte Zephir sanft das erste Lied": Das ist keine
Naturpornographie, sondern der "Ursprung der Poesie" – wie ihn Novalis gerne
sähe. So falsch er damit lag, so verheerend aber sein Einfluss: Den wahren
Ursprung der Poesie hat er unter Myrtenbergen begraben.
Mit himmlischer Begeisterung wird nicht gespart in den folgenden Strophen, in
denen die "Göttin Dichtkunst" die Erde betritt: "Goldne Wölkchen trugen sie
hernieder." Goldene Wölkchen? Kein Wort davon, dass auf der Erde längst eine
andere, bezaubernd schöne Göttin herrschte, Occasio, die Muse der Gelegenheit.
Die galt es zunächst vom Thron zu beißen. Das Mobbing war freilich schon länger
im Gange: Gottsched hatte die Kasualdichtung mit Hohn überzogen, ihr alles
Poetische abgesprochen. Selbst Goethe, der diese "erste und ächteste aller
Dichtarten" noch zu schätzen wusste, nannte das schüchterne Fräulein Gelegenheit
eine "bequeme Göttin".
Novalis und seine Romantikerbande schlugen Occasio dann endgültig in die Flucht.
An ihrer Stelle machte sich die elitäre Schnepfe Genieästhetik breit. Ihre
Goldwölkchen-Mission: die Romantisierung der Welt. Dem Wind wollte sie das
Wispern ablauschen, dem Meer das Murmeln. Freilich legte sie die Poesie, die sie
in der Natur zu entdecken vorgab, heimlich selbst in diese hinein; als würde man
einem Esel das Maul mit Münzen verstopfen, nur um sich, sobald es wieder
herausfällt, am Glück zu weiden, einen Goldesel zu besitzen.
Zum Priester erhob Novalis den Dichter, zur "Stimme des Weltalls", der Musik,
nicht der Rede verwandt. Weit über die Romantik hinaus schallte das – und tat
seine Wirkung. Die Vorstellung einer Poésie pure, einer absoluten Dichtung,
verbindet die großen lyrischen Epochen, Symbolismus und Expressionismus. Auch
wenn es immer wieder kritische Stimmen gegen Novalis gab – "Dies sind die alten
Gedanken der platonischen Überlieferung, glühend und überspitzt vorgetragen",
schrieb etwa René Wellek Mitte des vergangenen Jahrhunderts in seiner großen
"Geschichte der Literaturkritik" -, das empfindsame Paradigma war so
übermächtig, dass es bis heute das Genre mit Rosenglanz umschleiert.
Die Anlasslosigkeit wurde zum ehernen Gesetz, Radikalautonomie zur
Existenzbedingung des lyrischen Ichs. Dabei war die Dissoziation von Welt und
Dichter ein bloßer Unfall: Friedrich Schlegel, der die Lyrik 1798 – zum ersten
Mal in dieser prononcierten Form – als subjektive Gattung definierte, der im
Individualitätsausdruck der griechischen Dichtung eine "Revoluzion" sah, bezog
diese noch ganz und gar auf die Politik. Sie war das Pendant zum
Republikanismus: Die Lyriker griffen in die Politik ein, engagiert, das Gedicht
war ihre Waffe, ein neues, mächtiges Instrument.
Aber die Romantiker haben Schlegel die Pointe verdorben und die Introspektion
aufs Panier gehoben. In allem, was er betrachtet, findet der Dichter nur sich
selbst: kapituliert hingebungsvoll vor Liebe und Tod. Was soll er da nach der
Welt greifen? Rückzug ist die Losung der Stunde, Ver-Ichung des Du und alles
anderen. "Durch den Tod wird die Redukzion vollendet", sagt Novalis. Der
Individualismus griff bald auch auf die Form über: Regelmäßige Heber, das war
etwas für Bauern. Nur wenige Lyriker entzogen sich diesen Vorgaben, wagten sich
– nicht selten belächelt – an politische Dichtung. Zumal wer Humoristisches
verfertigt, galt im Literaturbetrieb nur allzu schnell als Leichtgewicht. Und
hat sich das groß geändert?
Noch eine institutionelle Weihumarmung gab es: Wie sehr die Bibliotheken der
Neuzeit das Gelegenheitsschrifttum unterdrückten, arbeitet seit Jahrzehnten der
Literaturwissenschaftler Klaus Garber auf. Allein Leichenpredigten wurden
einigermaßen sorgfältig behandelt. Alles, was sonst nach rhetorisch-artistischem
Alltagsmaterial roch, hob man nur ungern und unsystematisch auf. Trotzdem lassen
sich mit einigem Aufwand enorme Mengen an Kasualdichtung auffinden – nur ein
erster Hinweis auf ihre einstige Fülle und Bedeutung. Inzwischen forscht Garber
nicht mehr allein auf weiter Flur. Überall steigen Germanisten und Historiker in
das Thema ein. Erste Tagungen und Projekte wurden ins Leben gerufen: Man steht
am Anfang einer neuen literarischen Vergangenheit.
Tatsächlich nämlich ist das die eigentliche Geschichte der Poesie:
Jahrtausendelang war sie auf Gelegenheiten bezogen, war sie im Wesentlichen
Auftragslyrik. Poetik und Rhetorik zogen am selben Strang, und was dabei
herauskam, konnte und musste sich sehen und hören lassen. Für die Schublade
dichtete niemand. Was kann Occasio dafür, dass von ihr nur die Karikatur
überlebte: "Der Willi wird heut sechzig Jahr / da sagt der ganze Kegelverein
hurra"? Walther von der Vogelweide schuf Auftragslyrik von schwindelerregender
Qualität: Den Reichston beispielsweise, eine brillante neue Strophenform,
entwickelte Walther für seine ausgeklügelten Werbesprüche im Dienste Philipps
von Schwaben.
Was mit der Empfindsamkeit begann, war ein deutscher Sonderweg in der
Lyrikgeschichte. Raoul Schrott war einer der Ersten, die für die
Wiedereingliederung in die internationale Entwicklung plädierten. Dichtung, eine
"jahrtausendealte Maschine", sei im deutschen Sprachraum stets überfordert und
fälschlich mit Verdichtung in Zusammenhang gebracht worden, schrieb Schrott 1997
in seiner "Erfindung der Poesie": "Das merkt man heute noch einer
Gegenwartslyrik an, die sich entweder in sentimentalen Anekdoten oder in
postmoderner Sprachklitterung erschöpft, ihre Mitte aber längst verloren hat."
Das ist natürlich herrlich ungerecht.
Aber seien wir nicht weinerlich, sondern stoßen noch, was fällt: Zurück zum
Casus, zu den Sachen, Dichter! Ehre sie wieder, die Göttin Gelegenheit. Und wir
wollen zeigen mit der in dieser Zeitung präsentierten Auftragsdichtung aus
Anlass der Frankfurter Buchmesse: Sie können es noch, die deutschen Lyriker:
anlassgebundene Auftragsdichtung verfassen, die so aktuell wie überzeitlich ist,
so subjektiv wie politisch. Am schnellsten reagiert hat auf unseren Auftrag
übrigens Altmeister Hans Magnus Enzensberger, der ein Epitaph auf die
"Verbesserungen" im Literaturbetrieb verfasste, die der Literatur selbst wenig
bringen.
Eingefangen ist in den Poemen, was die Institution ihren Schützlingen antut:
Messe heißt Masse, eine "bücherbatterie" (Marion Poschmann). Ob sich Hendrik
Rost daran erinnert, dass man seine Fußballfüße den Versfüßen vorzog, ob Dirk
von Petersdorff "die Rowohlt-Dame" zur Heiligen erhebt, vor welcher der Dichter
unendlich klein wird: "die Messe spricht uns alle relativ", ob Doris Runge
bekennt, lieber anderswo zu sein oder ob Michael Krüger das Betreten des
Frankfurter Hotelzimmers ("ohne Hoffnung auf Einsicht und Schlaf") als Eintritt
ins Fegefeuer beschreibt, in Jahresraten abgeleistet – immer ist da etwas zu
spüren: Opposition. Ein Aufstand der Ware gegen ihren Markt, der selten so
deutlich zur Sprache gefunden hat. Nicht Zephyr ist es, der hier interesselos
durchs Gebüsch säuselt. Ein Sturm ist es, der aufheult und Gegenwind werden
könnte.

