Außer Bücher gabs noch mehr zu sehen auf der Buchmesse2008

F.A.Z.-Diksussion in der Universität, 19 Uhr

Hans-Ulrich Wehler kam, sah und kämpfte

Wochenlang hat die Lesesaalschlacht im Internet getobt – gestern Abend ging sie in einem Hörsaal gesittet zu Ende. Die F.A.Z. hatte zu einer Podiumsdiskussion über Hans-Ulrich Wehlers "Deutsche Gesellschaftsgeschichte" in die Frankfurter Universität geladen. Statt Lachs und Champagner gab es auf der intellektuellen Party Theorie und Geschichte satt. Der 77 Jahre alte Bielefelder Historiker war gekommen, um seinen jüngst erschienenen und heftig umstrittenen fünften und letzten Band gegen alle Attacken zu verteidigen. Schützenhilfe erhielt er vom Soziologen Heinz Bude, der die beklemmende Aktualität Wehlers verteidigte: Alles Gerede und Geforsche über Kultur und Markt habe nur von unseren Problemzonen abgelenkt. Die Gesellschaft mit ihrer sozialen Ungleichheit bleibe das Feld, auf dem unsere Kämpfe ausgetragen würden. Die Gegenwart war im Hörsaal übermächtig: "Dass ich Bush junior noch als Verstaatlicher erlebe, hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erwartet", rief Klaus Harpprecht.

Vierhundert Seiten für eine Nacht im Zentrum von allem

 

Party für alle – Der Kritiker-Empfang des Suhrkamp Verlags ist und bleibt das Herz der Messe

Um 17.20 Uhr schwebt die Verlegerin herab. Die Treppe herab, vom ersten Stock, und natürlich sind wieder alle da. Das ganze deutsche literarische Leben. Die Kritiker und die Schriftsteller. Kritiker verachten sich. Kritiker ignorieren sich. Aber einmal im Jahr kommen sie eben zusammen, zum Kritiker-Empfang der Suhrkamps in diesem Haus unter dem Goethe-Bild von Warhol und dem Zigaretten-Bild von Robert Walser. Alle reden auf dieser Messe von Uwe Tellkamp. Nur hier ist der Suhrkamp-Autor einer von dreißig. Ulla Unseld-Berkéwicz verliest die Namen der anwesenden Autoren. Der Buchpreisträger ist nur einer von allen. Dann liest Sybille Lewitscharoff eine Bulgarien- und Ornithologenabrechnung, einen Ausschnitt eines Romans, der bei Suhrkamp erscheinen wird. Marcel Beyer, der Autor eines Ornithologen-Romans in diesem Frühjahr, kniet etwas gequält vor dem Podium der Autorin und lacht. Rainald Goetz hat seinen Stammplatz neben dem Lesepult gleich nach der Verlegerinnen-Ansprache für sie aufgegeben. Im nächsten Frühjahr kommt der erste neue Thomas-Bernhard-Band seit zwanzig Jahren, erfahren wir noch. Und einetraumhafte Suhrkamp-Lektorin musste in der Nacht noch vierhundert Frühjahrs-Seiten bearbeiten und fuhr schnell nach Haus.

Auf der Party-Meile

Romanfabrik, 20 Uhr

Kollektivierung rückwärts: Aufbau wird Familienfirma

Romanfabrik heißt der Ort, nicht der Verlag, obwohl das ein angemessener Name wäre; sie hätten sogar überlegt, ihn in "Phönix" zu nennen, sagt nachher René Strien, der Geschäftsführer (im Bild links), glücklich, aber recht mitgenomen: "Aufbau ist Aufbau, und Aufbau bleibt Aufbau!, und, für die internationalen Gäste: "Aufbau is whereever our heart is . . . or whatever . . ." Befreiter Applaus, dann Bier und Geschnetzeltes. Von der Wand lacht Feuchtwanger: "Feuer weitergeben, nicht Asche!" Ephorische Aufbau-Lektoren verlautbaren: Die Stärke des Verlags ist das Vertrauen der Autoren, die in der Krise dageblieben sind. Sätze, für das Frankfurter Bankenviertel! Und der Grund für das Aufatmen? Spricht heute mal noch nicht, guckt erst mal nur zu: Matthias Koch, Kaufmann aus Berlin (Bildmitte). Das sei übrigens eine Familienentscheidung gewesen, sagt Strien: Ehefrau und Töchter hätten da auch ein Wörtchen mitgeredet. Die Damen nicken das mal so ab. Und wenn die Party gut wird, gibt es die jetzt immer am Buchmessenmittwoch. Man hat gar nicht so viele Daumen, wie man hochhalten möchte.

Frankfurter Hof, 19 Uhr

Champagner bei Flammarion

Die Franzosen haben Stil: Wenn Flammarion zur "Cocktail Party" bittet, wird Champagner ausgeschenkt. Die Verlagschefin Teresa Cremisi hat mit dem nicht angekündigten Buch von Michel Houellebecq und Bernard-Henri Lévy in Frankreich einen Coup gelandet. Ob das jetzt Schule mache, das Überraschungsbuch? "Non, non", sagt sie, "aber mit diesem hat es doch gut funktioniert!" Cremisi hat die beiden Autoren zusammengebracht, die sich vorher kaum kannten. Und, ja, das könne sie verraten, dass der wunderbare Michel auch mit seinem nächsten Roman wieder zu Flammarion zurückkehren werde. Aber das dauert noch. Im Frühjahr kommen erst mal Houllebecqs Essays: "Interventions II".

20.30 Uhr, Schirn

Bewaffnete bei Rowohlt

Warum sich nur keiner findet, der dem bösen Geiste der Welt die Kugel durch den Kopf jagt, sagt Rolf Hochhuth. Er zitiert Kleist, 1805, über Napoleon. Den Rest, den er auf der Rowohlt-Party gesagt hat über Banker und Krise, dürfen wiederum wir nicht zitieren, nur so viel: Hochhuth rät, in Eigenheim zu investieren, er hat ein Gedicht über die Krise geschrieben, zwanzig Zeilen lang, kleistinspiriert, hat er leider nicht dabei, will es aber mailen. Dann sieht er Wolfram Siebeck im Hof der Schirn, wo sie dieses Jahr alle stehen, Heinz Strunk, Stefan von Holtzbrinck, Petra Gerster, weil man hier rauchen kann, doch die zwei reißt die Rede auseinander, die Hochhuths Verlagschef Alexander Fest an die Gäste hält: "All I want is everything", sagt der. Klingt börsianisch, ist Hemingway und soll die Philosophie des hundertjährigen Verlags beschreiben. Nicht ganz so lang dauert die Party, ist aber seit circa 1908 die vollste der Messe.


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