 

 

Hotelzimmer
Michael Krüger

Als ich, noch im Mantel, mein
Zimmer betrete,
ohne Hoffnung auf Einsicht und Schlaf, sind schon,
zur Begrüßung, alle Zimmer
versammelt,
in denen ich je geschlafen habe.
Die traurigen Tapeten,
die Kunstgeschichte von ihrer
schlechtesten Seite, das Sofa, in dessen
Ritzen sich Romane verbergen.
Die lustlose Bibel, gebunden
in Kunststoff, mit Eselsohren
an den schweren Stellen.
Und auch der ungerührte Spiegel,
der mich nicht erkennen will.
 Vor der Tür stehen die Toten.
 Sie tun nichts.  Sie warten.
 Sei nur ruhig, flüstern sie,
bald ist auch dieses
Leben ausgestanden.

 

 

Buchmessenverlorenheit
Dirk von Petersdorff

"Der Kehlmann bringt so richtig gute Zahlen",
die Rowohlt-Dame hat es eiliger,
sie muss jetzt zu den neuen Radikalen,
und an der Ecke steht ein Heiliger.
"Ich finde den Ulysses gar nicht schwer", "war
das nicht eben Mutter Christa Wolfen?",
"das ist der Dietmar Hopp, der Milliardär" –
ach, wie wir Menschen uns durchs Leben golfen.
Ein Schwimmstar, von den Mikros eingekreist,
und eine Lady schwebt vorbei mit Stola – sie
lebt die Lyrik, atmet ihren Geist,
ich sitz auf einem Stein mit Bratwurst-Cola.
Und ist dein Buch mit Blut geschrieben, tief,
und hoffst du wie verrückt auf Rezensionen –
die Messe spricht uns alle relativ
die wir in Ständen und in Kojen wohnen.
Denn hier braucht jeder einen, der ihn hypt,
die Rowohlt-Dame hat es eiliger,
was Rühmkorf heute wohl im Himmel treibt,
und an der Ecke steht ein Heiliger.

 

 

buchmesse
Doris Runge

ich bin
wenn ich kann
nicht dort
bin gern
an anderem
windigen ort
wenn die nüsse fallen
im oktober
auf dem
laufsteg über
rolltreppen
von lauf
bandzulauf
band gedichte
letztes abgepreßtes
nicht ohne scham
mein schwarzer trolley
schön bei fuß
immer den zeichen nach
gedeckten
krawatten
roten schals
erwählten
im licht
fußvolk im schatten
manchmal
verwechselt man mich

 

 

Elf Egos
Hendrik Rost

Das erste Mal Buchmesse, und ich trat auf
ausgerechnet als Fußballer, deutsche Autoren
gegen ungarische.  Ich stand auf dem Feld,
nicht weil ich besonders gut spielen konnte,
sondern weil ich richtig fit war.  Ein Läufer.
 Die Auswahl an Dichtern mit belastbarem
Körper war begrenzt.  "Die agilen Ungarn,
die behäbigen Deutschen", schrieb die Presse.
 Ich rannte 90 Minuten lang von Tor zu Tor,
kein Fernschuss fand sein Ziel, ich verlor
jeden Zweikampf.  Technisch beschränkt,
blieb mir nur der lange Atem des Poeten.
 Mein zweites Werk war gerade erschienen:
"Das Gedicht war eine genauso nostalgische
wie unheimliche Vision", lautete ein Vers.
 Damals ahnte ich, Dichten hat zu tun mit
nichts – weder Büchern noch Turnieren.
 Ein Spiel, das man vermeintlich beherrscht.
 Gib ab.  Mit Glück verwandelt einer den Pass.

 

 

Sprach der Prinz aus Kamerun
Heimliche Eröffnungsparty auf dem Main: die Fahrt auf der "Johann Wolfgang
von Goethe"
/ Von Thomas David

Blumengestecke auf dem Tisch, hier und da ein paar Zierkürbisse: Die akkurat
aufgestellten Servietten und der andere liebe Kram, den man von Anstandsbesuchen
bei Verwandten kennt, machten am Montagabend erst mal wenig Lust auf drei
Stunden Butterfahrt auf dem Main. Als Prince Kum’a Ndumbe III dann aber zum
"Super-Reggae" des brasilianischen Musikers Ivan Santos tanzte und die "Johann
Wolfgang von Goethe" einen U-Turn zurück Richtung Mainkai machte, um die letzten
der mehr als hundert Gäste aufzunehmen, war das olympische Feuer der Buchmesse
entfacht. Der aus Kamerun angereiste Alexandre Kum’a Ndube ist einer von 25
Verlegern aus 24 Ländern, die am diesjährigen Einladungsprogramm der Frankfurter
Buchmesse teilnehmen: Wer statt der Dinner-Party auf dem Fluss die Verleihung
des Deutschen Buchpreises besuchte, hat die heimliche Eröffnungsfeier der Messe
schon verpasst.
"Wir leben in einer komplizierten Zeit und müssen achtgeben, dass uns die Liebe
zu Büchern nicht abhandenkommt", sagt Inger Preis, die Verlegerin des
namibischen Schulbuchverlags Pollination Publishers, die Frankfurt erstmals seit
mehr als zwanzig Jahren besucht. Wie Tainie Mundondo vom African Publishers
Network erhofft sie sich von ihrer Teilnahme an dem vom Auswärtigen Amt
mitfinanzierten und von litprom, der Gesellschaft zur Förderung der Literatur
aus Afrika, Asien und Lateinamerika organisierten Programm einen Austausch mit
europäischen Kollegen. Prince Alexandre Kum’a Ndumbe III erzählt von einem
Märchenbuch, für das er hier einen deutschsprachigen Verlag zu finden hofft.
Aber es geht auch andersherum, Tainie Mundondos Interesse an einem Bestseller
aus Deutschland ist groß. Nämlich? "Simplify Your Life."

 

 

Wie schön muss eine Türkin sein?
Die türkische Autorin Perihan Magden geißelt das Schönheitsdiktat in ihrem
Heimatland.


Frau Magden, in Ihrem Buch "Zwei Mädchen – Istanbul-Story" spielt Schönheit eine
zentrale Rolle: Handan, eins der beiden Mädchen, wird wegen ihres Aussehens von
allen geliebt, und man verzeiht ihr jeden Fehler. Ihre Schönheit macht sie aber
auch verletzbar, da die türkischen Männer sie wie Freiwild behandeln. Wie
wichtig ist Schönheit in der Türkei?

Schönheit ist in der türkischen Gesellschaft sehr wichtig! Die Menschen drehen
durch, wenn sie eine gut aussehende Frau auf der Straße sehen. Wenn ein Mann
eine Frau kennenlernt, wenn in das Nachbarhaus eine neue Mieterin einzieht oder
die Kinder eine neue Lehrerin bekommen – sofort wird ihr Aussehen diskutiert.
Gutes Aussehen zählt einfach mehr als Persönlichkeit. Junge Frauen setzen sich
furchtbar unter Druck, den Schönheitsidealen zu entsprechen.

Welche Schönheitsideale sind das?
Groß, blond, helle Augen, europäischer Typ – eben genau so, wie die
Durchschnittstürkin nicht aussieht.

Wie erklären Sie sich das?
Manchmal denke ich: Türken sind schlicht zu hässlich, deshalb verzehren sie sich
nach europäisch aussehenden Frauen. Aber so einfach ist das nicht. Vielleicht
ist es eine Art Masochismus: Man begehrt, was man selbst nie haben kann oder
sein wird.

Ist Schönheit in der Türkei ein soziales Vehikel?
Auf jeden Fall. Schönen Frauen winkt ein besseres Leben. Wenn man arm ist, dann
kann man es durch Schönheit zu Reichtum und sozialer Anerkennung bringen. Man
wird einfach geliebt. In der Türkei ist Schönheit eine Institution.

Zurück zu Ihrem Roman: Leman, die Mutter von Handan, ist auch schön. Sie
verdient ihr Leben als Mätresse und hat nie versucht, einen anderen Weg zu
gehen.

Ja, das ist eine sehr traurige Figur. Zu merken, dass sie älter wird und dadurch
an Reiz für die türkischen Männer verliert, macht Leman unglücklich. Die
Schönheit ist ihr einziges Kapital. Das Schlimme ist, dass sie ihre eigene
Tochter dennoch in die gleiche Richtung treibt.

Weil Leman nicht das Geld für das Studium ihrer Tochter aufbringen kann, schläft
Handan mit einem Jungen aus der High Society. Sie hofft, dass er sie heiraten
wird und sich damit die finanziellen Probleme lösen . . .

. . . doch dann flüchtet sie, geht fort aus der Türkei, weil sie spürt, dass sie
sonst das gleiche Leben wie ihre Mutter führen wird. Aus der Türkei kann man nur
wegrennen, die Dinge ändern sich nicht so einfach.

Hatten Sie bei den Figuren Vorbilder im Sinn?
Als ich mir die Figur von Leman ausgedacht habe, hatte ich die türkische
Schauspielerin Hülya Avsar vor Augen. Mit anderen Worten: Leman ist Hülya Avsar.
Vor Jahren sagte sie in Interviews immer wieder, dass sie die schönste Frau der
Türkei sei. Das muss man sich mal vorstellen – einen solchen Narzissmus würde
man in Deutschland einer Schauspielerin niemals verzeihen. In der Türkei dagegen
ist das vollkommen in Ordnung, bis heute sind alle verrückt nach ihr. Als mein
Roman verfilmt wurde, fragten wir Hülya Avsar, ob sie die Rolle der Leman
spielen möchte. Sie hat zugesagt, das hat mich sehr gefreut.

Sie selbst haben sich nie von dem Schönheitsideal unter Druck setzen lassen?
Wenn man in so einem Land lebt, ist man nie ganz frei von dem, was um einen
herum passiert. Als ich dieses Jahr auf der Leipziger Buchmesse war, sind wir in
der Kantine einen Kaffee trinken gegangen. Da war ein blondes, sehr hübsches
Mädchen mit einer tollen Figur, das dort kellnerte. Ich konnte nicht aufhören,
sie anzustarren – sie war so attraktiv, ich war wie geschockt. In der Türkei
wäre sie wie ein Rohdiamant behandelt worden, man hätte sie sofort zur Miss
Turkey gewählt! Sie hätte niemals ein normales Leben führen können, sondern wäre
Sängerin, Bauchtänzerin, Schauspielerin oder Prostituierte geworden; man hätte
ihr ein Preisschild verpasst, und es hätte sich schnell ein reicher Mann
gefunden, der sie heiraten will. Doch hier in Deutschland machte sie einfach
das, was junge Mädchen eben tun, um Geld zu verdienen: Sie jobbte als Kellnerin.
Als ich mich beruhigt hatte, war ich darüber schockiert, wie sehr wohl auch ich
der Gehirnwäsche des türkischen Schönheitswahns erlegen bin.

Das Gespräch führte Karen Krüger.

 

 

Gastarbeiter, Ehrengast
Die aktuelle türkische Literatur hat alles Provinzielle abgeschüttelt –
sagt einer, der es wissen muss. /
Von Zülfü Livaneli

Anlässlich eines Schriftstellertreffens im Jahr 1970 in New York berichtete mein
Freund Yasar Kemal, welcher politische Druck auf die türkischen Autoren ausgeübt
werde: Ihnen drohe Gefängnis oder gar der Tod. Daraufhin meinte der
amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut: "Was habt ihr es gut! Das heißt
doch: Man nimmt euch so ernst, dass man euch sogar tötet und ins Gefängnis
wirft. Das beweist die große Bedeutung, die ihr für eure Gesellschaft habt."
Vonneguts makabrer Einwurf enthielt ein Stück Wahrheit. Seitdem hat die Türkei
einen Prozess durchgemacht, der die Literatur der Gesellschaft entfremdete und
ihrer Bedeutung beraubte. Gedichten und Romanen schenken heute in der Türkei
nicht mehr viele ihre Aufmerksamkeit. Fernsehen und Zeitungen haben deutlich
größeren Einfluss als jede Literatur.
Zwar existieren weiterhin Tabus wie bei der Kurden- oder Armenierfrage, dennoch
kann man zumindest gesellschaftspolitisch von einer relativen Verbesserung
sprechen. Vor zwanzig Jahren war es noch verboten, das Wort "Kurde" auch nur
auszusprechen. Heute dagegen senden Radio- und Fernsehstationen Programme in
kurdischer Sprache. Trotz schrecklicher Ereignisse wie der Ermordung meines
Kollegen Hrant Dink ist die anatolisch-armenische Literatur in den
Buchhandlungen vertreten. Die in Kurdisch geschriebenen Romane Mehmet Uzuns,
eines hochgeschätzten Autors, der im vergangenen Jahr verstarb, treffen in
türkischer Übersetzung auf großes Interesse.
In der türkischen Literatur hatte die Lyrik immer einen sehr hohen Stellenwert.
Bis zum neunzehnten Jahrhundert gab es wandernde Volksdichter und die mit dem
osmanischen Hof verbundenen Diwan-Dichter, es gab Epen und Volkserzählungen mit
eingestreuten Liedern und Reisebeschreibungen.
Volkspoesie und Diwan-Lyrik flossen während der jahrhundertelangen osmanischen
Herrschaft wie zwei getrennte Flüsse nebeneinander her. Bedienten sich die dem
Hofe verbundenen Dichter einer Sprachmischung aus Arabisch, Persisch und
Türkisch, so trugen die Volksdichter ihre in Hexametern gehaltenen Gedichte in
türkischer Sprache vor. Diese zunächst mündlich tradierte Literatur fasste man
gelegentlich in "cönk" genannten Sammlungen zusammen.
Der alevitische Dichter Pir Sultan Abdal, ein Rebell aus dem sechzehnten
Jahrhundert, wurde im anatolischen Sivas hingerichtet. Vierhundert Jahre später
erlitten dreiunddreißig Dichter und Schriftsteller, die sich zum Gedenken an
jenen Pir Sultan Abdal in Sivas versammelt hatten, das gleiche Schicksal: Sie
wurden von radikalen Islamisten bei lebendigem Leib angezündet und getötet. Von
der türkischen Lyrik, die in der letzten Phase des Osmanischen Reichs den
Freiheitsgedanken gegen die Monarchie behauptete, war auch Mustafa Kemal Atatürk
beeinflusst. Wir wissen, dass er das Gedicht Tevfik Fikrets mit den bekannten
Halbversen "Vatanim ruy-i zemin, milletim nev-i beser" ("Mein Vaterland ist die
ganze Erde, mein Volk ist die ganze Menschheit") häufig auswendig aufsagte.
In den ersten Jahren der 1923 gegründeten Republik konnte die türkische Lyrik
ihren Stellenwert behaupten. Alsbald stieg ein junger Dichter wie ein Komet am
Himmel der türkischen Literatur auf: Nazim Hikmet. Er bot Bilder von Arbeitern
und Maschinen und weckte aufrührerische Gefühle. Nazim Hikmet hatte in Moskau
studiert und verehrte Majakowski. Hikmets Lyrik löste heftige
Auseinandersetzungen aus. Schließlich wurde er unter fadenscheinigen
Begründungen eingesperrt und musste siebzehn Jahre in anatolischen Gefängnissen
verbringen. Bis 1960 blieben seine heimlich gelesenen Gedichte verboten. Obwohl
Nazim Hikmet schon 1963 im Moskauer Exil starb, gehört er noch immer zu den am
meisten angefeindeten Dichtern.
Verglichen mit der Lyrik, blickt der türkische Roman auf eine wesentlich kürzere
Entwicklungsgeschichte zurück. Der 1872 erschienene Roman "Die Verliebtheit von
Talat und Fitnat" von Semsettin Sami war der erste Versuch dieser Art; Halit
Ziya Usakligil veröffentlichte im Jahr 1900 mit "Verbotene Liebe" den ersten
bedeutenden türkischen Roman. Bis heute existieren zwei Hauptströmungen: die
Literatur Istanbuls und die Anatoliens. "Anführer" jener Autoren, die die Welt
der armen anatolischen Dörfer beschrieben, wurde bald der junge Yasar Kemal. Mit
seinem Roman "Memed, mein Falke" von 1955 leistete er das, was Nazim Hikmet für
die Lyrik erreichte.
In den vergangenen Jahren dagegen trat eine neue Schriftstellergeneration auf
den Plan: Orhan Pamuk und Elif Safak zählen zu jenen erfolgreichen Autoren, die
die angelsächsische Romantradition übernahmen. Anders als die von Anatolien
geprägten "engagierten" Autoren, die sich vor allem für gesellschaftliche
Probleme interessieren, folgen diese Schriftsteller den Spuren von Romanautoren,
die im neunzehnten Jahrhundert in Istanbul unter dem Einfluss der westlichen
Literatur ihre türkische Madame Bovary, ihre Anna Karenina, ihren Julien Sorel,
ihren Wilhelm Meister und ihren Werther suchten. Ihr Thema ist das Leben des
gebildeten Istanbuler Bürgertums.
Mir selbst scheint es dabei oft so, als ob den Türken manche innere Perspektive
fehlt. Wir Türken empfinden häufig kein Gefühl der Schuld, sondern allenfalls
der Scham. Das Gefühl von Verantwortung und Schuld, das die protestantische
Kultur prägt, gehört nicht zu den grundlegenden Haltungen der Muslime. Daher
habe ich vor Jahren einmal gemeint, in der türkischen Literatur würde man nur
schwerlich einen Charakter vom Schlage Raskolnikows finden. Ob das immer so
bleibt?
Vierzig Jahre nachdem die ersten "Gastarbeiter" nach Deutschland gekommen sind,
ist die "Gast-Literatur", die nach Frankfurt kommt, eine reiche und interessante
Literatur. In ihr findet man viele einander diametral entgegengesetzte
Strömungen und Tendenzen – genau wie in unserem Land, der Türkei, in der
Tradition und Moderne, Ost und West miteinander konkurrieren.
Zülfü Livaneli, geboren 1946 in Konya-Ilgin, zählt zu den führenden
Intellektuellen der Türkei. Auf Deutsch ist soeben bei Klett-Cotta sein Roman
"Glückseligkeit" erschienen.

Aus dem Türkischen von Wolfgang Riemann.

 




Wahnsinnig visionär

Paulo Coelhos abenteuerlicher Weg vom Satanismus zum Weltrekord / Von
Felipe Tadeu

Das Prinzip Paulo Coelho besteht aus zwei Worten: Moderne Märchen. Damit
begeistert er schon seit Jahrzehnten Leser in der ganzen Welt. Deshalb geraten
bei Coelho mittlerweile sogar Verlagsbuchhalter ins Träumen: Hundert Millionen
verkaufte Bücher, Übersetzungen von "Der Alchimist" in 67 Sprachen. Um diesen
Weltrekord zu feiern, gibt der Diogenes-Verlag heute Abend eine Party für seinen
brasilianischen Star. Er ist der Beweis dafür, dass übernatürliche Kräfte im
Laufe von sechs Jahrzehnten so einiges mit einem Menschen anstellen können –
denn er begann einst als Hippie und Rockmusik-Texter.
In den siebziger Jahren schrieb Coelho Songtexte für die wichtigsten
Repräsentanten der brasilianischen Gegenkultur. Politisch war Brasilien zu der
Zeit kaum mehr als eine Bananenrepublik unter einem Militärregime. Trotzdem
pulsierte die brasilianische Musikszene. 1972 lernte Coelho Raul Seixas kennen,
der sich wie er für Mystik und Rock’n’Roll interessierte. Sie wurden Freunde,
und Seixas überredete Coelho, seine ersten Songtexte zu schreiben. Coelhos
libertäre Ideen spiegelten nicht nur den Zeitgeist wider, sondern auch seine
traumatische Beziehung zu seinen Eltern. Sie hatten ihn als Jugendlichen wegen
seiner rebellischen Haltung in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen, wo
er mit Elektroschocks behandelt wurde.
1973 erschien die erste Platte von Raul Seixas, "Krig-Ha Bandolo!" Fünf von elf
Texten stammten aus Coelhos Feder, und die Platte wurde zu einem großen
Verkaufserfolg. Neben der Musik gab es für die Freunde drei Dinge: Marihuana,
LSD und ihre gemeinsame Verehrung für den britischen Satanisten Aliester
Crowley. 1974 wurde das Duo festgenommen und verhört. Schnell stellte sich
heraus, dass die rechten Militärs es vor allem auf Coelho abgesehen hatten,
obwohl Seixas ungleich bekannter war. Unmittelbar nach dem Verhör durch die
Polizei wurden Coelho und seine damalige Frau von einer paramilitärischen Gruppe
verschleppt und eine Woche lang gefoltert. Ziel der Befragungen war die
Strategie der linken Guerrilla in Nordosten Brasiliens, von der Coelho nicht den
Hauch einer Ahnung hatte. Nach ihrer Freilassung gingen Coelho, Seixas und ihre
Frauen ins Exil in die Vereinigten Staaten.
Als Visionäre und Wahnsinnige, die sie waren, vermarkteten sie sich
entsprechend. Mit zunehmendem Erfolg kam allerdings die Krise; 1976 trennten
sich die Wege der beiden. Doch Coelhos Traum war nicht der Rock’n’Roll. 1982
besuchte er das ehemalige Konzentrationslager Dachau und hatte dort eine Vision,
die ihn zutiefst veränderte. Er entsagte den Drogen und beschloss, ein
weltbekannter Schriftsteller zu werden. Nach zwei erfolglosen Buchprojekten
wendete sich das Blatt 1986 mit "O Diário de Um Mago". Schrittweise erfüllte
sich Coelhos Traum vom Erfolg. Bei der Eröffnung der Buchmesse sagte er gestern
über seinen entspannten Umgang mit den eigenen Urheberrechten im Internet, er
investiere "in etwas, für das jeder einzelne Schriftsteller auf der Welt dankbar
wäre: eine möglichst große Leserschaft für seine Werke".

Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler.

 

 


Die fehlende Strophe
Auftakt nach Versmaß: Ein Heine-Manuskript auf der Antiquariatsmesse / Von
Andrea Hünniger

Die Antiquariatsmesse ist ein fester Teil der Buchmesse und angesiedelt in
Halle 4.0. Dort bietet Lion Heart Autographs eine Sensation an: einen Entwurf
zum Caput VII aus Heinrich Heines "Deutschland – ein Wintermärchen".
Seine tiefe Abneigung gegen "Schnurren, Pudel, Dissertationen, Teedansants,
Wäscherinnen, Kompendien, Taubenbraten, Guelfenorden, Promotionskutschen,
Pfeifenköpfen, Hofräten, Justizräten, Relegationsräten, Profaxen und andere
Faxen", kurz: das ganze Deutschtum, hatte sich bei Heine schon in seinen
Göttinger Studienjahren gebildet. Der Stand des Viehs, schreibt er in der
"Harzreise", war der bedeutendste dieser Stadt, und die "Zahl der Göttinger
Philister muss sehr groß sein, wie Sand, oder besser gesagt, wie Kot am Meer".
Mit solchen Zeilen kam er auf die Listen der Zensoren. So schnell wie sie
strichen, verließ Heine Deutschland, um aus Paris seine Zeit schonungslos zu
beschreiben. Dafür wurde er in Deutschland verboten. 1843 entstand dann
"Deutschland – ein Wintermärchen". Erfolglos erging nach Veröffentlichung ein
Haftbefehl gegen den Dichter, und ebenso erfolglos verbrannten die
Nationalsozialisten später seine Bücher, denn das Buch ist das Porträt eines
Landes, das nicht von Dichtern, sondern von sich selbst verraten wurde. Dieser
Verrat ist im Caput VII in einem Bild zusammengefasst: Heine wandert durch Köln
und kennzeichnet mit seinem Herzblut jeden Türpfosten – Symbol der Schuld und
Richterspruch, der ein Todesurteil verhängt.
Das in Frankfurt angebotene Autograph enthält eine unveröffentlichte Strophe aus
dem Caput VII. Eine Variante dieser später gestrichenen Passage war bisher nur
aus einem Manuskript bekannt, das in der französischen Bibliotheque Nationale
liegt.

Franzosen und Russen gehört das Land
das Wasser gehört den Briten,
wir besitzen im Reiche des Traum,
die Herrschaft unbestritten
Hier üben wir die Hegemonie
Sind gross und unzerstückelt
Die andern Völker haben sich
Auf platter Erde entwickelt. – –
Nur wachend, am Tage, ist uns nicht wohl,
Dann fehlen der Seele die Federn;
Sie hat sich gemausert, die arme Seel,
Und wurde hölzern u. ledern.

 

 

Aber bitte mit Handschuhen!
Leistungsschau der Illustratoren / Von Andreas Platthaus
Eine Idee mit Folgen: Ein Jahr lang ließ die Illustratoren-Organisation
(IO) fünf Skizzenbücher unter ihren Mitgliedern wandern. Jeder hatte eine Woche
Zeit, um zu einem vorgegebenen Thema eine Seite zu füllen. Die Resultate liegen
nun für die Dauer der Messe am Stand der IO in Halle 4.1 Q 146 aus –
abgegriffen, angestoßen, leicht gewölbt, aber beim Aufblättern von Seite zu
Seite begeisternder wie etwa das Skizzenbuch zum Thema
"Traumwelt/Phantasiewelt", aus dem wir hier eine gestickte Illustration von Dina
Rautenberg abbilden.
Nachdem die Verwirklichung dieses Plans die Organisatoren schon genug Nerven
gekostet haben, weil zwischendurch ein Buch verschwand und nicht jeder Künstler
die Zeitvorgabe beachtete, unterliegt die Betrachtung der fünf Folianten nun
verschärfter Kontrolle. Nur unter Aufsicht und mit Handschuhen dürfen die
Besucher in den Skizzenbüchern blättern. Aber das lohnt sich allemal. Es ist
eine veritable Leistungsschau der IO. Und selbst die Grußpostkarten, die sich
die Illustratoren im Laufe der Aktion zuschickten, sind noch eingelegt.

 

 

Jeder Apfel ist anders
Der Frauen-Comic "Pomme d’amour" / Von Rose-Maria Gropp

Sieben Liebesgeschichten, die von sieben Frauen gezeichnet sind. Eine
wilder, eigensinniger als die andere. Denn sie sind Comic-Zeichnerinnen, rare
Spezies in einer ausgesprochenen Männerdomäne. "Und weil wir Frauen sind", sagte
Barbara Yelin gestern Abend, "haben wir uns auch dem weiblichen Klischee
gestellt." Sie meinte das nicht nur ironisch, als sie mit ihren beiden
Kolleginnen Verena Braun und Ulli Lust den Comic-Band "Pomme d’amour" im
atelierfrankfurt vorstellte, einer ausgesprochen kühlen location. An den Wänden
hingen ein paar Originale von den Storyboards, für einen kleinen Auftritt, ohne
Glamour, zu dem doch ein paar Leute fanden, um drei Pionierinnen aus Berlin und
Hamburg zu betrachten (deren Buch im Verlag Die Biblyothek ohne Unterstützung
der Frankfurter Maecenia-Stiftung in Deutschland gar nicht hätte veröffentlicht
werden können).
Sieben Lebensabschnitte haben sie untereinander verteilt. Claire Lenkova erzählt
vom kleinen Mädchen, das vor dem Garten mit Apfel und Erkenntnis blieb, um eine
Künstlerin zu werden. Paz Boïra braucht für ihren "Liebeszauber" fast nur
traumschwere Bilder von Mann und Frau. Bei Laureline Michon züchtet der Retter
Mohammed aus der Pariser Banlieu "Rotes Basilikum" für seine Prinzessin, die aus
einer Party nachts in die Gosse gestolpert ist, und Élodie Durand sinniert über
die berühmten "Hälften". Furios zeichnet Barbara Yelin das Leiden der
schlaflosen Sarah; Verena Braun richtet eine Sintflut im Zoo an, um ein Paar zur
Liebe zurückzuführen, und Ulli Lust widmet sich in "Überflüssig" jener
Altersklasse, in der das Zaudern alles verderben kann. Was die jungen Frauen
also da machen wollen? Anfangen!, sagte Ulli Lust. Neue Vorbilder schaffen.

 

 

Die Zukunft des Suchmarkts
Verleger schicken Libreka! ins Rennen / Von Martin Wittmann

Libreka! will eines der Schlagwörter dieser Buchmesse sein. Und zwar eines,
das auf der ersten Silbe betont wird. So liest es sich nutzerfreundlich auf der
Homepage des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der hinter dem Projekt
steht: Mit Libreka nehmen die deutschen Verleger das elektronische Heft selbst
in die Hand und antworten mit Volltextsuche und E-Book-Angebot auf den
Digitalisierungswahn des Handels.
Das Konzept: Verlage liefern dem Gemeinschaftsprojekt Libreka ihre Buchinhalte
und bestimmen, welchen Text sie für wen sichtbar und abrufbar machen wollen.
Etwas mehr als 72 000 Bücher können derzeit auf der Suchmaschine durchforstet
werden, sofern Technik oder Beschränkung der Verlage nicht an der Suche hindern.
Bis Ende des Jahres soll die Zahl der Titel auf 100 000 Titel steigen, bevor
nächstes Jahr die gefundenen Bücher nicht nur mehr traditionell bestellt,
sondern auch als E-Books heruntergeladen werden können.
"Ich find dich besser!" heißt es auf der Libreka-Homepage, und das zeigt
zweierlei: zum einen, dass der Betreiber MVB, eine Tochtergesellschaft des
Börsenvereins, ein Faible für Ausrufezeichen hat, zum anderen, dass die
Büchersuchmaschine sich dem Wettbewerb stellt. Die Gegner auf dem digitalen
Schlachtfeld sind Amazon, das weltweit 180 000 E-Books für seinen Kindle im
Angebot hat, und deren Volltextsuche "Search Inside". Auch mit Google wird
irgendwann zu rechnen sein: Zwar hat die Suchmaschine Google Book Search noch
keine deutschen Partner, aber entsprechende Verhandlungen könnten auf dieser
Buchmesse geführt werden, wie die Branche munkelt. Die Suchmaschinen streiten um
den Finderlohn.
Libreka, auf der vorigen Buchmesse gestartet, scheint die zwingende Flucht nach
vorn: "Elektronische Märkte neigen eher zu Monopolisierung als der stationäre
Handel", sagt Ronald Schild vom Börsenverein, was für die Branche bedeutet: Wenn
Händler wie Amazon den Markt beherrschen, bestimmen sie womöglich, was und für
wie viel es angeboten wird. Bei Libreka legt indes der Verlag neben Auswahl auch
Preis seiner E-Books fest. Meist werden E-Books billiger als ihre greifbare
Entsprechung verkauft, "was aber marktwirtschaftlich nicht unbedingt sinnvoll
ist", sagt Schild. Denn die bis zu zwanzig Prozent, die die Verlage an
Druckkosten sparen, werden durch den höheren Mehrwertsteuersatz (19 statt 7
Prozent) fast egalisiert. Gewinner scheint der E-Book-Leser, der nicht nur beim
Buchdownload billig davonkommt, sondern auch beim Kauf eines Lesegeräts. Denn
spätestens zum Weihnachtsgeschäft 2009 rechnet der Börsenverein mit einem
billigen Lesegerät. Oder wie es beim Börsenverein nutzerfreundlich heißt: "So
eine Art Lidl-Reader."

 

 

Messefluchten – Im chinesischen Garten
Von Anna von Münchhausen

Die schlechte Luft in den Hallen kommt nicht von ungefähr. Sie kommt daher, dass
der Buchmensch dazu neigt, Bedeutsamkeit zu verströmen. Damit wird die beste
Klimaanlage nicht fertig. Da gibt es nur eins: Raus. Steigen Sie in die U-Bahn,
oder nehmen Sie ein Taxi zur Friedberger Anlage. Während andere Messebesucher
noch an wässriger Bockwurst zutzeln oder über Kopfweh klagen, haben Sie sich auf
einen anderen Kontinent gebeamt, in den Chinesischen Garten.
Viertausend Quadratmeter kontemplative Landschaft, durch Mauern abgeschirmt. Im
Schatten zweier Platanen ein luftig-leichter Holzpavillon, auf einer Felsanhöhe
ein Tempel mit Spitzdach, Bambushain, Bogenbrücke, der jaspisgrüne Teich – das
alles gehört jetzt Ihnen. Keine Sorge, Autoren oder Agenten trifft man hier fast
nie. Vermutlich können Sie die Kalligraphie am Wasserpavillon nicht lesen. Aber
Sie spüren, was da steht: "Ein friedlicher Platz zum Ausruhen, in der Stille
findet man Kraft zu neuem Denken." Lassen Sie sich auf eine der Bänke fallen,
und werden Sie eins mit dem plätschernden Wasserfall, dem Wind in den
Azaleensträuchern. Und? Fühlen Sie, wie krause Nerven sich glätten? Die
brennenden Augen klar werden? Erde, Himmel, Wasser, Steine, fauchende Drachen –
sie wollen nur eins: Ihnen den hype um den nächsten Bestseller aus dem Hirn
pusten. Hände weg von Ihrer Tasche, in der Fahnen oder Lizenzverträge lauern.
Bitte auch das K-Wort stecken lassen. Was heißt hier Krise?
Chinesischer Garten im Bethmannpark, zwischen Friedberger Landstraße und Berger
Straße. Geöffnet werktags von 7 Uhr, sonntags von 10 Uhr an bis Einbruch der
Dunkelheit, zurzeit meist 19 Uhr.

 


Jonathan Franzen – Schriftsteller


Jonathan Franzen
ist der größte Starautor der westlichen Welt – in
Wirklichkeit ebenso wie in der Fiktion (Thomas Glavinic, "Das bin doch ich").
Ein bisschen ist der Autor der "Korrekturen" (2001) mittlerweile auch berühmt
dafür, berühmt zu sein – das kann man schon daran merken, dass sogar sein Agent
Michael Meller bei Uneinigkeit in finanziellen Fragen extra darauf hinweist.
Aber Franzens Bedeutung hält mit seiner Berühmtheit locker Schritt. Seine Romane
erscheinen in langen Abständen, geben den Lesern dann aber auch zu tun: Vor den
"Korrekturen" (780 Seiten) erschienen "Schweres Beben" (1992; 688 Seiten) und
"Die 27. Stadt" (1988; 672 Seiten). In den letzten Jahren gab es von Franzen vor
allem Essayistisches zu lesen. In "Die Unruhezone" (2007) konnte man unter
anderem erfahren, dass er die "Peanuts" mag, Fan des Baseball-Teams Oklahoma A’s
ist und für sein Leben gern Vögel beobachtet. Aber was er hier verrät, steht
noch in keinem Buch.

 

Was ist für Sie das größte Unglück?  Dass des Lebens
qualvolle Endlichkeit eben das ist, was ihm Sinn verleiht.

 

Wo möchten Sie leben?  In weniger unausstehlich
konservativen Vereinigten Staaten.

 

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?  Tennis mit
einem guten Freund am späten Nachmittag eines klaren
Herbsttages.

 

Welche Fehler können Sie nicht verzeihen?  Achtlosigkeit von
Journalisten, unbegründete Forderungen von Politikern, das
Töten von Zivilisten durch das Militär, gewählte
Regierungen, die ihre Aufsichtspflicht vernachlässigen.

 

Ihre liebste Comic-Figur?  Humbert Humbert.

 

Ihre meistgehasste Sendung im Fernsehen?  Sogenannte
"ausgewogene" politische Diskussionen im amerikanischen
Fernsehen.

 

Ihre Lieblingsheldinnen in der Dichtung?  Hedda Gabler,
Louie und Hennie Pollit (aus Christina Steads "Der Mann,
der seine Kinder liebte"), Lily Bart (aus Whartons "Haus
der Freude"), Tony Buddenbrook, Jane Eyre und Lucy Snowe
(aus Brontës "Villette") fallen mir gleich ein.


Weshalb überhaupt Gedichte lesen? 
Schon der Geist dieser
Frage erscheint mir lieblos.

 

Wann haben Sie sich zuletzt selbst gegoogelt?  Vor etwa
sechs Jahren.  Letztes Jahr sollte ich einem
Interviewpartner vor unserem Treffen rasch ein nur
daumennagelgroßes Bild von mir schicken, und schon die
zehnsekündige Nutzung von Google Bildersuche war
traumatisch.

 

Welche Kunstausstellung haben Sie zuletzt besucht?  Jüngst
habe ich mir privat einige Werke der jungen amerikanischen
Malerin Lisa Sanditz angesehen, die chinesische
Fabrikdörfer besucht hat und mit einem Konvolut von
hinreißenden, undidaktischen Arbeiten zurückkam.

 

Auf die Musik welches Komponisten können Sie am ehesten
verzichten?
  Es gibt Komponisten, die ich wesentlich weniger
hörbar finde als Mozart, aber ich kann mich nicht
entsinnen, wann mich ein Mozart-Stück zuletzt wirklich
bewegt hätte.

 

Welche Eigenschaft schätzen Sie an sich selbst am meisten?
 Gibt es jemanden, der darauf nicht "meine Bescheidenheit"
antwortet?

 

Welche der sieben Todsünden wird überschätzt?  Stolz ist
diejenige, auf die man sich aus säkularer Perspektive am
schwierigsten einen Reim machen kann: wir erleben, dass so
viele Menschen durch fehlenden Stolz beschädigt werden.
 Stolz ist auch die komischste der sieben, denn Stolz kommt
vor dem Fall, Stürze sind komisch, und was komisch ist, ist
auch verzeihlich.


Ihre Lieblingsbeschäftigung?
  Vögel beobachten.

 

Mit welcher literarischen Figur können Sie sich
identifizieren?
  Mit Hamlet und anderen hoffnungslos
gespaltenen Händeringern.

 

Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?  Gute
Freunde haben Verständnis dafür, wie beschäftigt ihre guten
Freunde sind und wie wenig Zeit diese haben, sich mit ihren
guten Freunden zu treffen oder ihre E-Mails zu beantworten.

 

Ihre größte Leistung?  Mich scheiden zu lassen.

 

Welchen Lebenstraum haben Sie aufgegeben?  Ein Leben lang
mit einer Person verheiratet zu bleiben.

 

Wofür haben Sie sich zuletzt entschuldigt?  Allein heute
habe ich mich bestimmt schon zehnmal für meine Verspätung
beim Beantworten von E-Mails entschuldigt.

 

Ihr Lieblingswort?  Im Englischen "although", im Deutschen
"obwohl" und "Verdruss".

 

Was macht Sie nervös?  So ziemlich alles.  Die Vorstellung,
John McCain und Sarah Palin könnten ins Weiße Haus
einziehen, macht mich heute so unruhig, dass ich kaum
arbeiten kann.


Worauf können Sie verzichten?
  E-Books, Videospiele,
Facebook.

 

Welchen Roman der Weltliteratur haben Sie nicht zu Ende
gelesen?
  Viele.  Die zwei, wegen der ich ein besonders
schlechtes Gewissen habe, sind "Moby-Dick" und Prousts
"Recherche".

 

Welchen Roman hätten Sie gern geschrieben?  Außer dem, mit
dem ich gerade kämpfe?  Ich halte "Der große Gatsby" nach
wie vor für den erstaunlichsten aller Romane – in seiner
Kürze und in der Leichtigkeit und Perfektion seines
Erzähltons, den der Autor geschaffen und durchgehalten hat,
obwohl ihm bewusst war, an was für einem schweren, großen
Werk er da saß.


Sind Sie ein Gegner oder ein Befürworter der neuen E-Books?

 Ich habe so wenig dagegen, dass andere sie benutzen, wie
ich selbst die Neigung verspüre, dies zu tun.

 

Wen würden Sie gern einmal wiedersehen?  Meine Mutter und
meinen Vater, auch wenn ich weiß, dass das nicht geschehen
wird.


Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?
  Die Fähigkeit,
einen Tennisball hart, sauber und zuverlässig zu treffen.
 Ist das zu viel verlangt?

 

Wie möchten Sie sterben?  Ohne zu wissen, dass es passiert.

 

Und dann?  Nun, danach gibt es kein dann.  Das ist das Ende
des Danns.
 


Ein Kommentar zu “Buchmesse Frankfurt 2008 – FAZ Messezeitung Tag 1” Eigenen verfassen
  1. Thomas von Aquin

    Toller Blog – und die Literaturbeilage der FAZ ist ja auch bei buecher.de einsehbar – Superservice!

    16.10.2008
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